Franz Reitinger: DAS IMMUNIKAT

Längst sind die Menschen am Zenit ihrer Möglichkeiten angelangt. Die Produktion von Leder für Taschen und Schuhwerk wurde eingestellt. Tiere gibt es nur noch auf dem Modellbauernhof zu bestaunen. Jedwede Form der Felderwirtschaft gilt inzwischen als Ausbeutung der Natur. Übertretungen und Zuwiderhandlungen gegen die geltenden Umweltauflagen werden mit exemplarischen Strafen belegt. Doch der Energiebedarf steigt weiter. Da die vereinbarten Vorgaben nicht einzuhalten sind, holt die Regierung ein lange nur zu verpöntes Thema aus dem Sack: die Übervölkerung des Planeten. Durch eine signifikante Reduktion des Menschenparks könnte der weltweite Bedarf an Energie aufgefangen werden. Da aber kein Land dem anderen Maßnahmen zur Einschränkung der Geburtenraten vorschreiben könne, habe man bei sich selber anzufangen. Die letzten Wochen haben wieder einmal gezeigt, wie gut es ist, gegen das schlechte Wetter und die hohen Energiepreise (Benzin? - Das gab es mal!) gewappnet zu sein. Gerade Deutschland müsse jetzt seiner Vorreiterrolle gerecht werden: zu viel hat sich das Land in seiner Vergangenheit schließlich zuschulden kommen lassen. Gewiss, das Thema ist in der Bevölkerung unbeliebt. Die Aufgabe ist von daher schwierig. Umso ehrgeiziger muss das Vorhaben der Regierung sein.


Ein Sterilisierungsprogramm soll von einem Expertengremium ausgearbeitet und von den Ministerinnen für Gesundheit, Frauenförderung und Soziales implementiert werden. Der Plan: 80 Prozent der erwachsenen Bevölkerung beiderlei Geschlechts sollen sich in den nächsten fünf Jahren einem entsprechenden Eingriff unterziehen. Man schätzt, rund 30 Prozent sind rationalen Argumenten zugänglich. Weitere 25 Prozent könnten mit Anreizen oder Sanktionen zum Einlenken gebracht werden. Durchgehend geöffnete Sterilisierungsstraßen sollen die Zugangsschwellen für Willige niedrig halten. Eine Anmeldung im Voraus ist nicht länger erforderlich. Die 3G-Pflicht für Erwachsene ‒ gezähmt, gelenkt, geeicht ‒ wird vorübergehend ausgesetzt. Niemand darf angesichts der beschränkten Kapazitäten gegenüber anderen bevorzugt werden. Jedem steht schließlich von Verfassung wegen das Recht zu, steril zu sein und für den Rest seines Lebens auch zu bleiben.


Endlich sollen attraktive Großevents die letzten 25 Prozent der Unentschlossenen dazu bringen, sich spontan für eine Entfernung der Keimbahn oder kurz „Entkeimung“ zu entscheiden. Jeder Interessentin werde dann eine entsprechend fachgerecht ausgeführte Behandlung zustehen, durch die sie automatisch in das neue Immunikat einer eingriffsoffenen Globalgemeinschaft aufsteigt, in der zahlreiche Boni wie der freie Zugang zu den beliebtesten Partnerschaftsportalen und die letztwillige Option auf eine sonnige Nische am Urnenfriedhof winken. Mittelfristig könnte die Einsparung unnötiger Aufwendungen für Kinderaufzucht und -verwahrung zu einer Entlastung des Budgets führen. Zweifellos würde die Maßnahme, sofern sie von Erfolg gekrönt ist, auch zu einer Entspannung der Wohnungssituation in den Städten beitragen, welche einer Vielzahl von androiden Maschinen zugutekommen könnte, die den letzten statistischen Erhebungen zufolge noch immer ein unwürdiges Dasein in Abstellkammern und Garagen führen.


Sollten sich einige wenige den Argumenten einer immunitären Mehrheit wider besseres Wissen weiterhin hartnäckig verweigern, habe der munitäre Rest nichts Anderes verdient, als von der verantwortlichen Gemeinschaft wahrhafter Egalokraten ignoriert und, wenn das nicht hilft, als rücksichtslose Überträger eines weltschädigenden Lebenskeims zur Belegung von Verträglichkeitskursen ins demokratiedemokratische Nachbildungswerk verpflichtet zu werden. Damit es gar nicht erst soweit kommt, werde der Bevölkerung vorab ein aus den Daten des zentralen Gesundheitsregisters automatisch generiertes Schreiben zugestellt, in dem das zuständige Regierungsbüro für Öffentlichkeitsarbeit den uneinsichtigen Bürger über die Maßnahme ausführlich informiert: „Lieber Herr/Frau/Firma Dr. Reitinger, hier kommen Ihre gewünschten Informationen. Wir freuen uns auf weiterhin beste Verbindung und sind einfach gerne für Sie da. Schöne Grüße, Ihr Regi Service Team.“ Wer vermeint, irgendjemand könnte sich mit seiner Paraphe für die sinnfreien Floskeln eines solchen Schreibens verbürgen, der meint vergeblich.


Die Redakteure der öffentlich-rechtlichen Sender unterstützen derweilen das Projekt, teils aus Überzeugung, teils in der Hoffnung, der Regierung dadurch schaden zu können. Man könnte getrost auch von Sendern an sich sprechen, deren institutioneller Rahmen längst von einem parasitären Milieu besiedelt wurde, das die jeder funktionierenden Institution innewohnende integrative Kraft in mannigfache Kanäle aktivistischen Übereifers aufgehen ließ.




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Über den Autor:


Franz Reitinger ist Historiker mit den Schwerpunkten transeuropäische Bildkulturen, Non-Art-Images und Randformen des Bildes. Drei seiner veröffentlichten Bücher wurden in den Frankfurter Allgemeinen Zeitung, weitere Bücher und Aufsätze in der Süddeutschen Zeitung, im Rheinischen Merkur und zahlreichen internationalen Fachjournalen zu beiden Seiten des Atlantik rezensiert und zitiert. Er war der erste österreichische Postdoctoral Fellow der J.-Paul-Getty Foundation in Los Angeles. Aus einem Vortrag an der Burda-Akademie in München ging ein programmatischer Aufsatz für die erste Nummer der Zeitschrift Image zur neuen Bildwissenschaft hervor. Er nahm zum Karikaturenstreit und anderen aktuellen Themen Stellung und wurde wiederholt eingeladen, für die Zeitschrift für Ideengeschichte des Deutschen Literaturarchivs in Marbach und für das Magazin Literatur und Kritik Beiträge zu liefern. Lebt in Salzburg.



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