Stefan Barme: HÖLDERLIN, SAFRANSKI UND EIN PRESSESTROLCH

Volker Weidermanns Schmähkritik an Rüdiger Safranskis Hölderlin-Biographie, die im vergangenen Herbst unter dem Titel 'Vernebelt' erschien, reizt den Kulturwissenschaftler Stefan Barme zum Widerspruch. Sein beherztes Fazit in Richtung Weidermann: "Nicht Safranski beziehungsweise dessen Hölderlin-Biographie ist 'vernebelt', wie der von Ihnen gewählte Titel insinuiert, sondern Sie und die linke Postille, für die Sie schreiben."



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Der Literaturkritiker Volker Weidermann hat im Spiegel (Spiegel Plus, Online-Ausgabe vom 25.10.2019) Rüdiger Safranskis Hölderlin-Biographie rezensiert, unter dem – wie sich noch zeigen wird – selbstreferentiellen Titel „Vernebelt“, auf den im Teaser sogleich das harte Verdikt folgt, dass der Autor mit seiner Darstellung scheitere, weil er – man höre und staune – den Dichter zu ernst nähme. Die beiden anderen, gleichermaßen gehaltvollen Kritikpunkte Weidermanns, dessen Buchbesprechung noch in den 1980er Jahren in keine Schülerzeitung aufgenommen worden wäre und beispielhaft für den Verfall des deutschen Mainstream-Journalismus und des allgemeinen geistigen Niveaus steht, lauten: „Nicht so viel Nebel“ und „nicht so viel Göttlichkeit“. Was der Spiegel-Literaturkritiker hier mit „Nebel“ meint, sagt er uns nicht und es finden sich in seinem Schmähelaborat auch keine Ausführungen zu dem von ihm monierten Zuviel an Göttlichkeit.


Aber bekanntlich gehört Substanz schon seit langer Zeit nicht mehr zum einstigen Flaggschiff des deutschen Journalismus. Dass Safranski in seiner kenntnisreichen und luziden Darstellung das Thema Göttlichkeit eingehend, jedoch keineswegs redundant oder ausufernd behandelt, liegt schlicht und ergreifend darin begründet, dass selbiges den zentralen Inhalt von Hölderlins Leben und Werk ausmacht, was der Literaturexperte Weidermann entweder nicht weiß oder partout nicht wahrhaben will, jedenfalls wehrt er sich mit Händen und Füßen gegen alles Göttliche. Er echauffiert sich darüber, dass Safranski im Vorwort gleich die „Ungläubigen“, die „Unerleuchteten“ rausschmeiße, indem er betone, eine Annäherung an Hölderlin werde wohl kaum gelingen, „wenn man unempfindlich bleibt für göttliches Feuer“. Das gilt freilich nicht nur für Hölderlin, sondern auch für alle anderen (großen) Lyriker. Diese sind von Enthusiasmus beseelt, Enthusiasmus aber bedeutet wörtlich „von Gott erfüllt sein“. Wer diesen Enthusiasmus, diese Begeisterung für die Natur, die Freundschaft, die Liebe, die Poesie, die Musik … nicht nachempfinden kann beziehungsweise davon nicht selbst ein bisschen in sich trägt, der wird sich keinem Dichter wirklich annähern können, niemals zu einem tieferen Verständnis von Dichtung gelangen. Dies gilt selbstredend auch für Herrn Weidermann, da nützt es ihm auch nichts, dass er gelernter Germanist ist und seine Brötchen mit Literaturkritik verdient.


Hölderlins Begriff des Göttlichen ist freilich weder christlicher noch antiker Natur (im Sinne eines Glaubens an Zeus, Apollo etc.). Göttlich sind für ihn die Lebensmomente höchster Intensität, das durch Schmerz oder Freude gesteigerte Leben. Zwar ist die vielgestaltige sinnenfrohe griechische Götterwelt verloren und die Welt der Moderne entzaubert und zerrissen, in der „Götternacht“ versunken, dennoch ist selbst in dieser dürftigen Zeit die Begegnung mit dem Göttlichen, dem Dionysischen noch möglich: in der schwärmerischen Nacht (Brod und Wein), im Rauschen freundlicher Wälder (Heidelberg), in Sonnenschein und Schatten (Hälfte des Lebens), im goldenen Mittag (Der Rhein) … Die harmonische Beziehung von Mensch und Natur ist göttlich: „Eines zu sein mit allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden“ (Hyperion, 1. Buch).


Zudem wollte Hölderlin, beflügelt von der Liebe zu Diotima (Susette Gontard), das deutsche Volk geistig und seelisch zu der Harmonie des von ihm als vollkommen angesehenen antiken Menschentums zurückführen. Im Unterschied zu Hölderlins Tagen ist in dem von materialistischem Nützlichkeitsdenken beherrschten Herumgehetze unseres Digitalmonaden-Zeitalters jedoch kaum noch Raum für kontemplatives Innehalten, für Hingabe an die Natur und ihre Poesie – und für das Gemeinschaftliche. Vor diesem Hintergrund sind die Bemerkungen zu verstehen, mit denen Safranski sein großartiges Hölderlin-Buch beschließt:


„Es kann wirklich sein, dass ihm, wie er selbst von sich sagte, mehr von Göttern ward, als er verdauen konnte. Man muss aber befürchten, dass uns Nachgeborenen zu wenig von Göttern ward, um ihn noch angemessen verstehen zu können. Die Götternacht, von der Hölderlin sprach, die gibt es wirklich heutzutage, hierzulande. Deshalb ist Hölderlin uns, bei aller Mythisierung oder gerade auch wegen ihr, ferngerückt. Erreicht er uns noch, und erreichen wir ihn? Schön wäre es.“

Weidermann indes, der, wie gesagt, von Erklärungen zum Schlüssel zu Hölderlin, also zu Hölderlins Auffassung von Göttlichkeit, nicht behelligt werden will, gleichzeitig aber vom Autor einfordert, ihm diesen rätselhaften und schwer verständlichen Dichter doch gefälligst näherzubringen, wartet mit einer anderen Lesart auf: „Safranski, so viel Hölderlin lesend, erblickt um sich nur noch Dunkelheit. Menschen als Flut. ʻGötternachtʼ.“ Dass Safranski hier Xenophobie in den Mund gelegt wird, kann nur auf den ersten Blick erstaunen, denn schließlich befinden wir uns ja in der Spiegel-Welt, in der das Mantra der Willkommenskultur herrscht, selbstredend auch über Herrn Weidermann, der es daher in seiner Rezension natürlich nicht versäumt, ein Kapitalverbrechen, das „dieser deutsche Sorgengreis“, der „in der Vergangenheit lebt“, im Jahre 2018 im Rahmen eines Gesprächs mit dem Spiegel begangen hat, ins rechte Licht zu rücken.


In besagtem Interview hat Safranski doch tatsächlich „die Politik“ dafür angeklagt, Deutschland mit Flüchtlingen „zu fluten“ und sich obendrein aus „dem idyllischen Rentnerparadies Badenweiler“ auch noch „das inflationäre Geschwätz von Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie“ verbeten. Und diese Zeitgeist-Marionette wirft Safranski vor, dass ihm „vor lauter Göttern und Heiligkeit“ leider die notwendige „Offenheit beim Schreiben“ fehle. Schauen Sie mal in den Spiegel, Herr Weidermann! Nicht Rüdiger Safranski beziehungsweise dessen Hölderlin-Biographie ist „vernebelt“, wie der von Ihnen gewählte Titel insinuiert, sondern Sie und die linke Postille, für die Sie schreiben.

Sicher, viele von Hölderlins Texten sind aufgrund ihres Pathos in Sprache und Gestus dem heutigen Leser fern, doch gleichzeitig lässt sich sagen, dass dieser Ausnahmedichter gerade in unseren tristen Tagen hochaktuell ist und wohl manche Leser wieder Hoffnung und Zuversicht zumindest bedenken lässt („Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ (Patmos)) und in anderen das Widerständige, das Kämpferische wieder erweckt: „Ja! Sanft zu seyn, zu rechter Zeit, das ist wohl schön, doch sanft zu seyn, zur Unzeit, das ist hässlich, denn es ist feig!“ (Hyperion, 2. Buch). Das Göttliche verortete Hölderlin auch in der Gemeinschaft, Landschaft und Geschichte der Heimat, der er mehrere wunderbare Gedichte gewidmet hat.



Rückkehr in die Heimat

Ihr milden Lüfte! Boten Italiens!

Und du mit deinen Pappeln, geliebter Strom!

Ihr wogenden Gebirg! o all ihr

Sonnigen Gipfel, so seid ihrs wieder?


Du stiller Ort! in Träumen erschienst du fern

Nach hoffnungslosem Tage dem Sehnenden,

Und du mein Haus, und ihr Gespielen,

Bäume des Hügels, ihr wohlbekannten!


Wie lang ists, o wie lange! des Kindes Ruh

Ist hin, und hin ist Jugend und Lieb und Lust;

Doch du, mein Vaterland! du heilig –

Duldendes! siehe, du bist geblieben.


Und darum, dass sie dulden mit dir, mit dir

Sich freun, erziehst du, teures! die Deinen auch

Und mahnst in Träumen, wenn sie ferne

Schweifen und irren, die Ungetreuen.


Und wenn im heißen Busen dem Jünglinge

Die eigenmächtgen Wünsche besänftiget

Und stille vor dem Schicksal sind, dann

Gibt der Geläuterte dir sich lieber.


Lebt wohl dann, Jugendtage, du Rosenpfad

Der Lieb, und all ihr Pfade des Wanderers,

Lebt wohl! und nimm und segne du mein

Leben, o Himmel der Heimat, wieder!




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