Bettina Gruber: "MÄNNERWELTEN" — Ich werde belästigt, also bin ich

Vor vier Tagen tauchte auf Pro7 ein Kurzfilm unter dem Titel „Männerwelten“ auf. Sie rechnen bei dem Titel vielleicht mit einer Dokumentation über Soldaten, selbstlose Feuerwehrleute, geniale Erfinder, Entdecker, rackernde Bauarbeiter, treusorgende Familienväter, Müllmänner, Arbeitstiere im Management und Extrembergsteiger? Über die schweigsamen Tüftler, die Ihre Computerprobleme beheben? Oder auch über Männer in der Pflege, als Entwicklungshelfer, Tierpfleger, Lehrer oder Kindergärtner? Sie irren!

Die Autorin Sophie Passmann führt durch eine virtuelle Ausstellung, die nach Art des guten alten Gruselkabinetts die Schrecken allgegenwärtiger sexueller Belästigung dokumentieren soll. „Die kommenden Minuten können auf viele Zuschauer verstörend wirken. Aber sie sind Teil unseres Alltags.“ Was bringen uns diese Minuten? Die Schauspielerin Palina Rojinski enthüllt feierlich ein verhängtes Bild – die moderne Kunst darauf erweist sich als überdimensioniertes Foto eines Penis, ein sogenannter Dick Pick. Darauf folgt eine ganze Wand von solchen säuberlich gerahmten männlichen Intimporträts, der Moderatorin zufolge alles Bilder, die Palina und Freundinnen (wie viele Frauen in welchem Zeitraum erfährt man nicht) zugeschickt bekommen haben sollen. In der Folge verliest ein Fernsehstar die erhaltenen Belästigungsnachrichten und zwei weitere Frauen tragen sexualisierte Kommentare aus Chats vor, die man als ausnahmslos widerwärtig bezeichnen muss.

Aber verstörend? Die pornographischen Botschaften sind unangenehm, unangebracht, manche durch die zugrundeliegende Aggressivität beängstigend. Und ja, die Zusendung ist eine Belästigung, was sonst? Sie treffen allerdings auf Zuschauer, die täglich mit echten Schreckensbildern im Netz bombardiert werden. Und sie treffen auf eine Generation von Zuschauerinnen, für die eine SPD-Aktivistin staatlich finanzierte Pornos gefordert hat und die nicht hinter den schützenden Mauern eines Nonnenklosters, sondern mit einer penetrant sexualisierten Alltagskultur aufgewachsen ist. Die Suggestion eines Unerhört-Schrecklichen, das im Dunkel der Ausstellung wie in dem unserer Gesellschaft schlummern soll, erinnert so gesehen eher an die Doppelmoral, die man den Viktorianern nachsagt.

Frauen nahezulegen, „Verstörung“ wäre die richtige Reaktion auf diese Unerfreulichkeiten, ist weder „empowering“ noch sonst wie weiterführend. Es schwächt gesunde Abwehrreaktionen, die auch darin bestehen können, einfach einmal den „Blockieren“-Knopf zu drücken und die Nachricht im Papierkorb des sofortigen Vergessens zu entsorgen. Stattdessen wird die Opfer-Perspektive, die der klassische Feminismus immer abbauen wollte, sorgsam kultiviert und die Opferpositionen werden zu uneinnehmbaren Bastionen weiblichen Leidens ausgebaut. Liest man die Stränge auf Twitter, in denen Frauen weit- und weitest zurückliegende Fälle von (teils ans Kriminelle streifenden, teils harmlosen) Belästigungen ausbreiten, wohnt man einem kollektiven Bekenntnisritual bei; zugleich drängt sich der Eindruck auf, dass die empörungsschwangere Atmosphäre Fehlerinnerungen oder freie Erfindungen geradezu herausfordert. Frauen vereinen sich nicht im Bewusstsein ihrer beachtlichen (wenn auch ambivalenten) historischen Erfolge, sondern richten sich im gemeinsamen Status der Erniedrigten und Beleidigten ein. Der Status als potentiell oder faktisch Dauerbelästigte avanciert (ganz konträr zu den Ambitionen des klassischen Feminismus) zum entscheidenden Identitätsmerkmal.

Dies leistet sich, wohlgemerkt, eine nicht nur gleichgestellte, sondern die privilegierteste Frauengeneration der bisherigen Geschichte. Hier tut sich eine riesige Diskrepanz zwischen Selbstwahrnehmung und sozialer Realität auf, die erklärungsbedürftig ist.

Es ist ferner interessant zu beobachten, wie glänzend Viktimisierung als soziale Strategie immer noch funktioniert. Tatsächlich gewinnt man den Eindruck, es wäre mittlerweile die einzige funktionierende Strategie, mit der Gruppen ihren Machtbereich ausbauen können. Proportional zur wachsenden gesellschaftlichen Privilegierung der Frau schwillt das Rauschen der Klagen über Benachteiligung, Belästigung, Missachtung zu einem Orkan an, ein untrügliches Zeichen dafür, dass, gegenläufig zum Behaupteten, komfortable Machtpositionen erreicht worden sind. Man sollte sich durchaus einmal fragen, was dieser Orkan übertönt.

#Männerwelten ist auch nicht die erste Kampagne dieser Art. Vermutlich ist es ein Versuch, an den Erfolg von #Metoo anzuknüpfen, das, ohnehin abgeflaut, durch den Einbruch der Pandemie ebenso überstrahlt wurde wie die Proteste von Fridays for Future. Zu erinnern ist hier unter anderem an das unsägliche Werbevideo (2019) von Gillette, in dem ein Hersteller von Rasierklingen(!) sich nicht entblödete seine eigene Klientel als Horde zurückgebliebener Idioten darzustellen. Die Firma sprang damit unmittelbar auf den Zug von #MeToo auf und hoffte offenbar, bei einer politkorrekt getrimmten Kundschaft Kasse zu machen. Die Rechnung ging allerdings nicht auf, denn das Ergebnis war ein Proteststurm, der seinesgleichen sucht.

Die Kritikpunkte an „Männerwelten“ liegen eigentlich auf der Hand, aber die begeisterte Akklamation des Videos zeigt, dass die An- und Aussprüche der Macherinnen unkritisch beim Wort genommen werden. Daher ein paar Anmerkungen: Erstens ist das Filmchen sexistisch durch und durch. Allein die Konstellation von Titel und Inhalt suggeriert, dass „Männerwelten“ aus nichts als sexueller Belästigung bestünden. Das ist ebenso unverschämt wie einfach falsch; nichtsdestoweniger erklären reihenweise Männer in den sozialen Medien, sich für ihr Geschlecht zu schämen. Die Begriffe „Seximus“ und „Diskriminierung“, die häufig um die Realität schlackern wie zu weite Kleidungsstücke, treffen schon wegen der Behauptung, mit einer Ansammlung von Ekligkeiten Männerwelten abzubilden, vollumfänglich zu.

Zweitens, nicht jede Widrigkeit des Lebens lässt sich verrechtlichen, ohne neue und womöglich gravierendere Probleme zu schaffen – das Video scheint mir eine taktische Vorbereitung für weitere gesetzgeberische Eingriffe in das Verhältnis von Mann und Frau. (Eine begeisterte Reaktion von u.a. Heiko Maas macht deutlich, wie stromlininenförmig-konventionell und keineswegs „widerständig“ die Präsentation ist.) Es behauptet einen omnipräsenten Missstand, der nach seiner Beseitigung schreit.

Beleidigung allerdings ist strafbar, Drohung auch, Vergewaltigung sowieso. Seit 2016 gilt dies auch für sexuelle Belästigung, allerdings nur physischer, nicht verbaler Natur. Das Problem ist in beiden Fällen die gummibandartige Ausdehnung des Belästigungsbegriffes, der im Sinne eines hemmungslosen Subjektivismus gehandhabt wird. Wenn das Vorliegen einer Belästigung von einer subjektiven Wahrnehmung abhängig gemacht wird, so gilt in der Tendenz das Zeugnis des (realen oder eingebildeten) Opfers von vornherein mehr als das des „Täters“. (Für die meisten dieser Vorfälle ist schon die Terminologie von „Opfer“ und „Täter“ vollkommen fehl am Platz. Eine Frau, der ins Dekolleté geschaut wird, kann sich belästigt fühlen oder nicht, ein Opfer ist sie nicht.) Das endet im Absurden: Sie haben eine anerkennende Bemerkung über meinen Körper gemacht? Ich fühle mich belästigt. Sie haben mich schief angeschaut? Ich fühle mich belästigt. Sie haben mir die Hand auf den Arm gelegt? Ich fühle mich belästigt. Und so weiter und so fort. Ich fühle mich belästigt, also bin ich. Auf diesem Weg gibt es kein Halten.

Dass das keineswegs eine Übertreibung darstellt, zeigt der schon etwas angejahrte Fall Rainer Brüderle, der in Deutschland die Schwalbe war, die den Sommer der Dauerbelästigten einläutete. Leider ist es anscheinend nicht bloß ein Sommer, sondern eine Epoche.

Und schließlich: Eine Fokussierung auf reale oder imaginierte Belästigungserlebnisse zu fördern, bedeutet keine Solidarität unter Frauen, ganz im Gegenteil. Die langfristigen Verliererinnen dieser Kampagnen sind Frauen. Heterosexuelle junge Frauen vor allem, die sich mit der Partnersuche schwerer tun dürften, nicht weil ihre potentiellen künftigen Partner Belästiger und Penisbilderverschicker wären, sondern weil diese Männer sich im eigenen Interesse bedeckt halten werden, da sie ständig Angst haben müssen vor Gericht zu landen. Sehr treffend schrieb ein Twitter-Nutzer: „Den Frauen ist damit kaum geholfen. Stattdessen erleben sie, wie sich eine ‚Gläserne Wand‘ zu ihren männlichen Kollegen aufbaut.“


Wer eine satirisch überzeichnete Provokation aus maskulinistischer Sicht nicht scheut, lese dazu unbedingt Roger Devlins Sex Macht Utopie.


Mich dagegen interessiert die Verschränkung der Schäden, die beiden Geschlechtern durch diese Schwundstufe des Feminismus jeweils zugefügt werden. Die überwältigende Mehrzahl der Frauen ist heterosexuell, und diese Frauen haben unter der von ihren feministischen Pseudo-Vertreterinnen angerichteten Feindlage zu leiden. Sie sind es, die, nachdem die Gesellschaft seit Jahrzehnten männerfeindlichem Dauerbeschuss ausgesetzt ist, versuchen müssen, Beziehungen zu führen und dies irgendwie mit den toxischen Botschaften der Misandrie unter einen Hut zu bringen. Der jüngere Feminismus ignoriert dieses Bedürfnis und ist insofern frauenfeindlich. Diese induzierte Geschlechterfeindschaft unter anderem habe ich in Leben unterm Regenbogen. Das neue Geschlechterregime und seine Folgen (das Buch erscheint demnächst bei Manuscriptum) untersucht – samt der Frage, wem sie nutzt. Das Thema wird uns nicht verlassen. Leider.



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Über die Autorin:

BETTINA GRUBER, Dr. phil. habil., venia legendi für Neuere Deutsche Philologie sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Vertretungs- und Gastprofessuren in Deutschland, Österreich und den USA. Ernennung zur außerplanmäßigen Professorin an der Ruhr-Universität Bochum 2005. 2015 bis 2017 im Rahmen des BMBF-Projektes FARBAKS an der TU-Dresden. Letzte Buchveröffentlichung: Bettina Gruber / Rolf Parr (Hg.): Linker Kitsch. Bekenntnisse – Ikonen−Gesamtkunstwerke. Paderborn 2015.




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