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Till Kinzel: GOLDGRUND DER WELT. RICHARD RESCHIKA ÖFFNET METAPHYSISCHE ZUGÄNGE ZU ERNST JÜNGER

Der in Kronstadt geborene und in Freiburg im Breisgau lebende philosophische Autor und Übersetzer Richard Reschika (Jg. 1962) hat sich viel mit Mystikern und philosophischen Außenseitern beschäftigt. Eine besondere Rolle spielen dabei berühmte rumänische Autoren wie der Essayist Emil Cioran (1911-1995) oder der Religionswissenschaftler und Schriftsteller Mircea Eliade (1907-1986), von dem er auch einige Bücher übersetzte. Andere Bücher befassen sich mit dem deutschen Mystiker Gerhard Tersteegen (2013), den französischen Moralisten (bzw. Immoralisten; 2018) oder zuletzt mit Nietzsche und dem Sprachforscher Max Müller (2020). Wir verdanken ihm zuletzt auch eine schöne Studie zum ästhetischen Denken des kolumbianischen Philosophen Nicolás Gómez Dávila (2022), ein Thema, über das er im Winter 2022/23 auch in TUMULT geschrieben hat.





Daß Reschika sich auch mit einer umfangreichen Monographie zu Ernst Jünger unter dem Blickwinkel einer poetischen Metaphysik zu Wort meldet, kann so nicht wirklich überraschen. Gehört doch auch Jünger zu denjenigen Autoren, die doch immer wieder Berührungspunkte mit der Philosophie und philosophischen Schriftstellern aufweisen, ohne selbst Philosophen im eigentlichen Sinne zu sein. Nicht ohne Grund spielten für Jüngers Selbstverständnis Denker außerhalb der üblichen akademischen Strukturen wie Johann Georg Hamann oder Arthur Schopenhauer eine so große Rolle, flankiert von Dichtern, die selbst ein besonderes Organ für das Geheimnisvolle der Welt hatten. Und einige seiner wichtigsten Schriften vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg bewegen sich klar im Umfeld eines natur- und geschichtsphilosophischen Denkens, das im Widerstreit mit mächtigen Tendenzen der Zeit liegt.


Die Entradikalisierung Ernst Jüngers


Reschika selbst kam, wie er eingangs mitteilt, erst relativ spät zu Jünger, galt dieser doch noch zu Zeiten seines eigenen Germanistikstudiums in Freiburg und Heidelberg als ein zu meidender, weil als „Faschist“ stigmatisierter Autor. Doch dies hat sich, trotz gelegentlich zu beobachtender „Rückfälle“ in den Konformismus, in der Zwischenzeit geändert. Dazu kommt auch ein anderer Umstand: Die Zahl derer wächst, die mit dem aus Rumänien stammenden Literaturwissenschaftler und Philosophen Virgil Nemoianu erkennen, daß es nicht der nationalistisch engagierte, auf wenig originelle Weise anti-bürgerlich agitierende Jünger der 1920er Jahre ist, der uns heute noch etwas zu sagen hat. Es ist vielmehr der spätere Jünger, der unter dem Eindruck der Herrschaft des Nationalsozialismus zu jeglichem Fanatismus und Radikalismus nachhaltig auf Distanz ging. Das bedeutete für Jünger auch eine politische Entradikalisierung sowie eine Selbsterziehung zur Gelassenheit, eine Entwicklung, die man vielleicht erst im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert in ihrer vollen Bedeutung erfassen kann.


Es steht auf einem anderen Blatt, daß Jünger dennoch keineswegs umstandslos seinen Frieden mit der modernen Gesellschaft bundesrepublikanischen Zuschnitts gemacht hat – man denke nur an seinen Essay Der Waldgang, der zu den großen Texten eines geistigen Widerstands gegen die nihilistischen Tendenzen der modernen Welt gehört. Es sind Texte wie diese, die gerade in unserem Jahrhundert mitnichten abgegolten sind, wie es jüngst auch Parviz Amoghli sehr schön gezeigt hat. Aber vordergründig politische Positionierung sind im Zweifel noch das Uninteressanteste, weil am meisten Zeitbedingte, an dem Schriftsteller Ernst Jünger – und so lohnt es sich immer wieder, auch andere Zugänge zu suchen als ideologische oder ideologiekritische, wie sie lange genug im Schwange waren.

Dabei liegt aber selbst die Konzentration auf das Metaphysische und Theologische nicht unbedingt auf der Hand, was sich an den eher wenigen Autoren ablesen läßt, die sich wie Gisbert Kranz und Gerhard Nebel schon vor Jahrzehnten oder wie Rainer Waßner in jüngerer Zeit damit befaßten. Reschika sieht den Grund für diese weitgehende Vernachlässigung „nicht zuletzt in der Metaphysik- und Transzendenzferne unserer Zeit mit ihren rationalistischen, materialistischen und zum Teil sogar nihilistischen Grundpositionen“, wofür einiges spricht.


Auf der Suche nach der Metaphysik


Genau deshalb aber verdient es Anerkennung, wenn Reschika in seiner brillanten Studie dem „Goldgrund der Welt“ bei Jünger nachspürt, also prononciert den Weg zu metaphysischen Fragen einschlägt. Dies erfordert gehöriges Fingerspitzengefühl des Interpreten. Hätten wird es doch es bei Jünger mit einem erstaunlich konstanten metaphysischen System zu tun, „das Jünger jedoch hauptsächlich in Gestalt sinnlich-poetischer Bilder und viel weniger durch abstrakte philosophische Begriffe“ präsentierte. Dieses Vorgehen Jüngers verdankt sich zweifellos zu einem guten Teil der Reflexion auf die schon von Johann Georg Hamann, einem der wichtigsten Gewährsleute Jüngers, zum Ausdruck gebrachte Sicht, wonach die Poesie die Muttersprache des Menschengeschlechts sei und wir nur in Bilder reden und verstehen würden.


Vor dem Hintergrund seines intensiven Interesses an religiösen Erfahrungen liefert Reschika in seinem Buch einen profunden Beitrag zum Verständnis Jüngers, der aus der üblichen Jünger-Literatur hervorsticht. Ein Schlüsselbegriff, auf den auch Reschika gleich zu Beginn verweist, sind deshalb Jüngers Transzendenz-Erfahrungen, die nicht in einem schlichten Sinne mit traditioneller Religiosität identisch sind. Mit diesen Erfahrungen von Transzendenz war für ihn eine Offenheit für etwas Numinoses verbunden, das sich mit der abgenutzten Vokabel „Gott“ nicht unbedingt fassen lasse. Es ist die Beziehung zum „Absoluten“, die in der vorliegenden Studie im Vordergrund steht. Reschika kreist sie ausgehend von Jüngers Auffassung vom Symbolcharakter der Welt ein, die mit vielen Fäden mit dem religiösen Denken früherer Zeiten verbunden ist. Jünger zufolge gebe es gleichsam „magische“ Schlüssel zum Absoluten – und Reschika will nun zeigen, daß es zehn solcher Schlüssel gibt, die als Zugänge zum Wunderbaren sowie auch zum Absoluten zu verstehen sind. Ob sich diese Zugänge jeweils strikt voneinander trennen lassen, soll hier nicht entschieden werden, aber als Findmittel des Absoluten können sie sicherlich gute Dienste leisten.


Zehn magische Schlüssel zum Absoluten


Die entsprechenden Zugänge zum Wunderbaren, die Gegenstand des achten Kapitels sind, können nun folgendermaßen charakterisiert werden: An erster Stelle steht der der physikotheologisch-panentheistische Zugang. Darunter ist die klassische Sicht zu verstehen, die seit dem Aufklärungsdenken als überholt gilt, daß man, weil Gott gleichsam in der Welt zu finden sei, aus der Natur herauslesen könne, was Gott den Menschen sagen möchte. Natur ist nicht einfach das, was da ist, sondern immer schon verwoben mit Symbolen und voller Zeichenhaftigkeit, die gedeutet werden müssen.


An zweiter Stelle steht der ästhetisch-transzendente Zugang; der Künstler erfüllt eine spirituelle Funktion, weil das von ihm geschaffene Schöne eine verborgene Harmonie sichtbar macht. Kunst kann sich demnach nicht durch reine Selbstreferentialität verwirklichen, sondern durch Anbindung an die Religion, der die Kunst im Letzten zu dienen habe.

An dritter Stelle steht der mythisch-archetypische Zugang, weil der Mythos nicht nur etwas Zeitgebundenes ist, sondern eine zeitlose Dimension hat, die in der Geschichte wiederkehrt. Der Mythos thematisiert dieses Thema der Wiederkehr in den vielen Zerstörungs- und Erneuerungsmythen, denen Jünger seine besondere Aufmerksamkeit schenkte. Auch sah er in den Tendenzen zur Entmythologisierung auch einen Schwund geistiger Kultur, und vielleicht darf man mit Gerhard Nebel in Jüngers Werk auch den Versuch sehen, dem „Erosionsprozeß des Mythischen entgegenzuwirken“. Viertens ergänzt den mythisch-archetypischen Zugang der historisch-archetypische: Hier geht es im engeren Sinne um die Geschichte, die für Jünger symbolisch aufgeladen ist und von immer wiederkehrenden Gegensätzen oder Spannungen durchzogen ist, etwa zwischen Ost und West, die mit unterschiedlichen Grundhaltungen verbunden seien: „Dabei steht der Osten für Bindung, Erdmacht, Schicksalszwang und das diktatorische Machtprinzip, die Despotie, der Westen hingegen für Freiheit, Bewußtsein, Geist und das republikanische Machtprinzip, die Demokratie.“


Stärker wieder in die religiöse Dimension führen die weiteren Zugangsmöglichkeiten, von denen als fünfter der spirituell-rituelle Zugang zu nennen ist, während als sechster der onirisch-epiphanische Zugang gelten kann. In den unterschiedlichen Weltreligionen des Ostens und Westens finde man die Wirklichkeit des Heiligen im Profanen, und Jünger sieht hier den Ort von Gebet und Meditation, die als Schlüssel zum Absoluten dienen können. Dasselbe gelte für den Traum, der mit rein psychologischen Kategorien nicht erschöpfend erfaßt oder verstanden werden könne. Es gebe aber einen geheimen Sinn im Traum, der aufgespürt und gedeutet werden könne, doch müsse man sich das anders vorstellen als in der Psychoanalyse Sigmund Freuds. Für Jünger ist klar, daß der Traum einen „Blick hinter die Kulissen der raumzeitlichen Welt“ gestattet – und damit in Bildern kostbare Einsichten ermöglicht. Einen besonderen Zugang zum Absoluten findet man auch durch die Extremsituation der Ekstase: Der dionysisch-ekstatische Zugang ist in Jüngers Werk präsent durch drei Erlebniszonen, die dort immer wieder auftauchen, in der einen oder anderen Weise geschildert und reflektiert werden. Es handelt sich zum einen um den Kampf als inneres Erlebnis, um die Sexualität und das Experimentieren mit Drogen, die in jeweils spezifischer Form das Rauschhafte in der menschlichen Existenz zur Wirklichkeit bringen.


War schon Jüngers Haltung zum Experimentieren mit Drogen, worüber er sich auch mit dem LSD-Erfinder Albert Hofmann austauschte, höchst umstritten, so gilt dies nicht minder für das ganze Feld der übersinnlichen Wahrnehmungen, handele es sich nun um Telepathie, Prophetie oder Präkognition (Vorwissen, Hellsicht). Dies ist der achte, der parapsychologische Zugang zum Wunderbaren, dem Jünger zwar mit Interesse gegenüberstand, aber das Treiben von Spiritisten ablehnte, die mittels mechanischer Vorrichtungen gleichsam auf Geisterjagd gingen. Der esoterisch-okkulte Zugang, Nr. 9, schließt neben der Physiognomik auch die Astrologie als eine Form komischer Kurzschrift ein, so als rede der Kosmos in einer speziellen Sprache mit den Menschen. Jünger verglich die Astrologie sogar mit dem Schachspiel, und zwar deshalb, weil beide weder zu den Wissenschaften noch zu den Künsten gehörten. Vielmehr sei beides ein Spiel, in dem die Bewegungen der Figuren bzw. Himmelskörper an bestimmte Gesetzmäßigkeiten gebunden sind: „Die Astrologie ist ein Spiel, keine Wissenschaft. Sie hat Sinn im Maße, in dem die Welt als Spiel besteht und als Spiel begriffen wird. Daher ist sie weit älter als die Wissenschaften und wird sie überleben wie der Tanz den Gleichschritt, obwohl beide zum selben Ziel führen.“


Todeserfahrung als Universalschlüssel


An zehnter Stelle finden wir den ultimativen Zugang zum Wunderbaren: die Todeserfahrung. Auch das ein Thema, das Jünger über all die langen Jahrzehnte seines Lebens nicht losließ. Und das für Reschika der „Haupt- und Universalschlüssel“ ist, angefangen mit den Nahtod-Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, die Jünger eindrucksvoll beschreibt:


„Was mir nachträglich besonders wunderbar erscheinen will, ist der urplötzliche Übergang aus der wildesten Anstrengung des Willens, aus einem Sturmangriff heraus in eine vollkommene und willenlose Beschaulichkeit – aus einem Übermaß der Raserei in die hellsichtigste Klarheit und Ruhe, die sich denken läßt.“

Es ist offensichtlich, wie sehr Jüngers Sicht auf den Tod dem eigenen Erleben entspringt, aber er versucht auch, wie in zahlreichen Mythen, Tod und Sterben mittels metaphorischer Beschreibung gleichsam poetisch zu bannen. Das Namenlose erhält so eine Art von Bildlichkeit und damit Greifbarkeit, so etwa wenn der Tod als von einem Wald umgebene Zitadelle gedeutet wird, die Schutz und Zuflucht gewährt. Jede solche Metapher kann aber nur bestimmte Aspekte des Phänomens anschaulich machen, während andere wiederum andere Metaphern erfordern. Wenn nämlich der Tod auch den Verlust der Individualität bedeutet, kann dies nicht im Bilde einer Burg, sehr wohl aber in dem des Meeres vergegenwärtigt werden. Noch in ganz andere Dimensionen stößt Jünger vor, wenn er in „Die Schleife“ (aus dem Abenteuerlichen Herzen, zweite Fassung) den Tod „die Tarnkappe aller Tarnkappen“ nennt, was so viel besagen soll wie: Der Tod ist nicht der Tod. Und schließlich dient auch Jüngers Bild von der „Zeitmauer“ dazu, die Grenze zu kennzeichnen, die uns vom Tode (noch) trennt, aber zugleich auch ahnen läßt, was jenseits dieser Grenze liegt. Das aber ist nicht so sehr den Wissenschaften und auch nicht der Theologie möglich, wie Jünger meinte, sondern den Künsten.


Reschika möchte die poetische Metaphysik bei Jünger als eine Art Webmuster verstanden wissen, das er an den Begriff des poncif (was auch Klischee oder Stereotyp bedeuten kann) bei Baudelaire anlehnt. Für den Autor steht Jünger in der Tradition des gelehrten Dichters. Dazu trägt auch der Umstand bei, daß sich in dessen Schriften eine Dominanz des Kognitiven und Reflexiven über das Erzählerische erkennen lasse, wofür sich viele Beispiele finden lassen. Dazu gehören z. B. essayistisch-reflexive Einsprengsel schon in frühen Erzählungen, selbstverständlich in den großen Romanen der zweiten Lebenshälfte und auch noch in sehr späten Texten wie der (wohl nur wenig gelesenen) Erzählung Aladins Problem, die der literarischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Nihilismus gewidmet ist. Reschika sieht bei Jünger eine Art erkenntnistheoretische Reflexionsprosa, will das aber nicht pejorativ verstanden wissen. So kann er diese Texteigenschaft auch erst nehmen und Jünger als einen nicht nur gelehrten Dichter lesen, sondern auch als einen metaphysischen und einen theologischen Dichter, der sich zu Fragen äußert, die das Ganze der Natur und den Menschen in ihr betreffen. Dichtung werde so für Jünger geradezu „zu einem veritablen metaphysischen Erkenntnisinstrument des Absoluten“.


Ernst Jünger ist ein frommer Heide


Das bedeutet nichts Geringeres, als daß durchaus auch schon in der frühen Phase des Werkes von Jünger Anklänge an Theologisches zu finden sind, die auch unabhängig von Jüngers sehr später Konversion zur katholischen Kirche aufschlußreich sind. So spricht Jünger etwa in seiner Friedensschrift von der Theologie als einer „ersten Wissenschaft“ und denkt über eine „Neue Theologie“ nach, die wohl auch dahinter steht, wenn er schon 1943 in seinem Pariser Tagebuch konstatiert, der Weg zu Gott sei in dieser Zeit ungeheuer weit, weshalb auch bescheidenste Annäherungen verdienstvoll seien und überhaupt Gott neu konzipiert werden müsse. Reschika macht deutlich, daß Jünger stark im griechischen Denken verankert ist und zwar insbesondere in der platonischen Metaphysik. Damit ist auch eine bleibende Differenz Jüngers zum Christentum herausgearbeitet, die für den größten Teil des Werkes Gültigkeit beanspruchen darf. Die poetische Metaphysik Jüngers ist deshalb im Letzten synkretistisch: Bei Jünger könne „von einem expliziten Bekenntnis zur einmaligen Erlösungstat Christi als dem unangefochtenen Zentrum des christlichen Glaubens nicht die Rede sein“, so Reschika. Jünger bleibe wie Goethe ein frommer Heide, was auch der Katholik Gisbert Kranz in seinen Studien zum Symbolischen bei Jünger früh erkannt hatte.


Auf die vielen weiteren Details und guten Beobachtungen in Reschikas Studie kann hier nicht näher eingegangen werden. Es gelingt dem Buch sehr gut, die verschiedenen Aspekte der Welt- und Naturauffassung Jüngers, sein Verhältnis zum Absoluten sowie seine poetischen Annäherungen daran herauszuarbeiten. Der Mensch befindet sich demnach immer in einer Spannung zwischen Immanenz und Transzendenz, mit der zu leben er lernen muß. Jüngers Denken wird in seiner Gesamtheit als eine Antwort auf den Nihilismus gedeutet. Jünger habe, wie Reschika frühere Forschungen von Peter Koslowski aufnimmt, „eine starke Affinität zu gnostischem Gedankengut im weitesten Sinne“ besessen, wodurch es ihm auch möglich gewesen sei, auf elegante Weise eine Integration des Bösen in sein grundsätzlich sehr harmonisches Weltbild zu bewerkstelligen. Die These von einem grundsätzlich harmonischen Weltbild bei Jünger könnte überraschen; hier wäre vielleicht noch etwas weiterzufragen, auch im Hinblick auf die Auseinandersetzung zwischen Carl Schmitt und Ernst Jünger in bezug auf die Möglichkeit des Friedens, die im vorliegenden Buch allerdings keine Rolle spielt.


Fazit: Reschika hat mit seinem schönen, hier nur andeutungsweise ausgewerteten Buch einen der lesenswertesten Beiträge über Ernst Jünger vorgelegt. Denn anders als manche neuere akademischen Arbeiten, die ihren Gegenstand allen Ernstes nicht für zitierfähig halten und dementsprechend lustlos mit den Texten Jüngers herumhantieren, schreibt Reschika immer verständlich, präzise und sachgerecht. Er vermeidet theoretische Überfrachtung, wertet gleichwohl die relevante Sekundärliteratur aus, macht vor allem aber zahlreiche gute Textbeobachtungen, die Lust auf eigene Lektüre Jüngers machen. So entsteht ein gründliches Bild von Jünger als einem Autor, der sich bewußt im Spannungsfeld von Philosophie und Poesie aufhält. Welchen Stellenwert Jüngers langjährige Beschäftigung mit theologischem Gedankengut und den Weisheitstraditionen für seine späte Konversion zum Katholizismus hatte, ist wohl einer eigenen Untersuchung wert.


Exkurs: Traumdeutung bei Eliade und Jünger


Neu in der erweiterten Auflage des Buches ist ein abschließender Vergleich von Jüngers Zugang zum Mythos mit dem rumänischen Religionswissenschaftler Mircea Eliade, mit dem zusammen Jünger in den 1960er Jahren das Jahrbuch eines skeptischen Konservatismus, Antaios, herausgegeben hatte. Eliade war demnach eine Art Bruder im Geiste Ernst Jüngers, die beide glaubten, daß ein rein wissenschaftlicher Zugang zur Wirklichkeit unzureichend sei – und daher z. B. Träume eine Bedeutung haben, die Zeit und Raum überschreitet. Der Traum kann zu einer Epiphanie werden, das Leben hält Transzendenz-Erfahrungen bereit – und Spuren des Heiligen und Übernatürlichen kristallisieren sich auch in literarischen Werken heraus, die das gewaltige Reservoir des Mythischen anzapfen und verwandeln. Jünger hat, wen wundert es, über das Träumen und das wahre Verhältnis von Wachen und Schlafen im Gefolge Hamanns und Novalis' immer wieder nachgedacht. Und auch in der Verabschiedung der Vorstellung, Träume seien bloß Schäume, hat Jünger den Weg von der Aufklärung zur Romantik nachgezeichnet.

Reschikas gediegenes Buch, das mit einer stabilen Fadenheftung ausgestattet ist und einen attraktiven blauen Leineneinband aufweist, sollte vor allem in den Bücherregalen der Jünger-Forscher seinen Platz finden.


Richard Reschika: Goldgrund der Welt. Ernst Jüngers poetische Metaphysik. Zweite, überarbeitete, aktualisierte und erweiterte Auflage. Neustadt an der Orla: Arnshaugk Verlag, 2023. Leinen, 568 Seiten, ISBN 978-3-95930-263-0, 54.00 Euro.



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Über den Autor: Till Kinzel ist habilitierter Literatur- und Kulturwissenschaftler. Er hat u.a. Bücher zu Allan Bloom, Nicolás Gómez Dávila, Philip Roth und Michael Oakeshott und Johann Georg Hamann publiziert. In TUMULT hat er über Panajotis Kondylis geschrieben (und im Blog über Ricarda Huch und Wyndham Lewis).




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