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Günter Herrmann: ANGLIZISMEN IM SCHRIFTLICHEN ALLTAGSDEUTSCH

Ja, ja, schon klar: Sprache verändert sich, hat sich schon immer verändert. Vor 250 Jahren sprach die europäische Oberschicht Französisch, heute herrscht in den MINT-Fächern das Englische vor, da kann man nichts mehr machen. Die Zeiten, in denen Deutsch eine internationale Wissenschaftssprache war, sind mit dem Ersten Weltkrieg zu Ende gegangen. Auch in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften wird inzwischen vorwiegend auf Englisch publiziert, trotz einer ehrwürdigen deutschen Tradition in diesen Fächern.


Punishment of the Paddle, USA 1912, Künstler unbekannt


Ein tägliches Ärgernis aber ist mir die endemische Verwendung englischer Wörter in deutschen Alltagstexten. Sie ist nicht vergleichbar mit den Wörterwanderungen zwischen Sprachen, die schon immer stattgefunden haben. Das Ausmaß macht den Unterschied.


Einige Monate lang hatte ich ein Wörterheft auf dem Küchentisch liegen, in das ich notierte, was mir so zugeflogen kam, denn anstrengen musste ich mich nicht: In Broschüren, Katalogen, Magazinen, Zeitungen und ihren Beilagen, Büchern, in TV-Sendungen, nicht zu reden von sozialen Netzwerken, fand ich hunderte von Belegen, von denen ich hier nur eine kleine Auswahl – ungeordnet – ausbreite.


wakeupcall; hype; vintage; gadget; gravelbike; facelift; compliance; skillset; recall; challenge; tray; impact; mindset; loungewear; backlash; purpose; mindcatcher; eyecatcher; empowerment; enhancement; selfcare; event; survivor; homerun; surveillance; influencer; supporter; disruption; cybersecurity; pageturner; wearable; support; overtourism; whataboutism; tokenism; selfcare; ghosting; overseize; wecare; reminder; newsroom


Zur Klarstellung: Muss man betonen, dass man selbstverständlich Englisch lernen und möglichst gut beherrschen sollte? Englisch ist eine reiche Sprache, in der großartige Werke geschrieben wurden und werden. Es ist schön, wenn auf internationalen Veranstaltungen ein gutes Englisch zu hören ist, aber nicht selten ist es ein vereinfachtes und flaches in zweifelhafter Aussprache. Die eigene Englisch-Kompetenz wird auch in der tonangebenden Schicht gern überschätzt.

soulfood; boots; look; Germanfashion; retreat; turnaround; update; lockdown; hotspot; downer; burner; foodtainer; refoulment; vegjanuary; player; dancefloor; catcall; enhancement; asset; smartness; booster; overseize; sundowner; pitch; whitepaper; sharer; placeholder; brain; level; easies; fatburn; headspace; content; trigger; shape; statement; struggle; colorism; fullfillment; fullservice; enabler


Von wem geht das aus? Einzelne Personen lassen sich nicht namhaft machen. Das massenhafte Eindringen englischer Wörter und Formulierungen in die schriftliche Alltagskommunikation setzt eine tonangebende Schicht voraus, die mit der deutschsprachigen Überlieferung in Religion, Literatur oder Philosophie kaum mehr vertraut ist, eine global vernetzte Schicht, in der manche schon das Wort „deutsch“ ungern aussprechen. Hier findet man kein ausgeprägtes Sprachgefühl mehr für die deutsche Sprache. Man spricht und schreibt oftmals besser Englisch als Deutsch.


woke; edgy; remote; colourblind; stressless; nice; wired; vulnerable; low; outdoor; indoor;

fighten; debanken; upgraden; daten; lost places; remote work; shopping queen; fairtrade-town; home-schooling; body shaming; digital native; bake night; middle ground; networking event; recruiting-mindset; social distancing; social freezing; game changer; gap-year; back story; queer community; food-management; meet & more; speed interviews; hospitality symposium; mixed reality; virtual reality


Die meisten Anglizismen werden von den Marketingabteilungen internationaler Konzerne und den Universitäten ausgestoßen. Die Medien beschleunigen die Verbreitung. Man ahmt nach, was aus prestigeträchtiger Quelle kommt. Jeder beeilt sich dabei zu sein, denn das Schlimmste wäre, Gott bewahre, als unzeitgemäß belächelt zu werden.


church night; loaded question; urban style; colorblind casting; enforcement trailer; speed marathon; bad news; mask on!; vision zero; remote onboarding; rape culture; zero-waste; stand by; home farming; false balance; critical mass; it-piece; late talker; long sleeves; low-carb; hate speech; task force; classy mode; super-spreader; sharing economy; sales consultant; travel slam; pencil beam; role model; cream skimming; body positivity; shrinking spaces


Es wäre dumm zu leugnen, dass es im Englischen hinreißende Wörter gibt, die man im Deutschen nur willkommen heißen kann. Aber die allermeisten Anglizismen sind unnötig und haben keinerlei Mehrwert, im Gegenteil: Sie vernebeln das Gemeinte, falls überhaupt etwas gemeint war. Sie legen sich wie Glitzerstaub über die Sprache und geben ihr den Anschein, zeitgemäß, fortschrittlich, international zu sein. Sie behindern das Verständnis, sie demütigen den Leser. Ältere, die nur wenig oder gar kein Englisch verstehen, fühlen sich beschämt, von ihrer herkömmlichen vertrauten Muttersprache rüde ausgesperrt.


save space; mobility advisor; escape-room; public balance; shared reading; augmented reality; smart store; quality time; medical & wellness; must-have; mental load; corporate purpose; purpose driven; self-care; earth hour; quarterlife crisis; blame game; must have; dry January; high five; creative pool; think tank; identity talk; sustainable finance; townhall-meeting; rethink work; best ager; silver ager; task force; impact investing; soul searching


Ist die Englisch-Manie ein deutsches Spezifikum? Ob es Vergleichsstudien zu den europäischen Kultursprachen hinsichtlich des Vorkommens von Anglizismen gibt entzieht sich meiner Kenntnis. Ich habe aber den Eindruck, dass der Gebrauch von Anglizismen in Deutschland besonders ausgeprägt ist.


Wenn das zutrifft, was könnten dann tiefere Gründe sein? An erster Stelle ist die rasende, in Englisch stattfindende Globalisierung von Wirtschaft, Technik und Wissenschaft zu nennen. Des Weiteren spielen abnehmende Deutsch-, Literatur- und Philosophiekennnisse in der deutschen Bevölkerung eine Rolle. Auch dürfte unter den Tonangebenden ein oftmals unbewusstes tiefes Ressentiment gegen das eigene Land verbreitet sein: Man glaubt womöglich, das Deutsche sei durch den Nationalsozialismus für alle Zeiten kontaminiert. Man bevorzugt englische Ausdrücke, weil man am liebsten nicht deutsch sein will.


sound walk; freedom-day; cool-down; warm-up; birders day; regretting motherhood; mapping memories; future ready; real shit; sing along; peak inflation; on purpose; shoulder-server; sensitivity reader; racial profiling; mid season offer; black friday week; functions on demand; earth overshoot day; locker-room-talk; power shopping week; happy new vintage; youth for understanding; pop-up-sale


Viele Verwender englischer Ausdrücke signalisieren damit – zu ihren Gunsten sei angenommen: unbewusst –, dass sie zur „aufgeweckten“ Oberklasse in Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur gehören oder gehören wollen, die kaum Wert darauf legt, von normalen Leuten verstanden zu werden.


mindfulness based stress reduction; the new normal; Luther to go; black week shopping; working for sustainability; Europe`s fair share; co-working-space; pick-up-artist; sustained shared thinking; ugly Christmas sweater; inspired by New York; what-if-szenario; open-desk-policy; well made play; role model award; corporate social responsibility; social impact brand; cradle to cradle; sustainability born in Switzerland; born for the best; public-private-partnership; user generated content; arm chair traveller


Ein amerikanischer Freund, angesprochen auf die deutsche Anglizismen-Manie, meinte nur trocken: „strange“.


Über den Autor: Günter Herrmann, geboren 1951 in Karlsruhe. Fast vier Jahrzehnte Lehrer für Deutsch und Geschichte an beruflichen Schulen, davon 11 Jahre im deutschen Auslandsschuldienst in der Slowakei und in Ungarn.


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