Andreas Kunze: EDLER FLÜCHTLING; ENDLOSES ERINNERN

Der kalte Blick auf Geschichte und Gegenwart lehrt, dass in den meisten Gesellschaften, die sich als aufgeklärte verstehen, das Totem lediglich ersetzt wurde, aber nach wie vor rituell umtanzt wird. Noch immer zieht man das Zelebrieren dem Begreifen vor und dem Erklären das Gedenken. Unser Autor, der seit 2014 in der Flüchtlingshilfe tätig war, beschreibt die beiden wirkmächtigsten deutschen Mahnbilder der Gegenwart: "Edler Flüchtling" und "Endloses Erinnern".



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Zwei Mahnbilder wirken heute in der deutschen Gesellschaft: Edler Flüchtling; Endloses Erinnern. Beide Mahnbilder sind trügerisch. Sie sind wenig geeignet, die jeweils gemeinte Wirklichkeit zu erfassen.


Die beiden Mahnbilder ergänzen sich. Sie wirken in Symbiose. Das ältere, Endloses Erinnern, erschafft und bedingt das jüngere Mahnbild des Edlen Flüchtlings. Wird das Mahnbild Endloses Erinnern aufgelöst, so wird auch das Mahnbild Edler Flüchtling aufgelöst.


Das Mahnbild Endloses Erinnern gilt der deutschen „Vernichtung der europäischen Juden“. So der treffende Titel des Standardwerks: Raul Hilberg, The Destruction of the European Jews. Das Vernichtungswerk wird heute als Holocaust oder Shoah bezeichnet: Endgültiger Untergang, Unheil, Katastrophe. Eine wenig treffende Benennung, da eher ahistorisch sakral orientiert. Der Vernichtung der europäischen Juden vorangegangen, lange vor dem magischen „NS“, sind Erniedrigung, Aussonderung, Vertreibung. Täter: Deutsche aller sozialen Gruppen - und nicht nur in bloßer „Verstrickung“.


Das Mahnbild Edler Flüchtling gilt den etwa seit 2014 vermehrt nach Deutschland kommenden Migranten. Das Mahnbild ähnelt dem im frühen Kolonialismus des 17. und 18. Jahrhunderts gepflegten Bild des in paradiesischer Unschuld und friedlicher Gesinnung durch den Dschungel streifenden Edlen Wilden, The Noble Savage. Eine gewichtige Eigenheit des heutigen Mahnbildes: die Fürsorge, welche, in hohem Maße, dem Edlen Flüchtling zu gewähren ist



1.) Empathie: idealisch, pragmatisch.


Die Präsentierenden beider Mahnbilder - Edler Flüchtling, Endloses Erinnern - sind tätig in Medien und Politik, in aktionsfreudigen Helferkreisen sowie in fachlich nicht zuständigen, jedoch, bei schwindenden Mitgliedszahlen, als höchste moralische Instanzen geltenden „religiösen“ Zeremonialverbänden.


Beide Mahnbilder sind, im Blick der Vorführenden, Wegweiser zu einem häufig als Empathie deklarierten, nicht näher bestimmten Verhalten. Es könnte als Idealische Empathie, und eine Art Gegenstück könnte als Pragmatische Empathie bezeichnet werden: eidos, die Vorstellung; pragma, die Sache. Die pragmatische Empathie würde sich an einer von den ersten drei Artikeln des Grundgesetzes bestimmten Zivilität orientieren.


Vielgenutzte - insbesondere auf den Edlen Flüchtling bezogene - positive Topoi Idealischer Empathie sind: Toleranz, Vielfalt, Respekt (TVR); Menschlichkeit, Anstand, Offener Dialog; Ein-Zeichen-Setzen, Kein-Mensch-Ist-Illegal, Miteinander und Bunt. Empfohlen wird, „die Ängste der Menschen ernst zu nehmen“ sowie “die Welt zu verändern“.


Negativtopoi sind: Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit, Hass & Hetze, Rassismus, Populismus - sie werden häufig eingesetzt, auch bei moderater und begründeter pragmatischer Infragestellung des Mahnbildes Edler Flüchtling. Kürzlich wurde ein nüchtern handelnder Politiker der „Ausgrenzung“ bezichtigt; er hatte vorgeschlagen, Vorschulklassen für Migrantenkinder mit schwachen Deutschkenntnissen einzurichten.



2.) Die Erinnerung darf nicht enden.


Die offizielle Proklamation des Mahnbildes Endloses Erinnern erfolgte 1996: der damalige Bundespräsident bestimmt den 27. Januar als „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“. Das Mahnbild Endloses Erinnern „soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“


Zentrale Anweisung: „Die Erinnerung darf nicht enden.“ Wir müssen erinnern, trauern, gedenken. Nicht gefordert sind: erkennen, begreifen, einordnen - deutsche Geschichte, Kultur, Kontext, Kontinuität. „Gedenkstätten“: Leid wird ausgestellt, nicht erklärt.


Die vorgegebene Distanz zu Erklärung und Erkenntnis, verbunden mit der Empfehlung, sich dem Trauern und Gedenken zu widmen, könnte sich als Schlüssel zur Erklärung eines diffusen deutschen Dranges zum Edelmut - und insbesondere zur Beförderung des einfachen Migranten zum Edlen Flüchtling - erweisen.


Die nicht-endende Erinnerung impliziert die Vorstellung eines „Nationalsozialismus“ als in sich geschlossenes, insulares, undeutsches Außengelände: 33 bis 45. Die „Vernichtung der europäischen Juden“ (Hilberg) wird verdinglicht und dämonisiert. Als magische Dreiheit NS/SS/KZ wird sie aus dem einzig relevanten Verursachungsfeld, deutscher Kultur und Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, herausgelöst.


Notwendig ist die Einfügung der “NS“-Perspektive in den weiteren Blick zurück, über 1933 hinaus, über Weimar hinaus, 1918, 1871, 1848, bis in die „große Zeit“ Deutscher Klassik und Romantik, des „reinmenschlich“ anti-westlich auftretenden Deutschen Idealismus.


Die zentrale deutsch-idealistische Dichotomie lautet: Idealismus, Sittlichkeit, Reinmenschlichkeit, Deutsches Menschentum versus Materialismus, Unsittlichkeit, Schmutz und Ekel, jüdische Verkommenheit. Nur von dieser - lange vor „33“ wirkenden - Kampfformation her ist der spezifisch deutsche, der massenmörderische Antijudaimsus zu erklären. Es ist verfehlt, diese ungeheuerlich gesamtdeutsche „Bewegung“ erst mit 1933 beginnen zu lassen. Das deutsche „Aufräumen“ und „Wegschaffen“, die Ausgrenzung und Vernichtung von Menschen, welche verächtlich und angeekelt „Der Jude“ genannt wurden, war die einvernehmlich endgültige Herstellung der traditionalen, in offene Gewalt umschlagenden idealischen deutschen Reinmenschlichkeit. Deutsche Soldaten sind 1941 nicht als Speerspitze einer „NS-Diktatur“ und einer „NS-Ideologie“ (was könnte das sein?), sondern als Sendboten Deutscher Reinheit und Deutschen Menschentums in den „verdreckten“ und „verlausten“ Osten vorgedrungen: siehe deutsche Feldpostbriefe.



3.) Die Geburt des Edlen Flüchtlings aus dem Geiste des Endlosen Erinnerns.


Wir haben Böses getan: „NS/KZ/SS“. Das lastet. Erklären können wir es nicht. Wir gedenken. Wir tun Gutes, wir erinnern, endlos, angestrengt edel, programmgemäß, in bunter Vielfalt, idealisch empathisch. Dann Ouvertüre zum Edlen Flüchtling: Sommermärchen, 2006. Aufgesetzt mondän, zwanghaft „ausgelassen“. Das ungeklärte Böse drückt weiter. - Nun aber 2014. Auftritt Migrant. Erlösung! Edler Flüchtling, Willkommen!


Die hier Ankommenden sind keine Flüchtlinge. Es sind Migranten. Gesetzlich: „Ausländer“. Die Bezeichnung Flüchtling ist definiert. Das Bleiberecht kann der Migrant (außer: Kriegsflüchtling, Abweisungsverbot) nur über die Asyl-Schiene erlangen. Dazu aber muss der Migrant als Flüchtling überhaupt erst einmal anerkannt sein. Es gibt kein Recht auf Asyl. Es gibt das Recht, einen Antrag zu stellen. Erst über die Anerkennung des Ausländers als Flüchtling - d.h. nachweisbar verfolgt - wird Asyl gewährt. Es gibt fünf Arten der Verfolgung (GG Art. 16a, AsylG § 3, Gen. Decl. of Human Rights, Art. 14). Der Antragsteller kann abgewiesen werden. Er muss zurückkehren. - Den Ankommenden sowohl wie der Idealischen Empathie, speziell medial, scheint das alles, seit Jahren, unbekannt zu sein.



4.) Exkurs: Staatsverbrechen, TVR.


Es gibt in Deutschland einen Verbund der „Vielen“. Die Vielen sind tätig in Kunst und Kultur. Es gibt, 2019, eine mahnende „Erklärung“ des Verbundes. Gegen Ausgrenzung; für Toleranz, Vielfalt, Respekt: TVR. Niederer Bezugspunkt: das Böse, der „NS“. Die rituale Distanzierung vom versteinerten Bösen gehört zur Demonstration des standardisierten deutschen Edelmuts. „Wir stehen auf dem Boden“, so die Erklärung, „von dem aus die größten Staatsverbrechen der Geschichte begangen wurden.“


Warum wird heute, in Deutschland, „gutes“ politisches Verhalten so häufig mittels Verweis auf das ahistorisierte „Staatsverbrechen“ legitimiert? Weil politisches, ziviles, Verhalten, in Deutschland, im erkenntnismeidenden Endlosen Erinnern an das Böse begründet sein muss. Wie legitimieren dann nichtdeutsche Gesellschaften ihre Förderung von TVR? Sind sie alle mit Staatsverbrechen gut versorgt? - Und „Staats„-Verbrechen? Das ist die „Nazi“-Fehldeutung. Gemeint ist das gesamtdeutsche Final-Unternehmen des Aufräumens, Säuberns, Fortschaffens - eines Volks-„Erlebnis“, wie Raul Hilberg sagt, das deutsche Wort benutzend: und wiederum treffend.



5.) Was nun?


Beide Mahnbilder, Endloserinnerung, Edelflüchtling, können und müssen aufgelöst werden: im Rahmen Pragmatischer Empathie. Aufzulösen ist 1.) das Mahnbild Endloses Erinnern - mittels befreiend empirischer Erkenntnissuche auf dem vom „Deutschen Menschentum“ und vom „Endkampf“ gegen den „Jüdischen Materialismus“ besetzten Feld moderner deutscher Geschichte und Kultur.


Aus dieser Initialbefreiung folgt 2.) die Auflösung des Zwangs zum Idealischen Edelmut. Daraus folgt 3.) die realitätsgerecht pragmatische Wahrnehmung des Migranten, der das bessere Leben sucht.

Wo wird mitgeteilt, in deutschen Medien, genau, aus welchem Ort und Land und welchen Lebensssituationen, in Afrika, die das bessere Leben suchenden Bootsmigranten kommen? Welche Ärztin hat wann, wo, das oft angeführte „Trauma“, ausweislich Attest, diagnostiziert? Die Erklärung der Vielen tadelt den „verächtlichen Umgang mit Menschen auf der Flucht“. Richtig: Rettung, selbstverständlich. Jedoch: ist die kalkulierte Boots-Situation unter „Flucht“, als nachzuweisendes Verfolgtsein, im Sinne des AsylG, sowie unter Schiffbruch und Seenot, im Sinne etwa der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, zu erfassen? - Für 2020 angekündigt ist das - hoffentlich: „skill-based“ - Fachkräfte-Zuwanderungsgesetz. Seit 2017 wird der deutsche „Marshall-Plan für Afrika“ realisiert.


Die Integration der Migranten - per Asylgewährung oder Fachkrafteinstellung - kann nicht als Heilsmission Idealischer, sondern muss als Routine-Aufgabe Pragmatischer Empathie, und nur neben anderen gleichgewichtigen Aufgaben des Sozialstaats, verstanden und realisiert werden.



6.) Die Verhöhnung der Toten und ihrer Familien: „Revolution der Empathie“.


Ein oberster Kirchenrepräsentant, noch 2018: „Die Willkommenskultur 2015 war eine Revolution der Empathie.“ Empathie? Wem gilt die? Den entsetzlich getöteten Frauen? Den Angehörigen der Mordopfer vom Breitscheidplatz, von Freiburg, von Kandel? Weitere Orte: leicht aufzuzählen. Das Bundeskriminalamt adressiert, im Bundeslagebild 2018, Kriminalität im Kontext von Migration. Ein Ergebnis: bei Gewaltdelikten sind überproportional häufig Migrantenmänner unter den Tatverdächtigen. Aber Untaten, begangen von Migranten (einer kleinen Minderheit, das ist richtig, in der Gesamheit der Migranten), werden generös weggepackt, ja in die schwindelnden Höhen einer allesverzeihenden und „christlich“ drapierten „Menschlichkeit“ erhoben: die Mehrheit der deutschen Gesellschaft wird weiter drangsaliert, von 4-Spalten-Erlebnisberichten in der Tageszeitung über die „Gelungene Integration“ (der Migrant „packt an“), von zeremonial Einspruch erhebenden Geistlichen („Kirchenasyl“: rechtswidrig), von „weltoffen“ auftrumpfenden Politikern, vom Kategorischen Ein-Zeichen-Setzen, von der verzückt dahingaloppierenden Edlen Empathie: es ist ein Elend.


Solange auch nur ein einziger Migrant, unter dem Schutze des Idealischen Empathismus, der wohlfeil gehandelten - staatlich hofierten - „Religion“ und der trügerischen „Kulturellen Vielfalt“, Frauen nicht die Hand gibt, solange in „religiösen“ Stätten mancher Migrantengruppen eigene, mindere Räume für die Frauen reserviert sind, solange manche Medien Begriffe wie “Ehrenmord“ und “Familienehre“ - d.h. „religiös“ verhüllte Symbole der Eigentumsgewalt des Mannes gegenüber der Frau - heroisch „bunt“ übernehmen, solange ist die Veredelung des Migranten die Verneinung von Pragmatischer Empathie, von Zivilität und Grundgesetz - zumal des wichtigsten, des dritten, des grundlegenden Artikels: Frauen und Männer sind gleichberechtigt. Würde des Menschen? Fangt an bei den Frauen.



7.) Wende in Sicht?


Noch einmal Bundespräsident; der heutige. Ansprache, in Polen, 1. 9. 2019. Der Präsident spricht nicht von der NS-Tyrannei, nicht von den Nazis. Er spricht von der deutschen Tyrannei, von den Deutschen, die Polen überfallen haben. Ebenso kurz zuvor, in Italien: der Präsident bittet um Vergebung für Verbrechen, „die Deutsche hier verübt haben“. SS-Schergen, 1944, als leibhaftige Deutsche? Das ist historische Erkenntnis. Sie führt zur Auflösung des Mahnbildes Endloses Erinnern. Gefolgt vom Schwinden des peinvollen Gutseins. Gefolgt vom Verwehen des Trugbildes Edler Flüchtling.



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Der Autor ist desillusionierter Flüchtlingshelfer.



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