Thomas Hartung: ALS KRANKSEIN ZUR IDENTITÄT WURDE
Argan ist krank. Daran besteht für ihn kein Zweifel. Eigentlich besteht in Molières Le Malade imaginaire überhaupt nur für einen Menschen kein Zweifel daran, dass Argan krank ist: für Argan selbst. Er verbringt seine Tage damit, Arzneien einzunehmen, Einläufe zu kalkulieren, Rechnungen seiner Ärzte zu prüfen und die Signale seines Körpers zu beobachten. Medizin ist für ihn keine gelegentliche Hilfe gegen Beschwerden mehr. Sie ist die Sprache geworden, in der er sich selbst versteht.
Molière schrieb seinen Eingebildeten Kranken 1673, in einer Epoche, deren Medizin uns heute mit Recht als archaisch erscheint. Seine Komödie lebt vom Gegensatz zwischen der Einbildung des Patienten und der Geschäftstüchtigkeit jener Ärzte, die aus dieser Einbildung ihren Nutzen ziehen. Doch vielleicht ist Argan gerade deshalb eine so erstaunlich moderne Figur. Denn hinter der Satire auf Ärzte, Apotheker und Hypochonder verbirgt sich eine Frage, die dreieinhalb Jahrhunderte später in neuer Gestalt wiederkehrt: Was geschieht mit einem Menschen, wenn Krankheit nicht mehr nur etwas ist, das er hat, sondern etwas, von dem aus er sich versteht?

Argan will seine Krankheit nicht verlieren, denn mit ihr verlöre er zugleich die Ordnung seines Lebens. Sie erklärt seine Empfindungen, strukturiert seinen Alltag, verschafft ihm Aufmerksamkeit und liefert ihm eine Rolle. Der Gesunde müsste sich mit der offenen Frage beschäftigen, warum er unzufrieden, schwierig oder ängstlich ist. Der Kranke besitzt eine Antwort.
Natürlich wäre es grotesk, daraus eine Parallele zwischen Molières Quacksalbern und moderner Psychiatrie zu konstruieren. Depressionen, Traumafolgestörungen, Autismus und ADHS sind keine Einbildungen. Dass psychische Erkrankungen heute nicht mehr unter jenem gesellschaftlichen Bann stehen, der sie noch vor wenigen Jahrzehnten umgab, gehört zu den humanen Fortschritten unserer Zeit. Der Depressive muss seine Krankheit nicht länger als Charakterschwäche verbergen, der Gang zum Psychotherapeuten gilt nicht mehr automatisch als Eingeständnis geistiger Zerrüttung, und Eltern eines Kindes mit ADHS müssen sich nicht umstandslos vorwerfen lassen, sie hätten schlecht erzogen.
Aber Befreiungen besitzen eine Dialektik. Was gestern verschwiegen wurde, kann morgen zur bevorzugten Form öffentlicher Selbstbeschreibung werden. Was gerade noch Stigma war, kann kulturelles Kapital gewinnen. Und eine Gesellschaft, die endlich gelernt hat, psychisches Leiden wahrzunehmen, kann darüber jene Grenze aus dem Blick verlieren, die Krankheit von jenem gewöhnlichen Unglück trennt, das seit jeher zum Menschsein gehört.
Die Gentrifizierung des Leidens
Um diese Verschiebung kreist ein bemerkenswertes Interview, das die ZEIT jetzt mit der amerikanischen Kulturtheoretikerin Catherine Liu geführt hat. Liu, Professorin an der University of California in Irvine, spricht von einer „Gentrifizierung“ psychischer Störungen. Vor allem Angehörige der oberen Mittelschicht hätten das seelische Leiden für sich entdeckt; Therapie sei „zu einer Form der Populärkultur geworden“. Das öffentliche Bekenntnis zum eigenen Leiden werde Bestandteil persönlicher Markenbildung und zugleich zum Schutzschild gegen Widerspruch.
Liu provoziert, und selbstverständlich lässt sich gegen ihre Zuspitzung manches einwenden. Gerade die zunehmende öffentliche Rede über ADHS oder Autismus hat Menschen dazu gebracht, Beschwerden untersuchen zu lassen, die früher als Faulheit, Verschrobenheit oder persönliches Versagen abgetan wurden. Spätdiagnosen sind nicht schon deshalb fragwürdig, weil sie spät erfolgen. Sie können vielmehr zeigen, wie lange eine reale Störung unerkannt geblieben ist.
Die interessante Frage lautet deshalb nicht, ob diese Diagnosen existieren. Sie lautet, weshalb ihre Begriffe eine kulturelle Karriere gemacht haben, die weit über den medizinischen Befund hinausreicht. Warum werden sie zunehmend zu Sprachen, in denen Menschen nicht mehr nur erklären, was ihnen fehlt, sondern wer sie sind?
Die Verschiebung beginnt unauffällig. Schüchternheit kann soziale Angst heißen, Zerstreutheit ADHS, eine schwere Kindheit Trauma, der egoistische Expartner Narzisst, eine unglückliche Beziehung toxisch, Aufschieberitis „executive dysfunction“ und Empfindlichkeit Hochsensibilität. Keiner dieser Begriffe ist an sich illegitim. Eine Trennung kann traumatisieren, soziale Angst ein Leben beherrschen, und wer ADHS auf Zerstreutheit reduziert, verharmlost eine reale Störung.
Nur sind die populären Symptome, mit denen solche Diagnosen im Netz zirkulieren, häufig so unspezifisch, dass sich fast jeder darin wiedererkennen kann. Wer hat noch nie einen Termin vergessen, eine unangenehme Aufgabe aufgeschoben, nach schlechten Nächten Konzentrationsprobleme gehabt oder sich nach einer Trennung wochenlang niedergeschlagen gefühlt? Jahrtausendelang hatte die Menschheit für vieles davon einen Sammelbegriff: Leben.
Aaaah, ich bin gar nicht verrückt!
Der Genfer Psychiater Daniele Zullino hat ebenfalls in der ZEIT erst kürzlich beschrieben, wie Menschen inzwischen mit fertigen Selbstdiagnosen in seine Praxis kommen. Manche schließen aus Konzentrationsproblemen auf ADHS oder betrachten sogar die Erfahrung, sich unter Stimulanzien besser konzentrieren zu können, als eine Art privaten Test. Zullino weist darauf hin, dass Müdigkeit, Stress, Depressionen und andere Ursachen ähnliche Symptome hervorrufen können. Ein Video könne Anlass sein, etwas fachlich untersuchen zu lassen. Diagnose sei es deshalb noch lange nicht.
Darin steckt die eigentliche Umkehrung. Der Arzt beginnt beim Menschen und fragt, welche Diagnose dessen Beschwerden erklären könnte. Der Algorithmus beginnt bei der Diagnose und sucht Menschen, die sich in ihr wiedererkennen. Wer einmal bei einem Video über ADHS länger hängen bleibt, bekommt weitere. Bald begegnen ihm die vergessenen Termine wieder, die Unlust an langweiligen Aufgaben, die chaotische Wohnung, das schnelle Begeistern für neue Hobbys und die Schwierigkeit, anderen nicht ins Wort zu fallen. Der Algorithmus diagnostiziert nicht. Er braucht das gar nicht. Er liefert lediglich immer neues Material für eine Geschichte, die der Nutzer irgendwann selbst zu erzählen beginnt. Und diese Geschichte besitzt einen unschätzbaren Vorzug: Sie verbindet Dinge, die bislang unverbunden erschienen.
Gerade bei öffentlichen Personen, Künstlern zumal, lässt sich beobachten, welche biographische Kraft eine solche Diagnose entwickeln kann. Sarah Kuttner erzählte 2023 nach einer fachlich gestellten ADHS-Diagnose von der enormen Erleichterung, die sie empfunden habe. Zuvor habe sie „Online-Tests ohne Ende“ gemacht, anschließend folgte eine psychologische Untersuchung. Die ZEIT verdichtete die Erfahrung im Titel zu dem Ausruf: „Aaaah, ich bin gar nicht verrückt!“
Das ist zunächst die Erfolgsgeschichte einer Diagnose. Verhaltensweisen, die Kuttner zuvor möglicherweise als persönliche Defizite erlebt hatte, ließen sich neu einordnen. Selbst Konflikte mit ihrem ebenfalls diagnostizierten Mann erschienen in anderem Licht. Was früher Wut ausgelöst hatte, bekam nun einen Zusammenhang. Doch genau hier beginnt der kulturgeschichtlich interessante Teil. Die Diagnose erklärt nicht länger nur Symptome. Sie ordnet Vergangenheit, Partnerschaft, Charakter und Selbstbild. Aus verstreuten Erinnerungen entsteht eine kohärente Biographie.
Schauspielerin im eigenen Leben
Noch deutlicher zeigt sich diese nachträgliche Umschrift bei Judith Holofernes. Die frühere Sängerin von „Wir sind Helden“ erhielt ihre ADHS-Diagnose erst in ihren Vierzigern. Im Zuge der Beschäftigung damit nahm sie alte Schulzeugnisse und Tagebücher zur Hand. Was damals als Zerstreutheit, Eigenwilligkeit oder womöglich schlicht als Teil einer Künstlerpersönlichkeit erschien, konnte nun unter einem gemeinsamen Begriff gelesen werden.
Das ist deshalb so faszinierend, weil sich hier nicht einfach eine falsche durch eine richtige Geschichte ersetzt. Vielleicht waren die früheren Beschreibungen ebenfalls wahr. Ein Mensch kann Künstlerin, chaotisch, hochkreativ, empfindlich und zugleich von ADHS betroffen sein. Die Diagnose verändert aber die Hierarchie dieser Erklärungen. Was früher Charakter war, kann nun Symptom werden; was früher Temperament hieß, erscheint neurologisch; was zur romantischen Vorstellung des Künstlerischen gehörte, erhält einen medizinischen Namen.
Holofernes hat daraus wiederum Kunst gemacht. In Hummelhirn wird die Diagnose selbst zum Gegenstand öffentlicher Selbstbeschreibung. Das ist weder verdächtig noch illegitim. Aber es zeigt, wie weit der medizinische Begriff inzwischen reicht. Die Krankheit wird diagnostiziert, die Diagnose ordnet die Biographie, und die neu geordnete Biographie wird schließlich kulturelles Produkt. Ob Molières Argan das verstanden hätte?
Noch grundsätzlicher wird diese Neuinterpretation beim Autismus. Die schwedische Kulturjournalistin und Schriftstellerin Clara Törnvall erhielt erst mit Anfang vierzig ihre Diagnose. In ihrem Buch Die Autistinnen und in Interviews beschreibt sie das frühere Gefühl, soziale Situationen gewissermaßen spielen zu müssen. Die ZEIT fasste diese Erfahrung mit der eindrucksvollen Formulierung zusammen: „Ich wurde Schauspielerin in meinem eigenen Leben.“ Hier zeigt sich die befreiende Kraft der Diagnose besonders deutlich. Plötzlich existiert eine Erklärung dafür, warum etwas, das anderen selbstverständlich erschien, immer Arbeit bedeutete. Die eigene Vergangenheit verliert einen Teil ihrer Willkür. Erfahrungen, die bislang vereinzelt nebeneinanderlagen, fügen sich zusammen.
Doch gerade die Überzeugungskraft dieser neuen Ordnung sollte neugierig machen. Jede Biographie ist eine rückblickende Konstruktion. Wir erzählen unser Leben von der Gegenwart her und wählen aus Millionen vergangenen Situationen diejenigen aus, die zur heutigen Geschichte passen. Eine Diagnose besitzt dabei eine enorme Selektionskraft. Hat man den Begriff erst einmal, springen plötzlich jene Erinnerungen hervor, die ihn bestätigen. Das bedeutet nicht, dass die Diagnose falsch wäre. Es bedeutet etwas viel Interessanteres: Eine richtige Diagnose kann zugleich eine mächtige Erzählmaschine sein. Sie sagt nicht nur: Das hatten Sie. Sie sagt leicht auch: Deshalb waren Sie so. Und irgendwann: Deshalb sind Sie, wer Sie sind.
Vom Schicksal zum Trauma-Skript
Ähnliches geschieht mit dem Trauma-Begriff. Psychiatrisch bezeichnet Trauma keineswegs alles, was einen Menschen lange beschäftigt oder schmerzt. In der populären Sprache ist es dagegen fast zur Universalformel belastender Vergangenheit geworden: schwierige Eltern, Mobbing, Trennung, Vernachlässigung, ein despotischer Vorgesetzter oder eine demütigende Schulerfahrung können retrospektiv in ein Trauma-Narrativ eingeordnet werden.
Gerade hier muss man sorgfältig unterscheiden. Die Schauspielerin und Schriftstellerin Andrea Sawatzki etwa hat von einer Kindheit berichtet, in der sie schon als Mädchen mit der schweren Erkrankung ihres Vaters konfrontiert war und Erfahrungen machte, deren psychische Folgen sie später beschäftigten. Solche Biographien erinnern daran, weshalb die Erweiterung unseres Wissens über psychische Verletzungen ein Fortschritt war. Das ältere Ideal, man müsse sich eben „zusammenreißen“, konnte gegenüber wirklichem Leiden von bemerkenswerter Grausamkeit sein.
Gerade deshalb ist die Inflation des Traumabegriffs problematisch. Ein Wort verliert nicht nur an Trennschärfe, wenn es alles bezeichnet; es verliert damit auch einen Teil seiner Fähigkeit, das Schwere vom weniger Schweren zu unterscheiden. Catherine Liu spricht von einem „Trauma-Skript“. Die Gegenwart wird von einer zurückliegenden Verletzung her gelesen, der ein kulturell bekannter Heilungsverlauf folgt. Das Subjekt entdeckt nicht lediglich, dass es verletzt wurde. Es lernt zugleich, welche Geschichte über diese Verletzung erzählt werden soll: Trauma erkennen, Trigger identifizieren, Grenzen setzen, toxische Menschen aussortieren, heilen.
Jeder einzelne Schritt kann vernünftig sein. Erst die Standardisierung macht stutzig. Denn das individuelle Schicksal beginnt einer kulturellen Dramaturgie zu folgen. Frühere Generationen verfügten womöglich über zu wenig psychologisches Vokabular. Unsere verfügt vielleicht über so viel davon, dass das Vokabular gelegentlich vor der Erfahrung da ist.
Wenn Krankheit moralisch entlastet
Die Attraktivität diagnostischer Erzählungen hat einen weiteren Grund: Krankheit entlastet moralisch. Und das soll sie auch. Ein schwer Depressiver verdient keinen Vorwurf, weil er morgens nicht aus dem Bett kommt; ein ADHS-Kind ist nicht automatisch schlecht erzogen; der traumatisierte Mensch kann Reaktionen zeigen, die sich nicht durch einen Appell an Disziplin abschalten lassen.
Sobald sich das diagnostische Vokabular aber über seinen klinischen Bereich hinaus ausdehnt, wandert diese Entlastungsfunktion mit ihm. Dann kann aus Unordnung „mein ADHS“, aus Konfliktscheu eine „Trauma Response“, aus Aufschieberitis „executive dysfunction“, aus Empfindlichkeit das Getriggertwerden und aus dem Scheitern einer Beziehung das Überleben eines Narzissten werden. Jeder einzelne dieser Sätze kann wahr sein. Der problematische Punkt liegt in ihrer kulturellen Summe.
Denn sie entwirft ein Subjekt, das sein Verhalten zunehmend in einer Sprache beschreibt, in der Verantwortung durch Ursache ersetzt werden kann. Die ältere Frage lautete: Warum tue ich immer wieder Dinge, die mir schaden? Die neue lautet schneller: Welche Störung erklärt, dass ich sie tue? Zwischen beiden Fragen liegt ein anderes Menschenbild. Die erste geht davon aus, dass Charakter, Gewohnheit, Entscheidung, Selbsttäuschung, Erziehung, Zufall und Krankheit kompliziert ineinandergreifen. Die zweite besitzt die Tendenz, jene Ambivalenz in ein diagnostisches Raster zu überführen. Der Mensch wird zum Beobachter seiner eigenen Symptomatik.
Leid als kulturelles Kapital
Hier wird Lius Begriff der „Gentrifizierung“ besonders interessant. Nicht jedes Leiden verfügt nämlich über dieselben Möglichkeiten, sich öffentlich verständlich zu machen. Wer gelernt hat, seine Befindlichkeit im aktuellen therapeutischen Vokabular auszudrücken, besitzt kulturelles Kapital. Er kann Grenzen formulieren, Trigger benennen, toxische Beziehungen identifizieren, Mental Load beschreiben, Traumata aufarbeiten und Neurodivergenz erklären. Er besitzt nicht notwendig mehr Leid als andere. Aber er besitzt eine Sprache dafür, die gesellschaftlich verstanden wird.
Der Paketfahrer mit kaputtem Rücken, die Verkäuferin, die nach zwei Schichten kaum noch stehen kann, der Arbeiter, dessen Betrieb geschlossen wird, oder der Rentner, der seit dem Tod seiner Frau kaum mit jemandem spricht, verfügen womöglich über weniger elaborierte Kategorien. Ihr Leiden heißt Rückenschmerz, Müdigkeit, Arbeitslosigkeit, Einsamkeit oder schlicht Pech. Es ist deswegen keinen Deut weniger real. Aber es erzählt sich schlechter.
So entsteht ein eigentümlicher Widerspruch einer Kultur, die sich besonders sensibel gibt: Sie reagiert am empfindlichsten auf jene Menschen, die gelernt haben, ihre Empfindlichkeit in der von ihr anerkannten Sprache auszudrücken. Aufmerksamkeit richtet sich nicht allein nach der Schwere des Leidens, sondern nach seiner kulturellen Lesbarkeit.
Und öffentliche Personen besitzen für diese Übersetzung naturgemäß die günstigsten Voraussetzungen. Die Diagnose eines unbekannten Buchhalters bleibt Privatangelegenheit. Die Diagnose einer Moderatorin, Sängerin oder Schriftstellerin kann Interview, Podcast, Buch, Dokumentation und Gegenstand weiterer Interviews werden. Damit entsteht kein Betrug. Es entsteht etwas strukturell viel Interessanteres: ein medialer Verstärkerkreislauf, in dem individuelles Leiden gesellschaftliche Sprache hervorbringt und diese Sprache wiederum anderen Menschen Kategorien für ihr eigenes Leiden liefert.
Von „Ich habe“ zu „Ich bin“
An diesem Punkt verändert sich auch die Grammatik: „Ich habe ADHS“ bezeichnet zunächst einen Befund – „Ich bin neurodivergent“ dagegen eine Zugehörigkeit. Dazwischen liegt nur ein kleiner sprachlicher, aber ein großer kultureller Schritt. Einst kämpfte die Psychiatriekritik dagegen, Menschen auf Diagnosen zu reduzieren. Der Schizophrene sollte nicht „der Schizophrene“ sein, sondern ein Mensch mit Schizophrenie. Krankheit sollte nicht Identität verschlingen.
Heute findet teilweise die umgekehrte Bewegung statt. Menschen nehmen diagnostische oder diagnostiknahe Begriffe freiwillig in ihre Identität auf, weil diese Begriffe nicht mehr nur Defizite bezeichnen. Sie stiften Erklärung, Gemeinschaft und manchmal sogar Stolz. Das gilt besonders für das Konzept der Neurodivergenz, das Unterschiede nicht primär als Krankheit, sondern als Varianten menschlicher neurologischer Ausstattung versteht.
Auch darin liegt eine humane Idee. Warum sollte jemand sein ganzes Leben daran gemessen werden, wie gut sein Gehirn den Anforderungen einer bestimmten Schul-, Büro- oder Kommunikationskultur entspricht? Doch auch die humane Idee besitzt ihre Dialektik. Wird aus jeder Abweichung eine Identität, verliert Normalität ihren offenen Charakter. Normal war einmal ein weiter Raum voller schwieriger, schrulliger, vergesslicher, introvertierter, lauter, stiller, zwanghafter, unordentlicher und wunderlicher Menschen.
Je genauer wir diese Vielfalt diagnostisch kartieren, desto stärker entsteht paradoxerweise die Vorstellung eines normierten Menschen, von dem alle anderen diagnostisch benennbar abweichen. Die immer feinere Anerkennung von Diversität kann so eine immer feinere Pathologisierung erzeugen.
Die therapeutische Öffentlichkeit
Spätestens hier reicht die Entwicklung über Medizin und Populärkultur hinaus. Denn therapeutische Sprache verändert auch die öffentliche Auseinandersetzung. Leiden besitzt moralischen Rang. Wer eine Verletzung erfahren hat, verdient zunächst Aufmerksamkeit und Rücksicht. Problematisch wird es, wenn daraus eine erkenntnistheoretische Vorzugsstellung entsteht, wenn also aus dem Satz „Niemand kann mir absprechen, dass ich mich verletzt fühlte“ der zweite Satz folgt: „Niemand darf meiner Erklärung widersprechen, warum ich verletzt wurde.“
Doch zwischen Empfindung und Interpretation liegt die ganze menschliche Irrtumsfähigkeit. Dass ich mich ausgegrenzt fühle, beweist noch nicht, dass jemand mich ausgegrenzt hat. Dass mich ein Satz verletzt, entscheidet nicht über dessen objektive Bedeutung. Dass eine Erinnerung mich belastet, beantwortet noch nicht die klinische Frage nach einem Trauma. Der Therapieraum und die Öffentlichkeit folgen unterschiedlichen Regeln. Ein Therapeut kann gute Gründe haben, zunächst zuzuhören, nicht sofort zu widersprechen und die subjektive Erfahrung seines Patienten ernst zu nehmen. Öffentlichkeit dagegen lebt von konkurrierenden Behauptungen und Deutungen. Sie benötigt die Zumutung, dass Menschen einander widersprechen dürfen.
Wenn die therapeutische Semantik in diese Sphäre wandert, wird Kritik leicht zur Verletzung, Zumutung zur Grenzüberschreitung und Widerspruch zur „Invalidisierung“. Das Gegenüber soll dann nicht mehr lediglich meine Würde und meine Rechte achten. Es soll meine innere Integrität vor dem Schaden seiner Auffassung bewahren. Eine Gesellschaft aus Therapeuten und Patienten wäre jedoch keine besonders freie Gesellschaft. Vor allem wäre unklar, wer noch mit wem streiten dürfte.
Das Recht auf gewöhnliches Unglück
Vielleicht brauchen wir deshalb neben dem Recht auf Diagnose wieder ein Recht auf Normalität: das Recht, schüchtern zu sein, ohne sozialphobisch zu werden; zerstreut, ohne notwendig ADHS haben zu müssen; nach einer Trennung monatelang unglücklich, ohne traumatisiert zu sein; einen egoistischen ehemaligen Partner gehabt zu haben, ohne dessen Charakter posthum psychiatrisch zu diagnostizieren.
Vor allem braucht es das Recht, an seinem Leben zu leiden, ohne Patient zu werden. Catherine Liu formuliert dafür einen fast vormodern klingenden Satz: „Es gibt kein Heilmittel dagegen, ein Mensch zu sein.“ Menschen verlieren Eltern, Freunde und Geliebte. Sie scheitern in Berufen, treffen falsche Entscheidungen, fühlen sich fremd, werden älter, erleben unerwiderte Liebe und entdecken manchmal nach Jahren, dass ihr eigener Charakter an einem Konflikt erheblichen Anteil hatte. Nicht jedes dieser Probleme besitzt eine therapeutische Lösung. Manche besitzen überhaupt keine Lösung.
Das war früher vielleicht zu selbstverständlich. Menschen mussten Schmerzen ertragen, die behandelt werden konnten, und schämten sich für Krankheiten, für die sie nichts konnten. Die Befreiung von diesem Zwang war notwendig. Aber Fortschritt besteht nicht darin, von einem Irrtum in seinen Gegenirrtum zu wechseln. Frühere Gesellschaften hatten womöglich zu viel Schicksal und zu wenig Therapie. Unsere hat bisweilen zu wenig Schicksal und zu viel Therapie.
Argan nimmt das Smartphone
Und damit kehren wir zu Argan zurück. Molières eingebildeter Kranker lebt in einer Welt, in der ihm Ärzte immer neue Krankheiten bestätigen und Mittel dagegen verkaufen. Der eingebildete Kranke des 21. Jahrhunderts braucht dafür nicht einmal mehr einen Arzt. Er sitzt mit dem Smartphone auf dem Sofa. Ein Video erklärt ihm fünf Anzeichen für ADHS. Das nächste erklärt seine Beziehungsschwierigkeiten. Ein drittes erläutert, weshalb sein Aufschieben keine Faulheit, sondern „executive dysfunction“ sein könnte. Ein viertes erklärt ihm, warum bestimmte Erfahrungen seiner Kindheit Trauma gewesen sein könnten. Ein fünftes nennt die Verhaltensweisen seines ehemaligen Partners narzisstisch.
Der Algorithmus ist dabei weder Arzt noch Quacksalber. Er will überhaupt nichts über diesen Menschen wissen. Er weiß nur, worauf dieser Mensch reagiert. Aber gerade deshalb ist er mächtiger als Molières Doktor Purgon. Purgon konnte Argan lediglich jene Krankheiten einreden, die er kannte. Der Algorithmus testet Millionen möglicher Erzählungen darauf, welche den Benutzer am längsten festhalten.
Und Diagnose besitzt dabei einen entscheidenden Vorteil gegenüber Gesundheit: Sie erklärt etwas. „Sie sind gesund“ ist eine enttäuschende Auskunft für jemanden, dessen Leben trotzdem nicht funktioniert. Der Satz erklärt nicht, warum er seine Termine vergisst, seine Wohnung nicht ordentlich hält, sich immer wieder in komplizierte Beziehungen verstrickt, sich in Gesellschaft unwohl fühlt oder morgens keine Lust auf seinen Beruf hat.
Vielleicht müsste er dann auf ältere und weniger tröstliche Möglichkeiten zurückgreifen. Vielleicht ist er unordentlich. Vielleicht hat er sich den falschen Beruf ausgesucht. Vielleicht wiederholt er aus Gründen, die keine Diagnose vollständig erklärt, dieselben Beziehungsfehler. Vielleicht besitzt er einen schwierigen Charakter. Vielleicht hatte er Pech. Oder vielleicht ist er tatsächlich krank. Genau diese letzte Möglichkeit muss eine humane Gesellschaft offenhalten. Aber ebenso die anderen.
Der entscheidende Unterschied zu Molières Argan besteht deshalb nicht darin, dass wir heute bessere Diagnosen besitzen. Selbstverständlich besitzen wir sie. Der Unterschied besteht darin, ob die Diagnose ein Instrument bleibt oder zum Zuhause wird. Eine ernsthafte Medizin will den Menschen nicht dauerhaft in seiner Krankheit beheimaten. Eine ernsthafte Psychotherapie möchte ihm nicht lediglich bestätigen, dass alle Schwierigkeiten seines Lebens Symptome sind. Selbst Liu, die scharfe Kritikerin der Therapiekultur, fordert am Ende ihres ZEIT-Interviews keineswegs die Abschaffung von Therapie. Sie spricht sogar von einem „Menschenrecht auf Psychoanalyse“ – allerdings auf eine Therapie, die das Gegenüber gerade nicht bloß spiegelt und bestätigt.
Jeder als seines eigenen Glückes Arzt
Die therapeutische Populärkultur besitzt eine andere Logik. Sie produziert immer neue Namen dafür, weshalb Menschen sich unwohl fühlen. Namen erzeugen Wiedererkennung, Wiedererkennung Gemeinschaften, Gemeinschaften Reichweite und Reichweite Märkte. So kann aus einer der großen humanen Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte ein eigentümlicher Widerspruch entstehen: Der Kranke darf endlich sagen, dass er krank ist. Zugleich entsteht eine Kultur, in der auch der Gesunde immer leichter einen Begriff findet, unter dem er sich als Patient verstehen kann.
Am Ende von Molières Komödie findet man dafür eine geniale Lösung. Weil Argan den Ärzten so vollkommen verfallen ist, soll er eben selbst einer werden. In einer grotesken Zeremonie wird er zum Mediziner ernannt. Er braucht künftig niemanden mehr, der ihm die medizinische Welt erklärt. Er trägt sie selbst in sich. Vielleicht ist gerade dieser Schluss nach dreieinhalb Jahrhunderten wieder aktuell.
Wir haben die Ärzte nicht abgeschafft. Wir haben ihre Wissenschaft verbessert wie kaum eine Generation zuvor. Aber neben ihr ist eine Kultur entstanden, in der jeder sein eigener kleiner Diagnostiker werden kann, ausgestattet mit Symptomlisten, Podcasts, Online-Tests, Erfahrungsberichten und einem Algorithmus, der unermüdlich neues Material liefert. Argan musste noch zum Arzt gehen – wir tragen Doktor Purgon in der Hosentasche.
Die nächste Emanzipation könnte deshalb darin bestehen, einigen Menschen wieder einen Satz zuzumuten, der weder Diagnose noch Geringschätzung enthält: Ihr Leiden ist real. Ihre Angst ist real. Ihre Erschöpfung, Ihre Schüchternheit, Ihre Unordnung und Ihre unglückliche Vergangenheit sind real. Aber möglicherweise sind Sie trotzdem nicht krank. Für Argan wäre das die schlimmste Nachricht gewesen. Für uns könnte es gelegentlich eine befreiende sein.
Über den Autor: Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg. Aktueller Buchtitel: Umerziehungsrepublik Buntland. Wider die Demontage des Eigenen. Gerhard Hess Verlag: Uhingen 2025
Beitragsbild: Dwayne Reed in der Wikipedia auf Englisch, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons https:creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0
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