Gotthard Königsberger: MIT TINDER ZUR DEMOKRATIEKRITIK

In einem fordernden und sprungbereiten Essay legt der studierte Mathematiker Gotthard Königsberger, der mit der aktuellen Frühjahrsausgabe seinen publizistischen TUMULT-Einstand gibt, überzeugend dar, dass und warum sich Gesellschaften über die gesamte Menschheitsgeschichte hinweg zumeist an wenigen privilegierten Männern orientierten, deren überdurchschnittlich große informelle Macht durch die formelle Macht jeweils gebührend abgebildet wurde. Frauen und vor allem die weniger privilegierten, dem weiblichen Geschlecht daher ausgelieferteren Männer konnten in der Folge nur beschränkten Einfluss auf die gesellschaftlichen Geschicke ausüben. Ein Umstand, der sich laut Königsberger in Demokratien modernen Zuschnitts zusehends in sein Gegenteil verkehre, weshalb eine Kluft sich aufgetan habe zwischen moderner formeller und noch immer wirksamer 'archaischer' informeller Macht, die auch und gerade jenen Zeitgenossen Sorgen bereiten sollte, denen die liberale Demokratie als überlegene Staats- und Gesellschaftsordnung gilt.



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Es ist üblich geworden, sich zunächst gegen plumpe Kritik abzusichern: Nichts in diesen Zeilen ist als absolute Verallgemeinerung gedacht. Unterschiede zwischen Gruppen von Menschen im Hinblick auf bestimmte Merkmale sind als statistisch signifikante Unterschiede gemeint; das einzelne Individuum kann stets davon abweichen.


Demokratiekritik ist ein heißes Pflaster. Paradoxerweise auch dort, wo Meinungsfreiheit als Bedingung für die liberale Demokratie angesehen wird. Das ist zwar zunächst verständlich im Sinne einer wehrhaften Demokratie. Daher hat aber westliche Demokratiekritik auch stets etwas dialektisch-Vorhersehbares. Niemand erwartet neue, über den Zeitgeist hinausgehende Erkenntnisse bei einem Habermas. Man vergisst sie, wenn man nichts mehr von ihnen hört. Daher reden sie weiter.


Ich skizziere hier einen weiteren, nach meinem Kenntnisstand unbearbeiteten Aspekt, der an demokratischen Staatsformen zu kritisieren wäre. Und da Systemkritik lediglich bei linken Kräften ungeahndet bleibt (Kühnert), während sie bei Rechten (nicht Rechtsextremen!) schon für eine Sonderbehandlung des BfV führen können, merke ich erneut an: Kritik ist keine Bestrebung, das durch sie Bloßgestellte umzustürzen! Es ist möglicherweise sogar etwas Reformierendes, Stärkendes. Definitiv aber etwas Legitimes. Zur These dieses Aufsatzes: Demokratie verstärkt Feminismus aus intrinsischen Gründen. Dies führt zu einer Überrepräsentation weiblicher Ansichten im öffentlichen Diskurs, was wiederum negative Folgen für die Gesellschaft als Ganzes hat.


Am Anfang steht ein kaum zu bestreitendes Argument: während der Evolution höherer Säugetiere lagen das Hauptrisiko und der größte Teil des Aufwands bei der Frau / dem Weibchen. Daraus ergibt sich eine Risikoaversion bei der Partnerwahl. Männer hingegen können (konnten) bei der Partnerwahl recht tolerant sein. Da ihre evolutionäre Aufgabe darin besteht, ihre Gene zu streuen um sie in den Wettbewerb des Überlebens bestmöglich zu platzieren ergibt sich ein klares Muster: während Männer mit jeder Frau Sex haben würden, die über einem individuellen, aber moderaten Attraktivitätsniveau liegt, werden Frauen ihre Aufmerksamkeit auf die attraktivsten / erfolgreichsten Männer konzentrieren.[1]


Diese Asymmetrie kann mittels Dating-Apps wie Tinder in nahezu allen Ländern aufgezeigt werden: Frauen konkurrieren um ca. 20% der Männer.[2] Das ist insbesondere deshalb interessant, da Gesellschaften, in denen Dating-Apps häufiger verwendet werden, zu denen gehören sollten, in denen durch Verhütung die Logik der Evolution weitgehend außer Kraft gesetzt ist. Anscheinend handelt es sich um tief verwurzelte Denkmuster mit einer biologischen Grundlage. Sprich, sie werden uns noch ein paar Jahrhunderte begleiten, sofern keine künstlichen Eingriffe erfolgen. Die meisten Frauen werden also auch weiterhin lieber alleine in das Bett gehen, als mit einem durchschnittlichen Mann zu schlafen. Man könnte sogar weiter gehen und behaupten, Frauen würden lieber mit anderen Geschlechtsgenossinnen in Promiskuität mit einem dominanten Mann leben, als in Monogamie in ihrer Attraktivitätsklasse. Ein Indiz hierfür ist das genetisch abgesicherte Faktum, dass der Mensch auf allen Kontinenten von deutlich mehr Frauen als Männern abstammt.


Was folgt daraus? Einige wenige Männer kommen auch heute noch in den Genuss der Aufmerksamkeit der meisten paarungswilligen Frauen. Da Eigenschaften wie Erfolg, Aussehen und Intelligenz von den meisten Frauen als Faktor der Attraktivität gesehen werden wird diese Gruppe von Männern stark mit der (wirtschaftlich-geistigen) Elite einer Gesellschaft korrelieren. Auch Aussehen gehört nur deshalb zur Attraktivität, weil sie sich für die menschliche Wahrnehmung als Proxy für Fortpflanzungserfolg entwickelt hat. Stehende Wendungen wie die vom ‚schöneren Geschlecht‘ repräsentieren daher tatsächlich eher eine männliche Sichtweise. Beurteilen Frauen hingegen die Schönheit ihrer Geschlechtsgenossinnen, so ist das der Blick durch die ‚männliche Brille‘. Dass sie es häufig und teils verbissen tun, ist ein Ausdruck für die große Rolle dieses Urteils in der Bewertung der sozialen Hierarchie. Im Überlebenskampf kann diese Information entscheidend sein, ist sie doch ein Indiz dafür, wen die Männer der Elite am ehesten zu einer herausgehobenen sozialen Stellung verhelfen werden (oder auch aus der brennenden Hütte tragen).


Diesen Männern steht nun aber eine große Gruppe von Männern gegenüber, die sich um die Aufmerksamkeit der Frauen bemühen müssen. Anders ausgedrückt: während die informelle Macht der Frauen relativ (!) gleichmäßig verteilt ist, konzentriert sich die informelle Macht des männlichen Geschlechts auf einige wenige Männer. Informelle Macht entsteht immer dann, wenn eine Seite mehr von der anderen begehrt, als diese umgekehrt. Es ist davon auszugehen, dass diese ‚Beta-Männer‘ bei einem Date ihrer Begleitung eher nicht widersprechen werden, so wie die mit Haaren und Ohrringen spielenden Frauen bei einem Treffen mit einem der wenigen ‚Alpha-Männern‘ ihm an den Lippen hängen wird. Diese Asymmetrie war in den letzten Jahrhunderten ohne großen Belang, denn in allen Hochkulturen bis zur Industrialisierung gab die wirtschaftlich-geistige Elite den Ton an.


Durch die Demokratisierung kommt es nun aber zu Verwerfungen: plötzlich haben neben Frauen auch diejenigen Männer das formal gleiche Stimmrecht, die gelernt haben, Frauen nach dem Mund zu reden. Dadurch wird die Vorstellungswelt des weiblichen Geschlechts tendenziell von mehr als der Hälfte der Wahlbevölkerung vertreten. Hinzuzufügen ist, dass es sich oftmals um unbewusste, sozialisierte Verhaltensweisen handeln wird. Ein Mann, der es gelernt hat mit Themen, die bei Frauen gut ankommen Erfolg zu haben, wird das verinnerlichen und es auch Teil seiner generellen Handlungen werden lassen. Der übereifrige Feminist, der sich in Gruppen durch schmeichelnde Empathie und besonders affektierte Empörung ob der Diskriminierung der Frau in den Vordergrund drängt, gehört heute zu einem weitverbreiteten Erscheinungsbild. Ein junges Mädchen hingegen wird in demokratischen Gesellschaften wenig Erfahrung mit Widerspruch seitens des anderen Geschlechts machen, sich also permanent im Recht wähnen – unabhängig wie hoch oder gering der Sinngehalt ihrer Ansichten und Weltverbesserungsfantasien ist.


Warum handelt es sich aber um Verwerfungen? Zunächst ist es legitim, eine Verhaltensanpassung wie die beschriebene als Ausdruck des Willens desjenigen zu betrachten, der sie für seine Ziele in Kauf nimmt. In der modernen Forschung werden jedoch immer weitere erhebliche Verhaltensunterschiede zwischen den Geschlechtern festgestellt. Bereits der US-amerikanische Psychologe Kohlberg (1927 – 1987) bemerkte, dass Frauen häufiger auf einer moralischen Entwicklungsstufe stehen bleiben, die unter dem Begriff Gesinnungsethik subsummiert werden kann. Statistisch erreichen mehr Männer ein prinzipielles Niveau, dass sich u.a. in einer Verantwortungsethik äußert.[3] [4]


Zentrale Prinzipien des modernen Rechtstaats wie Meinungsfreiheit, Unschuldsvermutung, Gewaltenteilung etc. basieren jedoch auf solchen verantwortungsethischen Prinzipien. Man kann daher die Tendenz zu vormodernen Ächtungsbewegungen wie dem Metoo-Phänomen, das gleich mehrere dieser abstrakten Stützpfeiler verletzt, als Symptom eines weiblicher werdenden Diskurses einordnen. Ein weiteres Problem dürfte auch in der einfacheren Manipulierbarkeit von Frauen durch die sog. negative Bilder in einer Mediendemokratie bestehen. Das angeblich sterbende Eisbärenbaby (!) und das weinende Kind von Migranten an der Grenze ersetzen keine vernünftige und sachliche Folgenabschätzung zur Meinungsbildung in einer komplexen Gesellschaft.[5]


Probleme entstehen also dann, wenn man davon ausgeht, dass der überrepräsentierten Gruppe Eigenschaften innewohnen, die die liberale demokratische Gesellschaft in eine Krise stürzen können. Diese Mechanismen beseitigen zu wollen, muss daher ebenso Teil des verfassungskonformen Handelns sein, wie die Voraussetzungen für die freiheitlich-demokratische Grundordnung aufrechtzuerhalten. Nichts anderes bedeutet schließlich das Konzept der bereits erwähnten wehrhaften Demokratie. Es wäre also ein weiteres Argument für Böckenfördes Diktum, dass die freie Gesellschaft auf Bedingungen beruhe, die sie selber nicht garantieren kann. In diesem Fall leicht konkretisiert in der These, dass die liberale Demokratie Bedingungen schafft, die jene selber in Frage stellen.[6]


Ein Demokrat, der z.B. das gleiche Wahlrecht als Axiom betrachtet, also keine Argumente dagegen zulässt, wird selbst schwere Nachteile für die Gesellschaft in Kauf nehmen. Letztlich verlangt die Verfassung genau das.[7] Dennoch kann versucht werden, den Verwerfungen an anderer Stelle innerhalb des demokratischen Grundkonsens zu begegnen.


Sollte das nicht gelingen, trägt dieser Aspekt dazu bei, dass sich ein Prozess beschleunigt, der nicht mehr ignoriert werden kann: das Zurückfallen der westlichen Welt im Systemkampf mit Gesellschaftsformen, die dem Gedanken der Aufklärung nur eine untergeordnete Berechtigung zubilligen.



[1] Es ist interessant, wie vielen Frauen dieser Fakt intuitiv bekannt ist und doch werden kaum Schlussfolgerungen daraus gezogen [2] die genauen Zahlen spielen weniger eine Rolle; Tinder selbst veröffentlicht kaum Zahlen, einige mehr oder weniger repräsentative Studien kommen jedoch zu einem recht einheitlichen Ergebnis, z.B. https://www.welt.de/icon/partnerschaft/article168486189/So-schwer-haben-es-Durchschnittsmaenner-mit-Dating-Apps.html (letzter Zugriff: 12/21) [3] diese Erkenntnisse wurden seitdem vielfach reproduziert und noch nicht schlüssig widerlegt trotz zahlreicher Versuche feministisch-ideologisierter d.h. nicht ergebnisoffener Untersuchungen [4] es ist naheliegend, diese Entwicklungsunterschiede als Folge der unterschiedlichen Hierarchiebildung in weiblichen (Geltungshierarchie) und männlichen Gruppen (Dominanzhierarchie) und damit letztlich als auch Folge unterschiedlicher biologischen Gegebenheiten zu sehen, die sich selbst einer Wertung entziehen [5] eine negative Konsequenz für v.a. junge Mädchen besteht zudem darin, dass sich diese schlechter auf das Leben vorbereiten können, da ihre teils albernen Vorstellungen häufiger unwidersprochen bleiben [6] vermutlich wird dieser Missstand auch von Hofphilosophen wie Jürgen Habermas erkannt; Lösungsansätze wie ein Herrschaftsfreier Diskurs, der die informelle Macht im Kontext der Partnerwahl auch thematisieren müsste, sind jedoch reine Theorie und somit dialektische Lockerungsübungen einer nicht ergebnisoffenen Diskussion [7] dennoch bleibt eine willkürliche Einschränkung des Wahlrechts aufgrund eines Merkmals bestehen: das Alter





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Über den Autor:


Gotthard Königsberger, geb. 1992 in Dresden, studierte Mathematik in Göttingen. Sein berufliches Tätigkeitsgebiet befindet sich heute an der Schnittstelle von Künstlicher Intelligenz, Halbleiterindustrie und Brain Computing Interfaces. Daher freut es ihn besonders, dass sich Dresden nicht nur als eines der letzten verbliebenen Zentren freien Denkens, sondern auch als geeigneter beruflicher Standort zum Lebensmittelpunkt anbietet.





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