Frank Böckelmann: KEINE SELBSTRECHTFERTIGUNG! (Grußwort zum Jahresbeginn 2019)

Aktualisiert: 8. Jan 2019

Nicht auf den weidlich bekannten Verleumdungs- und Ausgrenzungsmechanismen des Justemilieu liegt das eigentliche Hauptaugenmerk in Frank Böckelmanns Neujahrsgruß, sondern auf der subtileren und verfänglicheren, weil demonstrativ unsouveränen Binnen-Abgrenzung innerhalb der Opposition.

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Es war eine Zufallsbegegnung auf der letzten Frankfurter Buchmesse. Beim Bummeln durch die Hallen fing ich den entgeisterten Blick eines alten Stuttgarter Freundes ein. Vielleicht zehn Jahre hatten wir uns nicht gesehen; der Schreck ermannte ihn zur Offenheit: »Mensch, Frank, dass du so rechts geworden bist!“ – »Was meinst du mit ›rechts‹?« – »Na, völkisches Denken! Verrat am Gleichheitsprinzip! Die Menschenverachtung! Die Ergebnisse der Aufklärung auslöschen wollen. Ausgerechnet du musst mit diesen Hetzern 'rummachen!«

Sein Abscheu weckte meinen Selbstbehauptungseifer. Ich bot meine ganze Redlichkeit auf, um ihm zu zeigen, dass ich der alte aufgeschlossene Verständnisathlet geblieben sei. Ein Schwall von Rechtfertigung ergoss sich in das vertraute Gesicht: »Unsinn! Niemand fällt hinter die Aufklärung zurück. Wie denn? Aber ihre Leitideen werden seit Jahrzehnten verramscht. Nur noch Floskeln. Völkisch? Was soll das? Wo denn …? Zeig mir einen einzigen Satz …! Diese Gleichheitsfanatiker sind die wahren Menschenfeinde! Das Gerede von Toleranz und Vielfalt ist eine Schleife aus den achtziger Jahren. Bist du auch so ein Fossil? Abgefüllt und zugeschraubt … einer von diesen liberalen Windbeuteln?«

Aber NEIN! Nichts dergleichen sagte ich. Es lag mir auf der Zunge, aber ich schaffte es, an mich zu halten. Ich brachte ein gequältes Grinsen zustande, nickte dem Bedauernswerten zu und trollte mich. Diese Gesichter, liebe Freunde, die uns anstarren, als hätten sie uns in flagranti bei obszönen Handlungen ertappt, gilt es auszuhalten und unsererseits eingehend zu betrachten. Askese!

Zugegeben – Begegnungen wie diese tauchen uns in die Atmosphäre eines Horrorfilms. Da werfen sich täuschend echte edle Seelen in Pose und erwarten im Namen der Menschlichkeit von Delinquenten, denen sie überhaupt nicht zuhören, Zerknirschung und Buße.

Spätestens seit Dezember 2015 ist die Vierteljahresschrift TUMULT das Objekt pathetischer Verdammungsurteile. Man hat in ihr »deutschnationale Propaganda« und »dumpf-völkische Pamphlete« ausgemacht – und völlig sinnlos bat die Redaktion anfangs um ein einziges kleines Beweisstück (obwohl sie doch wusste, dass die aufgeflammte Feindseligkeit eine Lektüre der inkriminierten Texte ausschloss). TUMULT wird jetzt bisweilen »neurechtes Zentralorgan« genannt. Ich selbst bin zum »rechtsradikalen Publizisten« mutiert. »Der menschenverachtende Charakter zahlreicher Beiträge«, doziert die Amadeu Antonio Stiftung, »wird an folgenden Beispielen deutlich: ›Verwandtenehen – Muslimische Inzucht und Behinderung‹ von Astrid Nestvogel und ›Die Rache der Ausgetauschten‹ von Adórján Kovács.«

Diese Anwürfe sind in mehrfacher Hinsicht gegenstandslos. Sie sind nicht einfach nur falsch und grotesk (und verkehren die Thesen mancher Artikel ins Gegenteil), sondern entbinden den Inquisitor zugleich von der Pflicht zur Prüfung. Darüber hinaus ignorieren sie Darstellungen, in denen vom Gesinnungsterror selbst, von der krakeelenden »Antifa«, die Rede ist (etwa von der Gaukelei mit den Plastikwörtern »links« und »rechts« und von der Möglichkeit, auf zeitgemäße Weise reaktionär zu sein), und sie beugen Entgegnungen vor. Der »Kampf gegen rechts« wird in einer fast perfekten Echokammer geführt. Verteidigung gegenüber solch selbstgenügsamer Diskriminierung ist ebenso sinnlos wie unangebracht.

In der regulierten Öffentlichkeit der großen Telemedien und Zeitungen wiederum zeugt die gehässige Sprachregelung mittels Etiketten wie »nationalistisch«, »rechts« = »rechtsextrem«, »rechtspopulistisch«, »rassistisch« oder »ausländerfeindlich« von der Unleidlichkeit der »Liberalen« – derer, die Chancengleichheit predigen und Angleichung betreiben und hinter dem Banner der Vielfalt die Selbstbeharrung des in Jahrhunderten Herangewachsenen schlechtreden. »Immer mehr Menschen ziehen sich zurück unter ihresgleichen, zurück in die eigene Blase, wo alle immer einer Meinung sind – auch einer Meinung darüber, wer nicht dazugehört«, klagte Bundespräsident Steinmeier in seiner Weihnachtsansprache. Im Sinn hatte er dabei aber gewiss nicht die mit öffentlichen Mitteln genährte und nahezu erfahrungsdichte Gesinnungsblase, in der er selbst amtiert, sondern den »Lärm« und die »Empörung« jener, die sich gegen den kulturellen Erdrutsch stemmen. SIE sollen gefälligst aufhören zu »giften« und häufiger mit Besserwissern sprechen. »Wir müssen wieder lernen zu streiten, ohne Schaum vorm Mund«, verlangt Steinmeier – »zu streiten« aber wohl in der dafür vorgesehenen Streitsprache …

Jeder unserer Autoren, Mitarbeiter, Vereinsmitglieder, regelmäßigen Leser hat im beruflichen, sozialen und familiären Alltag bestimmte Verhaltenstechniken entwickelt, mit denen er den massiven, oft existenzbedrohenden Anpassungsdruck aushält, ablenkt oder mindert – auf sich allein gestellt oder im Schulterschluss mit Konsorten, schweigend oder im Dauerkonflikt, geduldet oder beargwöhnt. Irgendwie durchkommen, heißt die Devise. So gut wie überall, besonders zermürbend aber im öffentlichen Dienst, wo das Gros unserer Autoren tätig ist, nutzen die Befürworter des globalen Migrations-, Gender- und Inklusionspakts das moralische Übergewicht, das sie als Nachbeter erschöpfter Fortschrittsformeln geerbt zu haben glauben. Der moralische Rückenwind macht sie arrogant und unduldsam gegenüber den Widerspenstigen. Letztere sehen sich von vornherein in der Defensive. Bei allen Hochschullehrern, sonstigen Wissenschaftlern, Publizisten, Ärzten, Dichtern, Lektoren, die für TUMULT schreiben, inklusive Privatgelehrten und Unternehmern, die sich arrangieren müssen (etwa mit Anteilseignern), spüre ich im Gespräch das Verlangen nach Rechtfertigung – haben die meisten von ihnen doch jene zu Parolen verkommenen »freiheitlichen Werte« selbst einmal hoch geschätzt und hängen ihnen immer noch nach. Wer strebt nicht nach Anerkennung? Wer ist so souverän, dass er üble Nachrede und subtile Mitmachzwänge nicht fürchtet?

Die unter Druck Geratenen entlasten sich dann oftmals durch harte Kritik an öffentlichen Auftritten der Protagonisten ihrer eigenen politischen Positionen. »Was die AfD heute im Bundestag geboten hat, war ja peinlich! Das Thema war doch eine perfekte Vorlage. Wieder eine Gelegenheit verpasst, die ganze Bande Mores zu lehren!« Der Protegé erwartet gebieterisch machtvolle Darbietungen seiner Vorkämpfer, auf dass die eigene diskriminierte Auffassung endlich rehabilitiert werde …

Liebe Freunde, geben wir ein Zeugnis für hartnäckige Zugehörigkeit, streiten wir nach Herzenslust, aber rechtfertigen wir uns nicht auf eine Weise, die um die Nachsicht des Gegners wirbt. Er ist nicht großzügig, sondern gleichgültig – und erbittert gegen jedermann, der die Gleichgültigkeit aufkündigt. Streiten wir, aber moralisieren wir nicht, denn die Übernahme des Jargons der Entgrenzung, auch im Sinne einer immanenten Kritik, macht bestechlich. Wie heißt es so schön im kommunistischen Kampflied »Roter Wedding« von 1929: »Wir betteln nicht mehr um Gerechtigkeit. / Wir stehn zum entscheidenden Angriff bereit / zur Vernichtung der Bourgeoisie

Eine beliebte Art, Abbitte zu leisten, ist die Abgrenzung gegenüber Personen, mit denen wir nicht (ganz) übereinstimmen, obwohl wir ihnen häufig zugeordnet werden. Man schlägt dem Gegenüber bzw. der Gesprächsrunde eine taktische Allianz auf Kosten des schwarzen Peters vor. Ist es ein Journalist, der die Abgrenzung nahelegt, wird er sie im nächsten Gespräch zur Hauptsache machen. Die Abgrenzerei (das, was der Wiener meint, wenn er sagt: »der putzt sich ab«) ist stets verhohlene Kumpanei mit dem Machthaber. Sie ist grundsätzlich unnötig, denn es gibt immer Wege, auf Spaltungsversuche offensiv zu reagieren, indem man die eigene Sicht der Dinge präzisiert und die Anschwärzung unterlässt.

Die Exekutoren der hegemonialen Sprachregelung denken gar nicht daran, sich auf offene Auseinandersetzungen mit Gezeichneten (»Rechten«, »Populisten«) einzulassen – ihre Art von konsequentem Schlagabtausch beginnt und endet mit der Berufung auf das aus ihrer Sicht Unanfechtbare. Sie sitzen auf dem hohen Ross und warten darauf, dass die Lage sich normalisiert: das Ärgernis der Fundamentalopposition per Einwirkung von Schwerkraft (»wir sind mehr«) verdunstet. Sie warten nicht auf die Darlegung unserer Skrupel, denn sie pflegen ihr Feindbild selbst zu zeichnen und nach Bedarf zu retuschieren. Wenn Abtrünnige um ihre verlorene Ehre kämpfen, nimmt der tonangebende Mainstream dies – aus gutem Grund – als ersten Schritt zum Einlenken wahr und hält es der eigenen Unwiderstehlichkeit zugute.

Reparieren wir den Parteien- und Medienblock nicht in seiner selbstgefertigten Begriffswelt und geben wir ihm die Chance, sich selbst zu verschleißen. Sein Mehrheitsdünkel ist auf dem Treibsand der Liberalität gebaut – freigiebiges Geltenlassen, als Inbegriff des Fortschritts durch Einsicht verstanden, werde nicht nur zur Friedfertigkeit befähigen, sondern auch das Dasein der Friedfertigen bereichern. Vielfalt aber ist nichts ohne Einfalt, Grenzöffnung nichts ohne Grenzsetzung, Willkommenheißen nichts ohne Ablehnung. Um den Furor des Verschwindens, die Selbstauslöschung Deutschlands, aufzuhalten, bekämpfen »Fremdenfeinde« die von UNO und internationalen Großkonzernen propagierte Neubesiedlung des – bereits dichtbesiedelten – Europa. Gönnen wir den Liberalen also die Erfahrung, wie ihre Gesinnungsblase im Schleudergang realer Überforderung platzt.

Und widerstehen wir dem Wunsch, hier und heute gerechtfertigt zu werden. Er ist ebenso verfänglich wie hoffnungslos. Er stärkt ein politisches und mediales Regelwerk, das unter dem Toleranz-Postulat allen Haltungen und Lebensweisen, die nach Anerkennung streben, den Eigensinn (das Intolerante an ihnen) austreibt: den Nationen die Herkunft und das Gesicht, den Geschlechtern und Sexualitäten das Unvergleichliche, den Christen die Transzendenz, dem Islam hingegen nicht die Unterwerfungsabsicht, so lange er aus dem Minderheitenwinkel Tolerierung einklagt. Das Regelwerk bietet Anerkennung um ihrer selbst willen: eine raffinierte, unangreifbare Weise, sie zu verweigern.

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