Jörg Gerke: ZUR BUNDESTAGSWAHL 2021 - Das Verbot der Verbrennung fossiler Energieträger

Es gibt kaum ein Wahlkampfthema, das so ausgereizt wird wie der „anthropogene Klimawandel“. Dabei gibt es einen Überbietungswettbewerb fast aller Parteien, fossile Energieträger zu verbieten. Es ist die Rede von einem zukünftigen Klimaministerium, von einem Klimavorbehalt, von weiteren, steigenden CO2-Steuern und -Zertifikaten. Der fachliche Hintergrund der Emission klimarelevanter Spurengase wird in der politischen Diskussion vollständig ausgeblendet. Hier die wichtigsten Grundlagen dazu:


Der Einfachheit halber beschränken wir die Betrachtung auf die drei wichtigsten dieser Spurengase, Kohlendioxid, Lachgas und Methan, wobei der Anteil von Kohlendioxid bei knapp 90% liegt. Die Bundesregierung hat den Schluss gezogen, den Einsatz von Kohle in Kraftwerken bis 2035 zu beenden, die EU will ebenfalls bis 2035 die Produktion von PKW mit Verbrennungsmotor verbieten. Diese weitreichenden politischen Entscheidungen beruhen auf der Vorstellung, daß der Verzicht auf fossile Energieträger das zentrale Instrument für die Reduktion der Emission von klimarelevanten Spurengasen ist. Das ist ohne naturwissenschaftlichen Beleg, es ist falsch. In den Böden ist in Form von organischem Kohlenstoff mehr Kohlenstoff gespeichert, als in der Vegetation und in der Atmosphäre zusammen (Swift, 2001; Weber et al., 2018). Und das hat Konsequenzen für die Kohlendioxidemissionen.


Die Emission spurenrelevanter Klimagase aus Böden ist um den Faktor 10 höher, als die Emissionen aufgrund der Verbrennung fossiler Energieträger (Hayes et al., 2001; Oertel et al., 2016; Yang et al., 2021). Der Übersichtsartikel von Oertel et al. (2016) quantifiziert die Freisetzung dieser klimarelevanten Spurengase aus den Böden weltweit auf einen Wert von größer als 350 * 1012 kg CO2- Äquivalente jährlich, während 33,5 * 1012 kg CO2 durch die Verbrennung fossiler Energien (Kohle Erdöl, Erdgas) weltweit in die Luft emittiert werden. Und zusätzlich haben Oertel et al (2016) gezeigt, daß diese Emission zu einem erheblichen Teil auf eine industrialisierte, landwirtschaftliche Bodenbewirtschaftung zurückzuführen ist. Intensivierung und Industrialisierung der Landwirtschaft verändern den Nettoumsatz der organischen Bodensubstanz, damit auch die Kohlendioxid- Freisetzung. Das erhöhte Stickstoffdüngungsniveau intensiver Landbewirtschaftung fördert darüber hinaus einerseits die Lachgasemission, andererseits reduziert es die Bindung von Methan in Böden, fördert also auch die Netto- Methanemissionen.


Was nun haben die verschiedenen Bundesregierungen - SPD/Grüne; CDU/CSU/SPD; CDU/CSU/FDP - in den letzten zwanzig Jahren getan, um eine substantielle Emissionsverminderung von Kohlendioxid, Lachgas und Methan aus deutschen Böden in die Wege zu leiten? Im Wesentlichen beschränkt sich die politische Aktivität dazu auf einen kürzlich veröffentlichten Zustandsbericht zum C-Gehalt deutscher landwirtschaftlicher Böden ausgerechnet durch das dem Bundeslandwirtschaftsministerium unterstellte Thünen-Institut in Braunschweig. Potentiale der erhöhten C-Speicherung von Böden werden dort nur am Rande beschrieben. Die wichtigsten Instrumente, die kaum mit einer industriellen Landwirtschaft kompatibel sind, werden im Thünen-Bericht ignoriert (s. dazu Gerke, 2021). Dabei sind diese seit Jahrzehnten in der landwirtschaftlichen Forschung und Lehre in West und Ost bekannt (Klapp, 1967; Könnecke, 1967).

Wir sehen uns also mit folgender Situation konfrontiert: Die Reduktion der Emission von klimarelevanten Spurengasen wird seit zwanzig Jahren von den verschiedenen Bundesregierungen zu einem zentralen Handlungsfeld erklärt. Für jedes Molekül Kohlendioxid, das durch die Verbrennung fossiler Energien emittiert wird, werden gleichzeitig 11 Moleküle Kohlendioxid durch die Art anthropogener Bewirtschaftung aus den Boden freigesetzt und in die Atmosphäre abgegeben. Für die weniger als 10% der Emissionen aus Kohle, Öl und Gas gibt es seit mehr als zwanzig Jahren intensive Forschungsförderung zu Energiealternativen und zu Vermeidungsstrategien. Zu den rund 92% der Kohlendioxidemissionen, zum Gehalt an organischer Substanz in Böden hat 2018 ein staatliches, abhängiges Institut erstmals einen Zustandsbericht vorgelegt. Es gibt kaum relevante Forschung zu einer anderen Landbewirtschaftung in Hinsicht auf die Emission von Kohlendioxid, Methan und Lachgas.


1.

Beim Verbot der Verbrennung fossiler Energien geht es nicht um die Vermeidung der Emission klimarelevanter Gase. Wäre Vermeidung das Ziel, so würden sich die Bundesregierungen auf die Reduktion der Emission aus Böden konzentrieren.



2.

Die verschiedenen Bundesregierungen seit 1998 haben kein Interesse daran, die Klimagasemissionen aus Böden durch die Forschung zu und Einführung anderer Bewirtschaftungsmethoden in der Land- und Forstwirtschaft zu reduzieren.



Insgesamt gilt also hier: natur- und technikwissenschaftliche Forschung wird berücksichtigt nach Maßgabe der Ziele der Parteien, wichtige Ergebnisse aus der Wissenschaft zur Emission klimarelevanter Spurengase wie Kohlendioxid, Methan und Lachgas werden nicht zur Kenntnis genommen und Wissenschaft in diesem Bereich auch nicht in angemessener Weise gefördert.


Am 16.07.2021 titelte die Wirtschaftswoche zu einer Pressekonferenz der Bundeskanzlerin in den USA, daß Merkel im Kampf gegen den Klimawandel „eine Volltransformation der Art des Wirtschaftens“ fordert. Das fordert ausgerechnet die Politikerin, die in ihrer Regierungszeit mit der Förderung der Energie- und Rohstoff-intensiven Landwirtschaft einen hohen Anstieg der Emission klimarelevanter Spurengase aus landwirtschaftlichen Böden zu verantworten hat. Ein Anstieg, der vermutlich ein Mehrfaches an Kohlendioxid, Lachgas und Methan in die Atmosphäre zusätzlich abgibt, als durch den vollständigen Verzicht auf fossile Verbrennung in Zukunft hier einzusparen ist.

Klimaschutz ist in diesem Wahlkampf eine Chiffre für Machterhalt und Machtergreifung.



Literatur:


Gerke (2021), Agronomy, 11: 1079

Hayes et al. (2001), Soil Sci. 166, 723- 737.

Könnecke, G. (1967): Fruchtfolgen. Ostberlin

Klapp, E. (1967): Lehrbuch des Acker- und Pflanzenbaus. Berlin und Hamburg.

Oertel et al. (2016), Geochemistry (Chemie der Erde), 76, 327- 352.

Swift (2001), Soil Sci., 166, 858- 871.

Weber et al. (2018), J. Soils Sediments, 18, 2665- 2667.

Yang et al. (2021), Chem. Soc. Rev., 50, 6221- 6239.



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Beiträge von Jörg Gerke finden sich auch in unseren Ausgaben vom Frühjahr 2019 und Winter 2019/20.



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