Jonathan Meynrath: WO STAUFFENBERG AM TOTESTEN IST

Aktualisiert: 30. Okt 2019

Am 20. Juli 1944 opferte sich Claus Schenk Graf von Stauffenberg nicht für die freiheitlich-demokratische Grundordnung, sondern für das Großdeutsche Reich. Wer seine Sinne beisammen hatte und sich dennoch der Podiumsdiskussion am 11. Juli im Stuttgarter Haus der Geschichte aussetzte, brachte gewiss ein geringeres, aber doch auch ein beträchtliches Opfer.



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Am 11. Juli, dem Vorabend von Stefan Georges 151. Geburtstag, versammelte sich ein überschaubares, von schwäbischen Honoratioren durchsetztes Publikum zu Stuttgart im Haus der Geschichte, wo man zum inszenierten Diskurs-Ringkampf zwischen vier Linksliberalen um die Deutungshoheit über den womöglich größten Sohn der Region geladen hatte. Dabei erwies sich der für die Podiumsdiskussion zur Verfügung gestellte Saal als nur unwesentlich weitläufiger denn jene aus Film und Fernsehen vertraute Lagebaracke in der Wolfsschanze, die am 20. Juli 1944 durch ihre geöffneten Fenster die Wucht der Detonation abmilderte.


Anstelle eines Tremor-geplagten Oberbefehlshabers nahm in Stuttgart Franziska Augstein als Moderatorin Platz und entschied sich schlankweg, die Offenbarung des Johannes in das Buch Genesis vorzuverlegen: Denn statt salopp oder behutsam zu beginnen, fragt sie den Dichter- und neuerdings auch Attentäter-Biographen Thomas Karlauf bereits zu Eingang des Gesprächs, was genau und überhaupt Karl von Stauffenberg zu seinem Attentat bewogen habe. "Karl?", raunt es schon an dieser Stelle ungläubig durch die Ränge. Doch erst, als Augstein zum siebten Mal in fachsimpelndem Tonfall von der zentralen Figur nicht nur des militärischen Widerstands, sondern auch der von ihr geleiteten Diskussionsveranstaltung als "Karl von Stauffenberg" spricht, nehmen resolute Besucherinnen aus den hinteren Reihen all ihren Mut zusammen, bevor sie wie aus einer Kehle und der Wahrheit zur Ehre rufen: "Der Mann hieß Claus!"


Nachdem sich Augstein durch einen prüfenden Blick in die Experten-Runde Gewissheit über die sachliche Grundlage dieses dezibelstarken Einwurfs verschafft hat, spielt sie den Ball gereizt zurück ins Panel, wo sich drei nicht mehr ganz junge weiße Männer in klar verteilten Rollen eingefunden haben: In die des beschlagenen Fachwissenschaftlers - samt obligatorischer rhetorischer Mängel - schlüpft der Historiker Christopher Dowe, der die Stauffenberg-Ausstellung im Haus der Geschichte kuratiert. Wolfgang Schneiderhan, von Minister Guttenberg entlassener Generalinspekteur der Bundeswehr und nunmehr Vorsitzender der Stauffenberg-Gesellschaft, übernimmt den Part des bedächtigen Grandseigneurs, Helmut-Schmidt-verdächtiges Sprechtempo inbegriffen. Thomas Karlauf schließlich unternimmt nicht einmal zaghaft Versuche, den Eindruck zu erwecken, als ginge es ihm um irgendetwas anderes als den Absatz seiner jüngsten Publikation, die einem im Kaiserreich geborenen Wehrmachtsoffizier mit dem Moralkompass der Bionade-Republik zu Leibe rückt.


Dramaturgisch wie thymotisch erreicht der Abend seinen Höhepunkt bereits nach einer guten halben Stunde, als Dowe neben anderen Beweggründen auch den "Holocaust" als Movens für das Handeln der Verschwörer anführt. „Lassen Sie den Holocaust beiseite, ich rate es Ihnen!“, fährt ihm Karlauf deutlich zu theatralisch in die Parade. Schließlich finde sich der "Holocaust", gibt der aufgewühlte Biograph nun zu bedenken, dem Wortlaut nach in keinem der zeitgenössischen Manifeste aus dem Umkreis des Widerstands. Mit einigem Recht macht an dieser Stelle der Kurator darauf aufmerksam, dass es höflichstenfalls als ahistorisch anzusehen sei, Dokumente aus den 40er-Jahren auf einen Begriff hin zu durchforsten, der sich nicht vor Ende der 70er-Jahre auf breiter Front für den nationalsozialistischen Völkermord einbürgerte. Stattdessen, so Dowe, werde in den Schriften der Verschwörer sehr wohl auf die "Judenbehandlung" verwiesen, auf den Holocaust also avant la lettre.


Mürrisch wird Karlauf im weiteren Diskussionsgeschehen betonen, dass Berthold von Stauffenberg, der ältere Bruder des Attentäters und Nacherbe Stefan Georges, laut den Verhör-Protokollen der Gestapo die Judenbehandlung mit keinem Wort als ausschlaggebend für sein Handeln angeführt habe. Daraufhin meldet sich Wolfgang Schneiderhan mit der nicht übermäßig steilen These zu Wort, dass günstigere Gelegenheiten als ein Gestapo-Verhör denkbar seien, um den eigenen Philosemitismus herauszukehren. Bertholds gleichnamiger Neffe und Stauffenbergs ältester Sohn, der ebenfalls am 11. Juli in Stuttgart zugegen ist, dort dankend Glückwünsche zu seinem kürzlich verstrichenen 85. Geburtstag entgegennimmt und anschließend beim gemeinsamen Umtrunk in kleinerer Runde vorsichtige Fragezeichen hinter Augsteins Eignung als Moderatorin setzt, äußert sich am 20. Juli in einem Gespräch mit der katholischen Tagespost wie folgt:


"Mein Vater war kein Antisemit, er war aber auch kein Judenfreund. In Europa, nicht nur in Deutschland, war man damals nicht judenfreundlich. Denken Sie an Frankreich. Man mochte die Juden nicht, gehasst hat man sie aber nicht. Umbringen wollte man sie deswegen nicht. Das haben erst die Nazis getan."

Eindeutiger als seine Positionierung dem Judentum gegenüber wird man das Verhältnis des Attentäters zum Kult der Egalität nennen dürfen. In einem gemeinsamen Eid, der im Sinngehalt nicht zuletzt auf Stauffenberg selbst, in den Formulierungen auf Germanistik-Ordinarius und George-Jünger Rudolf Fahrner zurückgeht, finden sich Sätze, die kaum mehr hermeneutische Schlupfwinkel für liberaldemokratische Vereinnahmung bieten:


"Wir wollen eine Neue Ordnung, die alle Deutschen zu Trägern des Staates macht und ihnen Recht und Gerechtigkeit verbürgt, verachten aber die Gleichheitslüge und fordern die Anerkennung der naturgegebenen Ränge."

Falls es für moderne Ohren Widrigeres geben sollte als die Rede vom biologischen Geschlecht, dann dürfte es jene vom naturgegebenen Rang sein. Doch könne das Verdikt der Nachgeborenen nicht allzu hart ausfallen, mahnt Doyen Schneiderhan: So sei 'damals' etwa auch längst nicht jeder, der national gedacht habe, tatsächlich Nazi gewesen. Unausgesprochen steht nun für wenige Augenblicke die Frage im Raum, wie weit dieses ominöse 'Damals' auf dem teutonischen Zeitstrahl gereicht haben mochte: Bloß bis zum Mai 1945? Bis 1970, da Franz Josef Strauß arglosen Spiegel-Redakteuren anvertraute, er sei ein Deutschnationaler und fordere "bedingungslosen Gehorsam"? Oder aber bis zum Februar 2015, als Sigmar Gabriel unter betont sparsamem Applaus der Kamernossen seinen Landsleuten das gute Recht zubilligte, "deutschnational" zu sein?


Wie auch immer: Wer bei Stauffenberg - diesem "Offizier Scharnhorstscher Dimension" - nach brauchbaren weltanschaulichen Anknüpfungspunkten für die spätere freiheitlich-demokratische Grundordnung Ausschau halte, so Schneiderhan, der müsse sich auf eine beschwerliche und wohl weitgehend ergebnislose Suche gefasst machen. Festzuhalten lohnt sich indes, dass der flagrante Antiegalitarismus des Attentäters nicht erst seit der Jahrtausendwende Skeptiker sozialistischer Provenienz auf den Plan ruft. Bereits ein Stauffenberg-Kritiker der ersten Stunde, Dr. Joseph Goebbels, der sein sozialrevolutionäres Einebnungswerk im Unterschied zu Späteren vorerst auf einem begrenzten Territorium plante, führte die bis heute üblichen Muster der Aburteilung ins Feld, als er dem "treuebrüchigen Verräterklüngel" wenige Tage nach dem 20. Juli versicherte:


"Daß ihn, soweit das noch nicht der Fall ist, die verdiente Strafe treffen wird, braucht kaum betont zu werden. Das verlangt das deutsche Volk, vor allem aber auch das deutsche Heer. Es will nun auch von den letzten kümmerlichen Überbleibseln einer reaktionären Rückständigkeit befreit werden, von jenen zweifelhaften Gestalten, die noch in den Vorstellungen des 17. Jahrhunderts leben, die unseren Volksstaat nicht verstehen wollen und nicht verstehen können, die dem Führer nie verzeihen, daß er auch dem Sohn des Volkes den Weg zur Offizierslaufbahn eröffnet hat."

Wo man an der Wegscheide angelangt ist zwischen den unterschiedslosen "Söhnen des Volkes" und dem "neuen adel", den Stefan George unabhängig "von schild und krone" zu sich berief, darf der Bericht über die gemütvolle Aufwallung nicht fehlen, in der Franziska Augstein gegen Ende des Abends unvermittelt einen der vielen Karlauf-Monologe unterbricht: "Aber das sind doch alles nur Gedichte!" Da die Moderatorin nicht einmal über den Vornamen des eifrigsten Lyrik-Rezipienten im gesamten Ersatzheer im Bilde ist, ahnt sie wahrscheinlich kaum, welche Fußstapfen mit dieser schnoddrigen Abkanzlung des Ästhetischen betreten werden: Keine geringeren als die Friedrich Wilhelms III., der einst den Vorschlag seines Generals zur allgemeinen Volksbewaffnung mit dem spöttischen Kommentar quittierte: "Als Poesie gut." Der Vorschläger - Stauffenbergs Urahn August Neidhardt von Gneisenau - antwortete ganz im Sinne seines Nachkommen: "Auf Poesie ist die Sicherheit der Throne gegründet." "Sein vers ermannte das gebrochne heer", heißt es in Georges 'Stern des Bundes' über die Beziehung von Wort zu Tat, "und er ward spender lang vermissten siegs."


Nach den erwartbaren Belanglosigkeiten im Rahmen der abschließenden Diskussions-Öffnung in Richtung des Publikums ergeht als letzte Frage eine vergleichsweise triftige an den Biographen Karlauf: Warum, begehrt ein Zuhörer zu wissen, lade man zur öffentlichkeitswirksamen Vorstellung eines Buches über Stauffenberg, der bis zum letzten Ausruf und Atemzug für Volk und Nation zu kämpfen glaubte, eine Figur wie Robert Habeck ein, der solche Größen bekanntermaßen bestenfalls als Konstrukte, eher noch als essentialistische Fieberträume gelten? Mit Michael Klonovsky ist man spätestens hier weiterführend zu fragen versucht, warum sich bisher so verdächtig wenige Vertreter aus Habecks Gilde in eine beliebige Moschee bequemt haben, um sachte darauf hinzuweisen, dass sich jede Weltreligion ihren Konstrukt-Charakter mit dem deutschen Volk teile. Es sei eben stets erhellend zu beobachten, so Klonovsky, "wenn Konstrukte durchdrehen."


Karlauf jedenfalls muss nicht mehr ernsthaft antworten: Zu lautstark fallen die Unmutsbekundungen des aufgebrachten Publikums aus, in denen die offenbar als anstößig empfundene Frage versinkt. Jene schweigende Minderheit im Saal, der sich auch der Autor dieser Zeilen zuzählt, findet sich derweil um eine Erkenntnis bereichert: Ihr schwant nun, dass Stauffenberg nicht bloß tot sein dürfte, sondern dass er mittlerweile wohl ausgerechnet in seiner schwäbischen Heimat - im allzeit hysteriebereiten „Spätzle-Kalifat“ (Max Uthoff) - am weitaus totesten ist.




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Claus von Stauffenberg (ARD-Screenshot)




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Über den Autor:


JONATHAN MEYNRATH (*1995);

Studium der Kunstgeschichte in München und Dresden,

Publikationen für Cicero und TUMULT.




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