Heinz Theisen: ISRAEL IN DER ISLAMISCHEN WELT - EIN MODELL FÜR EUROPA?

Aktualisiert: 9. Feb 2019

Unser Autor Heinz Theisen, Politikwissenschaftler an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, absolviert jährlich eine Gastdozentur in Israel und ist, wie er uns schreibt, »von der Wehrhaftigkeit dieses Landes in einer weitgehend feindlichen Umgebung beeindruckt«. Kann Europa von den Erfahrungen Israels mit islamischen Staaten und Bewegungen (Hamas, Hisbollah, Muslimbrüdern, IS) lernen? Die Lage des kleinen Landes, in dem jede illusionäre Einschätzung existenzbedrohende Folgen haben kann, legt es nahe. Denn Europa befindet sich gegenüber den früher oder später nach Norden drängenden muslimischen Massen in großer Millionenzahl in einer ähnlichen Situation wie Israel gegenüber der islamischen Übermacht im Nahen Osten.

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Mein jüngster Versuch, den Studierenden an der Partnerhochschule des Gordon College in Haifa die Vorzüge der Europäischen Union nahezubringen, war nicht sehr erfolgreich. Mir wurde umgekehrt bedeutet, Europa solle von Israel lernen, wie man der islamischen Bedrohung entgegentritt. Wir Europäer seien nicht in der Lage, die Flüchtlinge und Migranten aus dem Nahen Osten zu integrieren. »Europe is lost«, so bekam ich in Israel oft zu hören.

Die Israelis sind - jedenfalls gegenüber den Westeuropäern - von einer durch Erfahrung gestählten Illusionslosigkeit gekennzeichnet. Sie können sich ob ihrer von jeher bedrängten Lage nicht erlauben, ihre Umwelt durch die Brille schöner Worte und universeller Werte wahrzunehmen. Sie sehen bereits vor ihrer Haustüre, dass Demokratie ohne ihre aufklärerischen Voraussetzungen den Wahlsieg von Hamas, Hisbollah und Muslimbrüdern bedeuten kann.

Der Realitätssinn der Israelis hat auch geistesgeschichtliche Ursachen. Während der westliche Universalismus zu dessen Überdehnungen in andere Kulturkreise hinein beitrug und heute mit offenen Grenzen auf uns zurückfällt, war das Judentum nie universalistisch. Es weiß aus leidvoller Erfahrung um die Notwendigkeit von Selbstbegrenzung und Selbstbehauptung.

Zu den beunruhigenden Entwicklungen in Europa gehört die faktische Ausschaltung des freien Diskurses. Zumal in Deutschland hat die diskutierende Klasse einen Spielfeldwechsel vom Analysieren zum Moralisieren vorgenommen. Zwischen Gut und Böse gibt es dann nicht mehr viel zu bereden. Wenn Kritik am Islam umgehend als »islamophob« ins Krankhafte oder ins Rechtsextremistische abgedrängt wird, können auch die neuen Bedrohungen für Juden, aber auch für säkulare Muslime nicht zeitig bekämpft werden. Der islamische Antisemitismus konnte sich in Europa ungehindert formieren.[1]

Zur leidvollen jüdischen Erfahrung gehört, jedwedes Schrifttum ernst zu nehmen. Gemäß palästinensischer Schulatlanten existiert der Staat Israel nicht. In nahezu jeder Buchhandlung Palästinas liegt Hitlers Mein Kampf aus und die Belobigungen für Hitler, die man als Deutscher über sich ergehen lassen muss, machen einen schaudern.

Wie unzureichend das von der Europäischen Union hochgehaltene Konzept des Multilateralismus, der Zusammenarbeit mit möglichst vielen Staaten ist, zeigt sich im Ernstfall des Nahen Ostens. Israel muss dort jedes Land gesondert betrachten, Jordanien anders als den Iran und den Libanon wieder anders als Ägypten. Jeder Staat ist ein Fall für sich. Eine nahöstliche Friedensunion ist derzeit undenkbar.[2] Insofern hat das Modell Europäische Union in der Tat für Israel aktuell keine Relevanz. Umgekehrt stellt sich aber angesichts der sich ausbreitenden Islamisierung auch in Europa die Frage, welche Lehren die Europäer aus Israels Erfahrungen ziehen sollten.

Religion und Politik im Nahen Osten und Europa

Israels Staatsgründung ist ohne die zentrale Rolle der jüdischen Religion und ihrer ständigen Bedrohung nicht erklärbar. Zunächst war das Land weitgehend säkular geprägt. Seit langem nehmen die orthodoxen Juden an Zahl und Bedeutung zu. Auch die säkularen Israelis erkennen die Bedeutung der Religion an. Im Gegensatz zu den Europäern wissen sie, dass Religion keine Privatsache ist und in ihrer politischen Dimension ernst genommen werden muss.

Orthodoxe Juden erwarten die Wiederkehr des Messias auf den Tempelberg nach der Errichtung der jüdischen Herrschaft über das Gelobte Land, einschließlich »Judäas und Samarias«, wie sie die palästinensische Westbank nennen. Auch nationalreligiöse Juden betrachten das biblische Land als ihr Eigentum. Beide sind nicht in der Mehrheit, aber als Mehrheitsbeschaffer unverzichtbar.

Das orthodoxe Judentum ist Teil eines weltweiten Kulturkampfes zwischen Säkularität und Fundamentalismus. Der innerisraelische Konflikt zwischen säkularen und den orthodoxen Juden spaltet Israel, kann dort aber immer noch nach demokratischen Regeln moderiert werden. Zudem ist der säkulare Teil Israels derart leistungsstark, dass deren Beiträge die nur betende Bevölkerung mitzufinanzieren vermag. Diese revanchieren sich mit der Behauptung, dass nur ihre Gebete Israels Erfolge ermöglicht hätten.

Die muslimische Herrschaft über die Levante dauerte zwölf Jahrhunderte und währte damit länger als die israelitische, römische, persische oder christliche. Für Muslime gilt Jerusalem als Heilige Stadt. Mohammed soll am Ort des Felsendoms für eine Nacht in den Himmel aufgefahren sein. Selbst im fernen Pakistan sehen es Muslime als religiöse Pflicht, die Herrschaft der Juden über die Region zu beseitigen. Die islamische Welt war und ist meist nur im Kampf gegen Israel vereint.

Der islamistische Kampf gegen säkulare Eliten oder gegen konfessionelle Abweichler kann sich auf eine lange Tradition berufen. Von Beginn an war der Islam immer auch eine potentielle Erobererideologie, die profane Interessen an den Besitztümern der Ungläubigen mit der Legitimation im Kampf gegen Un- und Falschgläubige verband. Der Sieg bietet Teilhabe an weltlichen Gütern, der Tod im Kampf den Eintritt ins Paradies. Mehr kann den arbeits- und frauenlosen jungen Männern niemand bieten.

Die unter Trump ins Bedingungslose gewachsene Loyalität zu Israel hat ebenfalls religiöse Ursachen. Amerikas Evangelikale, zu denen auch Vizepräsident Mike Pence zählt, bilden für Donald Trump eine unverzichtbare Wählergruppe. Ihnen gilt die Herrschaft der Juden als Vorbedingung für die Wiederkehr von Jesus Christus, der dann ein 1000-jähriges Reich des Friedens errichten und darüber von den Juden als ihr Messias erkannt werden wird.

Die Europäer können stolz auf die nach dem Dreißigjährigen Kriege gefundenen Formen der Säkulariät sein, die religiöse und weltliche Kräfte einerseits zu trennen und andererseits zu ergänzen verstanden. In einer säkularen Zivilisation darf sich die Eigenlogik von Religion ausleben und kann sich zugleich die Eigenlogik von Wissenschaft, Technik und Ökonomie entfalten.

In diesen Spannungsfeldern sind individuelle Kreativität und wirtschaftliche Dynamik von religiösen Fesseln befreit, bleiben aber dennoch idealerweise an deren ethische Imperative rückgebunden. Auf diese Weise agierte die Kultur der Moderne in ihren besseren Zeiten erfolgreich und moralisch. Die zu starke Spannung zwischen dem orthodoxen und modernen Judentum könnte von der Säkularität Europas lernen. Europas Gesellschaften sind unterdessen vielfach von der Säkularität in die Profanität abgerutscht und sollten wiederum von der religiösen und kulturellen Ernsthaftigkeit Israels lernen.

Die demografische Bedrohung

Zwischen 1900 und 2015 wuchs der Islam von 200 Millionen auf 1,8 Milliarden Menschen an, seit 1950 um 1,4 Milliarden Menschen. Der Iran, Libanon, Tunesien und die Türkei sowie die reichen Emirate sind mit zwei oder drei Kindern pro Frauenleben bereits aus dem Zuwachs heraus.

Doch neun muslimische Länder gehören zu den aktuell 68 Nationen mit einem heißen Kriegsindex über 3, wonach auf 1000 rentennahe Männer von 55 bis 59 Jahren 3000 Jünglinge zwischen 15 und 19 den Lebenskampf aufnehmen. Nur in sieben der knapp 40 kriegerischen Auseinandersetzungen seit 1960 im islamischen Raum ging es um die Vernichtung der Juden. Beute versprachen auch andere religiöse Minderheiten wie insbesondere die orientalischen Christen, aber auch ethnische Minderheiten.

Die Warnung, wonach der Islamische Staat immer noch über 30.000 Mann in Waffen verfüge, habe – so Gunnar Heinsohn – etwas Rührendes. Die Zahl der Reservearmee junger Männer, die bestenfalls durch Gewalt nach oben komme, liege hundertfach höher. Insofern stünden die 2000 amerikanischen Soldaten, die Trump aus Syrien abziehen will, dort langfristig eh auf verlorenem Posten.[3]

Nimmt man noch die geradezu apokalyptisch anmutenden Prognosen über migrationswillige Afrikaner hinzu, so wird die dramatische Lage Europas offenkundig. Auch wenn diese auf friedliche Weise nach Europa streben, so macht dies die Europäer erst recht wehrlos.

In Westeuropa – zumal in Deutschland - hat sich längst eine relativistische Haltung zur eigenen Kultur eingelebt. Wehrhafte Selbstbehauptung ist geradezu verpönt. Diese Haltung ist – zumal unter nahöstlichen Perspektiven – mit Illusionen verbunden, wonach eine multikulturelle Gesellschaft uns bunter, jünger und sogar reicher machen werde.

Im Zusammenprall mit der islamischen Welt ließe sich von Israel lernen, wo selbst Friedensaktivisten wie der unlängst verstorbene Amos Oz keine Pazifisten sind und sich - Linke wie Rechte - zu einem wehrhaften Realismus gezwungen sehen. Mit einer anderen Haltung würde Israel schon lange nicht mehr existieren. Die Unmittelbarkeit der direkten Bedrohung ist ein strenger Lehrmeister, der den Europäern gegenüber den schleichend auf sie zukommenden Bedrohungen fehlt.

Zur Wehrhaftigkeit eines Staates gehörte immer eine konsequente Grenzsicherung. Während in Europa sowohl die Globalisierung der Märkte als auch die angenommene Universalität unserer Werte die Entgrenzungen zu einem ökonomischen und zugleich moralischen Gebot machte, ließen sich solche Illusionen in Israel selbst gegenüber den palästinischen Gebieten nicht durchhalten. Man mag sich über Mauern aus moralischen Gründen empören, in Israel besteht kein Zweifel daran, dass die errichtete Mauer gegenüber der Westbank das Land vor den zuvor unablässigen Terroranschlägen gerettet hat.

Ähnlich konsequent wird mit der Zuwanderung aus Afrika verfahren. Ihre Zurückweisung ist aufgrund der geringen räumlichen Aufnahmekapazität Israels alternativlos. Auch hier hat Israel den düsteren Vorteil der Unmittelbarkeit der Bedrohung. Europäer müssten, um das Ausmaß ihrer Gefährdung zu erkennen, dagegen in längerfristigen Zusammenhängen denken. Die Kurzfristigkeit sowohl der ökonomischen als auch der moralischen Impulse der Europäer stehen dem entgegen.

Föderale Modelle für eine multikulturelle Gesellschaft

In Europa wird Fehlverhalten oft mit Kultur entschuldigt, in Israel endet kulturelle Toleranz bei der Sicherheit. Multikulturalismus gilt nicht als Regenbogen, sondern als Herausforderung. Interreligiöse Dialoge, welche die Unterschiede der Religionen oft zerreden, stehen in Israel selten auf dem Programm.

Das nationalstaatliche Modell Europas scheint im Nahen Osten die inneren Differenzen nicht aufheben zu können. Dies gilt auch für Israel, wo ultraorthodoxe und nationalreligiöse Gruppen über Sonderrechte, eigene Erziehungssysteme und andere Autonomiezonen verfügen.

Israel, ist heute eine multikulturelle Gesellschaft, die wie alle solche Gesellschaften der großen Gefahr unterliegen, sich durch innere Zersplitterung zu schwächen und am Ende zu zerfallen. 75 Prozent der israelischen Bürger sind jüdisch und, ob gläubig oder nicht, der jüdischen Leitkultur verpflichtet. Der große Vorteil gegenüber Europa ist, vergleichbar zu den USA, die konsequente Einforderung des Respekts vor den Leitstrukturen der staatlichen Ordnung, von Gesetzen und Institutionen. Je weniger eine gesellschaftliche Leitkultur möglich ist, desto wichtiger wird die Bewahrung der staatlichen Leitstruktur.

Ein Nationalstaat will Einheitlichkeit und dieses Ziel kollidiert mit der unaufhebbaren Vielfalt multikultureller Gesellschaften. Deshalb ist das so genannte Nationalstaatengesetz, welches im Juli 2018 vom israelischen Parlament verabschiedet wurde, ein Schritt in die falsche Richtung. Die Beschlüsse zum jüdischen Charakter des Staates Israel beschwören einen Ethno-Nationalismus herauf, der Drusen, Christen und Palästinenser dem gemeinsamen Staat entfremdet.

Weder Gleichheit noch Einheit sind in multikulturellen Gesellschaften als Staatsziele durchhaltbar. Israel war daher nie ein lupenreiner liberaler Staat.[4] Liberale Prinzipien sind Prinzipien der Gleichheit und der Universalität. Ethno-nationale Prinzipien sind partikularistisch. Israel ähnelt mit diesem Gesetz eher heutigen nichtliberalen Demokratien wie Polen, Ungarn, Estland oder Litauen, die sich als ethnische Demokratien verstehen.

Carlo Strenger schlägt für Israel ein der Schweiz ähnliches Kantonalsystem vor, in dem Gruppen gemäß ihrer kulturellen Identität leben, wodurch mehr Vielfalt und mehr Ungleichheit ermöglicht würden.[5]

Michael Wolffsohn definiert Föderalismus im Sinne von räumlich-territorialer oder personal-gruppenbezogener Selbstbestimmung und Machtteilung innerhalb und gegebenenfalls auch zwischen Staaten.[6] Ein Staat, dessen Gesellschaft aus vielen Völkern, Sprachen, Religionen oder Kulturgruppen bestehe, dürfe kein Nationalstaat sein. Der Nationalstaat sei der Staat einer Nation und lasse das die Minderheiten spüren. Föderale Konzepte würden dagegen »Blut und Boden“ entmystifizieren, die Vielfalt stärken und damit Wege zum Frieden bahnen.

Das föderale Modell verlangt heute nicht nur geographische, sondern auch funktionale Ausdifferenzierung. Das Gewaltmonopol des Staates darf nicht von der kulturellen Vielfalt berührt werden. In allen sicherheitsrelevanten Bereichen besteht das alte Staatsmodell fort.[7] Wenn es gelänge, palästinensische Kantone am Wohlstand Israels ausreichend teilhaben zu lassen, könnte darüber womöglich die Akzeptanz des Gesamtstaates Israel wachsen.

Palästinenser in einem föderalisierten Israel

Das föderale Modell wäre die einzige Chance, den Konflikt mit den Palästinensern auf einer neuen Stufe aufzuheben. Mit dem Ende der Sinnhaftigkeit des Nationalstaates im Nahen Osten würde auch die festgefahrene Diskussion über eine Zwei- oder Einstaatenlösung aufgehoben. In den kantonalen Strukturen einer föderalen Staatlichkeit erhielten die Palästinenser demnach Autonomiezonen, die beim Gewaltmonopol und in Sicherheitsfragen allerdings enden.

Die weltweiten Versuche, den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern in einen Konflikt zwischen Gut und Böse zu verwandeln, sind an ihre Grenzen geraten.[8] Internationale Bewegungen wie »Boykott, Desinvestition und Sanktionen« schaden auch den Palästinensern.

Der israelische-palästinensische Konflikt ist aus den Perspektiven von Völkerrecht, Vergangenheit, Religion und Moral heraus unlösbar. Besser sieht es in den Funktionssystemen aus. In israelischen Krankenhäusern gelten palästinensische Ärzte und das Pflegepersonal als gut integriert. Die 1,7 Millionen Palästinenser, die als Staatsbürger in Israel leben, führen ein besseres Leben als in allen Nachbarländern. Selbst diejenigen, die den jüdischen Staat ablehnen, denken nicht daran, die Seite zu wechseln. Sie haben sich gegen die Verabsolutierung ihrer Identität und für ihre alltäglichen Interessen, für Beruf und Wohlstand entschieden.

Die Stabilität des Staates Israel ist für viele Geschäftsleute in der Westbank attraktiver als ein korruptes Fatahregime oder als ein Bürgerkrieg, der im Staat Palästina zwischen der islamistischen Hamas und der nationalistischen Fatah oder auch zwischen rivalisierenden Gruppen in der Fatah wahrscheinlich wäre. Die christliche Studentin in Bethlehem, die ich noch vor zehn Jahren als glühende palästinensische Patriotin gekannt hatte, würde heute lieber in Israel leben. Als Christin sei sie dort sicherer. Nachdem es in Nazareth zu Attacken von Muslimen gegen Christen gekommen war, konnte nur das Einschreiten israelischer Polizei Schlimmeres verhindern.

Die palästinensische Fatah-Führung befindet sich in einer Sackgasse. In großen Teilen der eigenen Bevölkerung ist sie verhasst, eine Mehrheit befürwortet in Umfragen ihre Absetzung. Amerika hat seine Hilfszahlungen zum Teil eingestellt. Die arabischen Staaten interessieren sich nur noch wenig für die Palästinenser.

Es wäre für die Palästinenser an der Zeit, sich in die Rolle des Besiegten zu fügen und sich mit Hilfe Israels anstelle dem Aufbau eines eigenen Staates dem Aufbau des eigenen Wohlstands zu widmen. Der Boom in Ramallah ist erst durch die Zusammenarbeit der Fatah mit Israel möglich geworden. 350.000 Einwohner und 200.000 Pendler erzeugen bereits Verkehrsstaus und andere Wohlstandsprobleme.

Der Unterschied zwischen Kulturalismus und Zivilisation zeigt sich zwischen dem Gaza-Streifen und der Westbank. Nachdem Israel aus dem Gaza-Streifen abgezogen war, standen Milliardenhilfen bereit, um aus dem Gaza eine Art Singapur zu machen. Das Geld wurde in den Bau von Tunneln und in Raketen investiert. Periodische Angriffe sind ein zynisches Fundraising der islamistischen Hamas, die sich Waffenstillstände abkaufen lässt. Die Bevölkerung des Gaza wird von der Hamas als Geisel genommen.[9]

Den Iran - beschwichtigen oder eindämmen?

Der Iran stellt heute die größte Bedrohung Israels dar. Er hat Israel geholfen, indem er den Hass der arabischen Staatenwelt auf sich umgelenkt hat. Die Anzeichen mehren sich, dass es sogar zu einer diplomatischen Anerkennung Israels durch Saudi-Arabien und den Emiraten kommt. Dies würde dem islamistischen Hass gegen Israel eine Spitze brechen.

Das Vorrücken des Irans wird oft als opportunistische, die Fehler amerikanischer Politik im Irak und Syrien und des israelischen Einmarsches im Libanon ausnutzende Vorfeldsicherung betrachtet. Die militärischen Hilfen für Hisbollah und Hamas sind hingegen klarer Ausdruck von antiisraelischer Aggression.

Israel hat circa 2000 Atomwaffen und eine U-Boot-gestützte Zweitschlagskapazität. Israel muss aufpassen, nicht nach Art von Großmächten alle Gegenmächte präventiv ausschalten zu wollen. Diese Überdehnung der eigenen Sicherheitsansprüche Israels bis in die Besatzung des Südlibanons, hatte dort erst die schiitische Bevölkerung radikalisiert und zur ersten militärischen Niederlage Israels geführt.

Die Beschwichtigungspolitik gegenüber dem Iran - nach Art Obamas und heute noch der Europäer - verkennt, dass fortwährende Aggression nach außen zum Wesenskern des Totalitarismus gehört. Die USA betreiben daher mit ihren scharfen Sanktionen einen iranischen Regimewechsel. Es ist unklar, ob dies nur einmal mehr das Leiden der Bevölkerung erhöht oder ob es darüber zur Ablösung des Regimes beitragen wird.

Irans wirtschaftliche und finanzielle Lage ist so prekär, dass es Hisbollah und Hamas nicht problemlos weiter finanzieren kann. Nach einem Ende des Krieges in Syrien droht sich ansonsten die Lage Israels durch die vom Iran gefüllten Raketenbestände der Hisbollah dramatisch zuzuspitzen.

Weder der Iran noch die Saudis sind für demokratische Staaten auf Dauer geeignete Verbündete. Aber es wäre irreal, beide gleichzeitig bekämpfen zu wollen. Gegenüber dem größeren Übel ist die vorübergehende Kooperation mit dem kleineren Übel legitim, sofern sie der Verhinderung eines großen Krieges dient. Und sofern sie zugleich mit dem Insistieren auf innere Veränderungen verbunden wird.[10]

Letzteres liegt auch im westlichen Eigeninteresse, denn der aus Saudi-Arabien finanzierte Islamismus in Europa stellt anders als der vergleichsweise kleinere und daher kaum universalisierbare Schiitismus dauerhaft eine größere Bedrohung Europas dar. Die weltliche Herrschaftsrolle ist dem Schiitentum eigentlich fremd und wird nicht dauern. Israel und der Westen müssen daher vor allem Zeit gewinnen und auf neue innere Entwicklungen im Iran hoffen.

Paradigmenwandel zur wissensbasierten Weltwirtschaft

Israels Sicherheit wird solange prekär bleiben, wie Antisemiten und Islamisten in aller Welt das Existenzrecht Israels in Frage stellen. Während des Syrienkrieges war Israel entlastet. Einstmals gefährliche Feinde in der Nachbarschaft sind immer noch von Bürgerkriegen und selbstzerstörerischen Machtkonflikten zerrissen. Über die Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten wird Israel sogar zu einem zunehmend begehrten militärischen Verbündeten der arabischen Mächte. Aber diese Annäherung ist an unmittelbare geopolitische Interessen gebunden und kann nicht als zuverlässig gelten.

Die langfristige Chance Israels liegt in einem nahöstlichen Paradigmenwandel vom Kulturalismus zur Zivilisierung. Er könnte den Kampf der nahöstlichen Kulturen zu überwinden helfen.[11] Der teils religiöse, teils ethnische Identitätswahn in der arabischen Welt ist eine regressive Gegenreaktion auf die mangelnde Anschlussfähigkeit an die wissenschaftlich-technische Zivilisation. Im Jahr 2017 meldeten die fünf arabischen Länder Irak, Palästina, Jemen, Syrien und Jordanien zusammen neun hochkarätige Patente an. Aus Israel kamen mehr als zweihundertmal so viele.[12]

In einer wissensbasierten Weltwirtschaft ist das technologische Know-how für Wohlleben und Überleben auf Dauer wichtiger als religiöse und kulturelle Identitäten und sogar als die materiellen Ressourcen in materialbasierten Wirtschaften. Die Machtkonflikte der Staaten verschieben sich damit tendenziell von physischen Kriegen zur ökonomischen Konkurrenz, oft aber auch zugleich zur Kooperation bei sozialen und humanitären Projekten.

Etwa im Kampf gegen die Desertifikation, von der weltweit anderthalb Milliarden Menschen betroffen sind, wird Know-how wichtiger sein als die Frage, welcher Nation oder Religionsgemeinschaft die jeweilige Wüste gehört. Während Reichtum früher vor allem aus dem Zugriff auf Ressourcen wie Weizenfeldern und Ölplattformen erwuchs, ist heute das Know-how zentrale Quelle des Wohlstands.

Ölfelder – so der israelische Historiker Yuval Harari - können durch Krieg erobert werden, Wissen nicht. Kriege lohnen sich allenfalls noch dort, wo materialbasierte Ökonomien vorherrschen. Rohstoffe und Energie sind endlich, Wissen ist unendlich: eine wachsende Ressource, je mehr man davon nutzt, desto mehr hat man.[13]

Know–how als Exportschlager

Über diesen Paradigmenwandel sind bereits Ägypten und Jordanien fast schon Entwicklungspartner Israels geworden. Jordanien könnte ohne Israels Meerwasserentsalzung kaum überleben. Der frühere Streit um das heilige Jordanwasser ist demgegenüber reiner Anachronismus. Und selbst für den militärischen Kampf gegen den »Islamischen Staat« brauchen Jordanien und Ägypten das Rüstungsknow-how der Israelis.

Die Arabellion und auch Unruhen in Teheran geben Hinweise auf den Wunsch, alte Spielfelder zu räumen und Ziele wie eine Eroberung Israels oder die Errichtung der Umma gegen persönlichere Ziele einzutauschen. Individualisierungsprozesse stehen in Konkurrenz zur Islamisierung. Europa wäre gut beraten, die Individualisierungsprozesse im Nahen Osten zu fördern und sie in Europa einzufordern.

Die humanitären Ideale der Europäer stoßen als reine Gesinnungsethik längst an die Grenzen des Möglichen. In den Folgen verkehren sie sich oft in ihr Gegenteil, indem Europa die tüchtigsten Migranten integriert und sie dauerhaft den Entsenderländern entzieht.

Die Migrationsforscher Alexander Betts und Paul Collier verlagern die Debatte auf die Notwendigkeit lokaler Hilfe. Sie plädieren für den Umbau der Flüchtlingslager im Nahen Osten zu Sonderwirtschaftszonen, in denen durch Investitionen in Infra-Struktur und Produktion aus Lagern neue Städte entstehen sollten.

Dies wäre humaner und effizienter als die gefährliche und alle Beteiligten überfordernde Entgrenzung zwischen dem Nahen Osten und Europa. Es würde zudem eine gesteuerte Einwanderungspolitik erleichtern.[14] Für ideell motivierte und zugleich realisierbare Projekten wären die Kompetenzen der Israelis von großem Wert.

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[1] Vgl. Bassam Tibi, Islamische Zuwanderung und ihre Folgen. Der neue Antisemitismus. Sicherheit und die neuen Deutschen, Idem Verlag 2018.


[2] Zum Übergang von einer multilateralen zur multipolaren Weltordnung vgl. Heinz Theisen, Der Westen in der neuen Weltordnung, Stuttgart 2017.


[3] Alle Zahlen nach Gunnar Heinsohn, Warum Trump aus Syrien abzieht, in: Achse des Guten, online Portal v. 21.12.2018.


[4] Ich folge hier Natan Sznaider, Das unmögliche Prinzip der Gleichheit. Der israelische Soziologe Natan Sznaider über Nationalstaatengesetz und Einstaatenlösung, in: Internationale Politik und Gesellschaft v.16.11.2018 und ders. Gesellschaften in Israel – Eine Einführung in zehn Bildern, Berlin 2017.


[5] Carlo Strenger, Ein Schweizer Kantonalsystem für Israel, in: Neue Zürcher Zeitung v. 19.10.2018.


[6] Vgl. Michael Wolffsohn, Zum Weltfrieden. Ein politischer Entwurf, München 2015.

[7] Armin Langroudi, Islam der Mitte. Das Dilemma Europas in seinem Verhältnis zum, Islam, in: Tumult. Vierteljahresschrift für Konsensstörung, Winter 2017/2018, S. 85ff.


[8] Stephan Eric Bronner, Zeit der Ernüchterung. Israel und Palästina – über Auswege aus dem Teufelskreis der Gewalt, in: Lettre International Frühjahr 2016, S. 54ff


[9] Ulrich Schmid, Das Trauma bannen in Gaza, in: Neue Zürcher Zeitung v. 14.11.2018.


[10] Michael Pompeo, Die Iran-Strategie der Regierung Trump. Essay des Außenministers, in: Amerika-Dienst- Newsletter v. 29.10.2018.


[11] Heinz Theisen, Der Westen und sein Naher Osten. Vom Kampf der Kulturen zum Kampf um die Zivilisation, Reinbek, 2015


[12] Zahlen nach Gunnar Heinsohn, ebd.


[13] Yuval Noah Harari, Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen, München 6. Auflage 2017, S 27 und S. 290.


[14] Alexander Betts und Paul Collier, Gestrandet. Warum unsere Flüchtlingspolitik allen schadet – und was jetzt zu tun ist, Berlin 2017.

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Über den Autor: HEINZ THEISEN, geb.1954, lehrt als Professor für Politikwissenschaft an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Köln. Von 2004 bis 2014 war er Gastprofessor an der Universität Bethlehem in Palästina. Publikationen zu Kulturkonflikten im Umfeld von Europa und dem Nahen Osten. Letzte Buchveröffentlichungen: Der Westen und sein naher Osten. Vom Kampf der Kulturen zum Kampf um die Zivilisation. Reinbek 2015. Der Westen und die neue Weltordnung. Stuttgart 2017.


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