Beate Broßmann: Von den Fischer un siine Fru

1.


Merkwürdige Dinge gehen vor im Äther. Der Zauberlehrling lebt heute im Universalnetz.

Daß die digitale Kommunikation aus den Menschen Zombies machen könnte – davor wird auf von verschiedenen Seiten und immer wieder gewarnt. Und nicht wenige Jugendliche sind schon überall auf der Welt in den Brunnen gefallen. Meistens aber sind die Verlorenen in ein Parallelleben mit anderen Spielern und Identitäten eingetaucht. Natürlich ist das Erleben in der virtuellen Realität spannender als ein langweiliger oder als nerventötend empfundener Alltag mit seinen Anforderungen. Jugendliche akzeptieren immer weniger, daß „Lehrjahre keine Herrenjahre“ sind. Helikopter-Eltern haben sie in die Blasiertheit getrieben. Der Seelenzustand Euphorie soll ein andauernder sein. Nur Kicks und Hypes sind von Wert. Das hat Ursachen, aber man ist nicht gewillt, sie zu thematisieren, weil man befürchtet, die Büchse der Pandora zu öffnen und die Zweifel am Wert der abendländischen Lebensweise zu verstärken. Denn diese Heranwachsenden sind Kinder einer sich selbst kannibalisierenden Konsumgesellschaft. Und eher würden deren Gewinner an ihrem Hyperkonsum ersticken, als das Luxusrad einen Tick zurückzudrehen (um die Metapher vom Nadelöhr und den Reichen zu modifizieren) – auch wenn sie jetzt massenwirksam, demonstrativ und ökologisch-korrekt ihre Stadtrallyes per Lastenfahrrad austragen. Ihre mißratenen Kinder behandeln sie mit unendlicher Geduld und Psychpharmaka.


Ein Phänomen anderer Art aber ist nicht nur bei den Heranwachsenden virulent. Die ständige Suche im Internet nach Informationen oder Konsumgütern ist auch den Erwachsenen eigen.

Neulich bin ich bei der Planung eines Betriebsausfluges auf die Frage gestoßen: Wie hätte ich so etwas „früher“, ohne Internet angefangen? Und vor 1990 gar ohne Telefon? Es ist schier nicht mehr vorstellbar. Fähigkeiten, die nicht mehr abgerufen werden, verkümmern.

Nur zu gern läßt man sich verwöhnen und das Leben erleichtern von dienstbaren Geistern, denen man keine Rechenschaft schuldet und keinen Dank. Bevor man das eigene Gehirn einschaltet, sucht man lieber gleich in der „Kiste“ nach Antworten. Selbstentmündigung ist es, was da stattfindet.

Das Delegieren von allen Problemen und Fragen an ein technisches Nicht-ICH oder in ein paar Jahren mögliches technisches Teil-ICH scheint schon heute auf keine oder nur vernachlässigbare Gegenwehr zu stoßen. Die meisten Menschen, die es sich leisten können, werden sich auch für eine digitale Aufrüstung ihrer Körper entscheiden. Diese Bereitschaft scheint mir kurzsichtig und fahrlässig zu sein.


In der Netflix-Serie „Shtiesel“ wird auf fiktionale Weise das Leben einer jüdisch-orthodoxen Gemeinschaft in einem Stadtteil Jerusalems gezeichnet. Alles, was das nichtorthodoxe Stadtleben an Technik besitzt und nutzt, wird hier abgelehnt. Einzig der Gebrauch von Handys hat sich durchgesetzt. Nun begab es sich, daß einem jungen orthodoxen Mann die Ehefrau weggelaufen war, weil sie die strengen Vorgaben und Lebensregeln der Gemeinde nicht mehr erfüllen konnte und wollte. Er ging zusammen mit seinem Cousin, der liberaler und technikaffiner war als er, auf die Suche nach ihr. In einem Taxi durchquerten sie den städtischen Sündenpfuhl. Und dann forderte der Ehrverletzte seinen Verwandten dazu auf, seine „Kiste“ zu öffnen und die Frage hineinzutippen: „Wo ist meine Frau?“

Diese Überschätzung der Möglichkeiten des Digitalen scheint mir nicht nur einem Weltfremden zu unterlaufen: Mit zunehmender Verfeinerung der Mittel findet etwas statt, das niemand vorhergesehen hat. Auch der Anthropologe stößt hier mangels Erfahrung an seine Grenze: Wir glauben bzw. empfinden, daß alle Fragen und Wünsche in diesem Netz ihre Antworten und ihre Befriedigung finden können. Man müsse nur wissen, wo und mit welchen Fragestellungen die Suche anzugehen ist. Die ganze Welt steckt in dieser Zauberkiste. Kaum einer versteht ihre innere Beschaffenheit. Aber durch all die Stecker, Lämpchen und Leitungen schleicht sich das Fluidum informationeller Vollkommenheit.



2.


Science-Fiction-Romane und -Filme arbeiten mit der Hochrechnung einer gefährlichen Situation in naher und mittlerer Zukunft, indem sie durchdeklinieren, was möglich ist, welche Lebensbereiche betroffen wären und welche Kausalketten durch das Handeln oder eben das Nichthandelnkönnen der Protagonisten beim Zusammenbruch der digitalen oder/und Stromversorgung in größeren Gebieten losgetreten würden.


Die ersten Westdeutschen, die nach der Öffnung der Mauer kamen und unser im Untergang begriffenes alltägliches Leben betrachteten, waren verblüfft davon, wie viele Tätigkeiten von den Bürgern noch selbst erledigt wurden, über welche Fähigkeiten sie noch verfügten und wie unmittelbar ihr Kontakt zur ersten Seinsebene hier noch war: man reparierte Fahrräder und andere kaputte Gegenstände selbst, man erneuerte Stromnetze, Wasserleitungen, baute sich mit Freunden heruntergekommene Wohnungen aus und malerte sie natürlich auch, tauschte Dachziegel aus, flieste Bäder, erneuerte Fenster, baute Möbel, schleifte Dielen und Parkett ab und ölte sie. Auch Frauen wußten mit Stechbeiteln, Bohrmaschinen und elektrischen Sägen umzugehen. Not macht erfinderisch und schafft Kompetenz.


Heute haben junge Menschen womöglich einen durchtrainierten Körper, aber in so einer Gefahrenlage ist Körperkraft nur bedingt von Vorteil – entscheidender wären praktische, handwerkliche und lebensorganisierende Fähigkeiten und ein beweglicher Geist. Die heutigen und vielbelachten „Prepper“ haben für diese Gefährdung einen Sinn und handeln danach. Richtige Männer eben.

Wir, deren größter Lebensabschnitt in die analoge Welt fiel, kommen vielleicht noch einigermaßen mit so einer Situation zurecht. Aber die heutigen Zwanzigjährigen und alle ihnen Nachfolgenden, die digital natives, haben keine Vorstellung mehr davon, wie es ist, Wirklichkeit mit den Händen zu verändern und zu erschaffen statt mit einem Finger Wirklichkeit zu simulieren. Bis vor historisch gesehen sehr kurze Zeit diente die Stromproduktion den Haushalten lediglich zum Heizen und zum Kochen. Das Leben konnte bei Stromausfall weiter gehen wie zuvor – allerdings mit kleinen Einschränkungen. Heute, da alles digitalisiert wird, kann man keine Toilette mehr benutzen, sich nicht waschen, nicht mehr einkaufen und bezahlen. Die gesamte praktische Lebenswelt benötigt Strom, und zwar eine Menge.



3.


Der israelische Philosoph und Autor des Buches „Homo Deus“ Yuval Harari sagte in einem Interview:


„Je besser die Lebensbedingungen werden, desto größer die Erwartungen. Heute genießen wir zahlreiche Dinge, von denen die Menschen früher nur träumen konnten. Aber wir sind nicht zufrieden, denn wir wollen viel mehr. Auch auf einer tieferen Ebene reagiert das menschliche Gehirn grundsätzlich auf Erfolg und Genuß nicht mit Zufriedenheit, sondern mit dem Wunsch, noch mehr zu haben.“

Befriedigung hält nie lange an. Das ist die conditio humana über alle Zeiträume und Gesellschaftsformen hinweg. Es gibt eben keine allgemeinen Kriterien für menschliches Glück. Es ist – wie alles – relativ, d.h. es bezieht sich immer auf den jeweiligen Ausgangszustand. Und im Glück ist morgen nach dem Glück. Was mich heute beglückt, ist morgen der status quo und damit reizlos. Mit jedem Wohlstandsschritt nach oben steigen die Ansprüche.


Das ist die Logik des Märchens „Von den Fischer un siine Fru“. Auch im Jahr 1812 war es der Ehrgeiz des Höher-Besser-Weiter, der Menschen daran hinderte, bescheiden und in Würde mit dem zufrieden zu sein, was sie haben, sofern kein Elend sie niederdrückt. Auch heute noch ist die Steigerung des Bruttosozialprodukts der allgemein anerkannte Ansporn, die heilige Kuh des Wirtschaftssystems, als ob es kein morgen gäbe.


Allein ein Laptop zu besitzen und im Netz zu surfen, genügt dem User nicht. Er denkt sich bislang unerfüllbare Wünsche aus und sucht ihren Gegenstand in der Datenkiste. Die trügerische Annahme besteht darin, daß alles, was es gibt, irgendwo auf der Welt zu finden sei. Dabei wird „was es gibt“ gleichgesetzt mit „was ich mir vorstelle“. Die Anfrage „Wo ist meine Frau?“ ist nur in Nuancen verschieden von der Suchanfrage „grünes Kostüm mit weißen Punkten“. Man weiß, wie die Antworten ausfallen: zunächst werden grüne Kostüme gezeigt, danach grüne Hosen, anschließend jede Menge Kleidung mit Punkten, hierauf Kostüme in allen Farben usw. – wenn man Glück hat. Meistens kommen die Ergebnisse nicht in solchen Blöcken, sondern vollkommen unsortiert. Der Suchende klickt sich durch die Seiten, u.U. stundenlang, und kann es am Ende nicht fassen, daß es all over the world keinen einziges Ergebnis geben soll, das seiner Anfrage entspricht. Das kann doch einfach nicht sein!


Je spezieller oder individueller dein Wunsch ist, desto mehr Zeit mußt Du investieren und dich darauf einstellen, daß die Suche womöglich erfolglos ist. Irgendwann hast du verstanden, daß auch im Netz nur Artikel gehandelt werden, die gerade der Mode entsprechen. Suchst du Zeitloses, wirst du von der „Kiste“ genauso enttäuscht werden wie bei einer Suche im Kaufhaus. It‘s Marktwirtschaft, stupid!

Dabei hat dir niemand versprochen, daß alle Deine Wünsche erfüllt werden können. Es ist die Selbstläufigkeit des digitalen Prozesses und des Nutzer-Verhaltens, die diese Idee in dir entstehen lassen, die dir höchstwahrscheinlich nicht einmal bewußt ist.


Du verbringst mit dem online-Einkauf nicht weniger Zeit als Du analog gebraucht hättest. Nicht nur, wenn Deine Suche erfolglos ist. Ist sie es nicht, hast Du die Qual der Wahl. Möglichkeiten sind auch mit Zeitaufwand verbunden.


Eine westdeutsche Bekannte, die 1991 nach Leipzig kam, um zu bleiben, sagte, daß sie es als sehr entspannend und zeitsparend empfunden hätte, als sie gegen Ende des sozialistischen Experiments ein Jahr in Prag lebte und das Einkaufen keine großen Entscheidungen von ihr verlangte: Es gab zuverlässig zwei Sorten Zahnpasta, das Obst und Gemüse der Saison, die Grundnahrungsmittel und überhaupt alles, was man brauchte – eben nur in ein oder zwei Varianten. Man kauft, was man bekommt und macht sich weiter keine Gedanken. Unter den heutigen marktwirtschaftlichen Umständen aber halte sie das nicht durch. Heute könne sie via Internet alles in -zig Ausführungen bestellen, bringe es aber nicht fertig, einfach das erste Beste zu nehmen, sondern müsse sich angesichts der Fülle des Angebots im Klaren sein, was genau sie präferiert und welchen Preis sie willens ist, dafür zu bezahlen. Das mache sie verrückt und unzufrieden angesichts des Verschwendens von Zeit und Energie. Für sie wäre der Sozialismus das Richtige gewesen, meint sie mit einem Augenzwinkern. Wahrscheinlich ist sie damals in Prag die einzige zufriedene Kundin gewesen.


Die digitale Konsumgesellschaft entmächtigt die Verbraucher, indem sie deren alltägliches Leben erleichtert. Ob Alexa oder smart home: je mehr Bequemlichkeit möglich ist und zugelassen wird, desto mehr know how geht verloren und desto gehaltloser wird das Leben. Und desto unfreier, weil unselbständiger, werden die Bürger dieser schönen neuen Welt sein. Zunächst delegiert man nur praktische Tätigkeiten, bald darauf auch die geistigen. Man denkt nicht mehr – man wird gedacht.

Der Zauberlehrling hat wieder zugeschlagen: Es wurde vor drei Jahrzehnten etwas in die Wirklichkeit entlassen, ohne zu bedenken, was es für Folgen haben könnte und welche Rahmenbedingungen dafür zu schaffen wären. Hate speech, Ego-shooter und Fake news geben einen kleinen Einblick in die tatsächliche geistig-mentale Beschaffenheit des Wahlvolkes. Das Entsetzen ist groß. Der Geist kann nicht in die Flasche zurückgestopft werden. Auf die Euphorie folgt der Katzenjammer. Die Welt ist ein Irrenhaus. Das Mantra Alles gut ist der Beschwichtigungscode für Dauerirritierte: Ich tu Dir nichts! Laß auch Du mich…leben!





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Beate Broßmann, 1961 in Leipzig geboren, erfolgreiches Philosophie-Studium, vor der „Wende“ in der DDR Engagement für demokratische Reformen, später Mitglied der oppositionellen Vereinigung „Demokratischer Aufbruch“. Seit 2018 Autorin bei www.anbruch-magazin.de.




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