Thomas Hartung: SÜßER DIE GLOCKEN NIE SCHWEIGEN

Laut Experten und Politikern läuten und klingen Glocken nicht nur anders, sondern „falsch“, wenn sie NS-Symbole aufweisen: Glockenstürmerei als neue Geschichtsklitterung.


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Dem Glockenspiel der Garnisonkirche galt im Potsdamer Stadtrat die erste Handlung von Grünen und Linken nach der politischen Sommerpause: Beide Fraktionen beantragten, das „Glockenspiel einschmelzen zu lassen und die Bronze zu verkaufen“. Das Anfang der 90er Jahre von der „Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel“ unter Ex-Oberstleutnant Max Klaar gestiftete Carillon war nach Kritik an seinen vielfach als revisionistisch und rechtslastig kritisierten Inschriften im vergangenen September von Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) abgeschaltet worden; die halbstündig erklingenden Melodien von „Üb‘ immer Treu und Redlichkeit“ und „Lobet den Herrn“ mussten aus politischen Gründen verstummen.


Denn einige Glocken sind Truppenverbänden der Wehrmacht gewidmet, so ein 230 Kilogramm schweres Exemplar der 121. Infanteriedivision, die an der Belagerung Leningrads beteiligt war. Diese Glocke trägt den antiken Sinnspruch „suum cuique“. Die deutsche Übersetzung „Jedem das Seine“ stand am Tor des Konzentrationslagers Buchenwald. Eine 8,5 Kilogramm schwere Glocke glorifiziert den 1951 gegründeten Verband Deutsche Soldaten, dem auch drei Veteranenvereinigungen der Waffen-SS angehörten und der sich für die Rehabilitierung verurteilter Kriegsverbrecher einsetzte. Der 2016 aufgelöste Verband war zeitweise vom Verfassungsschutz beobachtet worden.


Der von Schubert und den Initiativen für den Wiederaufbau der Garnisonkirche gemeinsam getragene Schritt hatte unter anderem bei der Bürgerinitiative „Mitteschön“ für erheblichen Unmut gesorgt. Vor Ort gab es in der Folge mehrere Protestaktionen, bei denen dutzende Teilnehmer gegen die Abschaltung sangen. „Das wäre eine Einverleibung, die gegen jeden Anstand verstieße“, so die Sprecherin der Bürgerinitiative, Barbara Kuster, in den Potsdamer Neuesten Nachrichten PNN. Mit dem Einschmelzen werde ein Zeitzeugnis der Wiedervereinigung getilgt. Das Potsdamer Geläut, das 1987 zunächst in Iserlohn aufgestellt worden war, hatte vier Jahre später der damalige Brandenburger Ministerpräsident und Ex-DDR-Kirchenrat Manfred Stolpe (SPD) eingeweiht; die ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau (SPD) und Richard von Weizsäcker (CDU) hatten für die Glocken gespendet.


Der Chef des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung Garnisonkirche, der Berliner Historiker Paul Nolte, hatte dann im vergangenen November erklärt, das Carillon sei maximal noch als Museumsstück zu gebrauchen, denn es sei „aus heutiger Sicht historisch-politisch unzumutbar“. Auch rund 100 teils namhafte Künstler, Wissenschaftler und Architekten hatten in einem offenen Brief auf den aus ihrer Sicht problematischen Inhalt der Inschriften auf dem Geläut hingewiesen. Trotz des Befunds von Nolte hatte Schubert darauf gedrungen, dass die Stadt eine eigene Untersuchung vornimmt – dafür war das Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung verpflichtet worden. Ein Ergebnis liegt noch nicht vor. Im Antrag der Grünen und Linken heißt es allerdings dazu, angesichts des Nolte-Votums sei der „städtische Auftrag zur Untersuchung nicht mehr erforderlich“. Denn die Inschriften auf dem Glockenspiel verknüpften „in einer geradezu unerträglichen Bigotterie christliches Ideal, preußische Geschichte und den Geschichtsrevisionismus aus reaktionären Kreisen der alten Bundesrepublik“, dekretierte Fraktionschefin Saskia Hüneke in den PNN.


Aus der CDU immerhin kam Kritik. Die Fraktionschefs Götz Friederich und Anna Lüdcke nannten diesen Umgang mit der Vergangenheit falsch, eine wissenschaftliche Auseinandersetzung darüber müsse lebendig gehalten werden: „Die Vergangenheit sollte man nicht wegschmelzen, sondern als Mahnung im Bewusstsein halten“, hieß es in den PNN. Der Bauausschuss-Vorsitzende und CDU-Stadtverordnete Wieland Niekisch nannte zuletzt in einer Videobotschaft der Fraktion die Idee einen „linksradikalen Antrag“. Pikant: Die SPD-Fraktion, eigentlich Partner der Grünen und der Linken in der Rathauskooperation, ist kein Antragssteller - aus der Fraktion hieß es gegenüber den PNN, man wolle noch über die Idee beraten. Resultat ist der Vorschlag, das Glockenspiel dem Potsdam-Museum zu übergeben und dort eine Entscheidung zur Zukunft zu fällen: „Da gibt es die fachliche Kompetenz für solche Fragen“, sagte Fraktionschef Daniel Keller den PNN.


Die pazifistische Martin-Niemöller-Stiftung ist gegen eine komplette Vernichtung der Glocken: Drei der 40 Glocken sollten als Zeitzeugnis erhalten bleiben. Die größte wiegt knapp zwei Tonnen. Eine Tonne Bronze bringt auf dem Weltmarkt aktuell bis zu 8000 Euro. Das Geld solle dem Kulturhaushalt der Stadt, beispielsweise der Pflege der Kunst im öffentlichen Raum, „zu Gute kommen“, heißt es im Antrag. Der nun ist der jüngste und weitgehendste Vorgang in einer Ereignisreihe, die nur mit dem Begriff „Glockenstürmerei“ benannt werden kann. Der Grund sind bundesweit zwei Dutzend Kirchenglocken, auf denen sich Symbole oder Inschriften finden, die sie für die Presse als „Hitlerglocken“, „Naziglocken“ oder „Hakenkreuzglocken“ erscheinen lassen – obwohl sie in ihren Türmen kaum einsehbar sind. 90 Prozent davon hängen in evangelischen Kirchen und über ein Drittel in Ostdeutschland - Kritiker verwiesen vergeblich darauf, dass selbst in der ach so antifaschistischen DDR niemand an die Beseitigung dieser Glocken auch nur einen Gedanken verschwendete.



Als Zeitzeugnis in ein Museum


Im Osten nun wurden im Februar 2019 die schärfsten Geschütze im Anti-Glocken-Kampf aufgefahren: Weil die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland EKM Glocken mit Nazi-Symbolik verwendet, war gegen sie ein Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft Erfurt gestellt worden, darunter auch gegen Landesbischöfin Ilse Junkermann. Für den Saarländer Gilbert Kallenborn verstoße die EKM mit der Bewahrung und Weiterbenutzung der Glocken gegen das Strafgesetzbuch, das ein Vorrätighalten und Nutzen von verfassungsfeindlichen, verbotenen Nazidevotionalien unter Strafe stellt. Auf mehrere Beanstandungen in der Adventszeit soll die EKM nicht reagiert haben. Die Landeskirche hatte zuvor sechs Glocken mit NS-Bezug in fünf Thüringer Kirchen bestätigt und deren Benutzung nicht ausgeschlossen. Die jüdische Landesgemeinde forderte, die Glocken ganz abzuhängen. Die EKM hatte erklärt, sehr sensibel mit diesem Thema umzugehen. Deshalb wurden auch die Standorte der Kirchen zunächst nicht öffentlich gemacht, um einen Missbrauch auszuschließen.


Prompt bekam Monate später das ursprünglich aus Thüringen stammende weltbekannte Weihnachtslied „Süßer die Glocken nie klingen“ für fünf evangelische Kirchgemeinden im Freistaat eine ganz besondere Bedeutung: Erstmals wurden die Kirchenglocken mit NS-Symbolik, deren Standorte nun publik wurden, zur Weihnachtszeit nicht mehr geläutet. Nach monatelangen Diskussionen hatten sich die Kirchgemeinden in Absprache mit der EKM außerdem dazu entschlossen, die Glocken aus ihren Gotteshäusern zu entfernen. Den Anfang machte der Pfarrbereich Göschwitz-Rothenstein in der St. Laurentius Kirche in Maua, einem Ortsteil von Jena: auf ihr prangte die Inschrift „Gegossen im zweiten Jahre der nationalen Erhebung unter dem Führer und Kanzler Adolf Hitler“, daneben ein Kranz mit Hakenkreuz. Sie wurde abgehängt und soll laut Gemeindepfarrer Sieghard Knopsmeier im Rahmen der für 2022 geplanten Dachstuhlsanierung durch eine neue ersetzt werden. An der Finanzierung dieser wie auch der anderen beteiligt sich die EKM.


Die Kirchgemeinde im Pfarrbereich Tambach-Dietharz bei Gotha hat für die dortige Bergkirche bereits eine neue Christusglocke gießen lassen, die eine Menschenkette mit Christus in der Mitte sowie spielenden Kindern und Alten, Rollstuhlfahrern und Menschen mit Krücken ziert und am dritten Advent 2019 von Probst Christian Stawenow geweiht worden war. Die alte Glocke trug die Inschrift „In Treue dem Christus der Deutschen“. Auch die Glocke in der St. Marien Kirche in Rettgenstedt im Pfarrbereich Kölleda-Ostramondra (Landkreis Sömmerda) soll gegen eine neue Glocke ausgetauscht werden. In Leutersdorf im Landkreis Schmalkalden-Meiningen ist innerhalb der Gemeinde lange über die Zukunft der Glocke in der Kirche St. Veit mit der Inschrift „a.o.1938 p. Chr. n. und im 5. Regierungsjahre Adolf Hitlers des Dritten Reiches Fuehrer und Kanzler“ gestritten worden. Geplant ist jetzt der Neuguss einer „Versöhnungsglocke“.


In Oberdorla im Unstrut-Hainich-Kreis ist hingegen noch nichts entschieden. Die Glocke in der Kirche St. Peter und Paul trägt ein teilweise zerstörtes Brustbild von Adolf Hitler. Im Mai 2019 hatte der Gemeindekirchenrat entschieden, die Geschichte der Glocke aufzuarbeiten und die Hintergründe aufzuklären. Geläutet wird sie seitdem nicht mehr. Nur in Bielen, einem Ortsteil von Nordhausen, hat sich die Kirchgemeinde dafür entschieden, die Glocke in der Kirche St. Marien und St. Johannis weiter zu läuten. Sie trägt die Inschrift „Im Jahre der Heimkehr des Saarlandes 1935 aufgehaengt im Turm zu Bielen 21.3.35“. Diese Inschrift wurde nach langer Diskussion als unbedenklich eingestuft, da sie nach Ansicht der Kirchgemeinde keinen direkten Bezug zur Nazi-Zeit hat.



„Damit ist der Ton gesetzt“


In Westdeutschland hatte bereits 2017 eine mit NS-Symbolen ausgestattete Glocke im pfälzischen Herxheim am Berg für bundesweite Diskussionen gesorgt. Die Gemeinde hat zwei Jahre später vor ihrer evangelischen Kirche eine Infotafel aufgestellt, die erklärt, wie die Glocke mit der Inschrift „Alles fuer's Vaterland. Adolf Hitler“ in die Kirche gekommen sei und dass sie dort als Mahnung für die Zukunft weiter belassen werde. Der Text sei gemeinsam mit dem Kirchenvorstand verfasst worden, sagte Ortsbürgermeister Georg Welker heidelberg24. Es sei geplant, noch einen QR-Code zu ergänzen, der zu vertiefenden Informationen im Internet führe.


Welker, der selbst von 1978 bis 1998 Pfarrer der Kirchengemeinde war, hatte seine Wahl übrigens mit dem Versprechen gewonnen, die Glocke an ihrem Ort zu belassen, die nach Angaben der Landesdenkmalpflege 1934 von der Gemeinde bezahlt worden war. Sie soll aber nicht mehr zu kirchlichen Zwecken geläutet werden. Das Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz in Koblenz wies eine Klage gegen diesen Beschluss ab. Nach Meinung des Gerichts werde damit das Schicksal der Juden unter dem nationalsozialistischen Regime weder gutgeheißen noch verharmlost.


Nach Recherchen von Kirchen und Medien tauchten nach Herxheim nach und nach weitere „Nazi-Glocken“ auf, darunter vier in der Pfalz, zwei in Berlin, zwei in Niedersachsen und eine im Saarland. Für Schlagzeilen sorgte 2018 die „Hakenkreuz-Glocke“ im niedersächsischen Schweringen bei Nienburg. Dort kletterten Unbekannte kurz vor Ostern heimlich auf den Kirchturm der evangelischen Gemeinde und entfernten das 35 mal 35 Zentimeter große Hakenkreuz und Teile einer nationalistischen Inschrift, vermutlich mit einem Winkelschleifer. Für die umstrittene taz-Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah hätten sich die „anonymen Held_innen die Straßenweisheit ‚Antifa ist Handarbeit‘ zu Herzen“ genommen und der Gemeinde ein „schönes Ostergeschenk“ beschert. Die Glocke war seitdem unbrauchbar, die Polizei nahm Ermittlungen auf. Der Umgang mit der Glocke hatte in dem 800-Einwohner-Dorf für heftigen Streit gesorgt. Im Herbst 2018 offiziell entwidmet, wurde sie nach einer künstlerischen Umgestaltung von Regionalbischöfin Petra Bahr am Pfingstsonntag 2020 unter Ausschluss der Öffentlichkeit neu geweiht.


Anders lag der Fall bei der Hakenkreuzglocke mit Luftwaffenadler der Michaelkirche, der einstigen Faßberger Garnisonskirche - einem Heide-Ort, der in den 30er-Jahren am dort gebauten Fliegerhorst entstanden war. Bereits zum 70. Jahrestag der Kirchweihe 2008 wurde eine Broschüre herausgegeben, die auch über die Glocke informiert. „Die vier Evangelisten sind sehr groß an der Südwand dargestellt, wie germanische Recken schauen sie ernst über die Gemeinde. Die Taube auf dem Kanzeldeckel wird schnell als Adler erkannt“, beschreibt die Gemeinde ihre Kirche. Nach Herxheim wurde in Faßberg zunächst argumentiert, „das Erbe der Zeit, in der diese Kirche entstand“, sei nicht auf Symbole zu begrenzen; den Einfluss der Nationalsozialisten auf die Kirche und den ganzen Ort könne man schwerlich beseitigen.


Bei einer Bürgerversammlung wurde versucht, Ansätze zu entwickeln, wie die „Gestaltung des Gedenkens“ aussehen könnte, wie Pastor Rudolf Blümcke es im Weserkurier nannte. Kirchen- und Militärhistoriker hielten Referate, Befürworter und Gegner der alten Glocke kamen zu Wort, die Landeskirche hatte darüber hinaus „professionelle Unterstützung“ zugesagt. Resultat: der Kirchenvorstand stimmte für einen Glockenaustausch. Landessuperintendent Dieter Rathing weihte im September 2019 die Nachfolger-Glocke ein, die mit einem schlichten christlichen Kreuz verziert ist. Er begrüßte die „klare und mutige Entscheidung“ des Kirchenvorstands: „Damit ist der Ton gesetzt, unter dem alle weitere Aufarbeitung der belasteten Vergangenheit in der Kirchengemeinde fortgesetzt werden möge“, so Rathing laut DW. Die alte Glocke soll als Mahnmal an einem angemessenen Ort ausgestellt werden, an dem auch ihr geschichtlicher Hintergrund dargestellt werde: „So vermeiden wir, dass sie zu einem Wallfahrtsort für Ewiggestrige wird.“


Die bereits 2018 abgebaute Glocke im Turm der evangelischen Kirche Hanweiler war bis Ende Februar diesen Jahres bei einer Ausstellung in der Saarbrücker Ludwigskirche zu sehen und danach zurück ins Historische Museum Saar am Schloss gewandert. Hier plant Museumsdirektor Simon Matzerath eine Neukonzeption der laufenden Dauerausstellung zur NS-Vergangenheit „10 statt 1000 Jahre“ mit erstmaliger Aufarbeitung der Rolle der Kirchen damals. Die Kirche soll nun möglicherweise ganz entweiht und beseitigt werden, hieß es in der Saarbrücker Zeitung. Im Kapellenturm der Essinger Wendelinus-Kapelle an der südlichen Weinstraße wurde vergleichsweise geräuschlos eine weitere Naziglocke entfernt und ins Museum der Pfalz nach Speyer abgegeben. Die Aufschrift lautete „Als Adolf Hitler Schwert und Freiheit gab dem Deutschen Land, goss uns der Meister Pfeifer, Kaiserslautern“, darüber der Reichsadler.



„dann lassen Sie sie weiterläuten“


Nach Ansicht des Historikers und Glockenkundlers Sebastian Wamsiedler können Glocken mit NS-Symbolik unter bestimmten Voraussetzungen in Betrieb bleiben. „Man muss auf jeden Fall über die Hintergründe informieren, etwa mit einer Hinweis- und Mahntafel mit historisch einordnender Bewertung", sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur KNA. Glocken seien schließlich nicht nur durch ihre Gestaltung „Denkmäler ihrer jeweiligen Entstehungszeit“. Auch deshalb sei ein Entfernen von Hakenkreuzen oder Inschriften keine Option: „Es ist schließlich auch ein zeitgeschichtliches Dokument, zu dem man stehen muss. Man kann unliebsame Dinge nicht einfach runterschleifen.“ Damit nahm er den Standpunkt der Potsdamer CDU vorweg. Die Glocken „stillschweigend weiter zu benutzen, ohne dass eine kritische Auseinandersetzung seitens der Gemeinde stattfindet, geht auf keinen Fall“, meint er allerdings weiter. Das Thema sei noch zu wenig erforscht, weshalb er eine gründlichere Debatte begrüßen würde.


Nach Herxheim schrieb die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg Schlesische Oberlausitz EKBO sämtliche Kirchengemeinden an und bat, man möge doch bitte mal nachschauen, ob nicht auch unter dem eigenen Kirchendach… Im Falle der Philipp-Melanchton-Kapelle in Berlin-Rudow gab die EKBO klare Anweisung: Erst mal stilllegen. Pfarrerin Marion Gardei, Beauftragte für Erinnerungskultur in der EKBO, begründete das im DLF so: „Glocken sind ja Teil des liturgischen Geschehens. Sie rufen zum Gottesdienst. Viele Menschen haben auch eine emotionale Beziehung zu ihren Glocken. Und insofern verändert sich diese Beziehung, wenn ich weiß, das sind Glocken, die verfälscht wurden durch Symbole, die nicht für Nächstenliebe stehen, sondern für ein brutales, totalitäres System.“ Zusätzlich hat ein wissenschaftlicher Beirat zur Erinnerungskultur in der Landeskirche getagt. Und der empfahl im Gegensatz zu Mitteldeutschland, die Glocken nicht einfach zu entsorgen oder sie gar einzuschmelzen, zumal dies aus Denkmalschutzgründen kaum möglich ist. Auch abschleifen oder übermalen sei keine gute Idee. Vielmehr sollten sich die betroffenen Gemeinden ihrer Geschichte stellen.


Auch in der kleinen Wichern-Fachwerkkirche in Berlin-Spandau hing bis 2017 eine Glocke mit Hakenkreuz. Nun lagert sie gut versteckt in der Gemeinde. Ein brisantes Gut, versammeln sich doch jedes Jahr Hunderte aus dem In- und Ausland, um mit einem Gedenkmarsch an den Stellvertreter Adolf Hitlers zu erinnern, den bis 1987 in Spandau inhaftierten Rudolf Heß. „Die Glocke haben wir sicher verstaut“, sagte die Vorsitzende des Gemeindekirchenrates Heide Schorlemmer im DLF. „Sie ist nicht zugänglich für Menschen, die hier fremd sind. Es gab, nachdem das öffentlich geworden war mit dieser Glocke immer wieder Anfragen von Leuten, die diese Glocke kaufen wollten. Aber wir haben gesagt, dass die nicht käuflich ist.“ Um wen es sich bei den Kaufinteressenten handelt, kann sie nicht sagen.


In der Gemeinde hat sich eine Geschichts-Arbeitsgruppe gebildet, die herausfand, dass die Glockensymbolik kein Geheimnis war: Ein Pfarrer Schroth habe sich schon 1962 in einem Brief an den Gemeindekirchenrat empört, dass heute noch eine Glocke mit dem Symbol der Nazis geläutet wird und zum Gebet ruft und man unter ihrem Klang das Vaterunser betet und er mit sofortiger Wirkung bittet und beantragt, „diese Glocke zu entfernen und nicht mehr läuten zu lassen, zu ersetzen, einschmelzen zu lassen und eine neue Glocke gießen zu lassen.“ Daraus wurde aber nichts, im Gegenteil: 2014 reagierte auf erneute Anfrage der Gemeinde der Glockensachverständige der Landeskirche laut DLF mit den Worten: „Ach die Glocke, wenn die wunderbar läutet, dann lassen Sie sie weiterläuten!“


Wenn es auf dem Gebiet der Landeskirche läute, schwinge ziemlich sicher kein Hakenkreuz mehr mit, sagt die zuständige Beauftragte für Erinnerungskultur Marion Gardei: „Ich kann nicht hundertprozentig ausschließen, dass es noch irgendwo eine Glocke gibt, aber ich halte es für sehr unwahrscheinlich.“ Zum Glück noch unbelangt ist die Orgel in der Martin-Luther-Gedächtniskirche in Berlin-Mariendorf, die vor ihrem Einbau 1935 auf dem Reichsparteitag in Nürnberg gespielt hatte. Für den Kirchenhistoriker Hans Prolingheuer, der 2002 die Kirche und ihre Geschichte in einem Buch zu „Kirche und Kunst unterm Hakenkreuz“ beleuchtete, ist sie das erste „nationalsozialistische Gesamtkirchenkunstwerk“ und ein „protestantisches Schandmal“ – das inzwischen unter Denkmalsschutz steht. „Es gibt Pastoren, die weigern sich, hier zu predigen“, erklärt Pastor Klaus Wirbel in der taz. Insgesamt wurden mehr als tausend Kirchen und Gemeindehäuser zwischen 1933 und 1944 errichtet, umgestaltet, erneuert.



„Eilt zur Seligkeit“


Die Glockenstürmerei bekommt gegenwärtig auch darum eine mindestens bittere Note, als in der Corona-Krise Gottesdienste untersagt waren, nicht aber das Geläut dazu – das prompt auf eine Ebene mit dem Muezzinruf, der Schahada, gehoben wurde. Im Falle des muslimischen Gebetsrufs sei „sowohl aus immissionsrechtlicher wie aus Sicht der Religionsfreiheit keine andere Beurteilung vorzunehmen wie bei der Einordnung christlichen Glockengeläuts“, so der Krefelder FDP-Fraktionschef Joachim Heitmann bei RP online. Die Duisburger Zentralmoschee – eine der größten der rund 2.800 Moscheen in Deutschland - durfte gar auf die explizite Bitte der benachbarten christlichen Kirchen (!) öffentlich vom Minarett herunter zum Gebet rufen.


„Es geht nicht darum, ob und wann und in welcher Lautstärke mit oder ohne Mikrofon ein ‚Ausrufer‘ fünfmal am Tag zum Gebet in eine Moschee ruft“, erkennt Josef Kraus bei Tichys Einblick. „Sondern es geht … darum, die Theorie festzuklopfen, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Corona ist da nur eines von mehreren Trittbrettern.“ Die Schahada ist kein Gebet und keinesfalls mit Kirchengeläut zu vergleichen, sondern das Ur- und Glaubensbekenntnis des Islam - ein Glaubensbekenntnis nicht zu Toleranz, sondern zu islamischer endgültiger Monokultur. In deutscher Übersetzung bedeutet die Schahada: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer dem einzigen Gott (Allah) gibt. Ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Allahs ist. Eilt zum Gebet. Eilt zur Seligkeit.“ Damit muss eigentlich jedem klar sein, dass eine öffentliche Schahada für Andersgläubige oder für Atheisten keine gute Nachricht ist, sondern ein Sieg über die Ungläubigen, die Unterdrücker der Muslime, schreibt Seyran Ateş, Gründerin der liberalen Berliner Ibn Rushd-Goethe Moschee, im Cicero.


Doch Stawenow hatte dekretiert, eine deutsche Kirchenglocken lade ein „zum Gebet, zum Gottesdienst und sendet die Botschaft Christi in die Welt. Derartige Glocken-Inschriften passten nicht zu solchen Aufgaben.“ Damit kann die Situation, in die unser Land geraten ist, absurder nicht sein: Glocken, die konfessionsunabhängig einem Mann bzw. seiner fast 100 Jahre alten Ideologie huldigen, die auf Gewalt und Unterdrückung anderer ausgerichtet war, werden ob ihres „historisch-politisch unzumutbaren“ Klangs im eigenen Land geschliffen. Dagegen werden die klingenden Rufe einer Konfession, die auf offensive Gewalt und Unterdrückung anderer ausgerichtet ist, in unserem eigenen, aber für diese Konfession fremden Land bevorteilt, ja als integrativ kommuniziert. Das kann nur als Krieg unter umgekehrtem Vorzeichen interpretiert werden.


Dass der Potsdamer Stadtrat diesem Narrativ mit seiner pseudohistorischen Gewaltnegation auch noch Vorschub leistet, wird offenbar nicht mehr erkannt: Eine Unterscheidung zwischen Gedächtnispolitik und wahrheitsorientierter Historie ist offenbar sakrosankt geworden. Egon Flaig befand bei Tichys Einblick resigniert, dass eine europäische Memorialkultur nur noch rudimentär und nur noch bei wenigen existiere: „Und diese Bildungslosigkeit – vor allem in der medialen und in der politischen Elite, zunehmend aber auch in der akademischen Elite – ist genau die Tabula rasa, auf der die Barbarei sich austoben kann, ohne irgendwelche Gegenwehr erwarten zu müssen“.


Er verwies richtig darauf, dass die Vergangenheit nicht den Menschenrechten untersteht und das Recht hat, an ihren eigenen Maßstäben gemessen und aus ihrer eigenen kulturellen Semantik verstanden zu werden. Die Potsdamer AfD sprach von einer „ideologisierten Scheindebatte“ und kündigte im Falle der Annahme eine „deftige“ Aktion an. Die blieb zunächst aus, denn am Ende war keine Zeit mehr, über „rechte Glocken“ zu debattieren. Die Potsdamer Stadtverordnetenversammlung entschied Ende August, den Antrag ohne Debatte zunächst in den Kulturausschuss zu überweisen. Der muss den Vorschlag nun diskutieren und eine Empfehlung abgeben. Die überparteiliche Fraktion „Die Andere“ hat nun für die Kulturausschusssitzung am 10. September einen eigenen Antrag eingebracht: Das Gerüst der Anlage soll zu einem Klettergerüst umgebaut werden. Das sei auch ein Wunsch der Kinder gewesen, die das Rathaus zuvor an der Gestaltung des dortigen Stadtplatzes beteiligt hatte. Ferner will Die Andere zumindest zwei Glocken erhalten - eine kleine soll das Potsdam-Museum ausstellen, eine große vor Ort verbleiben. Das politische wie auch das historische Kapitel sind also noch lange nicht beendet.




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Über den Autor:

Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Als Presse- und PR-Chef verantwortete er alle Publikate von der Pressemitteilung bis zum Fernsehspot und damit auch maßgeblich den Landtags- und vor allem den Bundestagseinzug des Landesverbands als stärkste Kraft vor der CDU. 




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