Günter Scholdt: KAFKA IN WIEN UND ANDERSWO

Aktualisiert: 28. Apr 2019

Im Rückgriff auf Franz Kafka, aber auch unter Bezugnahme auf das Vorgehen gegen die österreichischen Identitären erinnert der Literaturwissenschaftler Günter Scholdt daran, als wie trügerisch sich das westliche Versprechen von Sicherheit und Zivilität immer häufiger erweist.



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Sie wissen nicht, was kafkaesk ist? Erklären lässt sich dies schnellstens anhand zweier Geschichten. In der ersten wacht der „Held“ eines Morgens auf und sieht sich zur eigenen Bestürzung wie der seiner Familie in ein Ungeziefer verwandelt. In der zweiten stehen in der Früh plötzlich zwei Unbekannte in der Wohnung eines Herrn K. Sie erklären ihn für verhaftet, was der zunächst gar nicht begreift. „Jemand“, lautet der erste Erklärungsversuch, musste ihn „verleumdet haben“; denn er erleide dieses Missgeschick „ohne daß er etwas Böses getan hätte.“


Beide Handlungen ersann der weltberühmte Autor Franz Kafka. Sein erzählerisches Markenzeichen besteht darin, das Absurde, Groteske und Paradoxe der Welt in plastischen (Schreckens-)Szenarien veranschaulicht zu haben, wodurch die naive Vorstellung der Geborgenheit in durchweg gültiger (gesellschaftlicher) Normalität zerstört wird. Dies wiederum erscheint an seinem Werk sogar noch ein rundes Jahrhundert später aktuell und hochpolitisch. Denn auch unsere heutige Realität wirkt nicht selten kafkaesk. Auch gegenwärtig wiegen sich leichtgläubige Ahnungslose in einer falschen Sicherheit. Man geht abends ins Bett mit dem beruhigenden Gefühl, in einer gesetzlich verankerten westeuropäischen Wertegemeinschaft zu leben, und wacht plötzlich in einem zersetzten Sozialgebilde auf, das sich in ein rechtsstaatliches Monster verwandelt hat.


Zwar fehlt es nicht an Gerichtsinstanzen oder Grundgesetz-Garantien, wie sie etwa in den Paragraphen 3, 4, 5 oder 8 gefasst sind. Doch gelten diese de facto plötzlich für ernsthafte Oppositionelle nur noch eingeschränkt. Und so wohlklingende Organe wie „Verfassungsschutz“ verwandeln sich unversehens in Instrumente zur Verfolgung alternativer Meinungen, Gesinnungen oder politischer Ziele. Das gilt exemplarisch für die „Identitären“, die in Österreich wie Deutschland mit postdemokratischem Eifer „beobachtet“ werden, nachdem man ihnen öffentlich das Extremismus-Etikett angehängt hat.


Hinzu kommt, dass sich Verfassungsschutzorgane ausgerechnet an denen abarbeiten, deren explizit gewaltfreies Programm dem der (vom koscheren Parteienkartell gehätschelten) Antifa diametral entgegensteht. Und dies nicht etwa aus Gründen der Tarnung, sondern aus der historisch fundierten Grundüberzeugung vom friedlichen Widerstand als Königsweg politischer Veränderung.

Doch im Bewusstsein seiner politmedialen Machtbasis scheut „unser“ global vernetztes Establishment keine Selbstentblößung bzw. -entlarvung. Und so vollzieht sich in der Causa Martin Sellner just das, was Franz Kafka einst erzählerisch durchspielte, als Herr K. von fiktiven „Schlapphüten“ Besuch erhielt:


„Was waren denn das für Menschen? Wovon sprachen sie? Welcher Behörde gehörten sie an? K. lebte doch in einem Rechtsstaat, überall herrschte Friede, alle Gesetze bestanden aufrecht, wer wagte, ihn in seiner Wohnung zu überfallen? Er neigte stets dazu, alles möglichst leicht zu nehmen, das Schlimmste erst beim Eintritt des Schlimmsten zu glauben, keine Vorsorge für die Zukunft zu treffen, selbst wenn alles drohte. Hier schien ihm das aber nicht richtig.“

Eine Zeitlang erwägt K. übrigens, dass es sich um einen „groben Spaß“ handeln könne. Doch man gewöhnt sich im Laufe des Romans das Lachen über solche makabren, nur vermeintlichen Späße ab, zumal der Protagonist am Ende „wie ein Hund“ liquidiert wird. Und auch uns Heutigen sollte das Lachen im Halse ersticken, wo man zur Kenntnis nehmen muss, was einem mutigen, integren Politaktivisten wie Martin Sellner und seinen Unterstützern geschehen kann, sofern sie zu stark von der Regierungslinie abweichen. Den Justizbehörden erscheint dann nämlich kein Vorwand für Repression zu billig, um eine rechtsstaatlich indiskutable Lawine ins Rollen zu bringen.


In diesem Fall genügte die ein Jahr zurückliegende Spende eines (Sellner sonst unbekannten) später durchgedrehten Exzesstäters, um auch den Empfänger politmoralisch zu inkriminieren. Also rückten Polizisten aus, durchschnüffelten seine Wohnung, beschlagnahmten alles, was digital oder papieren nach verfänglichem Tun oder Gedankenverbrechen aussehen könnte. Man observierte ihn. Seine Wohnungsadresse war schon zuvor durch die Antifa publik gemacht worden. Nun wurden zusätzlich private Aufzeichnungen sensationsgeilen Medien durchgestochen.


Kanzler Kurz, jener opportunistische Blender einer nachhaltigen politischen Wende, sorgte für die Grundstimmung, indem er diejenigen „widerlich“ nannte, die im Vorfeld der Wahl metapolitisch dazu beigetragen hatten, dass ein alternativer Kurs im Land überhaupt eine Chance bekam. Jetzt haben die „Mohren“ des Koalitionspartners ausgedient und können gehen. Man „erleichtert“ es ihnen sogar per Verbotsdrohung. Und am besten wäre noch dazu, wenn sie die FPÖ schwächten bzw. spalteten: in charakterstarke demissionsbereite Idealisten und „Gemäßigte“, die sich umso willfähriger als bloße Mehrheitsbeschaffer nutzen lassen.


Dabei ist „widerlich“ eher Kurz‘ Liebedienerei gegenüber dem Rotfunk und der linksgrünen Presse mit ihren infamen Verleumdungskampagnen. „Widerlich“ sind Schlagzeilen in Sachen Sellner wie: „Razzia in Wien. Neonazi-Attentäter: Spur führt zu Identitären-Chef.“ So als fände man hier die Hintermänner des Attentats. Auf solche Insinuation passt wahrlich die Wortschöpfung „Schweinejournalismus“ des ehemaligen Saar-Ministerpräsidenten Lafontaine. Wer jedoch im Wiener Bezugsrahmen bleiben will, denke an polemische Ohrfeigen eines Karl Kraus gegen niveaugleiche Lügenprodukte der damaligen Revolverpresse.


Und was dem Ganzen die Krone aufsetzt: All dies geschah, obwohl gegen die Identitären als Staatsschutz-Popanze kürzlich erst (wie gegen eine kriminelle Vereinigung) ein vierzehntägiger Prozess geführt wurde, der selbst abwegigste Spuren verfolgte, aber dennoch mit Freispruch endete. Man hatte sich dabei nicht entblödet, ausgerechnet den „Mafia-Paragraphen“ auszukramen. Eine besondere Peinlichkeit angesichts des Umstands, wie lasch Justiz und Polizei endlos lang gegen derartige Kriminalität vorgegangen sind, z.B. gegen die orientalischen Clans, vor denen übrigens Sellner & Co. schon früher gewarnt haben.


Stattdessen nun eine Wiederholung der Justizfarce mit Hausdurchsuchung, Beschlagnahmungen, Verhören, Ausdeutungen auch der apokryphsten, zuweilen gänzlich aus dem Zusammenhang herausgerissenen Notizen von anno tobak, öffentlich kommunizierte Spenderlisten oder Beziehungen zu Banken, was jegliche Geheimhaltung einer Privatsphäre Hohn spricht. Das Sperren von Facebook-Accounts und etliches mehr folgte auf dem Fuße. Auch sekundierte umgehend die westlich-globale „Wertegemeinschaft“. So entzogen etwa die USA Sellner das ESTA-Visum, trotz seiner von dort stammenden Partnerin. Zudem sahen sich internationale Kreditinstitute genötigt, Konten zu kündigen, usw. ad infinitum.


Dies also charakterisiert eine Gesellschaft, die sich paradoxerweise wie nirgends auf der Welt unermüdlich als Kontrafaktur eines Unrechtssystems definiert. Offenbar lernt man von der Epoche 1933-45 am besten, indem man einzelne ihrer Methoden imitiert. Und wo bleibt die Schützenhilfe von Sellners (ehemaligen) politischen Freunden der FPÖ? Viele haben nichts Besseres zu tun, als jede Art Gemeinsamkeit zu dementieren und schleunigst Spuren zu verwischen. Man kündigt Identitären früher zusammen genutzte Räume, und machtgeile Funktionärsgranden springen fast über jedes von Kurz hingehaltene Stöckchen, um ja nicht ihre Regierungsoptionen zu gefährden.


Sind das lediglich Affären in Austria, „grobe Späße“ im fernen Wien? Solche Naivität sei uns nicht gestattet. Denn bekanntlich hat auch Deutschlands „Verfassungsschutz“ jene vielleicht 300 Personen starke Bewegung ins Visier genommen. Und die AfD als einzige ernstzunehmende parlamentarische Opposition begreift nicht so recht, dass die Art, wie man hierzulande Identitäre traktiert, nur ein Vorspiel dafür ist, wie man auch mit ihr selbst verfahren will.


Statt sich also öffentlich unisono mit den Verfolgten zu solidarisieren, ducken sich Teile der Parteiführung eher weg. Wo am Beispiel eklatanter Willkürjustiz ein deutliches Bekenntnis zur Meinungsäußerungsfreiheit geboten wäre, erinnert man lieber an Unvereinbarkeitsbeschlüsse. So als ob die IB sie zu einem (taktisch eher weniger empfehlenswerten) Bündnis nötigen möchte, wo es doch schlicht um das gemeinsame Anliegen geht, unser Volk nicht demokratiefeindlichen Machenschaften von Gesinnungs- bzw. Regierungsschützern zu überlassen. Sollte diese Zurückhaltung in einen Generaltrend münden, können wir eine nennenswerte Wende in diesem Land wohl vergessen.


Doch jenseits von Parteipolitik an alle gewandt, denen solche bislang ungeahnte Freiheitsverwerfungen zu Recht Angst machen: Was droht, ist ein jede(n) betreffendes plötzliches Erwachen aus einer nur scheinbaren Normalität. Ein gespenstischer Verlust von Zivilität innerhalb einer (diesen Namen zu Unrecht führenden) sog. „Zivilgesellschaft“. Eine Existenz inmitten von scheinbar Rechtschaffenen mit dem Hang zur „Mitte,“ die jedoch in einem verschobenen politischen Koordinatensystem gänzlich an den linken Rand gerutscht ist, mit drastischen Konsequenzen für jegliche „Normalität“.


Nein, meine lieben Landsleute mit dem dominierenden Faible für vermeintliche bürgerliche Wohlanständigkeit, so reagiert man nicht auf Herausforderungen des Tages, indem man sich erst dann erregt, wenn man einmal selber betroffen sein sollte. Die im Fall Sellner konzentrierte Attacke auf den Rechtsstaat (als Seele einer intakten Gemeinschaft) geht alle an. „Tua res agitur“, hieß es sinngemäß bei den Römern. Wer diese ureigensten Belange nicht wahrnimmt, riskiert eben wie in Kafkas obiger Geschichte, über Nacht in eine Wanze verwandelt zu werden, die man in unserer politischen Realität unter dem Beifall medial Verblödeter administrativ oder moralisch zertritt.




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Über den Autor:


Der Historiker Prof. Dr. Günter Scholdt war bis zum Ruhestand 2011 Leiter des Saarbrücker Literaturarchivs Saar-Lor-Lux-Elsass. Veröffentlichungen u.a.: Autoren über Hitler (1993); Die große Autorenschlacht. Weimars Literaten sreiten über den Ersten Weltkrieg (2015); Literarische Musterung (2017); Anatomie einer Denunzianten-Republik (2018) .


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