Jörg Gerke: KLIMASCHUTZ IN DEUTSCHLAND – EIN SCHLECHTER SCHERZ

Während politisch am Ausstieg aus der Nutzung von Öl, Kohle und Gas gearbeitet wird, vermeintlich aus „Klimagründen“, ist gleichzeitig die Industrialisierung der Landwirtschaft, auch des organischen Landbaus, Ziel aller politischen Bemühungen. Der Boden ist ein bedeutendes Feld für den weltweiten CO2-Haushalt: Er kann Kohlenstoff binden, aber auch freisetzen. Eine noch im Jahr 2000 ausgeglichene Bilanz bei Treibhausgasemissionen aus europäischen Böden ist lange her. Auch wird dieses Feld derzeit politisch wenig beackert. Dabei führt vor allem die Industrialisierung der europäischen Landwirtschaft zu einer Nettotreibhausgasemission, die den Effekt der Reduktion der fossilen Energieverbrennung übersteigt. Gerade der Anbau der Energiepflanzen Mais und Raps führt zu einem Anstieg von Kohlendioxid und - mehr noch - von Lachgas und Methan. Die angekündigte Energiewende kann deswegen zu einem Zuwachs an Treibhausgasemissionen in Europa führen. Die Rolle der Naturwissenschaftler in diesem Spiel besteht im Äußern leiser Kritik oder in der gnadenlosen Anpassung an den politisch-öffentlichen Diskurs zum Thema „Klimaschutz“.



Bundesarchiv, Bild 183-1989-1218-003 / CC-BY-SA 3.0


Die aktuelle SPD-Grüne-FDP-Bundesregierung hat ein 200 Milliarden Paket zum Klimaschutz für die nächsten vier Jahre angekündigt.

Ein Argument gegen ein solches Paket lautet, dass Deutschlands Beitrag zu den weltweiten Treibhausgasemissionen mit 2 bis 2,5 % eher gering ist, während die Schwellenländer in den nächsten Jahren so viele Kohlekraftwerke bauen werden, dass deren Emissionen ein Vielfaches der deutschen Emissionen ausmachen. Die Befürworter bestehen auf einer deutschen Vorreiterrolle.

Im Folgenden wird gezeigt, dass es bei der deutschen Klimaschutzpolitik nicht um die Reduktion der Emission von Treibhausgasen geht. Dazu wären andere Maßnahmen notwendig. Die Politik der Bundesregierung verwirklicht hingegen im Rahmen der Klimapolitik Vorhaben, die die Treibhausgasemission erhöhen werden.


E-Mobilität frisst Ressourcen


Wenn es in der Diskussion tatsächlich um die Reduktion der Emission von Treibhausgasen ginge – vor allem Kohlendioxid, mit deutlich geringerer Bedeutung auch Lachgas und Methan –, dann würden alle verfügbaren Techniken auf die Freisetzung von Treibhausgasen in der Anwendung geprüft. Genau das erfolgt aber nicht. Es würde nämlich bedeuten, dass für die Erzeugungsprozesse elektrischer Energie durch Sonne, Wind und Biomasse eine volle Analyse der Treibhausgasemissionen durchgeführt werden müsste, die eben auch die Herstellung von Windkraft-, Solar- und Biogasanlagen berücksichtigt. Vor allem den dafür notwendigen Verbrauch von teilweise knappen Rohstoffen. Auch würde die Energiebilanz von Elektroautos nicht erst ab der Steckdose, sondern bereits beim Beginn der Produktion ermittelt werden.


Holz zum Heizen unerwünscht


Der Einsatz von Holz zum Heizen stellt eine besonders erneuerbare und dezentrale Art der Energiegewinnung dar. Das verwendete Holz wird in der Regel regional gewonnen und verarbeitet. Es stellt im Wesentlichen Abfallholz dar, das ansonsten im Wald verrotten und dabei von Mikroorganismen, Pilzen und Bakterien abgebaut werden würde – ein Prozess, der zwangsläufig Kohlendioxid freisetzt. Warum also nicht im heimischen Ofen verbrennen? Politisch ist das offensichtlich nicht gewollt. Das EU-Parlament hat im September 2022 beschlossen, dass Holz nur noch bedingt nachhaltig ist. Damit hatte es einen weitergehenden Vorschlag, Holz als nicht nachhaltig zu klassifizieren, zwar zurückgewiesen, aber dem Ansinnen grundsätzlich zugestimmt. Eine regierungsnahe Lobbyorganisationen, der NABU, ließ über ihren Bundesgeschäftsführer Leif Miller sogar verbreiten, dass die Verbrennung von Holz schädlicher sei als die von Kohle! Das ist Unsinn. Es scheint allerdings keinen anwendungsorientierten Naturwissenschaftler, keinen Forstwissenschaftler zu geben, der diesen durch das EU-Parlament beschlossenen Unsinn zurückweisen und widersprechen würde.


Dabei hätte der NABU-Bundesgeschäftsführer nur auf eine NABU-eigene Expertise zurückgreifen müssen. Im Jahre 1995 veröffentlichte Wilhelm Bode, studierter Forst- und Rechtswissenschaftler, Leitender Ministerialrat im saarländischen Wirtschaftsministerium und damals „Bundessprecher Wald“ des Naturschutzbundes (NABU) Deutschland ein Buch zur Waldwende (Bode und von Hohnhorst, 1995). In diesem Buch, mit dem sich Bode damals sicher keine Freunde unter seinen Ministerialkollegen machte, beschreibt er, wie nachhaltige Waldbewirtschaftung aussehen kann, und wie sie damals bereits in einigen Forsten praktiziert wurde: Statt Altersklassenwald mit Kahlschlag entsteht ein Dauerwald mit Bäumen verschiedenen Alters, in dem immer nur ein kleiner Teil geschlagen wird. Dieser Praxiswechsel setzt aber Maßnahmen wie den Verzicht auf überschwere Harvester und stattdessen den Einsatz von Rückepferden voraus.


Der Entschluss des EU-Parlaments wie auch die aktuelle Stellungnahme des NABU als einer NGO mit hoher staatlicher Alimentierung gehen an den wirklichen Problemen der Waldbewirtschaftung vorbei. Auf lange Sicht ist Holz eine der wenigen nachhaltigen Energierohstoffe.


Energie aus dem Silo


Die Erzeugung von Biogas und die Stromgewinnung daraus basiert auf der Verwendung der Wirtschaftsdünger Stallmist oder Gülle. Das ist ein nachhaltiges Konzept und verursacht keine zusätzlichen Emissionen. Wegen der Notwendigkeit einer hohen Energiekonzentration im Gärsubstrat ist Silomais mit einem hohen Gehalt an leicht vergärbaren Kohlenhydraten als wichtigste Komponente der benötigten Substrate unverzichtbar. Die energetische Ausbeute von Biogasstrom aus Mais-Silage basierten Gärsubstraten ist aber denkbar schlecht, nämlich umgerechnet benötigen 1,4 Energieeinheiten im Biogasstrom 1 Energieeinheit an Vorleistung. Das liegt daran, dass alle Teilprozesse zur Maiserzeugung und Ernte sehr energieaufwendig sind, von der hohen Düngung mit mineralischen Stickstoffdüngern zu Mais über die energieintensive Ernte durch Maishäckseln und der transportaufwendigen Einlagerung. Unter ungünstigen Bedingungen kann der Energiebedarf der Maiserzeugung so hoch werden, dass die zur Produktion benötigte Energie höher ist als die später mit dem gewonnenen Strom bereitgestellte Energie. Hinzu kommt der Effekt der erhöhten Netto-Freisetzung der Treibhausgase Lachgas und Methan.


Diese Form der Stromerzeugung wird durch politische Entscheidungen gefördert bzw. durch Deregulierung erleichtert. Am 28.09.2022 wurden die baurechtlichen Begrenzungen der Biogaserzeugung ausgesetzt, am 07.10.2022 gab nach dem Bundestag auch der Bundesrat grünes Licht für eine Steigerung der Biogaserzeugung. Gerade große Anlagen, die aufgrund der notwendig langen Maistransportwege besonders energieintensiv sind, werden also in Zukunft verstärkt gebaut werden. Kritische Anmerkungen von NGOs oder Naturwissenschaftlern zu diesen Beschlüssen gibt es nicht, die öffentliche Diskussion zu diesen direkt Nachhaltigkeits-adversen Beschlüssen ist ebenfalls nicht existent.


Entscheidender Mangel ist hierbei die wachsende Inkompetenz von Naturwissenschaftlern – selbst in den Disziplinen, die politisch besonders gefördert werden. Und dazu gehören zweifellos die Disziplinen, die direkt oder indirekt mit der „Klimadiskussion“ befasst sind.


Woher stammen die Treibhausgasemissionen?


Wenn die Politik ein Ziel vorgibt, hier den „Klimaschutz“, dann muss das Ziel operationalisierbar gemacht werden. Im vorliegenden Fall dadurch, dass die Emission der klimarelevanten Spurengase, an erster Stelle Kohlendioxid, dann Lachgas und auch Methan, weltweit reduziert werden. Dabei ist Kohlendioxid das dominierende Gas. In Sachen „Klimaschutz“ gibt es seit zwanzig Jahren Förderprogramme für Windanlagen, Solarflächen und die Erzeugung von Biogas. Es gibt auch seit einigen Jahren Ausstiegsprogramme aus der fossilen Energieverbrennung, für die Abschaltung von Kohlekraftwerken und für ein Verbot von Benzin- oder Diesel-PKW.


Diese weitreichenden politischen Restriktionsprogramme zum Einsatz fossiler Brennstoffe in Deutschland und in der EU, die im Übrigen denen der US- amerikanischen Politik ähneln, gehen von der Annahme aus, dass die Erhöhung der Treibhausgas-Konzentration in der Luft vor allem auf die Verbrennung fossiler Energien zurückzuführen ist. Diese Annahme ist falsch!


Die Böden weltweit speichern hohe Mengen an Kohlenstoff (C) vor allem in organischer Form (Stevenson, 1994; Batjes, 2016). Böden enthalten mehr C als die Atmosphäre und die Vegetation weltweit zusammen (Weber et al., 2018). Die Daten zur Dominanz der Böden als weltweiter C- Speicher liegen seit mehr als vier Jahrzehnten vor (z.B. Bolin, 1977).


Eine Rolle bei der Reduktion von Treibhausgasemissionen spielten die Böden in den politischen Entscheidungen zum „Klimaschutz“ bisher nicht. Wissenschaftler haben in den letzten Jahren dazu vor allem Inventarisierung betrieben, also die Messung und Kartierung der C-Gehalte z.B. in Deutschland durch das dem Bundeslandwirtschaftsministerium unterstehende Thünen-Institut in Braunschweig (Jakobs et al., 2018). Wissenschaftliche Untersuchungen zur Nettoemission von Kohlendioxid aus Böden sind politisch folgenlos. Inventarisierung durch Wissenschaftler statt konkretem Handeln – ein Armutszeugnis! Dabei können schon geringe Veränderungen im C-Gehalt von Böden zu starken Veränderungen in der Kohlendioxid-Konzentration der Luft führen.

Zu der Bedeutung der Böden für die Kohlendioxidemission in der Luft gab es schon 2001 einen Übersichtsartikel von Michael Hayes und Mitarbeitern, die darauf hinweisen, dass die Kohlendioxid-Nettofreisetzung aus Böden um den Faktor 10 höher ist als die Freisetzung aus der fossilen Energieverbrennung (Hayes und Clapp, 2001). In einem neueren Übersichtsartikel berechnen Oertel et al. (2016) aus weltweit zusammengetragenen Daten, dass die jährliche Kohlendioxid-Nettofreisetzung aus Böden weltweit um den Faktor 10 höher ist [350 kg C *1012] als die weltweite jährliche Kohlendioxidfreisetzung durch Verbrennung fossiler Energien [33,4 kg C *1012].


Warum ist die Freisetzung von Kohlendioxid aus Böden weltweit so hoch?


Es geht dabei um die kultivierten, bewirtschafteten Böden, also um land- und forstwirtschaftlich genutzte Böden. Zum einen ist Waldrodung oder Kahlschlag dabei von großer Bedeutung, zum anderen ist es eine nicht-nachhaltige Art der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung, die zur vermehrten Freisetzung von Kohlendioxid aus Böden führt. Mit der darüber hinausgehenden Industrialisierung der Landwirtschaft steigt auch die Emission weiterer Treibhausgase wie Lachgas und Methan an.

Wenn Wald gerodet wird, z.B. um die Waldfläche in eine andere Bewirtschaftung zu überführen, so werden die aufgewachsenen Hölzer in der Regel genutzt, zum Beispiel als Möbel- oder Bauholz. Da dadurch aber keine schützende Vegetationsschicht mehr auf dem entwaldeten Boden vorhanden ist, fehlt der Eintrag organischer Substanz in die Böden durch Laub, abgestorbene Äste und absterbende Wurzeln. Es wird also keine zusätzliche organische Bodensubstanz mehr gebildet und die vorhandene Bodensubstanz wird durch Bodenmikroorganismen abgebaut und letztlich zu Kohlendioxid umgewandelt, das dann in die Luft abgegeben wird. Dieser Abbauprozess ist besonders stark ausgeprägt im tropischen Regenwald, wo nach Rodung des Waldes die organischen Bodensubstanz aufgrund idealer Abbaubedingungen wie hoher Wassergehalte und hoher Temperatur innerhalb von ein bis zwei Jahren vollständig verschwunden sein kann.


Die landwirtschaftliche Bewirtschaftung von Böden bedeutet in der Regel einen noch größeren Eingriff in die Böden als das bei einer forstlichen Bewirtschaftung der Fall ist. Die Art der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung entscheidet deswegen in hohem Maße darüber, wie hoch die Emission von Treibhausgasen weltweit ausfällt. Die ackerbauliche Nutzung von Grünland, Steppe, Savanne und Prärien im Zuge des weltweiten Bevölkerungsanstiegs hat zum umfangreichen Abbau organischer Substanz und der Freisetzung von Kohlendioxid geführt. Vermutlich ist das der wichtigste Einzelprozess, der zum Anstieg der Kohlendioxidkonzentrationen in der Luft geführt hat.


Die polit-mediale Erzählung in den westlichen Industriestaaten konzentrierte sich lange Zeit auf die fossile Energieverbrennung. Das lässt zwei Schlussfolgerungen zu: Zum einen sollte die thermische Nutzung fossiler Energien unterbunden werden und zum anderen sollte die Treibhausgas-intensive Art der Landbewirtschaftung in den westlichen Industriestaaten nicht infrage gestellt werden. Die weitgehende Tabuisierung der Treibhausgasemissionen aus landwirtschaftlich genutzten Böden war lange Zeit nur möglich, weil die maßgebenden Naturwissenschaftler sich den politischen Imperativen in dem Bereich weitgehend gebeugt haben.


Seit dem Pariser Klimaabkommen von 2016 hat sich die Situation geändert. Im Rahmen dieses Abkommens wurde für Böden das Vier-Promille-Ziel ausgegeben. Dies besagt, dass die Bodenbewirtschaftung so zu erfolgen hat, dass der Boden jährlich vier Promille zusätzlich an Kohlenstoff (C) bindet, bezogen auf den im Boden schon vorhandenen Gehalt an organischem C (s. z.B. Minasmy et al., 2017; Rumpel et al., 2018; Wiesemeier et al., 2020).


Alternativen: Zwischenfruchtanbau und Agroforstsysteme


Im Jahr 2017 hat eine Gruppe von 34 Naturwissenschaftlern das Vier-Promille-Ziel für unterschiedliche Regionen in der Welt diskutiert. Neben Zwischenfruchtanbau und organischer Düngung wird im abschließenden Abschnitt die Bedeutung „Disruptiver Technologien“ für die Erhöhung der Boden-C-Gehalte betont (Minasmy et al., 2017). „Disruptive Technologien“ sind neue Technologien, die etablierte Technologien ablösen. Der Begriff ist stark politisiert und hat in einer naturwissenschaftlichen Arbeit nur dann einen Platz, wenn ausdrücklich auf den politisierten Gehalt hingewiesen wird. Statt sich auf „Disruptive Technologien“ als Problemlöser für die C-Speicherung in Böden zu konzentrieren, sollte das zusammengehörige Wissen von Acker- und Pflanzenbau, Agrikulturchemie und Bodenchemie genutzt werden.


Für den deutschen Raum repräsentativ ist ein Beitrag von Wiesemeier et al. (2020), der die C-Speicherung in landwirtschaftlichen Böden Bayerns als Untersuchungsziel hat. Zur Erhöhung der C-Gehalte werden Zwischenfruchtanbau und Agroforstsysteme vorgeschlagen.


Es gibt einen reichhaltigen Vorrat an wissenschaftlichen Kenntnissen in diesem Bereich, der für eine Erhöhung des C-Gehalts in Böden genutzt werden kann. Und noch besser: Diese Kenntnisse wurden in einer Zeit gewonnen, als die Emission von Treibhausgasen nicht im Zentrum der Forschung stand, sondern hohe C- Gehalte im Boden zur Erhöhung der Bodenfruchtbarkeit angestrebt wurden. Es gab dazu tatsächlich auch eine ausgeprägte interdisziplinäre Forschung, die für das Thema „Erhöhung der Gehalte an organischer Substanz in landwirtschaftlichen Böden“ unerlässlich war. Wer heute als Lehrstuhlinhaber für Bodenkunde kein Landwirtschaftsstudium absolviert hat, was eher die Regel ist, wird sich mit der hier geforderten Interdisziplinarität schwertun.


Zwei der einflussreichsten deutschen Agronomen, Ernst Klapp aus Bonn und Gustav Könnecke aus Halle/Saale, haben das Thema in ihren grundlegenden Lehrbüchern schon vor Jahrzehnten detaillierter behandelt als Minasmy et al. (2017) oder Wiesemeier et al. (2020). Der Kenntnisstand von Klapp und Könnecke wird von vielen heutigen Bodenkundlern nicht erreicht. Ein Beispiel: Die Erhöhung des Gehaltes an organischer Bodensubstanz erreicht man durch regelmäßige Düngung mit Stallmist oder mit Kompost, die jährliche Applikation von 8-12 t Stallmist/ha führt zu einer jährlichen Anreicherung mit organischer Substanz in der Höhe von 0,022% (Klapp, 1967, S. 184). Die Bedeutung von Stallmist im Gegensatz zur Gülle, einem flüssigen organischen Düngemittel, haben auch Körschens et al. (2014) in Auswertung europäischer, langjähriger Feldversuche bestätigt. Die wenig differenzierte Aussage von 34 gegenwärtigen Bodenkundlern (Miasmy et al., 2017), dass organische Substanz pauschal die Corg-Gehalte erhöht, wird dadurch ernsthaft infrage gestellt.


Es gibt mindestens drei Arten von Zwischenfruchtanbau, die sich jeweils in der Menge der zurückbleibenden organischen Substanz unterscheiden. Es kommt auf die Auswahl der Futterbau-Hauptfrüchte in der Fruchtfolge an. Könnecke (1967, S. 22) beschreibt im Vergleich zu den Zwischenfrüchten die hohen Mengen an Wurzel- und Stoppelresten, die durch mehrjährige Luzerne- oder Rotklee-Grasgemenge- Hauptfruchtanbau im Boden hinterlassen werden und zur Anreicherung mit organischer Substanz führen können. Ackerböden mit Luzern-Klee-Gras-Feldfutterbaujahren können Gehalte an organischer Substanz aufweisen, die 7-8% erreichen, während vergleichbare Böden ohne Feldfutterbau 2-5 %organische Substanz aufweisen (Klapp, 1967, S. 179). Weder Miasmy et al. (2017), Rumpel et al. (2018) noch Wiesemeier et al. (2020) erwähnen den Hauptfruchtanbau mit Luzerne-Klee-Gras-Gemengen als Maßnahme zur C- Anreicherung im Boden.


Zu der ausführlichen Diskussion der Maßnahmen zur C-Speicherung im Boden, insbesondere der organischen Düngung und dem Hauptfruchtfutterbau siehe Gerke (2021; 2022).


Unkenntnis oder Unterwerfung?


Ist das Ignorieren dieses Themas auf Unkenntnis zurückzuführen oder handelt es sich dabei um eine Art vorrauseilenden Gehorsam von Wissenschaftlern gegenüber einem polit-medialen Imperativ?

Oertel et al. (2016) behaupten, dass in Europa in den Jahren 2000 bis 2005 die terrestrische Treibhausbilanz im Wesentlichen ausgeglichen war. Lachgas- und Methanemission aus der Landwirtschaft wurden kompensiert durch kohlenstoffsenkende Grünland- und Forstböden. Allerdings machte die weitere Intensivierung der Landwirtschaft die Böden Europas zu einer Quelle von Treibhausgasen (Oertel et al., 2016, S. 328).


Was bedeutet das? Neben dem dominanten Treibhausgas Kohlendioxid führt die Intensivierung der Landwirtschaft dazu, dass die europäischen Böden zukünftig (ab 2010 ) zu einer bedeutenden Quelle für Treibhausgasemissionen werden, besonders für Lachgas und Methan.


Die industrielle Intensivierung der Landwirtschaft bringt vor allem ein hohes und steigendes Stickstoff (N)-Düngungsniveau mit sich. Gut zu bemerken ist das am Einsatz immer größerer und schwererer Maschinen zur Bearbeitung, Einsaat und Ernte. Dieser Aufwand bedeutet wiederum eine Spezialisierung der agrarischen Produktion, vor allem die weitgehende Trennung von Ackerbau und Tierhaltung und die Ausweitung des Anbaus von Energiepflanzen wie Mais (zur Biogaserzeugung), Raps (Biodiesel) und Zuckerrüben (Biosprit). Das erfordert ein hohes N-Düngungsniveau, was wiederum zu erhöhten Lachgasemissionen führt. Besonders durch schwere Maschinen verdichtete Böden tragen hierzu bei. Lachgas ist ein Abbauprodukt des Nitratabbaus unter reduktiven Bedingungen. Nicht nur das: Ein hohes N-Versorgungsniveau begünstigt auch die Methanentbindung aus den Böden, da der mikrobielle Methanabbau in Böden durch hohe Nitratgehalte gehemmt wird.

Die Trennung von Ackerbau und Tierhaltung in der extrem arbeitsteiligen industriellen Landwirtschaft bedeutet auch, dass in den industriellen Ackerfruchtfolgen keine Futterbaujahre mit Luzerne-Klee-Gras eingefügt werden und damit die C-Abreicherung der industriell bewirtschafteten Böden betrieben wird. Angesichts dieser unstrittigen Fakten ist es nicht verständlich, dass die Beziehung zwischen industrieller Landwirtschaft und Treibhausgasemission nicht im polit-medialen und naturwissenschaftlichen Zentrum steht – schließlich soll der „Klimaschutz“ das zentrales politische Ziel sein.


Organischer Landbau ist kaum nachhaltig


Eine andere Art der Landbewirtschaftung, die sich als Alternative darstellt, ist der organische Landbau, der Luzerne-Klee-Gras- Jahre, organische Düngung mit Mist oder Kompost und die Verbindung von Ackerbau und Tierhaltung zum Programm hat. Das war jedenfalls die Zielsetzung seiner Initiatoren. Allerdings hat sich der organische Landbau in den letzten Jahren eher in eine weniger nachhaltige Richtung entwickelt, auch bezüglich der Emission von Treibhausgasen aus den organisch bewirtschafteten Böden.


Die Zertifizierung des organischen Landbaus begann in der EU in den 1990er-Jahren, verbunden mit der Einführung von Subventionen für diese Art der Bewirtschaftung. Veränderungen in den „Öko-Richtlinien“ für den organischen Landbau in den letzten Jahrzehnten führten dazu, dass Subventionen auch an Betriebe ohne Vieh flossen. Zudem ist es nach EU-Richtlinien für den organischen Landbau möglich, dass diese Betriebe auch organische Düngemittel wie Stallmist, Gülle oder Biogasgülle aus konventionellen Betrieben zukaufen dürfen. Das wiederum bedeutet, dass diese viehlosen „organischen“ Betriebe auf Fruchtfolgeglieder mit Luzerne, Klee und Gras verzichten können und auch tatsächlich verzichten. Statt 25-35% beträgt in solchen organischen Betrieben der Anteil vielfach weniger als 20, in einigen Fällen auch weniger als 10 oder sogar 5%. Damit ist die Trennung von Ackerbau und Tierhaltung, ein Prinzip der industriellen Landwirtschaft, im organischen Landbau angekommen.


Das wiegt umso schwerer, da eine ordnungsgemäße Fruchtfolge und Mischkultur den Ertrag des organischen Landbaus gegenüber dem konventionellen Landbau von fast 80 auf knapp 90% steigern kann (Ponisio et al., 2015). Dem tatsächlichen organischen Landbau von heute kann allerdings zu Gute gehalten werden, dass bis jetzt viele landwirtschaftliche Betriebsleiter an einer umfassenderen, nachhaltigeren Wirtschaftsweise festhalten als es die „Ökorichtlinien“ vorschreiben. Die politischen Rahmenbedingungen führen geradewegs in eine Industrialisierung des organischen Landbaus. Es gilt die Einschätzung von Ghabbour et al. (2017) zur Intensivlandwirtschaft und zum organischen Landbau, die besagt, dass der organische Landbau viele Maßnahmen verwirklicht, um den Gehalt an organischer Bodensubstanz zu erhöhen. Stattdessen bleibt der intensive, konventionelle Anbau eine wohlbekannte Quelle von Treibhausgasen. Welcher Lehrstuhlinhaber in Deutschland hat öffentlich je eine vergleichbare Aussage gewagt?


Literatur

Batjes, N.H. (2016), Geoderma, 269, 61-68.

Bolin, B. (1977), Science, 196, 613.

Bode, W.; von Hohnhorst, M. (1995): Vom Försterwald zum Naturwald. München.

Gerke, J. (2021), Agronomy, 11: 1079.

Gerke, J. (2022), Soil Systems, 6: 33.

Ghabbour, E.A. (2017), Adv. Agron., 146, 1-35.

Hayes, M.H.B.; Clapp, C.E. (2001), Soil Sci. 166, 723-737.

Jakobs et al. (2018): Landwirtschaftlich genutzte Böden in Deutschland – Ergebnisse der Bodenzustandserhebung. Braunschweig.

Klapp, E. (1967): Lehrbuch des Acker- und Pflanzenbaus. Berlin, Hamburg.

Könnecke, G. (1967): Fruchtfolgen. Ostberlin.

Körschens, M. et al. (2014), Arch. Agron. Soil Sci., 60, 1485-1517.

Minasmy, B. et al. (2017), Geoderma, 292, 59-86.

Oertel, G. et al. (2016), Geochemistry (Chemie der Erde), 76, 327-352.

Ponisio, L.C. et al. (2015), Proc Biol Sci 282: 1396.

Rumpel, C. et al. (2018), Nature, 564, 32-34.

Stevenson, F.J. (1994): Humus Chemistry: Genesis, Composition, Reactions. New York.

Weber, J. et al. (2018), J. Soils Sediments, 18, 2665-2667.

Wiesemeier, M. et al. (2020), Geoderma, 369: 11433.



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Beiträge von Jörg Gerke finden sich auch in unseren Ausgaben vom Frühjahr 2019 und Winter 2019/20.



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