Dörthe Lütjohann: DAS SPALTPRODUKT DER HÄSSLICHEN GEFÜHLE

Wie tief und zerstörerisch der Riss in unserer Gesellschaft inzwischen geworden ist, lässt sich am Phänomen der hässlichen Gefühle ermessen, die sich immer deutlicher auf beiden Seiten des Grabens herauskristallisieren, je erbitterter die Feindschaft zwischen den Gegnern der Impfpflicht und denjenigen wird, die das Impfen als ein Gebot der Solidarität betrachten.


Wir haben allen Grund zur Annahme, dass dem jeweiligen politischen Gegner inzwischen insgeheim Krankheit oder gar Tod an den Hals gewünscht wird. Solche Gefühle gehören wie Neid und Eifersucht zu den Schamteilen unserer Psyche und werden höchstens unter Kampfgenossen ausgetauscht und eingestanden, sofern sie nicht gänzlich in den hintersten und dunkelsten Kammern der Seele versteckt werden. Sie sind quasi der radioaktive Abfall des Spaltprozesses unserer Gesellschaft und man wird über die Möglichkeiten einer sicheren Endlagerung nachdenken müssen, denn diese Gefühle haben die Qualität, die gesamte Umwelt der Überlebenden der derzeitigen gesellschaftlichen Katastrophe für lange Zeit zu kontaminieren.


Es wird im Lager der aus Solidarität Geimpften nicht wenige Menschen geben, die den sogenannten Schwurblern und Aluhüten eine Coronaerkrankung wünschen. Man wünscht dem Gegner womöglich gar einen schweren Verlauf, bei dem selbst die Belegung eines Intensivbettes notwendig wird. Als lediglich Aus-Gründen-der-Solidarität-Geimpfter, wäre man sogar bereit, einem querdenkenden unbelehrbaren Verwandten, Kollegen oder Nachbarn ein solches Intensivbett zu überlassen, auch wenn man sich unter dem Vorwand, das Gesundheitssystem entlasten zu wollen, hat impfen lassen. Man würde dem Gegner vermutlich eine Zwangsbeatmung gönnen, seinen Tod billigend in Kauf nehmend, nur damit der Beweis erbracht werden könnte, dass es sich eben nicht um eine falsche Pandemie handle. Das Argument des Einzelfalls, der nur geringe Beweiskraft besitzt, wäre in diesem Fall zu vernachlässigen, denn der Exitus wäre insofern totschlagender Beweis, als zumindest dieser Gegner nichts mehr erwidern könnte.


Doch auch auf der anderen Seite wird es Seelen geben, in denen es nicht weniger schwarz aussieht, wenn auch weniger heuchlerisch, da die Argumentation hier in der Regel keine moralisierende ist. Diese Seite kennt ganz ähnliche Gefühle. Man lauert auf die Impfnebenwirkungen beim Gegner und freut sich insgeheim, wenn frisch Geboosterte trotzdem an Corona erkranken. Man mag dem einen oder anderen politischen Gegner wünschen, eine Myokarditis als Impfnebenwirkung nur gerade so eben zu überleben, um ihn als lebenden Beweis der eigenen Annahmen an Herzinsuffizienz leiden zu sehen. Vielleicht schwelgt man sogar in der Vorstellung, das Guillain-Barré-Syndrom könne eine nicht nur vorübergehende Nebenwirkung sein.


Die Statistiken der Impftoten und Impfnebenwirkungen werden genauso lüstern betrachtet, wie die Gegenseite die Intensivbettenbelegung und die Zahlen der „An-oder-mit-Corona-Verstorbenen“ checkt und man hofft zuweilen gar, dass sich das ein oder andere zwischenmenschliche Problem auf diese Weise ganz von selbst lösen wird.


Doch die Statistiken werden immer schwerer lesbar. Opfer lassen sich nicht mehr so offensichtlich und eindeutig einer der beiden Seiten zuordnen. Man erfährt nicht, ob die an Corona Verstorbenen geimpft oder ungeimpft waren. Auch bei denen, die an einer Myokarditis sterben, würde man gerne nachfragen: „Geimpft oder ungeimpft?“ Ganz abgesehen davon ist die Mortalität der Menschen auf die gesamte Lebenszeit hochgerechnet natürlich immer 100%. Wir alle werden sterben, doch in Würde zu sterben, ist schwieriger geworden. Für jede der beiden Seiten gibt es nun Todesursachen, die mit äußerstem Gesichtsverlust verbunden wären, zumal ein jeder inzwischen berechtigt scheint, des Anderen Impfstatus abzufragen. Für einen „Aus-Solidarität-Geimpften“ wäre es natürlich eine Schmach, an einer Impfnebenwirkung zu sterben oder gar an Corona und dabei ein Intensivbett belegen zu müssen. Es wäre deutlich besser für die Glaubwürdigkeit des eigenen Narrativs, das Leben wegen einer aufgeschobenen Operation lassen zu müssen. Auch eine Leberzirrhose aufgrund von Alkoholmissbrauch oder ein Nierenversagen aufgrund einer erworbenen TypII-Diabetes wären wahrscheinlich immer noch wünschenswerter, als Opfer einer Impfnebenwirkung zu werden. Selbst ein Lungenkarzinom nach jahrzehntelangem Zigarettenkonsum müsste immer noch einem plötzlichen Herztod direkt nach der Boosterimpfung vorgezogen werden.


Wohl nur wenige der „Aus-Solidarität-Geimpften“ kämen auf die Idee, dass diese Todesursachen ihre Argumentation ad absurdum führen könnten. Wäre ihnen klar, dass all dies Folgen eines unsolidarischen Lebensstils sind, hätten sie sich sicherlich nicht aus Solidarität impfen lassen. Sie hätten zuerst gefordert, dass die Adipösen aus Solidarität abnehmen und die Raucher aus Solidarität mit dem Rauchen aufhören, bevor sie sich einem medizinischen Eingriff mit ungewissen Folgen unterziehen, denn diese belasten das Gesundheitssystem in viel höherem Ausmaß, als ein Virus mit einer Letalität im niedrigen einstelligen Promillebereich es jemals könnte.


Man sollte vielleicht fairerweise davon ausgehen, dass es sich bei dem Impfen-aus-Solidarität nicht immer um die Schönfärberei einer Kapitulation vor den staatlichen Zwangsmaßnahmen handelt. Sicherlich könnte man das in einem Zusammenhang bringen, da diese Argumentation erst im Zuge der immer unerträglicher werdenden Einschränkungen für Ungeimpfte fruchtbaren Boden fand. Doch wir wollen davon ausgehen, dass es tatsächlich auch Menschen gibt, die sich aufgrund des Gebots der Nächstenliebe impfen lassen, so wie es der Landesbischof der Evangelischen Kirche Bedford-Strohm seinen Schafen empfahl. Das Gebot der Nächstenliebe findet in der Bergpredigt in dem Gebot der Feindesliebe und dem Gebot, dem Bösen nicht zu widerstehen, eine Erweiterung. Vielleicht meinte Bedford-Strohm doch eher, „Wenn dich einer in deinen rechten Arm sticht, dem biete auch den anderen dar…“ Für einen richtigen Christen wäre natürlich das Sterben an einer Impfnebenwirkung und auch des Sterben an Corona trotz Impfung nicht kompromittierend, denn sein Motiv hätte doch auch die reine Feindesliebe sein können.


Die Impfpflichtgegner, diese Schwurbler und Aluhüte, haben es mit dem Sterben in Würde etwas leichter. Sie müssen lediglich hoffen, nicht an einer Coronainfektion zu versterben, da dies inzwischen immer wieder fast hämische Erwähnung in der Presse findet, wenn es einem einigermaßen prominenten Gegner widerfährt. Selbst von einem Meteor erschlagen oder von einem Alien entführt zu werden, täte ihrer Würde noch keinen Abbruch. Da die Wahrscheinlichkeiten hierfür jedoch noch einmal deutlich geringer sind als die, an einer Coronainfektion zu versterben, müsste ein kühler Kopf sich schon aus allein diesem Grund eher für eines der Schwurblernarrative entscheiden.


Man muss sich darüber klar werden, was sich innerhalb kürzester Zeit in unserer Wahrnehmung und Empfindung verändert hat: Das ganz normale Sterben, selbst das im hohen Alter, das bislang als ein Sterben aus Altersschwäche oder als natürlicher Tod betrachtet wurde, wird nun mit einem diffusen Empfinden oder dem Vorwurf von Schuld verbunden. Es gibt nun bei jedem Todesfall eine Frage, die alle interessiert, die aber nur die ganz Unerschrockenen noch zu stellen wagen. Es ist nicht die Frage nach der Todesursache, die auch immer widerwilliger beantwortet wird, sondern die Frage „War er geimpft?“, denn die Antwort auf diese Frage hilft bei der Klärung der neu aufgetauchten Schuldfrage, für die jede der beiden Seiten ihre eigenen Bewertungskriterien hat.




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Über die Autorin:


DÖRTHE LÜTJOHANN, geb. 1966; Studium und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Freiburg. Magistra der Politikwissenschaft und Ethnologie. Lesende und freidenkene Hausfrau sowie Mutter dreier Kinder.


Beiträge von Dörthe Lütjohann finden sich etwa in den TUMULT-Ausgaben vom Winter 2017/2018 oder vom Winter 2021/2022.






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