Jonathan Meynrath: DAS VERFLUCHTE AMERIKA — Stefan Georges Bild von Freiheit und Marktwirtschaft

Aktualisiert: Jan 1

Bevor wir unsere Leser ins Jahr der anzunehmenden Trump-Wiederwahl entlassen, muss die Frage verstattet sein, was eigentlich von diesem sonderbaren Erdteil zu halten ist, der seit nahezu drei Jahren allein im Politischen verlässlicher für Unterhaltung sorgt als hierzulande jeder Unterhalter im Hauptamt. Der Germanist Karsten Dahlmanns hat diese Frage 2016 aus der Perspektive Stefan Georges buchförmig beantwortet.



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Der fünfseitige Geburtstagsgruß 'Ein Streif wie schieres Silber', entboten vor einem guten Jahr im Winterheft 2018/19 an die unstete Adresse des notorischen Vaganten Stefan George, zog ein deutlich durchdringenderes Echo auf und nach sich als es wohl der durchschnittlichen Ehrbezeigung gegenüber Lebendigen beschieden gewesen wäre, womit zumindest für den verblichenen Dichter selbst gelten dürfte, was er 1907 den römischen Lustknaben Manlius in seinem programmatischen Verswerk 'Porta Nigra' der trüben Nachwelt entgegenhalten ließ: "wir schatten atmen kräftiger!"


Freilich nahm nicht jeder Leser die Salutschüsse ins Schattenreich mit ungeteilter Freude auf: Ein preisgekrönter Dichter etwa distanzierte sich wortreich und klarkantig. Neben üppiger Post von den österreichischen Erben Karl Gustav Vollmoellers, eines trittsicheren Wanderers zwischen Hollywood und Geheimem Deutschland, zählt zu den genehmen Nachwirkungen des TUMULT-Essays der Kontakt zum in Polen lehrenden Germanisten Karsten Dahlmanns, der alsbald seine 2016 entstandene Studie übersandte, in der man als aufmerksamer Leser weit mehr eingelöst finden wird als das bereits vom Untertitel Versprochene: "Stefan Georges Bildnis von Unternehmertum, Freiheit und Markt."


Zugegeben: Auf den ersten Blick muss dieser Forschungsgegenstand gewissermaßen als eine low-hanging fruit am Geäst der kulturwissenschaftlichen Problemstellungen erscheinen – als ein allzu leicht versenkbarer Treffer. Denn wie soll sich das Verhältnis schon gestalten zwischen dem beherrschten Verfechter des hiesigen Geistes- und den enthemmten Herolden des überseeischen Geldadels, zwischen dem einsamen Beschwörer der ganz alten und den ungezählten Bewimmlern der Neuen Welt, zwischen dem rheinischen Winzersohn und einem Halbkontinent, der an Weines statt glimpflichstenfalls "Rosinenbrühe" (DVA, S. 99) hervorzubringen imstande ist?


Doch so leicht, wie man es haben könnte, macht es sich Karsten Dahlmanns auf keiner der 288 Seiten, die seine Monographie umfasst. Zunächst leistet er notwendige Definitionsarbeit, bringt mit freundlicher Unterstützung von Max Weber, Otto Ladendorf und schließlich auch Oswald Spengler die jeweiligen Weggabelungen von Modernismus und Antimodernismus, Amerikanismus und Antiamerikanismus, Kultur und Zivilisation auf bündige, handhabbare Begriffe. Auf Stefan George verengt sich der Winkel von Dahlmanns Betrachtung nach seiner hinführenden Einleitung erstmals wieder mit dem Blick auf das Gedicht 'Die tote Stadt' aus dem 'Siebenten Ring' (1907), das hier aufgrund seiner weltanschaulichen Schlüsselstellung in Gänze dokumentiert sei.


Wie vielleicht kein zweites Werk aus Georges Feder, so zitiert Dahlmanns den Schriftsteller und Publizisten Karl Korn, rücke 'Die tote Stadt' nahezu sämtliche Bausteine seines Denkens in eins: "Die Verachtung der Masse, der Preis der Leibesschönheit, die Kultur als Erbe alter Weihebilder, aber auch ihre Säkularisierung, der Eros und die Nacktheit, die Verachtung der Moderne, die Schelte der Entartung, der mediterrane, von Nietzsche inspirierte Horizont." Eine Linie, die Dahlmanns selbst nicht zieht, führt womöglich vom – ebenfalls auf einer felsigen Anhöhe gelegenen – maurisch-gotischen Toledo, das den jungen Dichter im Zuge seiner Spanien-Reise 1889 tief beeindruckt hatte, zur alt-ehrwürdigen Mutterstadt über der im Gedicht beschriebenen Hafensiedlung.


Den in vier Strophen vorgetragenen Weltentwurf erkennt und benennt Dahlmanns als entschieden manichäisch: Drunten Händler, droben Helden, drunten Tand, droben edle Schlichtheit, drunten Tollheit und Vermassung, droben Stille und Strenge, drunten ödes Weh und Siechtum noch in allem Überfluss, droben blühende Glieder und Erfüllung gerade im Nötigsten, drunten 'Nach-mir-die-Sintflut', droben sieges- und heilsgewisse Erwartung derselben. Treffend und klangschön konstatiert Dahlmanns das Hand-in-Hand von "Malthusianismus und Millenarismus", von Wachstums-Skepsis und Gesundschrumpfungs-Zuversicht. Drunten droht das Ende mit Schrecken, für das vom Hügel herab kein Mitleid winkt. Drunten wird deutlicher als nur umrisshaft die Neue Welt erkennbar – thront droben das alte Europa?


Im vielsagend betitelten Segment 'Amerika in Preußen' verneint der Autor unter Verweis auf Georges überlieferte Gespräche mit Edith Landmann nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg:


Was jetzt unterlegen ist, ist nicht der Geist gegenüber der Form, nicht das Werdende gegenüber dem Gewordenen, sondern die jüngere und schwächere Vertretung des angloamerikanischen Prinzips gegenüber seiner vollkommeneren Inkarnation.

(DVA, S. 126)



Höchstens kann die "stille veste" als zukunftsweisendes Idealbild eines noch zu formenden Staatswesens angesehen werden, kaum als bildhafte Entsprechung des prosperierenden, zunehmend nach angelsächsischen Kriterien sich ausrichtenden und überdies protestantisch geprägten Hohenzollern-Reiches. Georges Wahrnehmung dieser verrückten Maßstäbe lässt Dahlmanns durch die Nacherzählung einer Anekdote anschaulich werden, derzufolge dem Dichter im Rahmen eines Stadtspaziergangs die Werbeplakate amerikanischer Universitäten – hohe Jahresgehälter der geschäftstüchtigsten Absolventen auflistend – ins Auge fielen. Zwar verurteilte George, der sich in einem seiner Italien-Urlaube dem Rezeptionisten kryptisch als Besucher "senza professione" vorstellte, nicht Erwerbsarbeit als solche, wohl aber das Wirtschaften als Zweck und angenommene Prestige-Quelle.


Besonders eindrücklich arbeitet Dahlmanns heraus, wie sehr dem Binger "Landstreicher höherer Art" (Rolf Schilling) jede Verquickung von Verbreitungs- und Erwerbsdenken mit geistigen oder literarischen Angelegenheiten zusetzte: Als etwa Friedrich Gundolf in der 'Wiener Rundschau' publizierte, die George als "neu-süchtige Misch-Zeitschrift" galt, kommentierte der Dichter laut Edgar Salin enttäuscht: "Ich hätte ihm mehr 'Keuschheit' zugetraut." (DVA, S. 106). Als er andernmals unter einigen Gästen einem jungen Talent vorwarf, sich billig zu verkaufen und den Instinkten der Allgemeinheit anzupassen, fragte ein Schlichter begütigend: "Was soll er denn tun, wenn er nichts zu essen hat?" Worauf der Dichter trocken konterte: "Das sagt jeder Einbrecher auch."


Im dritten und letzten Großabschnitt seiner verdienstvollen Arbeit – 'George gegen George' überschrieben – lässt Karsten Dahlmanns noch einmal zahlreiche Fäden zusammenlaufen und versucht meistenteils erfolgreich, Paradoxien innerhalb der Georgeschen Handlungs- und Verlautbarungsräume aufzuzeigen, die regelrecht preußische Arbeitsmoral des Dichters anführend oder seine wechselhafte, keinesfalls durchgehend ablehnende Haltung zum 'Spree-Chicago' Berlin. Dabei bleibt wie üblich ungeklärt, ob zweifellos aufspürbare Ambivalenzen und erratische Sprünge tatsächlich als Zeugnisse von Inkonsistenz zu werten sind oder ob nicht vielleicht noch das vordergründig Widersprüchliche bei George einem tieferen Kalkül folgt, wie es in vielzitierten Versen aus dem 'Stern des Bundes' anklingt, die auch 2020 kaum veralten werden.

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Über den Autor:

JONATHAN MEYNRATH (*1995);

Studium der Kunstgeschichte in München und Dresden,

Publikationen für Cicero und TUMULT.




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