Adorján Kovács: NEUE LEUCHTTÜRME! - Ein polemischer Vorschlag für einen konservativen Kanon

Aktualisiert: Sept 16

Seit einem der abstoßendesten und schädlichsten Ereignisse der Weltgeschichte, der Französischen Revolution, diktieren die sich selbst als „progressiv“ lobenden Linken auch kulturell, was ihrer Meinung nach maßgeblich sein soll und, vor allem, ihnen im Hinblick auf die Machtergreifung und den Machterhalt nützt. Die auf den ersten Blick attraktiven Ideen von Freiheit, Brüderlichkeit und naturgemäß immer wieder Gleichheit, die hundertmal furchtbar gescheitert sind und doch nicht sterben wollen, mit erhaben-wohlklingenden oder jugendlich-dynamischen Werbesprüchen propagiert, suggerierten immer schon mehr Gehalt als tatsächlich vorhanden war; kein Wunder, denn Sozialisten leben, wie nicht nur Boris Pasternak[1] und Alexander Solschenizyn[2] erkannten, notwendig in der Lüge und pflegen habituell die „Philosophie der fremden Schuld“ (Nicolás Gómez Dávila).


Leider sind auch viele Menschen, die, im Gegensatz zu den prinzipiell destruktiven, utopistischen Linken, konstruktiv sind und den Fortschritt deshalb nicht-katastrophisch, sondern das Bewahrenswerte erhaltend denken und anstreben, den Sirenengesängen der Linken zu willig gefolgt. Die kulturelle Hegemonie der Linken, von Antonio Gramsci als zur völligen Machtübernahme für unabdingbar erklärt, scheint aus diesem Grunde heute praktisch erreicht. Der Historiker David Engels hat deshalb zurecht gefordert[3], dass die konstruktiven, konservativen Angehörigen der Gesellschaft sich endlich eigene kulturelle Bezugspunkte, eine geeignete Lektüre und Umgang mit mehr Schönheit wählen müssten. Dazu soll auf den Kanon der Literatur und Philosophie geschaut werden.


Ein Kanon ist immer umstritten, aber es gibt ihn. Nach welchen Kriterien er zustandekam, wird zurecht gefragt. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat zuletzt einen Kanon der deutschen Literatur[4] erstellt, den er nach eigener Aussage auf den Prinzipien der Verständlichkeit, Lesbarkeit und zeitgenössischen Relevanz errichtete. Besonders deutlich war das bei der Lyrik, deren „Leuchttürme“ für ihn Goethe, Heine und Brecht sind; alle drei Dichter, die zweifellos nicht hermetisch schrieben wie, sagen wir, Friedrich Hölderlin oder Stefan George, aber eben auch im Falle Goethes bestenfalls linksliberal, im Falle Heines und Brechts mit Sicherheit sozialistisch bis kommunistisch waren. Das dürfte auch der Grund für deren „zeitgenössische Relevanz“ sein: ihre linke weltanschauliche Gesinnung ist durch die linke Agitation zu einer fast ubiquitären geworden, auch bei eigentlich konservativen Lesern, die das aber oft gar nicht mehr merken. Schaut man sich Sammlungen deutscher Gedichte über die Zeiten an, wird man feststellen, dass es immer Dichter von konservativer oder christlicher Ausrichtung waren, die sukzessive ausgeschlossen wurden. – Kanons „passieren“ nicht, sie werden gemacht. Bei der Prosa konnte die ideologische Agenda bei der Kanonbildung noch in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts besonders gut beobachtet werden: Gegen den ideologisch problematischen Gerd Gaiser brachte die Literaturkritik unter Führung Reich-Ranickis den qualitativ problematischen Heinrich Böll in Stellung. Schon vorher wurde gegenüber einem antifaschistischen, aber leider nur konservativen und verheirateten Autoren wie Ernst Wiechert der ebenfalls nicht exilierte, aber stramm linke Antifaschist und Bohémien Wolfgang Koeppen, gegenüber dem lebensfrohen monarchistischen Emigranten Joseph Roth der agnostisch-humorlose, republikanische Emigrant Thomas Mann gefördert, der trotzdem vielen Linken nicht links genug ist. (Doch rettet ihn halbwegs sein geheimes Schwulsein.) Das Prinzip ist immer dasselbe. Heute, so fordert die neue Linke, soll zusätzlich nach rassistischen Kriterien gewertet werden: Alexander Puschkin ist damit fast der einzige europäische Klassiker, der eine Chance auf den Verbleib im neuen kulturmarxistischen Kanon hat. Angesichts dieses linken Furors ist die hier angeregte konservative Kanon-Revision geradezu schüchtern.




I.

Fangen wir dabei mit der Literatur an. Es ist nicht anders denn als Tragödie zu bezeichnen, dass der offiziell größte Dichter der Deutschen ein Freimaurer (seit 1780) und Illuminat (seit 1783) war. Die Biographen, so etwa Gero v. Wilpert in seinem „Goethe-Lexikon“[5], betonen zwar, Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) sei als Logenmitglied nie besonders aktiv gewesen, aber das heißt ja nur, dass ihm das Vereinswesen nicht lag. Die freimaurerische Ideologie hat Goethe dagegen vollumfänglich umarmt, wie bereits seine frühen Hymnen zeigen. Aber wer hat schon sein Hauptwerk, den Faust, gründlich und als Programmschrift gelesen und verstanden? Goethe plante bereits die Vertreibung des im doppelten Sinne alt gewordenen Menschen (Philemon und Baucis) durch den im doppelten Sinne neuen, verjüngten Menschen (Faust), der mit Mephistos Hilfe den Homunculus synthetisiert: Es dürfte doch klar sein, dass die freimaurerisch-sozialistischen „Aufgeklärten“, die Kinder zur millionenfachen Abtreibung freigegeben haben und dies nun bis zur Geburt erlauben wollen, die Alte eher umzubringen als zu pflegen beabsichtigen, die vom „schwulen Kinderwunsch“ fabulieren, um Empfängnis und Schwangerschaft zu einem Geschäft machen und die Kinder der natürlichen Familie entreißen zu können, auch die Züchtung „besserer“ Menschen durchführen werden, wenn sie es nur können, und Johann Adam Weishaupts klügster und einflussreichster Bruder hätte ernster genommen werden müssen. Er hat ja nie bestritten, wohin die prometheische Reise gehen soll – im Gegenteil, er lässt seinen Mephistopheles prahlen: „Ich bin der Geist, der stets verneint! / Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, / Ist wert, daß es zugrunde geht; / Drum besser wär's, daß nichts entstünde. / So ist denn alles, was ihr Sünde, / Zerstörung, kurz, das Böse nennt, / Mein eigentliches Element.“

Solange es noch eine einzige intakte Ehe, Familie, Gemeinschaft, Gemeinde, Kirche, Nation, Kultur etc. gibt, ist das Werk nicht vollbracht. Das ist die maurerische „Arbeit“, und sie nähert sich in unserer Generation der Vollendung. Goethe hat daran mit seinem Werk entscheidend mitgewirkt, da es sich für die Propaganda der Aufklärung ideal eignete und deshalb mit dem weitgehenden Sieg dieser linken Ideologie an die Spitze des Kanons gespült wurde.


Auf seine heftige, als Kirchenkritik getarnte Christenfeindlichkeit, die einem irgendwie pantheistisch grundierten, pseudo-deistischen Atheismus entsprach, und seinen als kultureller Brückenschlag verharmlosten Flirt mit einer der mörderischsten totalitären Ideologien aller Zeiten, dem Islam, wollen wir hier nicht eingehen. Goethe wurde den Deutschen als archetypischer Mensch präsentiert; er war aber eher ein Über- und Unmensch. Der ungarische Dichter Sándor Petőfi, obwohl selbst ein radikaler Linker, hat das erkannt und (in seinem 9. Reisebrief an Frigyes Kerényi) ausgesprochen: „Heiliger Himmel! Was musste ich sehen? Ich trug Goethes Faust in der Tasche! Was fange ich an? rief ich bei mir. Was soll ich – fluchen, ohnmächtig werden? Weißt du, mein Freund, oder erfahre es, wenn du es noch nicht weißt, dass ich Goethe nicht mag, nicht ausstehen kann. Er widert mich an wie Meerrettich mit Sahne. Dieser Mann hatte einen diamantenen Kopf und ein Herz aus Kieselstein. Oder nicht einmal das. Denn Kieselsteine sprühen Funken. Goethes Herz war aus Lehm, aus schlechtem Lehm. Aus feuchtem, weichem Lehm, als er seinen törichten Werther schrieb, seitdem aber ist es aus trockenem, hartem Lehm. Einen solchen Kerl brauche ich nicht. In meinen Augen taugt jeder Mensch so viel, wie sein Herz wert ist. Ich könnte mich eher mit einem befreunden, der mir in seiner Leidenschaft tausendmal Böses tat, als mit einem kalten Menschen, der mir tausendmal Gutes tat. […] Goethe ist einer der größten Deutschen. Goethe ist ein Riese. Aber eine riesige Statue. Die Gegenwart umsteht ihn wie einen Götzen, aber die Zukunft wird ihn stürzen wie jeden Götzen. So gleichmütig, wie er von der Höhe seiner Herrlichkeit auf die Menschen herabsah, so gleichmütig werden die Menschen auf die Trümmer seiner verstaubten Herrlichkeit hinabsehen. Wer andere nicht liebt, kann von anderen nicht geliebt, höchstens angestaunt werden. Und wehe dem großen Mann, den man nur anstaunen, doch nicht lieben kann. Die Liebe ist ewig wie Gott, das Anstaunen vergänglich wie die Welt.”[6] Es wird Zeit, dieses fatale Vorbild eines neuheidnisch gewordenen Volkes durch einen anderen Bezugspunkt zu relativieren. Ich schlage als Alternative Clemens Brentano (1778-1842) vor.

Sein Werk umfasst alle Gattungen und Genre, ist bei üppigem Umfang von höchster Qualität, entfernt sich bei großer Themenbreite nie von der christlich-abendländischen Fundierung. Die endgültige kritische Erschließung seines Werks (Frankfurter Brentano-Ausgabe), die, wie kaum anders zu erwarten, nicht forciert wurde, sollte dringend beendet werden, damit vollständige und dabei gute populäre Ausgaben herausgebracht werden können. Im Sinne dieser Umwertung würden natürlich beispielsweise auch Joseph von Eichendorff gegenüber Heine oder Reinhold Schneider gegenüber Brecht aufgewertet werden.



II.

Kommen wir zur Philosophie. Hier wird, auch international, der Königsberger Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) als exemplarischer „Aufklärer“, also als dezidiert antichristlicher „Leuchtturm“ hochgeschätzt. Seine Fragestellungen sind Grund genug, ihn als einen Großen zu würdigen, auch wenn praktisch alle Antworten, die er gegeben hat, falsch sind. Dazu schreibt der Phänomenologe Balduin Schwarz treffend: „Ich werde im folgenden wiederholt Kant heranziehen, nicht weil ich Kantianer wäre, denn ich bin es ganz ausdrücklich nicht. Ich stehe in Opposition zu seiner Grundthese: Aber er hat in mustergültiger Weise die Grund-Probleme, um die es geht, formuliert, wenn ich auch seine Behandlung dieser Probleme und seine Lösungsvorschläge aufs entschiedenste und aus guten Gründen ablehne.“[7] Man könnte Kants Kategorienlehre, seine „kopernikanische Wende“, das synthetische Apriori und die Forderung nach apodiktischer metaphysischer Wahrheit anführen.


Von negativer Wirkung für die Zukunft war auch die gegenüber der Scholastik stark „literarisierte“ Form der Argumentation, die Klarheit und eine Auseinandersetzung mit Gegenargumenten umging, wie der analytische Philosoph Alvin Plantinga bemerkte: „Jetzt ist Kant keineswegs einfach zu verstehen, was zweifellos Teil seines Charmes ist. Wenn du ein wirklich großer Philosoph sein willst, sorge dafür, nicht zu klar zu sagen, was du im Sinn hast [...]; wenn Leute das, was du sagst, einfach lesen und verstehen, wird es keinen Bedarf an Kommentatoren für dein Werk geben, niemand wird eine Doktorarbeit über dein Werk schreiben, um seine Bedeutung zu erklären, und es wird keine Kontroversen geben über das, was du wirklich gemeint hast. Kant muss diesen Rat beachtet haben, und es ist eine Tatsache, dass es Dutzende, vielleicht Hunderte von Büchern gibt, die über seine Philosophie geschrieben wurden, und eine endlose Kontroverse über ihre Bedeutung.“[8]


Ein prägnantes Beispiel für eine üble Wirkung Kants in praktischer Hinsicht führte der Jurist Fritz Bauer 1968 an: „Die deutschen Philosophen machten im Kielwasser des autoritären Staates dem Widerstandsrecht der Jahrtausende den Garaus. »Wenn«, so schrieb Kant unter anderem, und es ist nur eines der vielen möglichen Zitate, »ein Volk durch eine Gesetzgebung seine Glückseligkeit mit größter Wahrscheinlichkeit einzubüßen urteilen sollte: was ist für dasselbe zu tun? - die Antwort kann nur sein: Es ist für dasselbe nichts zu tun als zu gehorchen.« Dies ist unbedingt so, daß dem Untertan kein Widerstand als Gegengewalt erlaubt bleibt. Die Worte Kants, denen ganz ähnliche Hegels, auch, später etwa, Treitschkes und vieler anderer entsprechen, sind das Spiegelbild der sozialen Realität in Deutschland. Die Deutschen, auch die Juristen, waren grundsätzlich gesetzesgläubig.“[9] Ob der hier (marxistisch) behauptete Zusammenhang mit der sozialen Realität heute noch stimmt? Das Verhalten der Deutschen in der sogenannten Corona-Krise ist jedenfalls staatsgläubig wie eh und je.


Das Vorbild des „Zertrümmerers“ Kant nützt überwiegend linken Interessen; die „woken“ Versuche, ihn zum „Rassisten“ zu stempeln, sind nicht ernst zu nehmen und nicht ernst gemeint. Zudem ist sein Werk philosophisch von bedenklicher Qualität, weshalb ich vorschlage, aus dem 18. Jahrhundert Christian August Crusius (1715-1775) zum philosophischen Bezugspunkt konstruktiver Deutscher zu machen. Er war Theist, Realist, hielt an der Willensfreiheit fest und favorisierte in der Epistemologie die Wahrscheinlichkeit. Seine Argumentation ist klar und deutlich. Ein Großteil seines Werks ist in einer guten Reprint-Ausgabe bei Olms erhältlich. Im Dictionary of Christian Apologists and their Critics, hrsg. von R. D. Geivett und R. B. Steward (New York, Wiley, 2022) findet sich ein informativer Artikel Daniel v. Wachters zu ihm. Kaum bekannt ist, dass der preussische Staat, genauer: der glühende Kant-Verehrer Freiherr Karl Abraham von Zedlitz und Leipe als Minister des Voltairefreundes König Friedrich II. am 25.12.1775 mit einem königlichen Erlass die Philosophie von Crusius verbot. Keiner von dessen Schülern hat eine Professur bekommen, während Kants Philosophie gefördert wurde. Der „aufgeklärte“ atheistische Staat hat mithin die von ihm gewünschte Richtung vorgegeben, womit auch für die Philosophie gezeigt ist: Kanons werden gemacht.


Im Sinne obiger Umwertung sind logischer Weise auch andere Philosophen neu zu bewerten, etwa statt Schopenhauer Hermann Ulrici, statt den von Roger Scruton in einer brillanten Schrift als „Narren, Schwindler, Unruhestifter“[10] demaskierten linken Philosophen des 20. Jahrhunderts seriöse Wissenschaftler wie Roman Ingarden, Dietrich von Hildebrand, Edward Feser, um nur einige zu nennen. (Nie gehört? Genau das ist es: Der Bekanntheitsgrad kann nicht Gradmesser für Qualität sein. Machen wir sie bekannter, dann werden sie auch wirken!)



III.

Es gibt auch bildende Kunst und Musik, die von Linken favorisiert wird, ja, es gibt Menschen, die glauben, es gebe linke Kunst und Musik. Doch muss das im Falle der Kunst differenziert und im Falle der Musik bezweifelt werden. Kunstkritiker wie Hans Sedlmayr (Verlust der Mitte) und Künstler wie Angerer der Ältere (Die Rückkehr des Menschen in die Kunst) haben eine Abkehr von der Sakralität, vom rechten Maß, von der Menschlichkeit bzw. dem Menschen beklagt. Hier kann man tatsächlich die „humanistische“, also durch Verabsolutierung des Menschen inhumane Tendenz der Linken erkennen. Möglichst abstrakte Kunst, bei der die (korrekt linke!) politische Absicht wenigstens im Werkkommentar erkennbar sein muss, ist sicher ein linker Wunsch, doch wird bisweilen auch gegenständliche Kunst, die, wie bei den Malern der Leipziger Schule, an den Sozialistischen Realismus erinnert, goutiert. Diese überwiegende „Fortschrittlichkeit“ in der Kunst kontrastiert mit einer merkwürdig überwiegenden „Rückschrittlichkeit“, zumindest Ambivalenz in der Musik, bei der die meist linken Kritiker die atonale und serielle Musik einerseits oft als „bürgerlich“ und „elitär“ denunzieren, während sie andererseits jeden tonalen Anklang einer Komposition als „reaktionär“ verurteilen. Diese Ambivalenz findet sich auch in der meist bemerkenswert großen linken Wertschätzung afroamerikanischer Musik, die eigentlich fast immer tonal und harmonisch-rhythmisch simpel ist, wobei doch ein Theodor W. Adorno diese Musik nie verstand, in seiner Philosophie der Neuen Musik aber Schönberg („gut!“) gegen Strawinski („schlecht!“) auszuspielen versuchte, was auch Linken nicht immer (und Musikern schon gar nicht) einleuchtete. – Man darf vermuten, dass diese Inkonsequenz auf der Nichtsprachlichkeit von Kunst und Musik beruht. Was jedenfalls den konservativen Kunst-Kanon angeht, so muss er den echten Maler Salvador Dalí dem genialen Hochstapler Picasso vorziehen, so wie er das mit Horst Janssen als unübertroffenem Zeichner gegenüber Beuys tun wird, der mit Bleistift und Pinsel grandios amorphe Erfindungen aufs Blatt brachte.


Für die Musik muss aber doch folgendes gelten: Da Johann Sebastian Bach und andere Komponisten ein- und dieselbe Musik mal mit diesem, mal mit jenem Text unterlegten, kann Musik an sich nie eindeutig links oder rechts sein. Es ist der Text, der entscheidet. Musik eines Freimaurers wie Wolfgang Amadé Mozart (Die Zauberflöte) zeigt das gut; wenn Sarastro einen Text des Freimaurers Emanuel Schikaneder singt: „Wen solche Lehren nicht erfreun, verdienet nicht, ein Mensch zu sein“, ist das totalitär, aber die Musik ist es nicht. Entsprechend konnte Ruth Berghaus 1980 bei ihrer Frankfurter Inszenierung diesen maurerisch-inhumanen Charakter auch herausarbeiten: Sie bot „ein bitterböses Abbild der Partei-Hierarchen auf der Bühne: Die Eingeweihten Sarastros trugen da Mehlwürmern gleich ihre Menschlichkeit zwischen Buchdeckel geklemmt als Brett vor dem Kopf nach dem Motto der drei Affen: Nichts sehen, nichts hören, nichts fühlen; und im Keller stapelten sich die Leichen.“[11] Doch die Musik blieb dieselbe. Nur Agitprop wie einige Sachen des Kommunisten Hans Eisler oder Frederic Rzewskis Klaviervariationen über „El pueblo unido“, die von einem linksradikalen Pianisten wie Igor Levit propagandistisch, also korrekt, gebraucht werden, könnten auch in ihrer musikalischen Faktur „links“ sein. Der Musikwissenschaftler Rudolf Frisius sprach nach Anhören der Oper SONNTAG aus LICHT von Karlheinz Stockhausen davon, dass diese Musik so heilig klinge wie das „Magnificat“ der Lisztschen Dantesymphonie[12]. Das mag man also auch ohne Text so hören können. Aber das ist weder rechts noch links. Als „Leuchttürme“ werden Konservative Stockhausen und Mark Andre jederzeit Luigi Nono und Helmut Lachenmann vorziehen, aber der musikalische Kanon ist aus den genannten Gründen doch eine eigene Kategorie.



IV.

Nochmals: Man wird, um bei Goethe zu bleiben, immer auch andere Seiten als die besprochenen in seinem Werk finden und ihn damit zu retten versuchen, doch ist es nicht seine neuartige, am Volkslied orientierte Liebeslyrik gewesen, die ihn berühmt gemacht hat, sondern – nicht unerwartet – die Verklärung eines Selbstmordes. Manche werden auch darauf verweisen, dass Goethe bei vielen Zeitgenossen nicht als „Aufklärer“, sondern als ein „Erzreaktionär“ galt, doch schien er den Nationalen deshalb ein Reaktionär, weil er nicht national, sondern schon „globalistisch“ dachte, aber eben nicht monarchisch-supranational, sondern maurerisch. Mit den Romantikern war er aus dem gleichen Grund über Kreuz, und natürlich weil sie katholisch waren. – Es geht darum, ob Goethe vor allem aufgrund seiner unbezweifelten sprachlichen und intellektuellen Meisterschaft und Vielfalt oder vor allem aufgrund seiner Wirkung kanonisiert wurde. Die Wirkung aber ist ein Werk des Zeitgeistes, der sich in Goethes Werk erkannte und mit ihm potenzierte. Kanonisierung, erst recht Hierarchisierung ist nun einmal Folge der Rezeption. Die katastrophale Wirkung Goethes kann nur korrigiert, nicht rückgängig gemacht werden, sie ist nun einmal erfolgt, weshalb wir leider heute da stehen, wo wir stehen, aber ich glaube eben, dass es Andere gibt, die sich mit seiner Meisterschaft messen können, die aber nicht „passten“. Im Gegensatz zu den lächerlichen Bemühungen der „Genderist*innen“, die völlig unbekannte und auch zweifelhaft begabte Frauen an die Stelle anerkannter männlicher Künstler setzen wollen, also das Geschlecht anstatt der Qualität zum Kriterium machen[13], soll hier nicht die Lektüre Goethes und weiterer Heroen der Linken durch die Anderer ersetzt, sondern priorisierend ergänzt werden, nämlich gezeigt werden, dass ein links gewirkter Kanon nicht verpflichtend ist und ein konstruktiver Konservativer selbstbewusster seinen alternativen Kanon schaffen und vertreten sollte. Sollte der jemals den linken Kanon ersetzen können, weil die gesellschaftliche Realität konstruktiv geworden ist: nun, umso besser. Goethe wird auch dann, aber wissender gelesen werden, denn Rechte canceln nicht wie die „Woken“[14]. Ein Unterfangen wie das Reich-Ranickis von rechts wäre heute wünschenswert; ob sich ein Herausgeber und Verlag dafür fände, ist angesichts der Zeitläufte freilich derzeit zweifelhaft. Dieser Artikel soll den Anstoß zu einer Erschütterung des scheinbar Selbstverständlichen geben; vielleicht können Gleichgesinnte hier ansetzen und weiterarbeiten.




[1] Siehe seinen Roman Doktor Zhivago. [2] Alexander Solschenizyn, „Lebt nicht mit der Lüge!“, in: Ders.: Offener Brief an die sowjetische Führung, Darmstadt, Luchterhand, 1974, S. 59-64, hier: S. 61-62. [3] In David Engels, Was tun?: Leben mit dem Niedergang Europas, Bad Schmiedeberg, Renovamen, 2020, S. 121ff. und 182ff. [4] Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Kanon (abgerufen am 7.9.2021). [5] Stuttgart, Kröner, 1998, S. 339f. und 503. [6] Zitiert nach der deutschen Übersetzung in Sándor Petőfi, Doch währt nur einen Tag mein Leuchten: Ausgewählte Prosa, hrsg. v. Vera Thies, Leipzig, Reclam, 1977, S. 164f. [7] Balduin Schwarz, Wahrheit, Irrtum und Verirrungen: Die sechs großen Krisen und sieben Ausfahrten der abendländischen Philosophie. Gesammelte Aufsätze, hrsg. v. Paola Premoli und Josef Seifert, Heidelberg, C. Winter, 1996, S.1f. [8] Alvin Plantinga, Knowledge and Christian Belief, Grand Rapids, W. B. Eerdmans, 2015, S. 2 (Übersetzung AK). [9] Aus Fritz Bauer, „Ungehorsam und Widerstand in Geschichte und Gegenwart“, in: Vorgänge Nr. 8-9/1968, S. 286-292. [10] Roger Scruton, Narren, Schwindler, Unruhestifter: Linke Denker des 20. Jahrhunderts, München, FinanzBuch Verlag, 2021. [11] Georg Friedrich Kühn, „Kraftwerk, Theatertier, sterbender Schwan: Die Regisseurin Ruth Berghaus“, unter: https://www.gf-kuehn.de/oper/bergh/berghess.htm#top (abgerufen am 7.9.2021). [12] Persönliche Mitteilung. [13] Siehe z. B. Adorján Kovács, „Gender im Kulturbereich“, in: Harald Schulze-Eisentraut, Torsten Steiger, Alexander Ulfig (Hrsg.) Die Quotenfalle: Warum Genderpolitik in die Irre führt, München , FinanzBuch Verlag, 2017, S. 123-140. [14] Wer hier an die Bücherverbrennungen der nationalen Sozialisten denkt, hat nicht begriffen, dass sie nicht rechts waren.






*




Über den Autor:

ADORJÁN KOVÁCS, geb. 1958, lebt als Publizist und habilitierter Arzt in Frankfurt am Main. Beschäftigung mit Philosophie, Literatur und Musik. Letzte Buchveröffentlichung: Der Preis des Phönix: Asche und Auferstehung Europas. Politisches Tagebuch 2016-2019. Bad Schussenried 2020. Herausgeber von: Iwan Iljin: Über den gewaltsamen Widerstand gegen das Böse. Wachtendonk 2018.





Hier können Sie TUMULT abonnieren.

Für Einzelbestellungen klicken Sie bitte hier.