Bettina Gruber: »AGGROFEMINISMUS«

Im Grunde hat der Feminismus über das letzte Halbjahrhundert hinweg viel erreicht. Weil aber fürs Ruhegeben und Innehalten keine staatliche Förderung winkt, muss die längst freidrehende Theoriemühle nach Art der permanenten Revolution am Laufen gehalten werden. Unsere Kolumnistin Bettina Gruber über einen Teufelskreis namens Genderindustrie.



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Unter dem Stichwort „Aggrofeminismus“ und der Überschrift „Männer sind gewalttätige, faule und feige Wesen“ bespricht die Welt das Buch einer fünfundzwanzigjährigen Französin mit dem übereindeutigen Titel Ich hasse Männer (Moi les hommes, je les déteste), was, obwohl 'détester' auch 'hassen' bedeutet, vielleicht genauer mit „Ich verabscheue Männer“ übersetzt worden wäre. Aber um Genauigkeit geht es bei einem solchen Empörungsköder natürlich zuletzt.


Aggrofeminismus ist ein irreführender Begriff. Nicht, was die außergewöhnliche Aggressivität (und geschichtliche wie theoretische Beschränktheit) seiner Vertreterinnen betrifft, sondern in Hinblick auf das Grundwort Feminismus. Feminismus war einmal der Einsatz für elementare Partizipations- und Selbstbestimmungsrechte von Frauen. Seit vielen Jahren hat, was unter dieser Flagge segelt, nichts mehr mit diesen Anliegen zu tun, die sich historisch gesehen durch Erfüllung erledigt haben. Stattdessen laufen unter diesem Begriff unterschiedliche Kampagnen, mit denen Lobbygruppen eine Privilegierung von Frauen erstreiten - wie man unter anderem an der neuen Quotenregelung, für die es nicht den geringsten objektiven Anlass gibt, sieht, mit beachtlichem Erfolg.


Man sollte sich dabei nicht zu sehr über den Missbrauch des Gerechtigkeitsbegriffs durch die Lobbyistinnen ärgern: Die streckenweise absurd anmutenden Debatten sind vorrangig ein Ergebnis der Tendenz von Institutionen und Bewegungen, sich schlicht am Leben zu erhalten. Wird das ursprüngliche Ziel erreicht, verschieben sie es einfach, gern ins Nebelhafte. Da durch üppige Fördertätigkeit in Sachen Frauen ein Anreiz besteht, durfte der Feminismus nicht in der Versenkung verschwinden. Da er a konto dessen wiederum neue Theorien und Forderungen auswarf, gab und gibt es in der Logik der akademischen Welt und der Medien immer etwas Förderwürdiges und Beachtenswertes. Und so schraubt sich die Spirale immer höher und die Erzeugnisse der Genderindustrie werden immer exzentrischer, immer greller und schrillen immer lauter. Der ganze Diskurs erinnert an einen schrottreifen Wecker, der sich nicht abstellen lässt.


Eines der jüngsten Ergebnisse dieser Dynamik ist das Buch von Pauline Harmange. (Übrigens keineswegs das einzige, denn die französische Journalistin Alice Coffin macht ihr mit Le génie lesbien, noch unbeachtet vom deutschen Markt ebenfalls dieses Jahr erschienen, mit ganz ähnlichen Hassarien Konkurrenz.)


Ich schicke voraus, dass ich nicht die mindeste Absicht habe, eines der beiden Bücher zu erwerben (geschweige denn zu lesen), denn ungeachtet ihres avantgardistischen Anstrichs gleichen sich derartige Elaborate wie ein Ei dem anderen und sind von unüberbietbarer geistiger Ödnis. Die weiblichen Originalgenies sind noch viel vorhersagbarer als die männlichen des Sturm und Drang es waren; Argumente und Vokabular sind extrem restringiert, von der stereotypen Empörungsattitüde von Anspruch und Vorwurf zu schweigen. Ich beschränke mich also auf die hinreichend aussagekräftigen Punkte, die die Rezensentin heraushebt, die übrigens der Meinung ist, „Männerhass“ werde als „Misangie“ bezeichnet – ein etwas boshafter Leser vermutete in den Kommentaren, das Wort müsse „Hass gegen Engel“ bedeuten. (Der Welt-Plus Leser fragt sich, ob das Lektorat nicht funktioniert hat oder hier ein Neologismus für etwas geprägt wurde, wofür es im Deutschen und Französischen schon einen Terminus gibt.)


Hassen sollten Frauen also grundsätzlich alle Männer, sich stattdessen auf eine „Schwesternschaft“ besinnen und ihr Selbstvertrauen aufbauen, nur mehr Kunst und Literatur von Frauen konsumieren. Nichts daran ist neu, alle dieser Forderungen finden sich bereits im Feminismus der siebziger Jahre, vornehmlich im lesbischen und sind in endlosen Selbsthilfetraktaten recycelt worden, in denen die radikale Aversion gegen jede Männlichkeit meistens nur dürftig kaschiert wird. In Leben unterm Regenbogen habe ich das eingehend thematisiert und beschrieben. Harmanges einzige Differenz zum als wohlanständig zertifizierten Mainstream-Feminismus liegt darin, dass sie die Vorstellung, es könne männliche Feministen geben, ablehnt und damit dem Rudel opportunistischer „lila Pudel“ einen wohlverdienten Tritt verpasst. Alice Coffin drückt es noch drastischer aus: Es ginge darum, Männer aus dem Leben von Frauen zu „eliminieren“. (Eine Position wie diese hinderte sie übrigens nicht daran, für die Grünen in den Pariser Stadtrat gewählt zu werden. Man vertausche hier einmal Subjekt und Objekt und werfe sich dann am besten flach auf den Bauch!)


Die Empfehlung zu hassen müsste in Zeiten, in denen jede schärfere Kritik als Hassrede angegriffen wird, eigentlich einen Proteststurm all der empfindsamen Seelen auslösen, die ständig nach Zensur rufen. Hieß es nicht vor kürzester Zeit noch „Hass ist keine Meinung“? In diesem Fall jedoch ergeht sich nicht nur die Welt in Verständnis. Im Tagesspiegel ortet der Kolumnist ein „Befreiungspotential“ im Hass und verrenkt sich apologetisch wie folgt: „Die Pauschalkritik passt nicht zum pluralistischen und liberalen Diskurs, der sich durch Differenzierung bis ins Kleinklein auszeichnet. Wer generalisiert, diskriminiert. Doch dabei müsste der Rundumschlag nicht als intolerant oder ausgrenzend aufgefasst werden, vielmehr kann er dabei helfen, Diskriminierung zu bekämpfen, indem er Machtverhältnisse in Frage stellt.“ So kann man „quod licet Iovi, non licet bovi“ natürlich auch ausdrücken, immer ausgehend von der Annahme, dass dem eigenen weltanschaulichen Lager die Position des Jupiter zusteht. Gefährlich ist weniger die Holzhammerigkeit von Personen wie Coffin und Harmange, die vielfach eher Unverständnis und Antipathie erregen wird, als vielmehr der weltanschauliche Fanatismus der Medien, der dieses aufgewärmte Hass-Gulasch anpreist und herumreicht. Denn im Gegensatz zu den siebziger Jahren sind die Gegenstimmen kaum zu hören und aus der Protestbewegung ist längst ein Staatsfeminismus geworden, der sich mit dem Kampf gegen Männer auch den gegen Leben und Empfinden der durchschnittlichen Frau auf die Fahnen geschrieben hat.


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Über die Autorin: BETTINA GRUBER, Dr. phil. habil., venia legendi für Neuere Deutsche Philologie sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Vertretungs- und Gastprofessuren in Deutschland, Österreich und den USA. Ernennung zur außerplanmäßigen Professorin an der Ruhr-Universität Bochum 2005. 2015 bis 2017 im Rahmen des BMBF-Projektes FARBAKS an der TU-Dresden. Letzte Buchveröffentlichung: Bettina Gruber / Rolf Parr (Hg.): Linker Kitsch. Bekenntnisse – Ikonen−Gesamtkunstwerke. Paderborn 2015.



Ein weiterer Beitrag von Bettina Gruber findet sich in unserer aktuellen Druckausgabe.



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