Frank Böckelmann: POLARISIERUNG? SCHÖN WÄR'S! — Grußwort zum Jahresbeginn 2020

Aktualisiert: Jan 2

Machen wir uns nichts vor: Wir sind alle Amerikaner – Abonnenten von Hollywood, Follower der Gesichtermoden von New York und Kalifornien, betört und erzogen vom nuschelnden Swing, der unsere Tagträume, Büroalltage und Ausfahrten locker zusammenband. Wenn wir unsere langjährige Führungsmacht bemäkeln, tun wir das also – wie die US-Bürger selbst – von innen heraus, heute bisweilen mit bürgerkriegsähnlicher Inbrunst. Und seit gut zwanzig Jahren potenziert sich unser Amerikanertum: Wir fristen unser Dasein als Leibeigene des Internets. Wir sprechen und navigieren nach Rastern eines transatlantischen Framings – was uns dazu aufreizt, aus dem Rahmen zu fallen. Doch um der Attraktion des mondänen Westens widerstehen zu können, muss man ihr erst einmal erlegen sein. Ich und meine Berater und die meisten TUMULT-Autoren jedenfalls haben vom US-amerikanischen Manna große Brocken gebrochen – und sind deshalb seiner satt und gegen sein Charisma immun geworden.


Hingegen sind viele jener, die 1968 und später den Zeitgeist verbissen bekämpft haben – nennen wir sie die Altkonservativen –, im Dauerbeschuss durch metrosexuelle Anreize mürbe geworden und inhalieren heute den Humanitären Universalismus. Voller Genugtuung darüber, endlich wieder die Welt verstehen und mithalten zu können, buhlen sie – wie Frank Schirrmacher zum Auftakt des Jahrhunderts – um die Anerkennung der Tycoons von Silicon Valley und finden Gefallen an der kalifornischen Weltsicht. Endlich wieder auf der Höhe der Zeit sein! Darin besteht das Abgedroschene an der Fortschrittlichkeit ergrünender Christdemokraten und gleichermaßen am Kalkül all jener, die immer noch auf die Einsichtsfähigkeit der CDU/CSU setzen, in der Hoffnung, mit geduldiger Gesprächsbereitschaft dereinst die „Mitte“ der Gesellschaft zurückzugewinnen. Doch diese „Mitte“ ist ein Hirngespinst, die Werteunion nur eine Lampe am Nostalgiehorizont.


Wir Neoreaktionäre von TUMULT haben ebenfalls die Mitschwimmenden und Eingeschüchterten im Visier, sprechen aber nicht in ihre offiziellen Gesichter und nicht zu ihrer verinnerlichten Aufsichtsinstanz, sondern zu ihrer gespaltenen Erfahrung. Wir heizen ihrem wortlosen Zweifel ein. Dass sie Feuer gefangen haben, zeigen sie, indem sie uns als ominöse „Rechte“ zu verleumden trachten. Wir wiederum hassen sie nicht. Sie verkörpern das normalisierte Einerlei, das, was überall ist. Würden wir sie hassen, wären unsere Energien rasch vergeudet.


Um ihre Diskriminierungsmacht zu wahren, pflegen die großen Medien und Deutungsinstitute ein hartnäckiges, argumentativ kaum korrigierbares Missverständnis: Sie bestehen darauf, dass die historischen Quellen für Nationalsozialismus, Rassenantisemitismus und „autoritären Charakter“ (des alten weißen Kolonisators) unverändert sprudeln, und zeichnen „die Rechten“ als Wiedergänger des Personals im frühen 20. Jahrhundert, obwohl es die Umstände gar nicht mehr zulassen, Nationalsozialist zu sein (vgl. „Nazis raus“, TUMULT, Winter 2018/19, S. 4-6). Was hierzulande „Rechtsextremismus“ und/oder „Rassismus“ genannt wird, ist provozierte, simulierte, austauschbare Gebärde. Es steigert die Verwirrung, wenn Politikwissenschaftler in Gefälligkeitsgutachten nach sprachlichen Analogien von AfD und NSDAP fahnden; der polemisch herbeigeredeten Kontinuität fehlt schlicht der gesellschaftliche, ökonomische und seelische Nährboden.


Ein merkwürdiger Rollentausch hat stattgefunden. Die Geschöpfe der westdeutschen Sozialisation in den 1970er und 1980er Jahren, auf Entgrenzung und Einebnung – als Allheilmittel – eingeschworen, nehmen heute die Rolle der Ewiggestrigen ein. Die sogenannten Neuen Rechten hingegen antizipieren, was nach der Gleichschaltung kommt: Hunger nach dem Unersetzlichen, Verlangen nach Rückverortung.


Viele ältere TUMULT-Konsorten haben in früheren Lebensphasen nach heutiger Sprachregelung linksradikal agiert und waren dabei konsequenter als die Scharen der Hinzugekommenen (die in den 70ern und 80ern schon den Flankenschutz, das Zeitgemäße, die Stütze suchten). Sie haben die sozialrevolutionären Potenziale im Universum der Geldströme bis zu den äußersten Grenzen ausgereizt und diese Grenzen sodann, als sie einsahen, dass Tauschverkehr und Zirkulationssphäre auch den antikapitalistischen Aufstand und den Systemkollaps absorbieren, begrifflich und praktisch überschritten. Den altlinken Traum von Gleichheit sehen sie im globalen Abgleich der Umverteilungswünsche nach einheitlichen Leistungskriterien auf bedrückende Weise übererfüllt und gescheitert. Sie haben verstanden, dass Gerechtigkeit nicht schlechthin walten kann, sondern allein durch Anteilnahme Einzug hält – unter einander schicksalhaft Verpflichteten und im Zuge solidarischer Ordnung und Bewahrung.


Jene, die man „Renegaten“ nennt, sind meist gar keine. Sie haben sich lediglich eines Phantasmas entledigt. Es gibt auch ein grünes Phantasma: die Menschheit und ihre Welt durch tätige Buße wieder gut zu machen. Zu den Unterstützern von TUMULT gehören auch jene, die ökologisch niemals Kompromisse eingegangen sind (folglich das parteigrüne Lager verlassen haben).


Mit wem nun können wir Ernüchterten uns auseinandersetzen? Ist der Mainstream ein Gegenüber? Die sogenannte Polarisierung der Gesellschaft gleicht eher deren Aufteilung in verschiedensprachige Dimensionen, die keinen Bedarf nach Verständigung haben (wobei manche in zwei Etagen zugleich wohnen). Das schwarz-grün-links-liberale Parteienspektrum ist der Sphäre des Politischen entrückt. Die geschichtliche, die kulturelle, die nationale Zugehörigkeit ist für Merkel/Kramp-Karrenbauer/Merz, für Bundespräsident Steinmeier, für Habeck/Baerbock, für Kipping/Riexinger und für Lindner kein Thema. Würde man von ihnen wissen wollen, wie unsere deutsch-europäische Welt gegen Andrängende zu verteidigen sei, würden sie tadelnd die Köpfe schütteln: falsche Frage.


Sie sehen sich als Erfüllungsgehilfen eines Menschheitsauftrags, „offene Gesellschaft“ oder einfach „liberale Demokratie“ betitelt, deuten Artikel 1 (Menschenwürde, Menschenrechte) und Artikel 16 a (Asylrecht) des deutschen Grundgesetzes ausufernd – gleichsam stellvertretend für eine postulierte Weltgemeinschaft – und zelebrieren diesen Auftrag mittels permanenter Beschwörung der Geltung „gemeinsamer Grundwerte“ als Alibi politischer Orientierungslosigkeit (wodurch die Leitbegriffe der Aufklärung und der Massendemokratie schwülstig werden): „Freiheit“, „Gleichberechtigung“, „Gerechtigkeit“, „Toleranz“, „Vernunft“, „Demokratie“, „Vielfalt“, „Fortschritt“ und „Weltoffenheit“, schlicht und einfach das Gute, für dessen globale Durchsetzung jeder Einzelne, vernetzt mit anderen Guten, Verantwortung trägt: mit „Zivilcourage“ und „Bürgersinn“, auf dem Weg in eine „fortschrittliche Zukunft“ (Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende der bayerischen Grünen), bereit zur Auseinandersetzung mit den „Feinden der Demokratie“ – im Rahmen einer den Grundwerten verpflichteten „Streitkultur“ –, mit „Fairness“ und „Optimismus“ und der Entschlossenheit, „die Zukunft in die eigene Hand zu nehmen“ und mit „gegenseitiger Wertschätzung“ und dem „Willen zur Verständigung“ in Europa und der „Weltgemeinschaft“, so wie es die „jungen Leute“ bei Fridays für Future vormachen.


Das ist nicht gut gesprochen, das ist zu gut, ins Leere, gesprochen. Im realen Tumult der Vordringlichkeiten, (Un-)Vereinbarkeiten und Ausdeutungskonflikte erschöpft sich jeder Versuch, mit Hilfe der hochgeschätzten Postulate den deutschen beziehungsweise europäischen Weg zu bahnen, im Aufsagen der Postulate selbst. Die Litanei des Grundwerte-Kanons belebt die Streitmaterie nicht, sondern narkotisiert und verdrängt sie. Wir leben in einer Atmosphäre des Zerredens und Begütigens und des Hinwegredens von Konflikten, und immer wieder einmal brennen Sicherungen durch. Zu keiner Zeit gab es weniger Begegnung, weniger Reibung und Streit als heute zwischen „Linken“ und „Rechten“, zwischen Mohammedanern und Christen und Juden, zwischen Volksgruppen, zwischen Milieus, zwischen großen Unternehmen, zwischen Anhängern philosophischer Schulen, zwischen Organen der politischen Publizistik und zwischen Autoren und Kritikern.


Die Forderung nach Toleranz und der wechselseitige Vorwurf der Intoleranz, kurzum, die Formeln „Toleranz“ und „Respekt“ treten an die Stelle der Auseinandersetzung zwischen Haltungen und Praktiken. Weltflüchtig verwechseln unsere Repräsentanten und Kultfiguren politische Entscheidungen grundsätzlich mit ethischen „Herausforderungen“. Predigt man ständig das Unanfechtbare, erweckt das den Eindruck, grundsätzlich seien alle Probleme geklärt (wäre da nicht die Halsstarrigkeit der Feinde von Frieden, Offenheit und Eintracht). Man sieht sich in einer Position, die alle Positionierungen übergreift.

Wie streiten wir mit Wolkenkuckucksheim, ohne seinen Jargon zu teilen?


Nach Überzeugung der erklärten Toleranten und Weltoffenen sind weiße Menschen mit Herkunft und nationalen Bindungen keine respektablen Gegner, sondern Schädlinge, verzichtbare Überbleibsel der Welt vor hundert oder vor fünfzig Jahren. Man wünscht den Tag ihres Verschwindens herbei. Sollten sie ernsthafte Schwierigkeiten machen, dürfen brachiale Mittel gegen sie eingesetzt werden: Umerziehungsmasse.


Die große Schwäche der “liberalen Demokraten“ besteht nun aber darin, dass sie ohne Dunkeldeutsche (Dunkelfranzosen) und deren Ächtung gar nicht auskommen. Denn der Humanitarismus pauschal offener Herzen und Grenzen ist eine verdeckt aggressive, strafende Doktrin, seine Mitmenschlichkeit aufgesetzt und ahnungslos. Er verwirft sämtliche Unterschiede und Unterscheidungen als potenziell hasserfüllt, „abschottend“, „nationalistisch“. Er macht sich zum Anwalt für alles und nichts. Seine Anhänger beziehen ihren Eifer aus der permanenten Bestätigung ihrer historischen Überlegenheit. Sich politisch zu vergewissern, lehnen sie ab; daher moralisieren sie – ohne ethisches Fundament – per Sanktion und Ausschlussritual: Verteufelung derer, die Unterschiede machen. Vorzugsweise suggeriert wird eine Bedrohung durch das absolut Böse – durch die Unmenschen schlechthin, die „Nazis“. Wer der drohenden Islamisierung vorbeugen will und unwillkommene Zuwanderer von willkommenen unterscheidet, wird von den höchsten Repräsentanten des Staates der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ und der Verbreitung von „Untergangsszenarien“ geziehen. Robert Habeck, Vorsitzender der Grünen, legt sich einen historisch abwegigen „Faschismus“-Begriff zurecht und traktiert mit ihm Unholde in der AfD, als sei er trunken von ihm. TUMULT wird „faschistisches Magazin“ genannt. (Im Klang dieses Wortfetischs schwingen „Schiss“, „Verschiss“, „zischen“, „Arsch“ und „falsch“ mit.)


Ihren Bedarf nach moralischer Rechtfertigung durch Widerstand gegen Nationalsozialismus decken die exklusiven „Demokraten“ behelfsmäßig mit Popanzen, die sich als Nazis kostümieren. (Was wohl der „Führer“ zu solchem Mummenschanz sagen würde?) Der Nachschub an dieser Spielart von Satanismus scheint gesichert; für ihn sorgen nicht zuletzt die „Antifaschisten“ selbst mit Hexensabbaten aller Art. Seit Anfang 2019 assistieren ihnen junge Apokalyptiker mit alten Parolen, der ultimativen Anordnung, die Erde sei durch allumfassende Buße vor den Folgen unserer Todsünden zu retten.


Was können die Nüchternen tun in Konfrontation mit einem politischen Gegner, der vermeint, über Gegnerschaft erhaben zu sein? Sie sollten sich nicht die Leerformeln und den Manichäismus der Entgrenzten aufdrängen lassen, vielmehr deren Denk- und Sprechzwänge zu begreifen versuchen. Als Kinder der Zeit haben sie diese selbst erfahren. So wie wir in gewisser Weise alle Amerikaner sind, hat man uns alle im Humanitären Universalismus gebadet. Wir wissen, welch angenehme Gefühle die Ausübung des Tugendterrors verschafft. Die Pose selbstlosen Edelmuts erst befähigt den Jakobiner zur Gewaltherrschaft. Ich spüre noch den Schauder, der mir über den Rücken lief, als ich in den 1960er Jahren den US-amerikanischen Faschismus anprangerte. Nur allzu vertraut ist uns der treuherzige, glasige Blick des siebentagebärtigen Robert Habeck beim Einfordern des Großherzig-Unwiderstehlichen: die auf griechischen Inseln gestrandeten Minderjährigen zum Fest der Liebe nach Deutschland zu holen. Und wir kennen das Gefühl der Peinlichkeit, das sich einstellt, wenn man politische Gründe gegen Caritas und Charity vorbringt.


Weil wir am Tugendwahn teilhaben und ihm zugleich widerstehen, erinnern wir uns, dass die Bitte um Duldung und Einfühlung im Weltlauf einer irdischen Gestalt erst ein später, letzter Schritt sein kann. Wesen, Taten, Zustände, Ereignisse sind zunächst gar nicht einzureihen oder aufzulisten oder zu vergleichen. Sie werden, wachsen und wuchern, und sie sträuben sich, indem sie Form annehmen, gegen den schnellen Abgleich. Strebten sie früh nach Anerkennung, würden sie zunichte. Anerkennung erfahren Sprachen, Pflanzen-, Tier- und Menschenarten, Wege, Kulturen und Offenbarungen dadurch, dass sie ihrem eigenen uneinsichtigem Überschwang folgen. Wohl achten sie von Anfang an auf Vereinbarkeit – aber eben auf einzigartige Weise. Ihr Toleranzbegehren gründet im Unvereinbaren. Vom Verständigungsgebot (das bewahrt und fälscht) ernüchtert, kehren die Gestalten je wieder zu ihrer Sonderbarkeit zurück. So ist es auch an uns Deutschen, an uns Europäern, möglicher Verständigung zuliebe an uns zu halten und mit Erklärungen zu geizen. Kraftquell der Toleranz ist das Intolerante. Ohne Abkehr keine Begegnung.


Und weil wir uns daran erinnern, ahnen wir, was kommen wird: Bedrängt von Enge, Dichte, Knappheit, Überlebensregeln, Horror Vacui werden Aufständische in abrupt wachsender Zahl an der Gebetsmühle der „gemeinsamen Grundwerte“ freveln und an den Nazi-Pranger gestellt. Auf Displays und Plätzen wird es von „Antifaschisten“ und „Nazis“ und farbigen Identitären und Beschwichtigern wimmeln … Der Humanitarismus verendet an seinem Endsieg. Innen und Außen scheiden sich wieder. In den Großräumen, Gegenden und Orten breitet sich Ernüchterung aus, das Lebenselixier für inspirierenden Verkehr zwischen einander Nahen und Fremden.




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