Thomas Hartung: WIDER DIE MORPHEMMORAL
- 14. Nov. 2025
- 10 Min. Lesezeit
Eine PoC-Lehrkraft fordert im Netz, Worte mit dem Suffix „-ling” nicht mehr zu nutzen. Zwischen Flüchtling und Liebling entscheidet aber der Kontext. Sprache wirkt über Urteile, nicht bloße Listen.
Die Debatte beginnt mit einer kleinen Geste der Verbotskultur: Eine Lehrerin, die sich ebenso stolz wie anonym als PoC präsentiert und die pädagogische Plattform teacherlife.me betreibt, ruft auf derselben dazu auf, Wörter mit -ling künftig zu meiden. Aus Gründen, die da „Flüchtling”, aber auch „Schwächling” oder „Feigling” heißen. Es ist der typische Griff nach dem Zungenschnürchen, höflich vorgetragen, moralisch als „Macht der Worte” aufgeladen, gegen Kritik gepanzert. Ausgerechnet an einem Suffix, einer Schraube aus dem mitunter spröden Werkzeugkasten der Sprache, soll die Reparatur der Welt beginnen. Der Gestus ist vertraut: Man erklärt einen Klangrest, eine Endung, ein Grammfugenteil zur Ursache gefühlter Verletzung – und übersieht, dass Sprache nicht die Welt kommandiert, sondern sie in unendlicher Feinmechanik abbildet, bricht, ironisiert, hebt und senkt.

Wer das Suffix anklagt, verwechselt den Schlüssel mit der Tür. Denn -ling ist kein Peitschenhieb, sondern eine produktive Brücke. Es hat jahrhundertelang Arbeit geleistet ohne die Aufmerksamkeit der Zensoren: Säugling, Zwilling, Schmetterling, Liebling, Schützling, Lehrling. Was hier aufscheint, ist kein Machtinstrument, sondern Morphologie in ihrem stillen Handwerk – die Bildung von Personen- und Wesensbezeichnungen, Zugehörigkeiten, Verkleinerungen und Nähebeziehungen. Dass daneben Feigling und Schwächling stehen, ist nicht Beweis einer inhärenten Bosheit, sondern Erinnerung daran, dass jede Sprache den Interessen ihrer Sprecher dient: Sie ist Werkzeug der Wertung, aber das Werkzeug ist nicht der Wille.
Ein Messer schneidet Brot und Bande; die Moral entsteht nicht am Griff. Wer das Suffix verbieten will, fängt bei der Form an, weil ihm der Inhalt entgleitet. Das ist die Pädagogik des 21. Jahrhunderts im Spiegel: lieber Kulissen regeln als Charaktere bilden. So wird aus einer Endung eine Ethik, aus Klang Symbolpolitik, aus Sprachreflexion ein Katalog der Verdächte. Doch Sprache ist ein Tier mit Kontextfell. Man kann es kämmen, nicht dressieren.
Die Moral des Morphems
Der Appell, -ling nicht mehr zu verwenden, entlarvt eine in unseren Diskursen herrschende Grammatik der Gesinnung. Sie trimmt Silben zu Indizes des Guten oder Bösen; sie erklärt den phonetischen Schatten zum Täter. Dabei tut -ling, was es immer tat: Es schmiegt sich an Stämme und stellt Beziehungen her – lehrend und lernend, schützend und geschützt, liebend und geliebt. Wer „Liebling“ aus demselben moralischen Arsenal verbannt, in dem „Schwächling“ als Unrat liegt, beweist nur, wie rasch die Sensibilität den Sinn übertönt. Der Ausnahmefall – Liebling – muss deshalb zur Warnlampe werden: Sobald eine Endung zugleich Zärtlichkeit und Schmähung, Natur und Kultur, Amtssprache und Kinderzimmer kann, ist das Morphem unschuldig und der Kontext souverän.
Die Gegenwart verwechselt Statistik mit Schuld. Weil in den Feuilletons und Timelines pejorative -ling-Wörter häufiger verhandelt werden, erscheint das Suffix grau. Doch Frequenz ist kein Ethos. Der soziale Gebrauch wuchtet Bedeutung, nicht die Silbe selbst. Wer die Sprache ernst nimmt, studiert nicht nur Wortliste und Häufigkeit, sondern Sprecher, Adressaten, Tonfall, Situation. „So ein Feigling!“ kann entwürdigend sein – oder, auf dem Bolzplatz, ein raues Angebot zur Ermutigung. Zwischen den Lippen und den Ohren liegt Kultur. Es ist diese Differenz, die Lehrkunst ausmacht – nicht die rote Karte für Morpheme.
Man darf das politisch nennen. Denn das Pädagogische ist längst ein Seitenarm des Politischen geworden. Indem man der Endung das Böse zuschreibt, diagnostiziert man nicht die Welt, sondern enthebt sich ihrer Ambivalenz. Die moralische Hygiene ersetzt das Urteil. Statt die Lage zu deuten – warum wir werten, wo wir versagen, wovor wir Angst haben –, poliert man die Oberfläche: ein sauberer Laut, eine gerechte Endung, eine korrekt etikettierte Gruppe. Das macht die Rede nicht besser, nur schuldloser. Der Schuldlose aber ist der unkritischste Mensch der Moderne.
Historie einer Endung
Wer Sprachwissenschaft hören will, muss die Zeit mitsprechen lassen. -ling stammt aus dem urgermanischen *-lingaz, das bereits im Althochdeutschen Personen- und Kollektivbezeichnungen bildete. Das Mittelhochdeutsche kennt es in geläufiger Breite – als Markierung der Zugehörigkeit und der Beschaffenheit, nicht als eingebautes Schimpfventil. Das erklärt, warum moderne Lexeme wie „Säugling“ und „Lehrling“ sich so unaufgeregt lesen: sie sind Derivate mit stabiler semantischer Rolle. Derivationsmorphologie ist hier kein Sittenrichter, sondern ein Fädelapparat, der Stämme zu tragfähigen Begriffen verschnürt.
Dass es zugleich pejorative Bildungen gibt, folgt einem bekannten semantischen Prozess: Pejoration. Wörter rutschen sozial ab, wenn der Diskurs sie in abwertenden Kontexten überverwendet. Das ist kein Geheimdienst der Endungen, sondern eine Folge der semantischen Prosodie: Der Klang zieht keine Moral, aber die Nachbarschaft. Häufen sich negative Kollokationen, dunkelt die Valenz nach. Genau deshalb ist es hintangestellt, die Endung zu bannen; das Augenmerk müsste dem Gebrauch gelten und dem Register, in dem ein Ausdruck kursiert.
Manches wird auch durch Konkurrenzformen erklärt. Das Deutsche bietet für Personenbezeichnungen -er, -e, -in, Partizipien wie „Geflüchtete“, Komposita, Nullableitung. Wo
-ling heute anstößig wirkt, ist oft nicht das Morphem schuld, sondern das semantische Rollenprofil, das mitschwingt: „Flüchtling“ setzt – historisch korrekt – auf den Status einer Person in einer Notlage, ohne ihre Handlungsfähigkeit hervorzuheben; „Geflüchtete“ verschiebt den Blick auf das Ergebnis eines Vorgangs und lässt Agentivität grammatisch offener. Das ist nicht Erlösung, sondern Rahmung. Wer Sprache ernst nimmt, würdigt diese feinen Aspektverschiebungen, statt Suffixe zu exkommunizieren.
Prosodie, Rhythmus, Affekt
Wer je bemerkt hat, wie leicht „Feigling“ aus dem Mund fliegt, versteht, dass Prosodie politisch werden kann. -ling produziert eine saubere Trochäen-Kadenz: FEI-gling, SCHWÄCH-ling. Der zweisilbige Schlag ist beleidigungstauglich, weil er die Pointe trägt. Doch der gleiche Takt wiegt auch Zärtlichkeit: LIEB-ling. Prosodie ist ambivalent; sie bietet Form, kein Urteil. Jakobsons poetische Funktion zeigt sich in solchen Endungen exemplarisch: Der lautliche Bau pflanzt Bedeutung nicht ein, aber er pflügt den Acker für ihr Aufgehen.
Phonästhesie, das schwache Gefälle von Laut zu Gefühl, erklärt, warum -ling manchen Ohren „verkleinernd“ vorkommt. Doch selbst wo eine Diminutivität suggeriert wird, ist sie gebrochen: „Schmetterling“ trägt nicht die Kleinheit, sondern die Leichtigkeit, und „Zwilling“ die Paarigkeit, nicht den Spott. Diminutivität ist ohnehin kultur- und registerabhängig; sie kann zärtlich oder herabsetzend sein. Wer sie prinzipiell verdächtigt, verwechselt die Formfunktion mit den sozialen Intentionen, die in sie hineingesprochen werden.
Damit berührt man die Pragmatik. Austin und Searle haben gelehrt, dass Worte Handlungen sind, aber eben als lokutionärer Stoff erst im illokutionären Rahmen wirksam werden. Dasselbe Lexem kann behaupten, bitten, verletzen, ironisieren, trösten – abhängig von Stimme, Verhältnis, Situation. „Wörter sind eben keine Bernsteine, in denen eine einzige Bedeutung, ein singulärer Gefühlswert und eine exklusive Handlungsdimension auf ewig klar eingeschlossen ist wie eine Fliege, die vor vielen tausend Jahren von einem großen Baumharztropfen getroffen wurde”, befindet Matthias Heine in der Welt gelegentlich des Skandals um Norbert Bolz und sein satirisches „Deutschland erwache”-Zitat. Das Organon-Modell Bülers erinnert daran, dass jedes Zeichen Ausdruck, Darstellung, Appell zugleich ist. In welcher Funktion -ling ertönt, entscheidet nicht die Endung, sondern der Akt.
Gänzlich neu ist die Diskussion übrigens nicht: Schon 2016 argumentierte Elisabeth Wehling mehrfach, etwa in der SüZ oder im Spiegel, „Flüchtling“ trage durch das Suffix eine verkleinernde, pejorative Ladung und sei zudem ein „männliches Konzept“; sie empfahl, „Geflüchtete“ zu sagen, um andere Frames – Schutz, Humanität, individuelle Schicksale – zu aktivieren. Ihre kognitiv-linguistische Logik – Frames steuern Inferenzketten; Grammatik und Genus wirken mit an der Wahrnehmung - hat den Diskurs damals stark geprägt. Erst recht, als die Autorin mit dem „Framing-Manual” für die ARD ein Jahr später für Aufsehen sorgte: wiederum Heine erkannte damals ebenfalls in der Welt eine Anleitung, „wie man die Deutschen mithilfe von Framing dazu bewegen kann, die GEZ-Gebühren als Aufbauhilfe für ein großes gemeinsames Wohlfühlprojekt zu betrachten.”
Und eben wird durch einen Bild-Bericht von Oskar Luis Bender bekannt: die Öffentlich-Rechtlichen haben es wieder getan und ihren Beschäftigten ein Paket aus „freiwilligen“ Online-Kursen angeboten. Die Materialien stammen vom „Mediendienst Integration“ (MDI) – natürlich einer NGO. Es wird erklärt, „wie Reporter über Themen wie Flucht, Migration und Asyl sprechen sollten – und welche Begriffe sie besser vermeiden“; eine interne ZDF-Mail nennt ausdrücklich zwölf Kurse. Und prompt lesen wir: Statt „Flüchtling“ solle man Alternativen wählen, etwa „Geflüchtete“; die Endung „-ling“ wirke „verkleinernd“.
Kontext oder Katalog
Zugleich zeigte sich bereits in den Nachwehen der „Wort des Jahres“-Debatte 2015 – die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) wählte „Flüchtling" zum Wort des Jahres, da es das beherrschende Thema des Jahres darstellte; und „Gutmensch” zum Unwort –, dass Standardwerke und Redaktionen weniger von einer inhärenten Bosheit des -ling ausgehen als von Rahmungsfragen: „Geflüchtete“ wurde empfohlen, weil geschlechtsneutraler und pragmatisch entdramatisierend, während „Flüchtling“ historisch wie rechtlich fest verankert blieb – mit Bedeutungsnuancen, die je nach Kontext kippen können. Kurz: Die Diskussion war schon einmal da und hat Alternativen etabliert, ohne den Lexemkern zu kassieren; was wirkt, ist nicht das Morphem allein, sondern sein diskursives Umfeld.
Können sprachliche Mittel ohne Kontext „wirken“? In seltenen Grenzfällen ja: Es gibt Wörter, deren historische Last so verhärtet ist, dass sie als Waffe schon im bloßen Auftauchen zuschlagen. Es sind meist Zeichen mit hoher Konventionalität wie Interjektionen („Aua”), Warnrufe („Halt”), Codes („SOS”), Logos/Indexe („Apple”), Tabu-/Schmähwörter, die, zumal dialektal, eine nahezu kontextunabhängige Kränkungskraft besitzen („Luder”, „Saupreuß”), oder formelhafte Performativa unter institutionell erfüllten Rahmenbedingungen wie Rolle und Sprechort („Ich schwöre“, „Ich taufe dich”).
Aber -ling gehört nicht dazu. Es ist kein Bannwort, kein Brandzeichen, kein Denunziationspartikel. Es ist eine Form mit Geschichte – keiner simplen, sondern einer verästelten. Im Deutschen ist Geschichte nie rein: Sie gleitet von der Zunft in die Bürokratie, vom Volkslied ins Protokoll, vom Meißeln ins Meinen. -ling trägt diese Wege in sich. Zwischen Säugling und Lehrling liegt nicht die Moral, sondern die Rolle; zwischen Schützling und Liebling nicht die Ideologie, sondern die Beziehung.
Der angebliche „Negativcharakter“ erklärt sich aus einem Distributionseffekt: Die mediale Aufmerksamkeit gilt den schärferen Kanten; der Alltagsgebrauch schweigt still. Korpora wie DWDS oder DeReKo zeigen beides – neutrale Fachtexte und polemische Rede. Es ist intellektuell bequemer, eine Silbe zu ziehen wie eine Sicherung, als die Textumgebung zu lesen. Doch Lesen ist der Ernstfall des Denkens. Wer Verbote statt Lektüre empfiehlt, hat pädagogisch schon verloren.
Auch die kognitive Rahmentheorie hilft beim Ordnen. Frames sind Bedeutungsbühnen: „Schützling“ aktiviert Schutzbeziehung und Fürsorge, „Feigling“ Mutnorm und Abweichung. Der Frame, nicht die Endung, drückt. Man kann Frames wechseln – das erklärt die Popularität von Alternativformen – doch die Ethik bleibt an die Situation gebunden. In der Schule bedeutet das: Man lehrt nicht Listen, man lehrt Umsicht.
Als „überall grassierenden Zusammenhangs-Analphabetismus” erkennt das Heine als primäres Verständnisproblem: „Menschen, die privat und in den Schulen immer weniger lesen, die seltener als früher komplexe literarische Texte mit unterschiedlichen Sprachebenen – Poesie, Ironie, Figurenrede, kritische Zitation – zu analysieren gelernt haben, begreifen nicht mehr, dass Wörter und Sätze in unterschiedlichen Zusammenhängen ganz unterschiedlich gemeint sein können.”
Lehrkraft ruft zur Endungsdiät
Es ist bezeichnend, dass die Aufforderung, -ling zu meiden, aus der pädagogischen Sphäre kommt. Die Schule des Heute versteht sich gern als Reparaturwerkstatt der Gesellschaft, aber sie zerlegt zuweilen die falschen Teile. Wenn die Lehrkraft zur Endungsdiät aufruft, setzt sie ein Zeichen, kein Urteil. Zeichen sind billig, Urteile schwer. Das Urteil müsste in der konkreten Unterrichtssituation fallen: Wie sprechen wir miteinander? Was heißt es, jemanden zu schützen, zu lehren, zu lieben? Und wo beginnt die Herabsetzung? Nicht in der Endung, sondern im Gestus, der ein Du zum Fall macht.
Der konservativ-intellektuelle Blick – und das heißt hier: der Blick, der an Grenzen glaubt, an Formen, an Konsequenz und an die Freiheit, sich nicht unter moralische Reflexe zu ducken – widerspricht der Morphemmoral aus Gründen der Genauigkeit. Er will Unterscheidungen retten: zwischen Werkzeug und Wille, Form und Absicht, Regel und Ausnahme. Er weiß, dass eine Kultur, die ihre Feinheiten verliert, sich am Ende selbst vergröbert. Die Feindseligkeit der Sprache muss man benennen, aber dort, wo sie wohnt: im Missbrauch, in der Herablassung, im Zynismus. Nicht im Material.
Darum ist „Achtung: Liebling“ mehr als ein hübscher Einwand. Es ist ein Prüfstein. Wer den Liebling opfert, um die Reinheit der Liste zu wahren, gibt zu erkennen, dass er den Menschen hinter den Silben nicht mehr hört. Wer den Liebling rettet, hat schon begriffen, dass Spracharbeit Beziehungspflege ist. Beziehungen sind riskant; sie scheitern, sie wachsen, sie verzeihen. Sie lassen sich nicht per Endungsdekret regeln. Wer es versucht, verwaltet am Ende nur noch Angst – die Angst vor dem falschen Wort, vor dem falschen Ohr, vor der falschen Deutung. Eine Schule, die Angst lehrt, lehrt nicht.
Derivationen und Rollen
Nimmt man den Werkzeugkasten noch einmal zur Hand, zeigt sich: -ling markiert im Deutschen bevorzugt Rollen, selten Täter als Agens. „Lehrling“ bündelt Lernstatus; „Säugling“ fixiert eine biologisch-funktionale Phase; „Zwilling“ benennt eine Relation; „Schützling“ ordnet eine Asymmetrie des Fürsorgens. Das Suffix ist semantisch anschmiegsam und nimmt seine Bedeutung aus dem Stamm und der Welt. Wo Abwertung entsteht, ist der Stamm wertend oder der Gebrauch aggressiv. „Feig-“ ist das Urteil, „-ling“ ist die Personalisierung. Ohne das Präjudiz im Stamm wäre die Endung nur Luft.
Dass die Produktivität des Suffixes gegenüber -er oder Partizipialformen abgenommen hat, ist eine Frage der Normierungs- und Stiltendenzen, nicht der Moral. Der technische und behördliche Diskurs bevorzugt transparentere Rollenbezeichnungen, weil sie Verfahrensgerechtigkeit signalisieren. „Auszubildende“ klingt prozedural, neutral, prosozial. Das hat seinen Ort. Aber Sprache ist mehr als Amt. Wer sie allein aus dem Amt denkt, amputiert ihren Spieltrieb.
So bettet sich auch die Genderdebatte ein: Man kann „Lehrling“ in geschlechtergerechter Rede umgehen, ohne die Endung zu dämonisieren; man kann „Schützling“ verwenden und zugleich die symmetrische Anerkennung der Person pflegen. Auch „Zögling” muss primär als neutral gelten. Derivationsmorphologie ist formale Freiheit, nicht moralische Festlegung. Ihre Ethik heißt Verantwortung im Gebrauch.
Freiheit der Form
Die Freiheit, die hier verteidigt wird, ist klein, beinahe lächerlich klein: die Freiheit einer Silbe. Aber jede große Freiheit beginnt mit kleinen Formen, die man nicht preisgibt. Das Deutsche hat seine Schönheit nicht den Katalogen verdankt, sondern seiner Fähigkeit, Nähe und Distanz, Ernst und Spott, Amt und Spiel in denselben Wortkörper zu fassen. Es konnte „Schmetterling“ sagen, wo andere Sprachen flatterten; es konnte „Schützling“ sagen, wo andere verwischten. Diese Genauigkeit ist ein Erbe. Man bewahrt sie nicht, indem man Endungen versteckt, sondern indem man Absichten erhellt.
Die Lehrerin mag es gut meinen. Aber gut meinen heißt oft, das Schwierige zu meiden. Das Schwierige ist: einem Schüler zu erklären, warum „Feigling“ in dieser Klasse nichts zu suchen hat, während „Liebling“ hier eine Ehre ist, die man nicht schamlos vergibt. Das Schwierige ist: auszuhalten, dass Sprache keine sterile Zone kennt; dass sie die Konflikte, die wir leben, auch spricht. Und dass ein Morphem, das Verletzung tragen kann, ebenso Zärtlichkeit trägt.
Man kann das Prinzipielle am Ende schlicht formulieren: Verbote sind die heißen Drähte einer Kultur, die ihren Strom nicht mehr im Urteil erzeugt. Jede Gesellschaft braucht sie – selten, klar, begründet. Doch wer die Leitung durch die Grammatik legt, weil ihm die Pädagogik zu mühselig ist, der dimmt am Ende nur das Licht. Es wäre klüger, heller zu werden: die Kinder in den Rang der Hörenden zu erheben, den Ton zu üben, den Blick zu schärfen, die Intention zu verantworten. Dann darf die Silbe bleiben. Und mit ihr der Liebling. Denn er ist, inmitten all der Listen, das letzte Argument der Sprache gegen ihre Verbürokratisierung: ein kleines Ja, das niemandem schadet und uns an das erinnert, was Sprachwissenschaft seit jeher weiß – Formen wirken nicht von selbst. Sie wirken in Händen, Herzen, Situationen. Wer das lehrt, bildet nicht Endungen, sondern Menschen.
Über den Autor: Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg.
Hier können Sie TUMULT abonnieren.
Für Einzelbestellungen klicken Sie bitte hier.
Besuchen Sie das Dresdner TUMULT FORUM - für Termine und Neuigkeiten genügt eine Nachricht mit Ihrem Namen und dem Betreff TERMINE an TUMULTArena@magenta.de


