Bettina Gruber: DAS DEUTSCHLANDLIED, DIE WELLE UND BJÖRN HÖCKES SCHUHE

Aktualisiert: 13. Mai 2019

1841 dichtet Fallersleben auf Helgoland die drei Strophen des Deutschlandliedes, 1922 bestimmt ein sozialdemokratischer Reichspräsident alle drei zur Hymne der neu geschaffenen Republik. Nach dem Zweiten Weltkrieg werden von Heuss und Adenauer sämtliche Strophen als Text der Nationalhymne bestätigt, dabei jedoch insbesondere das Absingen der dritten für öffentliche Anlässe empfohlen. 2019 dann geschieht es: Ein thüringischer Landespolitiker singt - oder mustert er doch bloß seine Schuhe? - die erste Strophe und zieht so den Zorn säkularer Exorzisten auf sich.



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Heute melde ich mich nach längerer Oster-Pause und einer Reise auf den Balkan zurück. Ich wollte dies eigentlich mit einer Kolumne über die kafkaesken und meinungsfreiheitswidrigen Folgen der Anerkennung von Geschlecht als rein subjektiver Größe tun. An Beispielen mangelte es mir nicht, aber dann kam etwas Nasses dazwischen, nämlich eine Empörungswelle infolge Liedgesanges. Es geht daher heute nicht um Männerhass und schlechte Laune, sondern um schlechte Laune im Wahlkampf. Diese Welle folgte mit einer kleinen Verschiebung auf ein Ereignis, das bei einem Treffen der AfD im bayerischen Greding stattgefunden hatte: Dort wurde nämlich zum Abschluss einer Veranstaltung mit Björn Höcke das Deutschlandlied mit drei Strophen gesungen, Strophen, deren erste bekanntlich mit den Zeilen „Deutschland, Deutschland über alles, / Über alles in der Welt…“ beginnt.


Die Bedeutsamkeit dieses Ereignisses hält sich, möchte man meinen, in engsten Grenzen. Von Greding hatte ich vor dem Gesangs-Gau noch nie etwas gehört und das Absingen zweier unliebsamer, aber nicht verbotener Lied-Strophen wäre in jedem anderen Land keine Pressemeldung Wert gewesen. Das Ganze rangiert in derselben Relevanzklasse wie der sprichwörtliche Sack Reis, der in China umfällt. Bis auf die eifrig hetzende Bild kam selbst die Presse ohne die üblichen Tiraden aus. Welt Online verzichtete sogar auf die obligaten Klischees singender Nazis und berichtete stattdessen, dass Höcke in die erste Strophe nicht herzhaft miteingestimmt, sondern seine Schuhe betrachtet habe. Dafür gibt es auch einen Grund, doch dazu später.


Nun ruft die Hymne bei mir als „zuagraster“ Bürgerin eines Nachbarlandes bei aller Sympathie für meine Wahlheimat primär österreichische Assoziationen herauf, nämlich die an das „Gott erhalte“ und Haydns inniges Quartett. Davon abgesehen bin ich persönlich kein Fan der ersten beiden Strophen. Man kann, wie Björn Höcke es getan hat, „Deutschland, Deutschland über alles“ als Liebeserklärung an das eigene Land verstehen, die genauso wenig rechtfertigungsbedürftig ist wie die an die eigene Familie.


Man kann darin aber ebenso eine Überordnung patriotischer Gefühle über alle anderen sehen und das suggeriert nationalistische Ansprüche – insbesondere im Verein mit der Beschwörung einer historisch nicht mehr gegebenen Ausdehnung. Da die Wahl einer Hymne einen Repräsentationsakt erster Ordnung darstellt, wird ihr Text natürlich als staatspolitische Äußerung betrachtet und das Absingen nicht als gebündelte Kundgabe individueller Befindlichkeiten wahrgenommen. Insofern ergibt Adenauers Beschränkung auf die dritte Strophe nach wie vor Sinn und bezeugt sein politisches Fingerspitzengefühl (wenn man auch sagen muss, dass die für meinen Geschmack dichterisch nicht besonders gelungene, aber freundlich-zufriedene zweite dem Kahlschlag nicht hätte zum Opfer fallen müssen).


Allerdings bezieht sich diese Einschränkung auf die Nationalhymne, die seit 1991 überhaupt nur aus der ersten Strophe besteht. Das dreistrophige „Lied der Deutschen“ ist mit dieser demnach nicht mehr identisch und nach wie vor nicht verboten. Warum auch? Der Nachweis, dass Hoffmann von Fallersleben 1841 ein Nazi war, dürfte selbst Jägern historischer Vampire schwerfallen. Dabei hätte man es bewenden lassen können, und im Sinne der Meinungsfreiheit auch bewenden lassen müssen. Die eher lahmen Skandalisierungsversuche der Medien dürften dieser Einsicht entsprechen.

Stattdessen baute sich eine Woge der Erregung ausgerechnet im konservativen Lager auf. Auf Twitter wurden alle möglichen realen und imaginären Kriegsverbrechen als Argument gegen das Lied aufgeboten. (Vielleicht könnte man ja sämtliche Druckfassungen der ersten Strophen, derer man habhaft werden kann, verbrennen? Dann hätte man sich besonders weit vom NS distanziert, oder doch nicht?!)


Die ansonsten höchst schätzenswerte Anabel Schunke schrieb auf Facebook Folgendes:


„Nazi-Wichser, die gerne mit Björn Höcke die erste Strophe des Deutschlandliedes singen wollen, können gerne meine Seite verlassen. Ich sage es deutlich: So lange sich die AfD nicht von solchen Leuten befreit und so lange rechte Spackos im asylkritischen Spektrum die Deutungshoheit beanspruchen, wird dieses Spektrum nie aus der 15 % Schmuddelecke hinauskommen. [...] In der Mitte liegt das Potenzial für Wähler und einen rechten Protest. Nicht am rechten Rand, der die Mitte (mich auch) zu recht vergrault. Das macht mich rasend!“

Dies wurde von AfD-Politiker Uwe Junge mit der beifälligen Bemerkung geteilt „Deutlicher kann man es nicht sagen.“ Mich machen solche Ereignisse nicht rasend, sondern müde. Um es deutlich zu sagen: Genauer sind es nicht die Ereignisse, sondern die Reaktionen darauf, die mich müde, und zwar sehr müde, machen.


Wie sieht die Lage aus, in der solche Reaktionen auf derartige Marginalien erfolgen können? Wir befinden uns im Wahlkampf, die Alternative für Deutschland hat sich als bedrohliche Konkurrenz an den Futterkrippen der Altparteien herausgestellt. Sie ist die einzige Partei, die bestimmte Missstände anspricht, während alle anderen unter Wiederholung der immer gleichen Mantras dem rosa Elefanten im Raum ausweichen, in der Hoffnung, dieser werde sich zerreden lassen. Die AfD und ihr Um- und Vorfeld ist also nicht nur eine Bedrohung an der Futterkrippe, sondern viel mehr als das: Sie ist eine Bedrohung für den allgemeinen Seelenfrieden, für eine über Jahrzehnte eingespielte psychische Verfasstheit, deren felsenfestes Fundament die Überzeugung bildete, Deutschland sei endlos reich, paradiesisch sicher und ein ewiger Hort der Rechtsstaatlichkeit. Dieses Fundament sieht mittlerweile aus wie ein Emmentaler; entsprechend blank liegen die Nerven, und zwar sowohl bei den Etablierten als auch bei ihren offenen Kritikern. Bei Letzteren umso mehr, als sie die Projektionsfläche für sämtliche Missstände des Landes bilden, die von den Altparteien bei Strafe der Selbstabschaffung nicht angesprochen werden können. Auf diese Fläche muss eine Figur projiziert werden, und das ist nun nicht mehr der Ketzer, der Jude, die Hexe oder der Erbfeind, sondern der nicht minder mythische „Nazi“. (Ja, er ist mythisch, der Schwarze Mann, mit dem man den Wähler bei der Stange hält. Man braucht nur die Zustimmungswerte von NPD oder Drittem Weg zu betrachten, um sich das klar zu machen.)


All das ist längst analysiert worden, man muss es sich aber vor Augen rufen, um die Reaktionen innerhalb des patriotischen Lagers zu verstehen, diese ungeheure Eilfertigkeit, mit der Leute, die in einer geschlossenen Veranstaltung zwei „falsche“ Strophen zu Gehör bringen, in denen weder zu Mord und Totschlag aufgerufen noch sonst etwas Strafbares nahegelegt wird und die Jahrzehnte vor dem NS in einer völlig anderen historischen Situation entstanden sind, als Nazis verunglimpft werden. Alle drei Strophen wurden zur Nationalhymne übrigens in der Weimarer Republik und auf Wunsch eines Sozialdemokraten. Alles Nazis außer Mutti? Im Ernst?


Nur aus dieser aufgeheizten Stimmung (und den Flügelkämpfen innerhalb der jungen Partei) ist erklärlich, dass Dissidenten andere Dissidenten, die sich keiner strafbaren Handlung schuldig gemacht haben, als Anhänger einer mörderischen Ideologie diffamieren, statt das dem politischen Gegner zu überlassen. Der konnte ohne diese Schützenhilfe aus den haltlosen Vorwürfen in letzter Zeit deutlich weniger Honig saugen; nun sorgen die Mitstreiter dafür, dass sich das ändert. Diese Strategie der Spaltung wird übrigens allenfalls in dem Sinne aufgehen, dass sie das patriotische Lager sprengt und damit der Politik der flächendeckenden Globalisierung zum Sieg verhilft. Die „Mitte“ wird durch all diese Distanzierungen nur in dem Glauben bestärkt, hier würden Sakrilegien am Fließband produziert und wird entsprechend genau so wählen wie immer – die 15 % werden so zur selbsterfüllenden Prophezeiung, allerdings nicht wegen Gott sei Dank imaginären „Nazi-Wichsern“, sondern wegen Leuten, die solche hinter jedem Busch im Park hervorspringen sehen.


Ach so, Höcke erklärte (durchaus glaubwürdig, denn die absehbare und eingetretene Reaktion lag weder im Interesse der Partei noch in der des „Flügels“) die Sache so: „Das war ja wirklich nur ein Fauxpas. Der Tontechniker hat auf die falsche Taste gedrückt, deshalb ist das angespielt worden. Das war natürlich schwierig, wie reagiert man darauf.“ Daher die vorübergehende Konzentration auf die Schuhspitzen. Und deshalb dieser ganze Zirkus? Ich bin müde. Wirklich müde. Das ist natürlich ohne Belang. Von Belang ist: Leider wird es vielen Wählern genauso gehen.




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Über die Autorin:


BETTINA GRUBER, Dr. phil. habil., venia legendi für Neuere Deutsche Philologie sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Vertretungs- und Gastprofessuren in Deutschland, Österreich und den USA. Ernennung zur außerplanmäßigen Professorin an der Ruhr-Universität Bochum 2005. 2015 bis 2017 im Rahmen des BMBF-Projektes FARBAKS an der TU-Dresden. Letzte Buchveröffentlichung: Bettina Gruber / Rolf Parr (Hg.): Linker Kitsch. Bekenntnisse – Ikonen−Gesamtkunstwerke. Paderborn 2015.



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