Christian J. Grothaus: WANDERUNGEN IM GE-STELL - Anarchäologie oder: im Westen was Neues

Aktualisiert: 19. März

Zur Kolumne:


Architektur: von der Königin der Kunst zum binärkodierten Bild innerhalb von Rechenmaschinen. An einer ehemaligen Zunft lässt sich der Siegeszug der Kybernetik trefflich nachzeichnen und zugehörig die bedingungslose Kapitulation vor dem Sachzwang des Ge-Stells. Diese Kolumne wird Spaziergänge auf den Schlachtfeldern der Moderne dokumentieren. Sie wird kriegsgeschichtliche Beispiele referieren, Operationspläne, taktische Skizzen, Munitionsreste und Waffensysteme sichten, Trümmer betrachten oder auch versprengte Stoßtrupps zu Wort kommen lassen.



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Ein Anthropologe und ein Archäologe sprechen ein Jahrzehnt lang darüber, was in den weitgehend unerforschten 30.000 Jahren vor unserer Zeitrechnung passierte. Genügend Möglichkeit also, Gegenden außerhalb des Ge-Stelles zu erkunden. Befruchtend wird solch ein Unterfangen dann, wenn die Fragestellung über die jeweiligen Fachgebietsgrenzen hinaus weist. Dies geschieht im Buch „Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit“, denn die Suche nach dem Ursprung der Ungleichheit treibt die Autoren Graeber und Wengrow um.


Die beiden Männer legen die Finger in manche Wunden und verwahren sich zunächst gegen Dichotomien à la: Naturvölker gegen Zivilisation, Jäger und Sammler gegen Siedler, Horde gegen Stamm, Unschuld gegen Bösartigkeit, Rousseau gegen Hobbes. Sie wollen sich entsprechend aus dem reduktionistischen Wissenschaftsspiel lösen, das gemeinhin vielschichtige Sachverhalte auf einzelne Aspekte reduziert. Hinter sich lassen sie damit auch das Phantasma: Fortschritt.


So weit, so gut, allerdings sind die US-Forscher – zumal bei diesem Thema – nicht frei von einer Art antiweißem „Wokeism“. Dieser Subtext sollte geduldig ausgeblendet werden, denn die Lektüre lohnt auch dort, wo ein haarsträubendes Verhalten der expansionistischen Spanier, Portugiesen, Franzosen oder Engländer ab dem 15. Jahrhundert Thema wird. Letztendlich zeigt sich in dieser Hybris während der Frühphase der Globalisierung nämlich bereits der Virus der universalistischen Moderne.


Ob das Duo richtig damit liegt, die europäische Aufklärung zur bloßen Folge der Begegnung mit überseeischen Indianern zu machen, sei dahingestellt. Aufschlussreich allemal sind in diesem Zusammenhang die „Jesuitenberichte aus Neufrankreich“, die im 17. Jahrhundert in Europa eifrig studiert wurden. Graeber und Wengrow liegen wahrscheinlich richtig mit der Einschätzung, dass heutige Leser sich eher mit dem Denken der Indianerstämme identifizieren, denn mit dem der Eroberer. Das liegt schlicht daran, dass individuelle Freiheit und verwurzeltes Leben in Gemeinschaften wie Traditionen im Einklang mit der Natur auf Gehorsam, Hierarchie, Zwang, Sünde und Strafe trafen.


„Wie kann es sein, dass die Europäer in der Lage sind, Reichtum in Macht zu verwandeln?“ (S. 82) Es wollte unter anderem den ostkanadischen „Wendat“ nicht in den Kopf, dass die Fremden ihren Führern nur deshalb gehorchten, weil diese mehr Zeug bzw. Geld angesammelt hatten oder größere Häuser bewohnten. Gegen den Strich gebürstet, sind diese Abschnitte deshalb bemerkenswert, weil solche Argumente im ideologischen Zeitgeistbetrieb als kulturpessimistisch und reaktionär eingestuft sein dürften, denn ein „Somewhere“ zu sein, stimuliert bei den hegemonialen „Anywheres“ die bekannten Pawlowschen Reflexe.


Zwischen 25.000 und 12.000 vor unserer Zeitrechnung lebten auch unsere indogermanischen Vorfahren in Eurasien nach Maßstäben der „Aufklärung“ zivilisations- und gottlos. Dass dies keineswegs gleichbedeutend mit unterentwickelt oder barbarisch ist, bemühen sich Graeber und Wengrow immer wieder zu betonen. Sie widersprechen explizit der These einer „Kindheit der Menschheit“, die suggeriert, wir wären nun fortschrittlicher oder gar besser. Die sog. Vormenschen stehen in den Augen der Autoren kognitiv wie intellektuell auf einer Stufe mit uns Heutigen.


Setzten wir einige Schlaglichter in den Kapiteln, in denen es um frühe Siedlungen, Stätten und Städte geht. Wiederholt begegnet dem Leser die These, dass bloßes Bewohnerwachstum bzw. eine Erhöhung von Komplexität nicht automatisch zu Regierungsmacht, Verwaltung, Staat und Militär – und damit individueller Unfreiheit – führen mussten. Die gewissermaßen anarchäologische Städtetour beginnt im 5. Jahrtausend vor null und geht über Türkei, Ukraine, Moldawien, Mesopotamien, das Indus-Tal, Mexico, Südamerika, Neuseeland bis nach China.


Grenzen und Tore waren seit jeher wichtig, um Siedlungsräume zu definieren und zu schützen. Zugehörig lassen sich in „vorzeitlichen“ Stätten stets auch Quartiere, Viertel und Plätze finden. Exponierte Gebäude, die im Sinne der Autoren auf manifestierte Ungleichheit schließen lassen, jedoch nicht. Die rund 7.000 Jahre alte Megastätte „Taljanky“ in der heutigen Ukraine hatte beispielsweise ein leeres Zentrum, während konzentrische Kreise die Straßen bildeten, über die rund 1.000 Häuser mit Steinfundamenten erschlossen waren. Die Haushalte funktionierten autonom und tauschten sich über Nachbarschaften von drei bis zehn Häusern aus.


Spannend erzählt ist die rund 5.000 Jahre alte Geschichte „Uruks“, einer Stadt, deren Name manchem Leser aus dem Gilgamesh-Epos bekannt ist. Keilschrifttafeln zeugen von mesopotamischen Bürgerversammlungen und Stadträten, die über die Maximen der Außenpolitik bis hin zu Stadterweiterungen abstimmten. Tempel gab es auch, allerdings in Allzwecknutzung als Wohn- und Werkstätten, Versammlungsorte, Lager bzw. Produktionsstätten für Milch, Wolle, Brot, Fisch oder Wein.


Man verfügte über einheitliche Verpackungssysteme und mittels akribischer Verwaltung war ein florierender Handel gewachsen, der wiederum ins Umland ausgriff. Diese sog. „Uruk-Expansion“ rief mit der Zeit Widerstand hervor und die freien Stämme bekriegten diese antike McDonaldisierung zentraler Lebensverhältnisse. Aus diesem Muster, so das Forscherduo, wuchsen nach dem Motiv David gegen Goliath entsprechende Heldentaten und in deren Folge die gegensätzlichen Herrschaftsformen Aristokratie und Zentralregierung.


Überraschend ist die Darstellung einer Art sozialen Wohnungsbaus im mexikanischen „Teotihuacan“. Diese Stadt blühte zwischen 100 vor und 600 nach unserer Zeitrechnung und ist uns durch den Sonnen-, Mond- und Schlangentempel bekannt. Transzendenz bildete also das Zentrum der 100.000 Einwohner und nicht etwa ein Königsparadigma. Graeber und Wengrow stützen sich in der Folge auf Esther Pasztorys These ab, wonach um das Jahr 300 herum ein „utopisches Experiment“ (S. 361) begann. Grabungsfunde zeigen tatsächlich einen Stadtumbau mittels Abwassersystemen, Mehrfamilienhäusern und Blockrandbebauungen. Es lässt sich in diesem Zusammenhang keine Zentralregierung nachweisen, wohl aber, dass soziale Unterschiede durch einen einheitlich hohen baulichen Lebensstandard ausgeglichen waren.


Es ließe sich noch viel Bemerkenswertes aus dem Buch referieren und wie stets: wo Licht ist, fällt auch Schatten. Dennoch gibt „Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit“ wichtige Anregungen: etwa, dass die französische/amerikanische Revolution die Bredouille nach sich zog, Zukunft planen zu müssen, dass zyklisches Handeln dem zielgerichteten überlegen sein kann, dass Innovationen nicht stets technologisch geschehen müssen, dass Städte oft die Orte bürgerlicher Experimente waren und auch, dass Herrschaft und Gehorsam – womöglich schlechte – Erfindungen sind.



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David Graeber/David Wengrow: Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit; Stuttgart: Klett-Cotta; 2022.




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Über den Autor:


Dr. phil. Christian J. Grothaus ist Autor und Kulturwissenschaftler. Bislang publizierte er für: Arch+, AIT, AZ/Architekturzeitung, bauwelt, Deutsche Bauzeitschrift, der architekt, Berliner Gazette, CHEManager, digital business, Faust-Kultur, green building, Mensch&Büro, Tabularasa, Technik am Bau, Laborpraxis, Pharma&Food, Pharmind, transcript-Verlag, Virtual Reality Magazin, Welt-Online, Wissenschaftliche Buchgesellschaft.





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