Beate Broßmann: VERSUCH ÜBER DIE STÄRKE DES EIGENEN


These:

Das übergreifende Moment jeder Revolution ist die Kontinuität unter der Oberfläche.



Wie ist das zu verstehen?

Ich bin der Ansicht, daß politische Revolutionen, wie wir sie aus unserem eigenen, aber auch z.B. aus unserem französischen Nachbarland kennen, zwar ungeheuren Lärm produzieren, das politische Machtgefüge auf den Kopf stellen und die Eliten auswechseln können. Verhaltensweisen, zwischenmenschliche Normen und Werte, religiöse Überzeugungen, gesellschaftliche Rituale und die Welt der Kunst sind aber zunächst nur wenig betroffen. Die politischen Zeichen auf den Straßen, das propagierte Weltbild sind schnell ausgedacht und ausgetauscht. Die neuen Herrscher greifen in Ökonomie und Justiz ein und bemächtigen sich der massenmedialen Infrastruktur. Ist danach alles anders?


Für die meisten Menschen sieht der Alltag aus wie zuvor. Die Zeit der Euphorie ist schneller zu Ende, als es sich die Zeugen und Betroffenen des politischen Erdbebens vorstellten oder wünschten. Bertolt Brecht ist zuzustimmen, der von den „Mühen der Ebene“ nach den „Mühen der Berge“ sprach und erstere für die schwierigeren und härteren hielt. Für Rosa Luxemburg war die ersehnte Revolution eine Schule des Klassenbewußtseins, eine Feuertaufe, eine Schmiede der Fähigkeiten des Proletariats, sich selbst zu regieren. Learning by doing wird so etwas heute genannt. Lenin assistierte ihr: Jede Köchin könne den Staat regieren, wenn die Ausbeuter erst einmal liquidiert wären. Solch hohe Erwartungen mußten enttäuscht und der Optimismus der selbsternannten Avantgarde auf eine harte Probe gestellt werden.


Im Grunde war mit dem Axiom „Diktatur des Proletariats“ alles daraus theoretisch Abgeleitete passé. Die Linke hat sich von diesem Verlust nie wirklich erholt, und ihre krampfhaften intellektuellen Verrenkungen, die Notwendigkeit einer kommunistischen Gesellschaft und den Kampf dafür alternativ zu begründen, verließen nicht mehr den engen Kreis linker Akademiker und Theoretiker.


Oft wurde gegen die Idee des Sozialismus eingewendet, sie könne in der Praxis nur scheitern, weil sie das Wesen des Menschen falsch einschätze. Das mag so allgemein zutreffen. Die Präzisierung aber liefert die Sozialpsychologie: Auf der untersten gesellschaftlichen Seinsebene geben die Elemente der Kontinuität, des Beharrens, der Tradition und des allgemeinen Gesetzes der Trägheit den Ton an.

Fast alle Menschen schätzen und brauchen Kontinuität. Das Gefühl der Sicherheit ist verankert in einer Welt, die morgen noch so ist, wie sie war, als man sich abends bettete. Das heißt aber nicht, daß Stagnation, Lethargie und Agonie ersehnt würden. Es heißt lediglich, dass Veränderungen nur in kleinen Dosen angestoßen werden können bzw. sollten und von der Mehrheit der betroffenen Bürger verstanden und gutgeheißen werden müssen, um akzeptiert und in den Alltag aufgenommen zu werden.


Notwendig ist ein gewisses Maß an Planungssicherheit und Berechenbarkeit, damit die Menschen ihre tägliche Arbeit frohen Mutes und heiteren Sinnes verrichten können. Dies kann vom Prinzip her gesehen zum einen dadurch bewirkt werden, daß der Staat nur eine kleine Rolle spielt und die Bürger das machen läßt, was sie beherrschen, was ihnen vertraut ist, was ihre Würde bewahrt und was sie einigermaßen komfortabel (über-)leben läßt. Eine Art Selbstverwaltung und Selbstorganisierung mit starken zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb einer sozialen Gruppe wäre eine Form davon. Polarisierung eines Volkes in Arm und Reich und dadurch erzeugte Ungerechtigkeit sind einer solchen Heiterkeit der Gemüter abhold. Entfremdung von seinen Möglichkeiten, seinen Bedürfnissen und seinen Potenzen ist in diesem Modell nicht zwingend, nicht systemlogisch, aber auch nicht ausgeschlossen.


Die zweite Möglichkeit zur Gewährleistung von Ruhe, Zufriedenheit, Frieden und Stabilität sehe ich in einem starken Staat mit kompetenten, charismatischen, vertrauenerweckenden und integren Repräsentanten. Diese sorgen für geeignete Rahmenbedingungen für das Leben der verschiedenen Menschengruppen und die Mittel für ihre Zusammengehörigkeit, also für den sozialen Kitt. Ein kluges Rechts- und Verwaltungswesen, das nicht nur sich selbst vertritt und genügt, ist dabei das non plus Ultra. Wo und wenn kaum oder keine Kontrolle möglich ist, wie das bei unseren hochgradig ausdifferenzierten gesellschaftlichen Sphären mit ihrer Scheintransparenz der Fall ist, muß belastbares Vertrauen möglich sein, Vertrauen darauf, daß der Souverän im Interesse des gesamten Volkes bzw. der gesamten Nation Entscheidungen fällt und nicht von Partikularinteressen gesteuert wird.

Hat man diese Interpretation der Logik von gesellschaftlichen Prozessen im Hinterkopf, fällt es einem leichter zu verstehen, warum die ostdeutschen Bürger auf ihre westlichen Landsleute einen demokratieunfähigen und hinterwäldlerischen Eindruck machen. Ob Migration, AfD, Klima, political correctness oder Pandemie: Man fragt sich, wieso sich eine relevante Anzahl der ostdeutschen Bürger gegen den bundesdeutschen Staat, seine Sicht der Dinge und seine Maßnahmen sträubt. Sie müßten doch vertraut mit einem Obrigkeitsstaat sein und haben doch einem solchen vierzig Jahre lang gehorcht! Wenn man die Nazizeit mitdenkt, waren es sogar sechsundfünfzig Jahre. Nun, da sie sich einem guten, wohlwollenden Maßnahmestaat gegenüber sähen, widersetzten sie sich ihm? Wieso das? Die Regierung meine es doch nur gut!


Was in Ostdeutschland zwischen 1989 und ca. 1996 stattfand, kann man mit guten Gründen als Revolution bezeichnen. In den Ostblockstaaten kollabierte das sozialistische politische System ebenfalls. Auch dort wurden tiefgreifende Veränderungen in fast allen Sphären der Gesellschaft durchgeführt. Aber – und das halte ich für entscheidend – es waren mehrheitlich die eigenen Leute, die beim Elitentausch zu größerer oder kleinerer Macht kamen. Ihr Systemwechsel knüpfte an das Eigene der jeweiligen Kultur an. Die Traditionen und Riten wurden beibehalten. In der ehemaligen DDR hingegen wurde kaum ein Stein auf dem anderen gelassen. Die neuen Eliten, Beamten und Führungskräfte kamen mit wenigen Ausnahmen aus der alten Bundesrepublik. Alles wurde nach dem Vorbild dieser „reformiert“, aufgelöst, abgerissen, aufgebaut, strukturiert. Konstruktive Disruption nennt sich so etwas heute. Während die „braven DDR-Bürger“ im Zuge der massenhaften Vernichtung von Arbeitsplätzen um ihre Existenz kämpften, strichen die westdeutschen Aufbauhelfer zweite und dritte Gehälter ein („Buschzulage“). Eine wertvolle, des Aufhebens würdige DDR-Kultur gab es ihrem Verständnis nach nicht. Das war echter Kahlschlag. Das war eine echte Kulturrevolution. Sie reichte bis in das Persönlichste, Intimste hinein. Vom Überbau blieb gar nichts erhalten. Und sogar die ökonomische Basis wurde zerschlagen.

Und damit komme ich auf die Frage zurück, warum die obrigkeitshörige Bevölkerung der DDR diese ihre vermeintlich stärkste Eigenschaft nicht beibehalten wollte: das übergreifende Moment auch dieser Revolution war die Kontinuität.


Das mag wie ein Widerspruch zu dem soeben dargestellten Mechanismus klingen. Und sicherlich war die Kontinuität von der Weimarer Republik hin zum „Drittem Reich“ größer als die beim Aufgehen der DDR in der Bundesrepublik Deutschland. Dennoch gab es in all dem Wendechaos, der totalen Verunsicherung und Angst vor der Zukunft Momente eines Kontinuums. Und das konnte auch gar nicht anders sein, wenn man nicht willens war, in den Westteil des Landes umzuziehen. Man bedurfte der Identitätsstärkung. Und wenn die Verhältnisse kein Wiedererkennen ermöglichten, so mußte man sehen, was im eigenen Leben und dessen Kultur noch festen Halt ermöglichte. Man war auf sich selbst zurückgeworfen, probierte die verschiedenen neuen Freiheiten aus, die man gewonnen hatte, sofern das Geld reichte, holte nach an Weltkenntnis, was umständehalber zuvor nicht erreichbar gewesen war.


Ja, man wollte sich auch diesem neuen gesellschaftlichen Paradigma anpassen. Man wollte ein bißchen Wohlstand, ein bißchen bis ganz viel Freiheit und eine kräftige Portion Sicherheit und Gesundheit. Ein reges Familienleben und lebendige Freundschaften gehörten ebenso dazu wie das Feiern von Festen, das Pflegen von Traditionen und Ritualen, ein freundliches Arbeitsklima, das die Notwendigkeit, seine Haut zu Markte zu tragen, zu einer angenehmen oder zumindest akzeptablen Pflicht machte. Das hatte der kleine deutsche Mann schon immer gewollt. Und diese Lebensweise hat er einmal auf die eine, einmal auf die andere Weise verteidigt. Er war in der Mehrheit nicht obrigkeitshörig gewesen. Er hat sich nur in dem Maße dem Staat unterworfen, wie es nötig war, um die Familie zu erhalten und sein kleines Glück zu erkämpfen oder zu bewahren. Es gab kaum Helden, aber jede Menge Opportunisten. Im „Dritten Reich“, in der „DDR“ und in der „BRD“ wieder. Opportunismus ist das Ergebnis allzu großer, unverhältnismäßiger Angst und Vorsicht als Citoyen. Die Mehrheit ist damit beschäftigt, sich irgendwie „durchzuwurschteln“. Der Staat war gut, wenn er das ermöglichte. Er war schlecht, wenn er nichts gegen Verelendung tat, Zukunftsangst verursachte und das eigene kleine Leben erschwerte. Aber er war und blieb immer „das Andere“ zur eigenen Existenz. Ich möchte nicht von Staatsfeindlichkeit sprechen, aber Mißtrauen und Vorsicht ihm gegenüber, die Selbstverständlichkeit der Distanz zu ihm sind Merkmale der von mir behaupteten Kontinuität. Der Umstand, daß viele Menschen und gerade auch Frauen „den Führer“ anhimmelten, heißt nicht, daß seine ausführenden Männerhorden SA, SS und Blockwarte große Sympathie hervorgerufen hätten. Wer auch immer an der Spitze des Staates stand: Regel 1 lautete: Bleib dem Staat und allem Staatlichen fern! Er tut Dir nicht gut! Diese Regel besetzt einen vorderen Platz im Arsenal der Konstanz.


Der Alltag an sich ist ein Hort des Widerstandes. Gewohnheiten und Weltbilder unterlaufen sämtliche Versuche, von oben ein neues Regime zu installieren oder gar aufzunötigen. Die praktische Lebenswelt mit ihren Formen der sozialen Bindungen ist stärker als jede Ideologie. Und wenn das Regime auch noch mit Gewalt und Unterdrückung arbeitet, bilden Enttäuschung, Unmut, Wut und Angst ein Amalgam, das unvorhersehbare Wirkungen entfalten kann. Protest der verschiedenen Couleurs auf der einen Seite, Resignation und innere Emigration auf der anderen sind die Reaktionen. Das Beharrungsvermögen des Alltags zeigt sowohl das Walten von gesundem Menschenverstand im einfachen Volk als auch dessen Beschränktheit an. Es ist bezeichnend, daß nach den Junitagen 1953 keine größerer Streiks und keine nicht angeordneten Demonstrationen stattgefunden haben. Für die Freiheit protestierte man nicht mehr. Aber als die Regierung aus Mangel an Devisen zu Beginn der achtziger Jahre beschloß, den Bohnenkaffee unter der Bezeichnung „Kaffee Mix“ zur Hälfte mit Muckefuck zu verwässern, gab es Proteststürme. Diese Zumutung wurde nicht geschluckt. Das Experiment wurde sehr schnell abgebrochen. Denn den Unwillen der angeblich herrschenden Klasse, des Proletariats, gegen sich zu schüren – das wagte die Staatsführung nicht.

Revolutionen sind das Ergebnis von Hochmut, Unfähigkeit und Dummheit. Das erreichte Unzufriedenheitspotential wird trotz Überwachung falsch eingeschätzt. Die Herrschenden haben „den Schuß nicht gehört“.


Gewohnheiten und Mentalitäten sind zäh. Nach 32 Jahren ist es „dem Westen“ nicht gelungen, zusammen mit allem anderen den Ostdeutschen auch die eigene Mentalität überzustülpen. Westdeutsche, die seit der „Wende“ in den Osten gezogen sind, schätzten nach eigenen Aussagen gerade diese Mentalität der Offenheit, der Authentizität und Herzlichkeit gegenüber Menschen, die ihnen, den Ostdeutschen, freundlich gesinnt sind.


Servicekräfte beispielsweise haben immer noch nicht die kalte Glätte ihrer westdeutschen Kollegen erlangt. Etwas in ihnen weigert sich, ein roboterhaftes Verhalten steriler Freundlichkeit zu erlernen und an den Tag zu legen. Der Phrase Einen schönen Tag noch! merkt man auch heute noch das Erkünstelte an. Je jünger die Verkäufer und andere Dienstleister sind, desto leichter kommt sie ihnen über die Lippen.


Das von Marx postulierte Modell des Auseinanderfallens von citoyen und bourgeois hatte dieser als spezielles Charakteristikum des damals im Anbruch befindlichen Kapitalismus gewähnt. Ich bin der Ansicht, daß genau diese Diskrepanz zumindest in Deutschland eine längere Tradition hat und in der ehemaligen DDR immer noch wirksam ist. Seit dem Wüten der Treuhand in der ersten Hälfte der neunziger Jahre hat die alte, sozial weitergegebene Erfahrung, daß es besser sei, zwei Identitäten zu besitzen - nämlich eine private und eine offizielle - eine neuerliche Bestätigung erhalten: auch der westdeutsche Staat ist kein Kumpel des Volkes. Auch er ist ein Leviathan, vor dem man sich besser in Sicherheit bringt. Die Freude über die deutsche Einheit, die das Ziel der meisten Montagsdemonstranten ab November 1989 war, wich schnell dem Gefühl, mißachtet, degradiert und gedemütigt, ja, auch enteignet worden zu sein. Die politischen Repräsentanten des neuen Deutschland werden inzwischen einmal mehr als das angesehen, was auch ihre Vorgänger in ihren Augen waren: Volksverächter und Machtmenschen, die es zum Fleischtopf zieht.


Je gemütlicher es sich in der Nische, in der Parallelwelt lebt, desto geringer der Druck, aufzubegehren und Risiken einzugehen. Ein direkter Widerstand der Ostdeutschen gegen die ihrer Ansicht nach verkehrte Politik derer da oben ist nicht zu erwarten. Aber die Fäuste in den Taschen sind vielerorts geballt. Und manchmal genügt ein kleiner Anlaß – wie vor zehn Jahren in Tunesien – um das Faß zum Überlaufen zu bringen. Für wahrscheinlicher aber halte ich den Ausstieg vieler aus den ungeliebten Strukturen und das Suchen nach neuen Lebensmöglichkeiten in verschiedenen Formen von alternativen Assoziierungen, was einem Unterlaufen der gegenwärtigen Machtstrukturen gleichkäme.

Der in den Städten schon stattfindende Prozeß der Gentrifizierung wird sich wahrscheinlich intensivieren. Die Gesellschaft wird nur noch die Summe einer wachsenden Anzahl von Parallelgesellschaften sein. Nur Gruppenidentitäten versprechen dann noch relative Sicherheit und ein bißchen soziale Wärme.





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Beate Broßmann, 1961 in Leipzig geboren, erfolgreiches Philosophie-Studium, vor der „Wende“ in der DDR Engagement für demokratische Reformen, später Mitglied der oppositionellen Vereinigung „Demokratischer Aufbruch“. Seit 2018 Autorin bei www.anbruch-magazin.de.


Beitragsbild: 'Das Narrenschiff' (Angerer der Ältere)




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