Mario Alexander Müller: NICHT ZUM KÄMPFEN HIER. Mit zwei Sanitätern im Freiwilligen-Bataillon (I)


Der Mann, der sich „Moth“ nennt, war sieben Jahre beim britischen Militär. Mannschafterlaufbahn, Afghanistan, Irak. „Das hier ist heftiger“, sagt er, zieht an seiner Zigarette und starrt aus dem Halbdunkel nach draußen. Die schlaflosen braunen Augen wandern über ein Dorf irgendwo in der Ostukraine: Kleine Häuschen, eher Datschas. Die Dächer zerschossen, die nichtgeteerten Straßen und grünen Obstwiesen eine Kraterlandschaft. Erst gestern Nacht hat sich eine Uragan-Rakete in den Vorgarten gebohrt und steckt dort als abgekühlter Blindgänger im Gras. In den ersten warmen Morgenstunden dieses Junitages, an dem Vögel zwitschern und Kanonen donnern, machen sich zwei britische Sanitäter bereit, ihr Glück einmal mehr herauszufordern.



Zwei Briten suchen die Herausforderung: Conor und Moth im Sanitätseinsatz. Fotos:MAM


Seit zwei Monaten sind Moth und sein Kumpel „Conor“ an diesem gottverlassenen Ort. Moth, der 33-jährige Ex-Soldat, stammt aus Leeds. „Up Nor“, wie er im Yorkshire-Kauderwelsch sagt. Conor, ein schmächtiger Londoner, ist zehn Jahre jünger und in einem anderen Leben Rettungssanitäter. Als die beiden Briten in die Ukraine kamen, brachte er weder Sprachkenntnisse noch irgendwelche militärischen Fähigkeiten mit. Eine gefühlte Ewigkeit ist es her, da sammelten sie mit einer Gruppe Hilfswilliger Spenden, schulten Schwestern und Ärzte im Versorgen von Kriegswunden. In Kiew amputierten sie einem durch Bomben verletzten Hund die Pfote. „Er hat wider Erwarten überlebt und ist jetzt in Deutschland“, lacht Conor. Doch je länger der Krieg dauerte, je mehr Leid sie sahen, desto kleiner wurde die Gruppe. Anfang Februar waren es noch 20 Leute. Bis hier, ganz vorne, sind nur diese beiden dabeigeblieben – auf eigene Faust und ohne jede Bezahlung. „Hier muss eine rote Linie gezogen werden. Sonst hören sie bei der Ukraine nicht auf. Wir müssen Europa um jeden Preis verteidigen“, sagt Moth.


Die rote Linie, für Conor und Moth ist das ein kleiner Frontabschnitt im Grenzgebiet der Verwaltungsbezirke Charkiw und Donezk. Zwei sanfte grüne Hügel, auf dem einen die Ukrainer, auf dem anderen die Russen, dazwischen eine knapp zwei Kilometer breite Todeszone. Gehalten wird der Streifen von „Karpatska Sitsch“, einem Freiwilligenbataillon, das sich nach einer ebenfalls irregulären Kampfeinheit der kurzlebigen Karpatenukraine aus den Jahren 1938/39 benannt hat. Unter dem Kommando von Oleg Kutzin, eines bulligen Mannes mit grauem Bürstenschnitt, haben die rund 400 Männer den russischen Vormarsch aus Richtung Isjum trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit aufgehalten. Zum Dank für ihre Verdienste sind sie erst vor kurzem als 49. Infanterie-Bataillon in die Ukrainischen Streitkräfte aufgenommen worden.



Gewehr halten, Gewehr reinigen: Die Handgriffe des Infanteristen sind schnell erlernt.


Wie Conor und Moth stammen viele der Freiwilligen aus dem Ausland: Aus Europa, Nord- und Südamerika, ja sogar Australien und Asien sind sie gekommen, um sich Putins Invasion entgegenzustellen. Nach der von Präsident Selenskyj ins Leben gerufenen „Internationalen Legion“ soll Karpatska Sitsch den höchsten Anteil ausländischer Kämpfer haben. Vermutlich auch, weil das der rechten Swoboda-Partei nahestehende Bataillon keine militärische Erfahrung voraussetzt, sondern beinahe jeden nimmt, der ein Gewehr halten kann und gegen Russen kämpfen will. Und wie die beiden Briten tragen alle Freiwilligen einen Kampfnamen.


Da ist „Messi“, hageres Profil mit großen Augen, den gekreuzigten Jesus um den Hals. Und natürlich Argentinier. Oder „Tony“, der Metzger aus Taiwan, der kein Wort Englisch versteht, aber ausgerechnet hier einen Australier getroffen hat, der – obwohl er aussieht, als ob er gerade erst aus dem Knast entlassen wurde – fließend Mandarin spricht. „Denver“, frisch vom College und das erste Mal in seinen 25 Jahren außerhalb der USA, scheint mit seinem hübschen Modelgesicht nicht wirklich hierher zu passen. Kaum jemand trägt Rangabzeichen und sichtbare Hierarchien gibt es in diesem rauen Haufen ohnehin nicht – wie einst bei den Kosaken, wo sich flüchtige Leibeigene im wilden Feld zusammenfanden, um als freie Krieger zu leben und das Grenzland gegen die Tataren zu verteidigen. Selbst der Kommandant dient offiziell nur im Rang eines Leutnants.



Auf der Suche nach Erlösung: Krankenschwester Eva aus Virginia.


Die Sanitäter sind so etwas wie die guten Geister dieser Einheit. Sie sind nicht gekommen um zu töten, sondern um Leben zu retten. „Wir können mit Kalaschnikows und Raketenwerfern umgehen, aber das wäre nur zur Selbstverteidigung. Wir sind nicht zum Kämpfen hier“, erklärt Conor. Die Pistole im Beinholster sei nicht für den Feind, sondern für sich selbst. Ultima Ratio, damit er den Russen nicht lebendig in die Hände falle. Gerade in dieser Woche hat die sogenannte Volksrepublik Donezk zwei britische Kriegsgefangene als „Terroristen“ zum Tode verurteilt. Unterstützt werden die beiden Briten bei ihrer Arbeit im Lazarett von Eva, der einzigen Frau in der Einheit. „Ich nenne sie meine Jungs. Sie sind alle müde, hungrig, krank – ich versuche, mich um sie zu kümmern“, sagt die 33-Jährige. Auf ihren Stahlhelm hat die dunkelhäutige Krankenschwester aus Virginia einen weißen Stern gemalt, wie im Zweiten Weltkrieg. Das wiederum andere die Abzeichen der SS-Division „Galizien“ auf ihren Uniformen tragen, ist hier offenbar kein Widerspruch: die anti-sowjetische Folklore ist divers. Wie viele der ausländischen Freiwilligen scheint Eva auf der Flucht vor etwas zu sein. „Vielleicht suche ich nach Erlösung“, murmelt sie. „Für ein früheres Leben.“ Ihr 15-jähriger Sohn habe ihr beim Packen geholfen. Jedenfalls wollen alle drei Sanitätssoldaten bleiben, bis es zu Ende ist. „Bis sie mich mit ukrainischer Erde bedecken“, meint Eva.


Fortsetzung folgt.


Mario Alexander Müller, Kriegsberichterstatter, Ost-Ukraine im Sommer 2022


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