Christoph Ernst: SIEGE OHNE TRUPPEN - Der Anstoß (Take one)

Mitte August: Die Republik verharrt im Pandemie-Modus und wartet wie Estragon auf Godot auf die „zweite Welle“, die Hendrik Streeck kürzlich zur „Dauerwelle“ erklärt hat. Es herrscht Masken- und Abstandspflicht. Offiziell steigen Infiziertenzahlen ständig, obwohl kaum jemand erkrankt. Wurden im April noch etwa 3.000 Covid-Patienten intensivmedizinisch behandelt, so waren es Anfang des Monats gerade mal 229. Wir reden hier wohlgemerkt von Erkrankten, nicht von Toten. Die Zahl der Toten wird gar nicht mehr gemeldet, vermutlich, weil kaum noch einer der täglich etwa 2.500 Verstorbenen in der Bundesrepublik mit dem Virus in Zusammenhang gebracht werden kann. Seit Mai gibt es keinerlei „Übersterblichkeit“ mehr. Im Zuge der sommerlichen Hitze trocknet auch das Seuchengeschehen aus. Derweil schließen Geschäfte, verschleppen Betriebe Konkurse, nehmen psychische Probleme von Kindern und Alten rasant zu. Die Arbeitslosenquote liegt offiziell bei sechs Prozent, addiert man die 15 Prozent Kurzarbeiter, entsteht ein realistischeres Bild. Derweil druckt der Staat Geld und treibt mit der Verschuldung den Inflationsdruck hoch.


Sunzi oder Meister Sun, General und Philosoph, der vor rund 2500 Jahren unweit des heutigen Shanghai lebte, bemerkte in seiner „Kunst des Krieges“, der klügste Stratege sei der, der seine Feinde dazu brächte, sich selbst zu lähmen. Er zersetze ihre Moral und Willenskraft durch Zweifel und Zwietracht, verwirre ihre Sinne und ihren Geist. Dann bräuchte er keine Truppen mehr. Der Sieg falle ihm in den Schoß.

Dr. Merkel hat sich den Virus nicht ausgedacht, aber nutzt ihn äußerst clever, um die Öffentlichkeit von Wesentlicherem abzulenken. Immerhin jährt sich in Bälde das schicksalhafte Datum ihrer Grenzöffnung zum fünften Mal. Langsam wäre es an der Zeit, Zwischenbilanz zu ziehen und über die Erfolge und Schattenseiten ihrer Flüchtlingspolitik zu reden. Dazu kommt es nicht. Das Land ist mit Corona beschäftigt. Anders gesagt: Sie hält es damit beschäftigt.


Denn je mehr die Seuche saisonal abflaut, desto virulenter wird sie auf der politischen Bühne. Gerade hat Merkel Quarantänepflicht für Rückkehrer aus Risikogebieten angemahnt. Das sei ein „Muss“. Wer sich nicht daran halte, gefährde „massiv andere Menschen“. Werde in Bussen und Bahnen kein Mundschutz getragen, seien Bußgelder fällig. Angesichts „dramatisch steigender Infektionszahlen“ müsse die Regierung „die Zügel anziehen, um bei Corona nicht in ein Desaster reinzulaufen.“


Es wäre in der Tat ein Desaster für sie, wenn die Öffentlichkeit sich frei über die Sinnträchtigkeit der von ihr verordneten Corona-Maßnahmen austauschte, die wirtschaftlichen Folgen abklopfte und unterwegs auf die Idee käme, sich zu fragen, was ihre Zuwanderungspolitik dem Land denn so alles beschert hat. Deswegen habe ich den dringenden Verdacht, dass es nicht mehr lange dauert, bis sie „die Zügel anzieht“.

Die Kanzlerin ist Naturwissenschaftlerin. Sie beherrscht Prozentrechnung. Trotzdem spricht sie ständig von „steigenden Infektionszahlen“. Laut der Angaben des Robert-Koch-Instituts gibt es zwar absolut höhere Infektionszahlen, doch die gehen nach wie vor darauf zurück, dass mehr getestet wird. Setzt man die Zahlen in Relation zur Summe der Getesteten, sinkt die Quote, und es gibt anteilig deutlich weniger Infizierte als im Frühjahr. Aber aus rätselhaften Grund wird stets die Infiziertenzahl gemeldet und nie die dazu gehörige Vergleichsgröße.


Wenn zehn von hundert Äpfeln faul sind, sind zehn Prozent der Äpfel faul. Nimmt man 1000 Äpfel und davon sind 20 faul, so stellt das gegenüber den vorherigen zehn faulen Äpfeln eine reale Verdoppelung dar, also einen Anstieg um 100 Prozent. Das ist die Größe, die die Kanzlerin ständig beschwört. Zöge sie in Betracht, dass es sich nun nicht mehr um 100 Äpfel handelt, sondern um zehn Mal so viele, müsste sie zugeben, dass der Anteil der faulen Äpfel auf zwei Prozent geschrumpft ist.


Ähnlich verhält es sich mit den Infiziertenzahlen, die die meisten Medien so frag- wie klaglos kolportieren. Wobei die sogenannten Neuinfektionszahlen keine realen Infektionen sind, sondern lediglich die positiven PCR-Testergebnisse, die über die Viruslast und die Ansteckungswahrscheinlichkeiten wenig aussagen und gleichbleibend ein bis zwei Prozent falsche Positivergebnisse liefern. Testet man genügend Menschen und präsentiert die Resultate wie beschrieben, kommt man so theoretisch auch ohne einen einzigen echten Neuinfizierten zu einem Anstieg des Infektionsgeschehens.


All das weiß die Kanzlerin. Aber sie weiß auch, dass sie eine kritische Masse der Bevölkerung in Angst halten muss. Die Furcht vor Corona ist ihr derzeitiger Wechsel auf die Macht. Platzt der, platzt eine ganze Serie von Wechseln, die sie seit Jahren reitet. Dann holen die Geister ihres Gestern sie ein und die magische Welle, auf der sie surft, kollabiert.

Merkel denkt pragmatisch. Sie hat Physik studiert, nicht Geschichte. Geschichte hat sie nie interessiert. Sie beherrscht die ewigen Gesetze der Macht und hat früh gelernt, andere nicht merken zu lassen, dass sie ihre Schwächen durchschaut. So hat sie viele eitle Männer in den Staub geschickt. Der Einzige, an dem sie sich bisher die Zähne ausgebissen hat, ist der Rüpel aus Queens, der nun anstelle von Hillary im Weißen Haus sitzt. Den hat sie unterschätzt und so oft vor den Kopf gestoßen, dass er ihr Land nicht mehr als Verbündeten ansieht, was sich spätestens rächen dürfte, falls er sich nicht an die Prophezeiungen der deutschen Presse hält und die Wahl im Herbst doch gewinnt.


Auch 2015 hätten ihr etwas mehr Sinn für historische Dimensionen und etwas weniger Leichtfertigkeit nicht geschadet. Damals untertrieb Horst Seehofer, als er gegenüber dem Spiegel sagte: „Das war ein Fehler, der uns noch lange beschäftigen wird. Ich sehe keine Möglichkeit, den Stöpsel auf die Flasche zu kriegen.“


Für die Massenaufnahme kulturfremder Menschen gibt es kaum Beispiele. An­satzweise Ver­gleichbares spielte sich in der Endphase des Römischen Reichs ab, als die von Hunnen verfolgten Westgoten im Herbst des Jahres 376 als „Schutzsuchende“ über die Do­nau auf kai­serliches Territorium drängten. Die Goten entwickelten sich bald zur Plage für die Altbevölkerung. 410 plünderte Alarich Rom. Es war die erste Eroberung der Stadt nach 800 Jahren. Sie mar­kierte den Auftakt zum Ende römischer Herrschaft im westlichen Mittelmeerraum.


Seit Merkels Entschluss, das Experiment zu wiederholen, sind fünf Jahre vergangen. Inzwischen dürfte das friedensverwöhnte Deutschland gut drei Millionen Flüchtlinge aus der is­lamischen Welt aufgenommen haben. Keiner kennt ihre genaue Zahl. Aber die meisten sind junge Männer im wehrfähigen Alter.


Wenn es geht, sollte man Menschen in Not helfen. Doch ein reiches Gemeinwesen, das zu Lasten der eigenen Leute ohne ersichtlichen Vorteil den Zustrom frem­der Armer fördert und dabei auf je­den Anpassungsdruck verzichtet, verhält sich nicht großzügig, es gibt sich auf.

Die bisherige Bilanz ist gemischt: Terroratta­cken, Vergewalti­gungen und antisemi­tische Überfälle nehmen drastisch zu. Die Alteingesessenen sind verunsichert, die Behörden strukturell überfor­dert. Erstmals seit den frühen 1950ern gibt es eine parlamentarische Oppo­sition rechts der Union. Eu­ropaweit erstar­ken populistische Kräf­te. Die EU ist durch das Ausscheiden Großbritanniens deutlich ge­schwächt. Deutschland und Europa sind durch ein teu­res Flüchtlingsabkommen an die Türkei gekettet. Die Kanzlerin hat sie einem Despoten ausgeliefert, der ein neues osmanisches Reich errichten will, Christen verfolgt und Auslandstürken dazu auffordert, sich „an den Europäern zu rächen“, indem sie nicht drei, sondern fünf Kinder in die Welt setzen.


Das Land ist so zerrissen wie noch nie. Fünf Jahre „Willkommenskultur“ haben der Republik ihren inneren Halt geraubt und den republikanischen Geist zerstört. Sie ist noch rückgratloser geworden. Statt Selbstvertrauen und Respekt wüten Rechthaberei und konforme Gesinnung. Die Apostel der höheren Moral halten die geisteswissenschaftlichen Fakultäten besetzt, dominieren den Kulturbetrieb und sitzen in den Redaktionen. Nun erobern ihre selbst ernannten Aktivisten die Straße und attackieren die letzten Bastionen traditioneller Alltagskultur. Da Staat und Parteien ihre Stiftungen, Vereine und Initiativen systematisch gefördert haben, sind solch „soziale Bewegungen“ nicht bloß ein Aufsteigermodell für anderweitig Unbegabte, sie besitzen echte Macht.


Mit der aus den USA importierten Black-Lives-Matter-Bewegung gehen sie dazu über jeden zu attackieren, der ihnen auch nur widerspricht. Sie jagen Reaktionäre, Rechte und Rassisten, säubern die Sprache, stürzen Denkmäler und verfolgen alle, die den Kotau verweigern. Fokus ihres Zorns ist das Erbe alter, weißer Männer und damit der Kern ihrer eigenen Kultur, und diesmal riskiert der große Rest, dass der Selbstmord der europäischen Zivilisation gelingt.


Inspiriert werden die roten Garden von einer Phalanx akademisch gestählter Geistes- und Sozialwissenschaftler, die sich der Identitätspolitik verschrieben haben, von Klagestudien leben und die Gesellschaft in Unterdrücker und Opfergruppen zerteilen. Ihr wichtigster intellektueller Ziehvater dürfte Jacques Derrida sein, dessen Epigonin Judith Butler wir die Einsicht verdanken, dass Geschlechter bloß soziale Konstrukte sind, die dem Erhalt repressiver Machtstrukturen dienen.


2017 gab es in Deutschland 29 Institute und 250 Lehrstühle für Gender-Studies. Wo und an wie vielen Universitäten Virologie gelehrt wird, entzieht sich meiner Kenntnis, aber während man vielerorts biologische Zweigeschlechtlichkeit akademisch in Frage stellt, kann man gerade noch an 13 Einrichtungen etwas über die Hagia Sophia erfahren und Byzantinistik studieren. Derweil verlassen immer mehr Naturwissenschaftler die Republik, wie der Hirnforscher Nikos Logothetis, der das Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik in Tübingen räumt, nachdem er über Jahre von radikalen Tierschützern bedroht wurde. Logothetis wird künftig in Shanghai arbeiten, wo für ihn und sein Team ein neuer Campus entsteht. Damit schenken die deutschen Steuerzahler China eines der wenigen, weltweit führenden Forschungszentren, über das ihr Land noch verfügt.


Logothetis wäre lieber in Tübingen geblieben. Doch Dr. Merkels zuständige Ministerin, die ihm Steine aus dem Weg hätte räumen können, war anderweitig beschäftigt. Kein Wunder. Die Dame hat nie studiert, ist gelernte Hotelkauffrau und gläubige Katholikin. Angeblich lobt sie die Macht des Gebets.



***



Am 1. August demonstrierten in Berlin unterschiedliche Menschen friedlich gegen die seuchenschutztechnischen Einschränkungen. Die Organisatoren der Veranstaltung sprachen von mehreren hunderttausend Teilnehmern. Das Staatsfernsehen kam auf 17.000. Es charakterisierte sie als „Rechte“ und „Verschwörungstheoretiker“ und deutete an, dass die Dutzende der an diesem Tag verletzten Polizisten, die bei einer durch die „Antifa“ angezettelten Straßenschacht in Neukölln zu Schaden kamen, auf ihr Konto gingen. Der Spiegel bemerkte, die Demonstration habe unter dem Motto „Tag der Freiheit“ gestanden, was der Filmtitel eines Propagandamachwerks von Leni Riefenstahl ist. Dass das Motto auch in anderem Zusammenhang benutzt wird, etwa um das Kriegsende zu feiern, erwähnte er nicht.


Kurz vor der Kundgebung schlossen die Sozialdemokraten nach jahrelangem Hin und Her den früheren Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin aus ihrer Partei aus. Sarrazin, der 47 Jahre lang Mitglied der SPD gewesen war, vertritt kontroverse Thesen zur Einwanderungs- und Sozialpolitik. Sein 2010 erschienenes „Deutschland schafft sich ab“ zeigt die Schäden auf, die der Gesellschaft durch die Massenzuwanderung türkischer Muslime entstehen. Obwohl zahllose Kritiker das Buch heftig angriffen, traf es den wunden Nerv und wurde zum Bestseller.


Anfangs war auch ich ein glühender Sarrazin-Gegner. Als ich las, dass er auf Francis Galton zurückgriff, einen der Gründer der Eugenik, auf den sich spätere „Rassehygieniker“ beriefen, fiel bei mir die Klappe, und er rückte in die Nachbarschaft von Reinhard Heydrich. Ich sah ihn als Schreibtischtäter, der durch die Hintertür legitimer Zuwanderungskritik finsterste Nazi-Lehren zu rehabilitieren suchte. Mich hätte stutzig machen müssen, dass ich damit auf einer Linie mit der Kanzlerin lag, und der Groschen hätte spätestens fallen müssen, als mir eine türkische Journalistin erklärte, an seiner Analyse sei schon was dran.


Als ich ihn endlich las, musste ich innerlich laufend Abbitte leisten. Doch viel mehr erschrak ich im Nachhinein über die mutwillige Einseitigkeit der Rezensenten und meine eigene Bereitschaft, mich blindwütig auf die Seite des intellektuellen Lynchmobs zu schlagen.

Inzwischen bewundere ich Sarrazin für seinen Mut, garstige Wahrheiten auszusprechen und sich als Einzelner gegen die Meute der Realitätsverweigerer zu stellen. Ich kann sogar verstehen, wieso er sich an seine verlorene politische Heimat klammert, um die Luschen in der Partei als personifizierte Irritation an eine andere Art Sozialdemokratie zu erinnern.

Der SPD laufen die Wähler davon. Deshalb rollt sie seit Jahren islamischen Fundamentalisten den roten Teppich aus. Die Profilneurotikerin Sawsan Chebli darf sich auf Kosten des regierenden Bürgermeisters von Berlin in den Vordergrund spielen. Unterdessen moderiert die schmallippige Parteivorsitzende die Fusion mit der Linkspartei an, was bei mir Assoziationen an Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl weckt. Die vermählten 1946 im sowjetischen Sektor die KPD und die SPD zur Sozialistischen Einheitspartei. Sozialdemokraten, die gegen die Zwangsehe waren, landeten in „Speziallagern“.

Ich entsinne mich der zartbitteren Ironie eines älteren jüdischen Sozialdemokraten: Den hatten die Nazis als politischen Häftling in Buchenwald eingesperrt. Anfang April 1945 war er von den Amerikanern befreit worden, um fast auf den Tag genau zwölf Monate später wieder in derselben Baracke zu landen, diesmal auf Betreiben der Kommunisten, mit denen zusammen er ein Jahr zuvor noch beim Appell gezittert und auf fauligen Strohsäcken Läuse geknackt hatte.


Kurz nach Sarrazins Rauswurf wurde der Nationalspieler Joshiko Saibou fristlos von seinem Bonner Basketball-Verein entlassen. Saibou hatte gemeinsam mit seiner Freundin Alexandra Wester in Berlin gegen die Corona-Beschränkungen demonstriert. Nun warf der Verein ihm vor, die Abstandsregeln verletzt zu haben. Damit setze Saibou gezielt die Gesundheit seiner Mitspieler aufs Spiel.


Wenige Wochen zuvor hatten vielerorts Black-Lives-Matter-Kundgebungen stattgefunden, bei denen die Seuchenschutzauflagen ähnlich krass missachtet wurden. Auch daran nahmen Sportler und Prominente teil. Keiner von denen, die dort ihr Gesicht zeigten, bekam anschließend Ärger. Im Gegenteil. Sie wurden öffentlich für ihre „Zivilcourage“ gelobt. Teils von eben den Leuten, die nun ein „Superspreading“ herbeireden und Demonstrationsverbote fordern. Doch bei Saibou und Wester schlägt die Empörung Wellen. Das bedeutendste Boulevardblatt nennt sie die „Alu-Hut-Träger des deutschen Sports“.

Pikanterweise haben sowohl als auch Migrationshintergrund. Beide wirken frisch, jung und sympathisch. Optisch entsprechen sie dem Idealtypus des neuen, bunten Deutschen, auf den die Interkulturalitäts-Fans und Werbefritzen stehen. Bis zu ihrem Corona-Fauxpas winkte ihnen eine lecker dotierte Karriere als Vorzeigepärchen in Talk-Runden des Mulitkulti-Zirkus. Jetzt sind sie mit einem Mal die fleischgewordene Verkörperung zugewanderter Beschränktheit. Niemand wagt das toxische N-Wort zu benutzen, aber unausgesprochen schwingt es mit.


Das wirkt auf mich wie Sarrazin reloaded, bloß unter etwas anderen Vorzeichen. Hier geht es nicht um religiöse Abschottung, Bildungsferne und Integrationsfeindlichkeit. Im Gegenteil. Saibou und Wester sind quasi überintegriert. Sie benehmen sich viel zu deutsch und mehrheitsnormal.


Denn der Zorn der Aufrechten entzündet sich daran, dass zwei Modellexemplare des demografischen Utopia sich erdreisten, die migrationsfreundliche Kanzlerin zu kritisieren. Wenn die Lichtgestalt, die das Land für sie so schön multikulturell macht, der Öffentlichkeit erklärt, der Virus sei böse, dann haben sie das gefälligst fraglos zu bejahen. Sonst fallen sie ihr in den Rücken und stärken diejenigen, die nicht nur ihren Corona-Kurs in Zweifel ziehen. Gehen Saibou und Wester mit solchen Subjekten gemeinsam auf die Straße, laufen sie quasi zum Klassenfeind über, respektive zum Rassenfeind. Ebenso gut könnten sie einen Aufnahmeantrag beim Ku Klux Klan stellen.


Wären Saibou und Wester lieb, würden sie sich brav ins linke Farbschema einsortieren und artig die ihnen zugedachte Rolle als Opfer des „strukturellen Rassismus“ spielen. Dass sie stattdessen lieber selbstbewusst und farbenblind gegen den bevormundenden Staat antreten, macht sie zu Verrätern am Kampf für die „Sache“, womit sie automatisch ihren Schutz- und Mündelstatus verlieren und man sie wieder nach Herzenslust in die Schublade „blöde Neger“ packen darf.

Denn - frei nach Hermann Göring - wer Neger ist, bestimmt immer noch die antirassistische Linke.



***



2020 zerfällt das Land in zwei Lager. Die, die sich für moralisch gediegen, tolerant und weltoffen halten, finden es wunderbar, dass die Kanzlerin die Republik nach der Melodie des Königsberger Chorals „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ in ein globales Willkommensdorado verwandelt. Sie machen keinen Unterschied zwischen Bewohner und Bürger. Nationalitäten sind Quatsch und Grenzen überflüssig. Wer in Deutschland lebt, hat ein Recht auf Teilhabe. Auch wenn er aus Eritrea kommt und noch nie einen Cent in die Sozialkassen eingezahlt hat. Das ist ihm das reiche Europa schuldig. Allein wegen seiner Geschichte. Wer das anders sieht, weil er Wert auf die eigene Kultur legt und die gern für künftige Generationen bewahren würde, denkt rückwärtsgewandt und völkisch.

Je mehr Fremde die Regierung ins Land holt, desto lauter frohlocken sie, während die Wut derer, die sich beiseite geschoben, ausgegrenzt und enteignet fühlen, wächst. Denen ist die Geduld schon lange ausgegangen und sie haben keine Lust mehr, sich weiter unterbuttern zu lassen. Insofern entfaltet sich da ein echter, immer härter werdender Kulturkampf.

Die moralisch Gediegenen sind in der Unterzahl, aber sie kontrollieren die Schaltstellen der Macht. Sie haben erfolgreich den langen Marsch durch die Institutionen absolviert, sind die neue Elite, stellen die Regierung und den Staatspräsidenten, dominieren Medien, Universitäten, Justiz und einen Gutteil der Behörden. Ihr einziges Manko ist: Das Volk geht ihnen von der Fahne. Es spielt nicht mehr mit. Dem großen Lümmel dämmert, dass er kurz gemacht werden soll, und die, die ihn eigentlich schützen sollten, ihn gerade für sein eigenes Lebendbegräbnis zur Kasse bitten.


Abraham Lincoln soll mal bemerkt haben: „You can fool all the people some of the time – and some people all of the time – but you cannot fool all the people all the time.” Zeitweise kann man alle Leute erfolgreich anlügen, und einige lassen sich immer anlügen, aber niemals alle. 

An der Stelle kommt Corona ins Spiel. Eine wie vom Himmel gefallene Pandemie, die es unfähigen Regierungen weltweit ermöglicht, von den dramatischen Folgen entfesselter Geldmärkte und globaler Umverteilung abzulenken. Die nutzt auch die Kanzlerin, weil ihr mehr als nur ein ernüchternder Kassensturz droht. Deshalb beschwört sie die grauenhaften Gefahren der Seuche. Sie muss eine kritische Masse in Angstlähmung halten, sonst dämmert den Bürgern, dass ihnen eine weit größere Gefahr droht, die sie selbst als Hauptverantwortliche so gezielt wie mutwillig heraufbeschworen hat.


Denn obwohl die Führer des Weltwirtschaftsforums und die sie begeistert unterstützenden Willkommensfreunde islamische Zuwanderung großartig finden, spaltet kulturfremde Migration nicht bloß die deutsche Gesellschaft, sondern den gesamten Kontinent. Mittelfristig zerstört sie Europa und begräbt die freien Gesellschaften unter sich. Schon in weniger als drei Generationen dürfte unsere 2000 Jahre alte jüdisch-christliche Tradition Geschichte sein.


Ursächlich dafür sind verschiedenste Faktoren, aber der eine, alles entscheidende Grund ist die fundamentale Inkompatibilität von Islam und westlicher Moderne. All das, was das Europa ausmacht – Individuum, Glaubensfreiheit, Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit – ist in christlicher Denktradition verwurzelt und dem orthodoxem Islam nicht bloß wesensfremd, sondern zutiefst zuwider. Deshalb müsste theoretisch jeder Muslim, der langfristig in Europa leben will, seine religiöse Identität aufgeben und sich von der zentralen Idee seiner islamischen Identität verabschieden: Dass die Doktrin des Propheten die einzig wahre, gottgegebene Lehre ist und über die gesamte Welt zu herrschen hat. Er müsste Toleranz üben und sich säkularen Prinzipien unterwerfen. Doch in eben der Sekunde, wo er das täte, wäre er kein Muslim mehr, sondern ein Renegat. Es wäre die Pflicht eines jeden braven Rechtgläubigen, ihn für sein Verbrechen mit dem Tod zu bestrafen.

Genau da liegt die Crux.


Es gibt Muslime, die sich nach unserer Art Freiheit sehnen und eben deshalb zu uns kommen. Sie achten den Wert des Einzelnen und setzen auf das Versprechen von Glaubens- und Gewissensfreiheit. Sie respektieren, dass andere anders denken, bejahen Unterschiede und fürchten sich nicht vor Skepsis. Diese Menschen passen hervorragend nach Europa. Gerade als reflektierte Muslime. Aber sie sind in der Minderheit.


Der große Rest hat vermutlich noch nie über Religiosität nachgedacht. In Europa trifft ihn der Schock der Fremde, und er ist mit der Gottlosigkeit der Ungläubigen konfrontiert. In Anatolien mag Religion für ihn keine Rolle gespielt haben. Bei uns tut es das, weil ihm schmerzlich bewusst wird, wie anders er ist. Was er an Werten, Sitten und Normen mitbringt, hat hier keine Gültigkeit. Er sehnt sich nach vertrauten Regeln, und der Klang der Heimat ist nun mal der Ruf des Muezzins.


Dummerweise vertragen Scharia und Grundgesetz sich ungefähr so gut wie Öl und Wasser. Deshalb entstehen überall islamische Parallelwelten. Darum sind religiöse Zuwanderer auch nach 60 Jahren nirgends integriert, egal ob in Bradford oder Brüssel, Malmö oder Marseille. Das liegt nicht an der Fremdenfeindlichkeit der Europäer, sondern an der Ausschließlichkeit der mitgebrachten Religion, die vom Charakter her auf Dominanz und Unterwerfung angelegt ist. Folglich fühlt sie sich überall zurückgesetzt und „beleidigt“, wo nicht ihre Spielregeln gelten oder eine Extrawurst für sie gebraten wird. Deshalb nutzt es wenig, wenn man gläubigen Muslimen Pässe in die Hand drückt und sie zu Staatsbürgern erklärt. Sie bleiben Bewohner. In Bürger verwandeln sie sich höchstens, wenn sie Ansprüche an den Staat haben.


Diejenigen, die Europa dankbar sind und sich freuen unter uns leben zu dürfen, sind die Ausnahme, aber nur diese Ausnahme passt zu uns. Alle anderen verharren bestenfalls in ständiger Loyalitätsschizophrenie. Darum ist es auch widersinnig, jemandem aus Iran oder der Türkei die doppelte Staatsbürgerschaft anzutragen. Niemand kann zugleich der islamischen Republik treu sein und das Grundgesetz verteidigen.


Eben das macht den Unterschied zwischen Bewohner und Bürger aus. Bewohner sind neutral. Bürger treten für ihr Land ein, wenn es bedroht ist. Sie sind bereit, dafür zu kämpfen, und natürlich haben sie ein Recht darauf, das nicht neben Leuten zu tun, deren Herz woanders schlägt und die sie im Regen stehen lassen, wenn es hart auf hart kommt. Ihr Status ist ein Privileg, das nicht bloß Rechte beinhaltet, sondern auch Pflichten. Es verlangt Loyalität und zwingt mitunter zu Opfern. Letztlich gilt da seit jeher die Regel: Die Freiheit des Einzelnen wird mit dem Leben erkauft, das er notfalls für das Wohl der Gemeinschaft einsetzt.


Zugehörigkeit hat einen Preis. Hintergrund oder Hautfarbe spielen dabei keine Rolle. Entscheidend ist die Haltung. Es gibt echte Unvereinbarkeiten. Die sind nicht relativ, sondern elementar, und sie legen den Einzelnen fest. Das sollten auch Kulturrelativisten endlich mal zur Kenntnis nehmen. So viel Realitätssinn muss sein. Weigern sie sich weiterhin, die Kröte zu schlucken, weil die ihr Weltbild zum Einsturz bringt, machen sie sich zu den Totengräbern der eigenen Zivilisation.


Der Gegensatz zwischen Orient und Okzident ist weit älter als das Christentum, und der jetzige Konflikt ist so alt wie der Islam. Kein noch so fester Glaube an den Relativismus von Kulturen wird daran etwas ändern, solange der Islam selbst sich nicht ändern will.

Dass er das in absehbarer Zeit nicht tun wird, hat Recep Tayyip Erdogan gerade wieder gezeigt, indem er die Hagia Sophia erneut zur Moschee machte. Damit kündigte er das gemeinsame Kulturerbe auf und gab den Christen eine schallende Ohrfeige.

Am Ende sind wir alle Kinder unserer jeweiligen Prägung. Säkularisierte Mentalität und liberaler Geist lassen sich nicht erzwingen. Einige Muslime passen hervorragend nach Europa, aber die allermeisten sind besser in einem der knapp 60 Länder aufgehoben, deren Bevölkerung überwiegend muslimisch ist. Denn wo immer tolerante Kulturen Fundamentalisten mit Duldsamkeit begegnen, besiegeln sie ihr eigenes Schicksal.



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