Carsten Germis: DEUTSCHER HERBST
Herbstwind teilt das Land,
Küste blau und rote Spree,
Frost greift nach der Macht.
I.
Das Racket an der Spree
Kälte in der Stadt,
Jagd auf Geld und Davidstern,
Rotes Racket lacht.
Schnee fällt auf die Spree,
Wie Chicago anno einst,
Staat und Clan vereint.
Krähen auf dem Dach,
Enteignung als Beutezug,
Paten trinken Wein.
Kalter Wintersturm,
Klassenkampf und alter Hass,
Teilen sich das Haus.
II.
In der Kiff
Ostsee peitscht so blau,
Blaue Welle rollt an Land,
Rote Frau hält stand.
Schilfrohr trotzt dem Sturm,
Rot und Grün und Dunkelrot,
Teilen sich das Schloss.
Schwarzer Kiesel sinkt,
Weggespült vom Kanzlersturm,
Tief im Ostseesand.
Wirbel in der Spree,
Schwarzer Baum zerbricht im Schock,
Kalt der Möwenschrei
Über den Autor: Carsten Germis ist Chefredakteur von TUMULT. Vierteljahresschrift für Konsensstörung und hat lange in Japan gelebt. Aus dieser Zeit stammt seine Begeisterung für Haikus. Das Haiku verdichtet Martin Heideggers Idee, nur Dichtung könne die Wahrheit des Seins in die Sprache holen, in minimalistischer Strenge in seine vielleicht reinste Form. Indem es mit wenigen, präzise gesetzten Silben (5 – 7 – 5) eine augenblickliche Konstellation – sei es ein jahreszeitlicher Umschwung oder die nackte, ungeschönte Realität politischer Herrschaft – aus der Verborgenheit reißt, leistet es genau dieses Entbergen.
Beitragsbild: Fondo Antiguo de la Biblioteca de la Universidad de Sevilla from Sevilla, España, CC BY 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by/2.0, via Wikimedia Commons
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