Friedhelm Bestek: WARUM UNSERE »WILLKOMMENSKULTUR« UNCHRISTLICH IST

Aktualisiert: 16. Dez 2018

In Zeiten, da die unterschiedslose Bewillkommnung von Fernsten zum christlichen Imperativ ausgerufen wird, holt unser Autor Friedhelm Bestek die ins Zivilreligiöse gewendeten Läuterungsphantasmen auf den harten Boden der kritischen Exegese zurück. Die »Willkommenskultur« die für viele Christen arg- und fraglos zu einem christlichen Gebot wird, so daß man schon von einer »Migrationstheologie« sprechen kann exemplarisch seien hier die Kirchenfürsten Woelki, Marx, Bedford-Strohm und der rheinische Populist Norbert Blüm genannt diese Willkommenskultur beleuchtet einen ethischen Irrweg und eine christliche Häresie.



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Ein Grundgesetz der Moral, gleichsam in der Evolution verankert, wird in der Bibel wie folgt formuliert: »Wenn aber jemand die Seinen, besonders seine Hausgenossen, nicht versorgt, hat er den Glauben verleugnet und ist schlimmer als ein Ungläubiger.« (1. Timotheus 5:8) Es ist das Prinzip der abgestuften Verantwortlichkeit und der bedingten Solidarität und in der Folge der abgestuften Hilfeleistungen. Was immer und überall selbstverständlich war (und in den meisten Fällen, so keine ideologische Verblendung vorliegt, noch ist): Jeder wird zunächst seinen Kindern und Eltern beistehen und ihnen alle möglichen Hilfen gewähren; dann erst den konkreten Nächsten, dann den Angehörigen seiner Gemeinschaft und so fort. Entsprechend heißt es im vierten Gebot: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren. Also die eigenen »konkreten« Eltern und nicht alle Älteren oder gleich alle Welt! Das bedeutet eine eindeutige Privilegierung des Eigenen (was nicht ausschließt, daß man allen alten Menschen Achtung entgegenbringt). Den umgekehrten Weg könnte man als pathologischen Altruismus bezeichnen pathologisch ist er, weil er die evolutionär erfolgreichen und anthropologisch festgeschriebenen »Vorzugsregeln« (siehe oben) leugnet. Nichts ist ungerechter und zerstörerischer als die Leugnung und Auflösung des Ur-Zusammenhangs von Säen und Ernten, den die Bibel immer wieder betont so durch die leichtfertige und ungeprüfte Verschenkung des mühsam erarbeiteten Erbes der Vorfahren, das wir von unseren Nachkommen (mit denen viele wohl gar nicht mehr rechnen) nur geborgt haben, an vielförmig Fordernde aus aller Welt. Natürlich sollte man den wirklich Notleidenden nach Maßgabe seiner Kräfte engagiert und nachhaltig helfen, was am besten in deren Heimatländern geht. Aber, wie die pathologischen Altruisten es unentwegt tun, ostentativ vielförmige Wohltaten zu fordern (eines billigen Anerkennungsgewinns oder postreligiöser Selbstrechtfertigungsbedürfnisse wegen), die Andere (und dieses »Andere« hat auch eine Zukunftsdimension, insofern eigene Nachkommen überhaupt mitbedacht werden) ungefragt lange noch bezahlen und mühsam bewerkstelligen müssen das ist für mich, theologisch gesprochen, böse. Daraus spricht ein Geist, der vordergründig und auf bequeme Weise das Gute will und langfristig das Böse schafft. Dazu gehört die leichtfertige und empathielose Zerstörung einer gewachsenen, weitgehend stabilen Sozialstruktur, was man etwa im Ruhrgebiet in der Emscherzone gut beobachten kann. Man lese demgegenüber das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, Herzstück christlicher Morallehre, und beachte besonders Lukas 10:34! Fällt etwas auf? Der Samariter sucht nicht nach radikalen sozialen und politischen Lösungen, sondern er hilft ohne Aufsehen ganz persönlich und schenkt einem verletzten und leidenden Menschen wieder die Gesundheit. Es wäre sicher vieles besser in unserer Welt, und es wäre auch um das Christentum besser bestellt, wenn mehr Menschen diesem Beispiel folgten statt sich in Weltverbesserungsphantasien und Mammutprojekten wie der »Willkommenskultur« zu verzetteln, deren überwältigende Größe dann als Entschuldigung für das absehbare Scheitern dient. Ja, die selbstverständliche Sorge um die »Seinen«, die das Bibelzitat anspricht, bleibt eine anthropologische Konstante. In unserer individualisierten, sozial atomisierten Gesellschaft weiß man allerdings vielfach nicht mehr, wer diese Seinen, wer die »Hausgenossen« eigentlich sind (möglicherweise sind sie real auch gar nicht mehr vorhanden es gibt bei weitem mehr Katzen und Hunde als Kinder in deutschen Haushalten aber Haustiere meint die Bibel sicher nicht mit »Hausgenossen«), und man fühlt sich nicht besonders für diese »Eigenen« verantwortlich dafür aber dann gleich unterschiedslos für die ganze Welt, wenn auch auf eher unverbindliche Weise. Da die Adressaten echter Menschenliebe wie die eigenen Kinder oder überhaupt die eigene Generationenfolge nicht selten fehlen, werden kompensatorisch wechselnde Ersatzobjekte gesucht. Und wenn es nicht eben »Flüchtlinge« sind, dann mag es süßes Kuschelgetier sein, wie die Inflation von Katzen und Hundebildern etwa auf Facebook nahelegt. So erleben wir nun also die hohe Zeit der Moralapostel und moralischen Maulhelden (philosophisch nüchtern werden sie »Humanitaristen« und ihr normatives Gebaren »Hypermoral« genannt), deren Mantra lautet: »Seid umschlungen, Milliarden! Diesen Kuß der ganzen Welt!« Die langfristigen negativen sozialen, wirtschaftlichen und demographischen Folgen (nicht zuletzt die, die sich in der Kriminalstatistik widerspiegeln) die Folgen für die »Seinen« werden ausgeblendet.


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Hochmoral mutiert regelmäßig unabwendbar zur Unmoral. Der Glaube an die Existenz des Bösen das Böse als eigenständige, unheimliche Macht, nicht als Sekundärprodukt »schlechter Umstände«, die man ändern könnte das ist etwas genuin christliches. Und so müßten die Christen gerade jetzt erkennen: Der Teufel hat die Moral entdeckt, und er fährt gegenwärtig recht gut damit. Und verhilft so den Worten zu unverhoffter Aktualität, die Goethe seinem Mephisto in den Mund legt: »Den Teufel spürt das Völkchen nie, / Und wenn er sie beim Kragen hätte.« Wie konnte es dazu kommen, daß sich die Christen mit einer bestimmten Moral identifizieren und ihr auf den Leim gehen, so daß diese Moral (besser: der Moralismus) sukzessive den Glauben ersetzt? So daß viele Sonntagspredigten genauso auf einem Parteitag der Grünen gehalten werden können? Ich versuche eine Antwort mit Gilbert Keith Chesterton, dem großen christlichen Apologeten. Christentum versus »Moral« Hier ist Chestertons Befund des eskalierenden Moralismus in unserer Zeit (der zur christlichen Modedroge geworden ist); seine hellsichtige Pathogenese des Gutmenschen: »Die moderne Welt ist nicht böse; in mancher Hinsicht ist sie entschieden zu gut. Sie ist voll wüster und vergeudeter Tugenden. Wenn ein religiöses System zertrümmert wird (wie das mit dem Christentum in der Reformation geschah), dann führt das nicht nur zu einer Entfesselung der Laster. Keine Frage, daß die Laster entfesselt werden; sie streifen umher und stiften Schaden. Aber auch die Tugenden werden entfesselt, und sie streifen noch haltloser umher und richten noch schrecklicheren Schaden an. Die heutige Welt steckt voll von alten christlichen Tugenden, die durchgedreht sind. Sie sind durchgedreht, weil sie auseinandergerissen wurden und allein umherstreifen(Gilbert Keith Chesteron: »Orthodoxie«, 1908) »Entfesselte« und »durchgedrehte« urchristliche Tugenden: Barmherzigkeit, Nächstenliebe, Gleichheit (vor dem Gesetz und vor Gott), Gerechtigkeit, Mündigkeit des Gewissens, Arbeitsethos gemäß seinen Gaben (seine Berufung finden!). Man erkennt in diesen Tugenden leicht ihre aktuellen pervertierten atheistischen Zerr- und Kompensationsformen, die mit ersatzreligiöser Inbrunst verfolgt werden: Sozialismus, Egalitarismus, Inklusion, soziale Gerechtigkeit, Feminismus, Quotismus, Gender-Mainstreaming, Multikulturalismus und Humanitarismus mitsamt Willkommenskultur, Diskursethik und Toleranzträume sowie blinder Pazifismus, moralisches Appeasement und eigensüchtige Selbstverwirklichung; Bio-, Öko-, Klima- und Weltrettungs-Fixierung. Und man erkennt, daß dieses Tugend-Gepansche »noch schrecklicheren Schaden anrichtet«. Und erkennt weiterhin: Das Christentum ist nicht etwa dafür verantwortlich, sondern Opfer der Tugend-Umdeutungen. An diesen Umdeutungen sind leider dennoch zu viele Christen beteiligt. Auch sie arbeiten an ihrer eigenen Marginalisierung, weil sie in den Begriffen und Konzeptionen ihrer Gegner denken und reden.

'Der Barmherzige Samariter' (Rembrandt van Rijn, 1632/33)


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