Beate Broßmann: ANGST VOR SPINNEN oder: Woher kommt der Hass auf Russen?

TUMULT-Kolumnistin Beate Broßmann stellt sich die Frage, weshalb der Umgang mit allem Russischen einer Irrationalität unterworfen ist – nicht erst seit Beginn des Ukraine-Krieges. Deutschland-Russland ist ein Thema, das die Gemüter hochkochen lässt. Vielleicht kocht demnächst auch ein ukrainisches AKW hoch, wir wollen es nicht hoffen und ersuchen unsere Leser um Beiträge zum Thema. Der Umfang spielt keine Rolle, die kurze und zugespitzte Form sorgt in einem Online-Medium erfahrungsgemäß für eine hohe Trefferquote. Einsendungen bitte an die Onlineredaktion unter hochkochen@t-online.de


Es hat ja nicht erst am 21. Februar dieses Jahres begonnen. Auch nicht im Jahr 2014, als die Krim „heimgeholt“ wurde ins Russische Reich. Bereits wenige Jahre nach dem Beginn der Präsidentschaft Wladimir Putins, die dieser trickreich Wahlperiode um Wahlperiode verlängerte, spaltete das Verhältnis zu Russland die deutsche Bevölkerung. Langsam schlich sich ein irrationaler Zug in der Bewertung der Politik Putins in die Einschätzungen und Betrachtungen ein. Bereits dessen Rede vor dem Bundestag in deutscher Sprache im Jahr 2001, in der er dem geistig-kulturell als verwandt befundenen Volk eine Art Sonderbeziehung, eine special relationship, anbot, die Kern einer eurasischen Zusammenarbeit sein sollte bzw. könnte, stand für viele, besonders westdeutsche Bildungsbürger von links bis rechts einschließlich des Parlaments sofort fest: Das meint der nicht ernst! Er will uns manipulieren und aus der deutsch-amerikanischen Schicksalsgemeinschaft herauslösen. Man hatte geklatscht, aber keinen weiteren Gedanken an die Offerte verwendet. Putin wiederholte sie ein ums andere Mal, auch an ganz Europa gerichtet. Aber immer lief sie ins Leere. Russland lag wirtschaftlich am Boden. Politisch musste man sich in Europa nicht mehr mit Russland befassen.


Ich war besorgt und voller Bedauern. Diese Ignoranz und Überheblichkeit würden sich rächen, wusste ich.


Auch viele Ostdeutsche entpuppten sich als latente Putin-Hasser. Es gab schon in den ersten Jahren der Regentschaft Putins kaum noch eine Möglichkeit, politisch-analytisch und mit kühlem Kopf zu diskutieren über das, was im ehemaligen Bruderland geschah und wie es zu bewerten sei. Sofort kochten Gefühle hoch, und der Andersdenkende geriet in den Bannkreis von Aggressivität. Die Vehemenz, ja Leidenschaft, die offenbar wurde, war nur noch mit der Reaktion auf eine andere Gretchenfrage zu vergleichen, die lautet: Wie hältst Du es mit Israel? Ab 2020 kam eine dritte dazu, die ebenfalls die Macht besaß, Menschen auseinanderzutreiben: Wie hältst Du es mit der Pandemie, dem staatlichen Umgang damit und wie stehst Du zum Impfen?



Spinne in London: Skulptur der Künstlerin Louise Bourgeois joanne clifford, CC BY 2.0


Auch die Selbstverständlichkeit, mit der plötzlich eine Art Sippenhaft galt für russische Kulturbotschafter, die ohne ausdrückliche Verurteilung des Putin-Regimes und dessen Entscheidungen Auftrittsverbot in Europa erhielten und an internationalen sportlichen Wettkämpfen nicht mehr teilnehmen durften, kam nicht von ungefähr. Selbst im Kalten Krieg galten kulturelle, wirtschaftliche und sportliche Beziehungen als Formen des Umgangs, die eine friedliche Koexistenz und Entspannung vor dem Hintergrund der Möglichkeit einer atomaren Vernichtung der beiden abendländischen Halbwelten stärken sollten, und wurden gepflegt – trotz ihrer Ablehnung durch die Falkenfraktionen in den Ländern des Westens. Das Mittel der Wirtschaftssanktionen wurde damals überhaupt nicht eingesetzt. Erstmalig wendete man es gegen Russland 2014 an, um Putin für seine antidemokratischen Volten und die Annexion der Krim abzustrafen.


Das heutige Hinausschießen über das Ziel bis hin zur Selbstschädigung und Gefahr eines großen Krieges zwischen der NATO und Russland, von schlafwandelnden inkompetenten und moralisch hochaufgeladenen Politikern absichtslos provoziert, liegt seit Jahren in der Luft.

Ich erinnere mich an eine meiner literarischen Gesprächsrunden, in der wir fünf Literatursüchtigen überlegten, zu welchem Themenkomplex wir das kommende Jahr Prosatexte lesen und diskutieren wollten. Nach südamerikanischen, afrikanischen, skandinavischen und anderen europäischen Romanen aus Vergangenheit und Gegenwart, selbstverständlich auch der deutschen, schlug einer von uns vor, sich doch einmal der russischen Literatur zuzuwenden. Über deren Reichtum hätten wir in den fünfzehn Jahren literarischen Quintetts noch gar nicht gesprochen. Dabei habe ja jeder von uns reiche Erfahrung damit gemacht. Vorschläge für Autoren und Romanen kamen; jedem fiel schnell etwas ein.


Nicht, dass wir sonderlich russophil gewesen wären. Wir lebten aber in und mit der abendländischen Literatur, aus deren Kreis die russische herausragte. Das lebhafte Aufrufen von Namen und Werken wurde unterbrochen von unserer einzigen Kosmopolitin, Amira, einer Iranerin, die in England aufwuchs, nachdem ihre Eltern 1979 aus ihrer Heimat geflohen waren. Eine kluge, äußerst kultivierte Mittdreißigerin, die sich in kürzester Zeit unsere Sprache auf solch hohem Niveau angeeignet hatte, dass sie auch Theodor Fontane und Thomas Mann mühelos verstand. Ausgerechnet aus ihrem Mund mussten wir hören, dass sie nicht willens und in der Lage sei, heute, im Jahr 2012, russische Literatur zu lesen. Sie hasse Putin so unaussprechlich, dass sie alles, was mit dem Russischen zu tun habe, fliehen oder verdrängen müsse. Unser Einwand, dass doch viele Autoren der Gegenwart in Opposition zu dem auch bei ihnen verhassten Präsidenten stünden (ich ergänzte, dass in Deutschland ohnehin nur dissidente russische Literatur übersetzt werde) und damit deren Werke kaum eine emotionale Zumutung, sondern eher eine moralische Unterstützung bedeuten könnten, wischte Amira vom Tisch. Sie könne ihre Aversion damit nicht bekämpfen. Wir sollten ruhig eine russische Reihe abhalten, sie sei dann eben für einige Zeit nicht dabei. Wir anderen sahen uns befremdet und ratlos an. Eine andere Literatursüchtige aus der Runde, Elvira, konnte sich auch echauffieren, wenn Putins Name fiel, aber sie vermochte zwischen dem Heiligen Russischen Reich und dessen Kultur auf der einen und dem langjährigen Kremlchef auf der anderen Seite zu unterscheiden. Russische Bücher lesen? Jetzt erst recht!


Warum dieser Furor? Und wo kommt er her? Gehe ich in meinem Inneren diesem Gefühl nach, so finde ich als Entsprechung lediglich einen Irrationalismus, der mich zu solch extremen Gefühlen führt: meine Angst, mein Ekel, mein Abscheu, meine Panik im Angesicht aller Arten von Spinnen. Dann werde ich genauso wild wie viele Menschen, die auf den Namen Putin reagieren. Ein Reflex, unkontrollierbar. Und Amira war bei weitem keine Ausnahme. Einer langjährigen deutschen Freundin schwoll schon der Kamm, wenn sie Putin nur im Fernsehen sah. Persönliche Beziehungen litten.

Bemerkenswert ist, dass zu sozialistischen Zeiten der ewige sowjetische Regierungschef Breshnew keine solch heftigen emotionalen Reaktionen hervorgerufen hatte. Man mochte ihn nicht. Aber darüber hinaus war er einem herzlich egal. Auch der eigene Staatschef war kein Sympathieträger. Ihm und seinem Politbüro begegnete man mit Verachtung und Witz. Je älter die immer gleichen Funktionäre wurden, desto weniger nahm man sie für voll und erhoffte sehnlichst eine baldige „biologische Lösung“. Und Gorbatschow wurde von den meisten DDR-Bürgern zwar als Befreier empfunden, nicht aber als Heiliger.


Dass die Amerikaner russlandfreundlich agierten, als Präsident Jelzin ihnen die russische Wirtschaft zu Füßen legte und die Kultur des Westens implantierte, ist nachvollziehbar. Und dass sie Russland wieder zum Feind erklärten, als Putin das Ruder herumriss und seine Heimat wieder zu eigenständiger imperialer Größe verhelfen wollte, ist auch verständlich. Das ist die Logik geopolitischen Denkens. Aber wir Europäer? Was ging es uns an, wie Russland regiert wurde? Und was Europa betrifft: Als Spanien faschistisch war, in Portugal und Griechenland Militärregime herrschten, hat kein Staat oder Staatenbund Wirtschaftssanktionen gefordert oder verhängt und auf die Einhaltung von Menschenrechten gepocht. Lediglich politisch-diplomatische Sanktionen hat es gegeben. Empfehlungen für ein partielles Wirtschaftsembargo gegen Portugal aufgrund dessen Kolonialpolitik zu Beginn der Siebziger Jahre waren zwar ergangen, wurden aber kaum umgesetzt, schon gar nicht kollektiv. Mit den ersten gesamteuropäischen Wirtschaftssanktionen steht nun Russland für Westeuropa und die USA auf einer Stufe mit dem Iran und avanciert zum Schurkenstaat.


In der deutschen Politik ist die Distanz zu Russland das Ergebnis von Vasallentreue gegenüber den USA. Angela Merkel heute vorzuwerfen, sie hätte sich zu sehr mit den Russen eingelassen, ist lächerlich. Ihre Animositäten waren jederzeit sicht- und spürbar. Sie hat lediglich das gemacht, was sie gerade noch für nötig hielt, um nicht als Feindin Russlands zu gelten. Und wirtschaftlich gute Beziehungen zu unterhalten ist besser für die Welt als Konfrontation. Darin stimmte ich ihr zu. Der Vorwurf, den ich ihr machte, war, zu wenig auf die so genannten berechtigten Sicherheitsinteressen eingegangen zu sein und ihre Einflussmöglichkeiten im Rahmen der westlichen Allianzen, vor allem in der NATO, nicht genutzt zu haben. Auch sie gehörte zu denen, die nach dem Auseinanderfallen der Sowjetunion die russische Restrepublik nicht mehr ernst nahmen und das auch demonstrierten.

Blitzschnell, ohne öffentliche Diskussion und gründliche, ideologiefreie Analyse der Gesamtlage brach das antirussische Ressentiment wieder hervor, als habe es direkt unter der Oberfläche geschlummert, und eine hypermoralisch bestimmte Politik ging ohne Sinn und Verstand über in den antirussischen Kriegsmodus – einschließlich einer militärischen Aufrüstung ohnegleichen.


Ich habe bislang keine Antworten auf meine Frage nach den Gründen des irrationalen Russen- und Putinhasses gefunden. Dieser Text endet insoweit unbefriedigend. Sicherlich kann man ins Feld führen, dass die antirussische Propaganda der Nazis und das Siegerverhalten der Russen in Ostdeutschland nach 1945 sowie die Niederschlagung von Volkaufständen während des Kalten Krieges das Feindbild Russland nährten und zu bestätigen schienen. Da es damals aber keine Dämonisierung alles Russischen oder der sowjetischer Staatsführer gab, sticht dieses Blatt nicht. Fest steht, dass irgendetwas an Putin und vielleicht auch an den Russen selbst die Gemüter triggert wie nie zuvor. Und zwar nicht nur das deutsche Gemüt. Eigenartigerweise reagieren vor allem Frauen auf Putin, als seien sie von der Tarantel gestochen, so meine Erfahrung. Diesen Irrationalismus muss man zur Kenntnis nehmen und mitdenken.


Eine wichtige Stimme, die der Grünen-Politikerin Antje Vollmer, möchte ich noch anführen. Es ist eine Stimme, die Hoffnung gibt. Sie ruft dazu auf, insbesondere die deutsche Politik wieder in vernünftige Bahnen zu lenken (https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/zweifel-an-der-sanktionspolitik-gegen-russland-wo-sind-die-realos-geblieben-li.246202). Ich stimmte selten mit den von ihr geäußerten politischen Einschätzungen überein. Deshalb finde ich bemerkenswert, dass ein grünes Urgestein wie Antje Vollmer einen solchen Text in die Öffentlichkeit bringt und es wagt, sich in dieser Frage frontal gegen die Politik ihrer Partei zu stellen. In unserer Zeit muss das als mutig gelten. Hoffentlich spricht sie vielen aus dem Herzen, und eine Diskussion um eine vernunftgeleitete deutsche Russland- und Ukrainepolitik setzt ein. Dabei könnte man vielleicht auch einmal über das Verhältnis der deutschen politischen Klasse zu der Amerikas sprechen.

Leider sind die Aufklärung und der von ihr beförderte Verstandesfleiß gerade aus der Mode gekommen. Wohin man sieht: Gefühle treiben aus und entwickeln groteske Blüten. Bleibt es dabei und tritt nicht bald Nüchternheit und ein Selbsterhaltungstrieb hinzu (wozu auch gehören würde, Wolodymyr Selenskyjs permanente hypermoralische Erpressungsversuche zurückzuweisen), besteht die Gefahr, dass die Ukraine zum Israel Europas wird.


Über die Autorin:


Beate Broßmann, 1961 in Leipzig geboren, erfolgreiches Philosophie-Studium, vor der „Wende“ in der DDR Engagement für demokratische Reformen, später Mitglied der oppositionellen Vereinigung „Demokratischer Aufbruch“.


Seit 2018 Autorin bei www.anbruch-magazin.de.


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