Thomas Hartung: NIVEAU IM SINKFLUG
- vor 46 Minuten
- 7 Min. Lesezeit
Berliner Gymnasiasten dürfen Klassiker „einfach“ lesen – und Niedersachsens Grundschüler brauchen nicht mehr schriftlich zu dividieren. Der Bildungsstaat verrät, was ihn einst groß machte.
Die Nachricht wirkt auf den ersten Blick harmlos: Berliner Gymnasiasten lesen nach einem Tagesspiegel-Bericht „Faust“, „Nathan der Weise“ oder „Kabale und Liebe“ in einer Reihe namens „Einfach klassisch“. Kürzungen um rund 30 Prozent, modernisierte Sprache, dazu Hörbücher mit Inhaltszusammenfassung – „sprachliche Entlastung“ nennt das der Cornelsen-Verlag.
Doch je länger man darüber nachdenkt, desto deutlicher wird: Hier geht es nicht um ein Zusatzangebot, sondern um ein Symptom. Wo das Gymnasium, Krone des deutschen Schulwesens, sich nur noch mit entschärften Versionen der Klassiker zu helfen weiß, ist die Entwertung des Abiturs schon Realität. Was einst „Hochschulreife“ hieß, schrumpft zur Bescheinigung, dass man selbst Goethe nur noch im Schonwaschgang erträgt.

Die Diagnose lässt sich vermessen. PISA 2022 bescheinigt deutschen Fünfzehnjährigen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften die schlechtesten Werte, die in Deutschland je gemessen wurden. Parallel dazu explodiert der Anteil sehr guter Abiturnoten: 2024 hatten bundesweit gut 30 Prozent der Abiturienten einen Schnitt zwischen 1,0 und 1,9 – deutlich mehr als 2006.
Mit anderen Worten: Die Leistungen sinken, die Noten steigen. Bildungsforscher sprechen von Noteninflation, Verbände wie der Deutsche Lehrerverband warnen vor einem Wertverlust des Abiturs. Hochschulen und Ausbildungsbetriebe reagieren bereits: Eignungstests, Assessment-Center, Probezeiten – weil Zeugnisse nicht mehr halten, was sie versprechen.
Rechnen ohne Fundament: das schriftliche Dividieren
In diese Entwicklung fügt sich der jüngste Beschluss aus Niedersachsen nahtlos ein. Dort soll das klassische schriftliche Dividieren aus dem Grundschulunterricht verschwinden; stattdessen wird nur noch „halbschriftlich“ gerechnet, die traditionelle Algorithmik wandert – bestenfalls – in die weiterführende Schule. Offiziell heißt das: Die Kinder lernten „nicht weniger“, man verschiebe lediglich ein besonders komplexes Verfahren und setze stärker auf Verstehen. (mk.niedersachsen.de)
In der Praxis bedeutet es: Wer die Grundschule verlässt, beherrscht ein einziges der vier schriftlichen Grundrechenverfahren nicht mehr. Division wird zu einem Sack aus heuristischen Kniffen, zum Zerlegen von Zahlenhäppchen. WELT, regionale Medien und Lehrerverbände sprechen von einer „Kapitulationserklärung“, die Wirtschaftsverbände warnen vor weiter sinkender mathematischer Grundbildung.
Man muss kein Kulturpessimist sein, um zu erkennen, was hier geschieht. Schriftliches Dividieren ist nicht bloß eine Rechentechnik, es ist eine Schule des Denkens: Das Kind muss einen komplexen Vorgang systematisch strukturieren, Zwischenergebnisse kontrollieren, Restbildungen im Blick behalten. Es lernt, dass Genauigkeit und Verfahrenstreue zum Ergebnis führen – und dass Rechnen mehr ist als grobe Schätzung. Wer dieses Training aus der entscheidenden Entwicklungsphase verbannt, schwächt genau jene Fähigkeiten, auf die später jede anspruchsvollere Mathematik, jede naturwissenschaftliche Ausbildung, jede solide Berufsausbildung aufbaut.
Natürlich gibt es Kinder, die am schriftlichen Dividieren scheitern, weil das Einmaleins nicht sitzt. Aber der konservative Schluss lautet nicht: Also schaffen wir das Dividieren ab. Er lautet: Wir sorgen dafür, dass das Einmaleins sitzt. Eine Schule, die ausgerechnet dort zurückweicht, wo Anstrengung, Wiederholung und Übung nötig wären, erzieht nicht zur Mündigkeit, sondern zur intellektuellen Schonhaltung. Der vielbeschworene „Kompetenzerwerb“ bleibt eine Hülse, wenn die elementaren Kulturtechniken – Lesen, Schreiben, Rechnen – nicht mehr in ihrer vollen Strenge eingeübt werden.
Vom Bildungsideal zur Komfortpädagogik
Hinter all dem steht ein leiser, aber radikaler Paradigmenwechsel. Klassische Bildung war anspruchsvoll: Sie verlangte Konzentration, Disziplin, Frustrationstoleranz. Das Gymnasium war elitär im ursprünglichen Sinn – nicht sozial exklusiv, sondern am Leistungsmaß orientiert.
Heute dominiert „Kompetenzorientierung“. Wissen gilt als verdächtig, wenn es nicht sofort „lebensweltlich anschlussfähig“ ist. Selektion wird als Ungerechtigkeit gebrandmarkt, das Ziel lautet: möglichst viele durchbringen, möglichst niemanden überfordern. Die politisch gewollte Ausweitung der Abiturientenquote erzeugt permanenten Druck, Anforderungen zu senken – sonst stimmt die Statistik nicht.
Der Trick besteht darin, den Maßstab zu verschieben: Wenn alle eine Eins vor dem Komma haben, ist niemand mehr wirklich exzellent. Und wer darauf hinweist, gilt als elitär oder „bildungsbürgerlich“, als Vertreter eines vermeintlich überholten Menschenbildes.
In diese Gemengelage platzte kürzlich der Ruf „Sido statt Schiller“. Der Berliner Landesschülersprecher Orçun Ilter klagt, klassische Werke böten für Schüler mit Migrationsgeschichte „wenig bis gar keine Anknüpfungspunkte“. Stattdessen sollten Rap-Texte von Haftbefehl oder Dokus über suchtkranke Musiker in den Kanon, weil sie „roh, aber echt“ seien.
Diese Forderung ist mehr als jugendlicher Überschwang. Sie ist die pädagogische Verdichtung einer Haltung, die man präzise als „Rassismus der niedrigen Erwartung“ bezeichnen kann. Wer behauptet, Jugendliche aus bestimmten Milieus könnten mit Schiller nichts anfangen, unterstellt ihnen implizit eine geringere intellektuelle Spannweite – und verurteilt sie damit zur kulturellen Nische.
Gerade Schüler mit Migrationshintergrund hätten am meisten zu gewinnen, wenn man sie an die großen Texte heranführt: Schillers Freiheitsdramen, Goethes Bildungsroman, Lessings Toleranzkonflikte sind universal, nicht provinziell. Sie handeln von Tyrannei und Selbstbestimmung, Loyalität und Verrat, Wahrheit und Lüge – Erfahrungen, die jeden betreffen, auch den Rap-Fan aus der Plattensiedlung.
Wer stattdessen fordert, der Unterricht müsse sich „der Lebensrealität anpassen“, verwechselt Integration mit Spiegelung. Statt die Schüler zur gemeinsamen kulturellen Höhe zu führen, lässt man jede Gruppe in ihrem Idiom, ihrem Sound, ihrem Schmerz. Das ist keine Inklusion, sondern höfliche Segregation.
Multikulturalismus als Fragmentierung
Hier berührt der Bildungsstreit das Politische. Der klassische Kanon – ob man ihn Goethe-Schiller-Lessing nennt oder breiter fasst – ist mehr als eine Liste von Büchern. Er ist das symbolische Lagerfeuer einer Nation: Wer ihn kennt, teilt Referenzen und Geschichten, Zitate und Figuren.
Der gegenwärtige Multikulturalismus hingegen feiert „Diversität“, indem er diese gemeinsame Mitte bewusst auflöst. Was früher verbindend war, wird zur „weißen“, „alten“, „bürgerlichen“ Perspektive erklärt, die man zugunsten vieler Teilöffentlichkeiten relativieren müsse. Der Unterricht soll dann möglichst „divers“ sein – was in der Praxis heißt: Jeder bleibt in seinem Milieu, seine Kultur wird „repräsentiert“, aber nicht überschritten.
Die Folge ist, was konservative Denker seit Jahrzehnten beschreiben: eine Gesellschaft, die in tribale Fragmente zerfällt. Ohne gemeinsame Texte, Symbole, Erzählungen bleiben am Ende nur noch parallele Identitäten, die nebeneinander her leben – und sich im Konfliktfall wenig zu sagen haben.
Vor diesem Hintergrund bekommt die Cornelsen-Reihe „Einfach klassisch“ ihr eigentliches Gewicht. Ursprünglich für Haupt- und Realschulen konzipiert, hält sie nun Einzug in Gymnasien. „Nathan der Weise“ in vereinfachter Sprache, mit gekürzten Dialogen und didaktisch aufbereiteten Randnotizen; die berühmte Ringparabel allenfalls noch im Original – als Feigenblatt.
Die im Tagesspiegel zitierten Deutschlehrer geben offen zu, dass sie „aus Zeitgründen“ oder wegen der „heterogenen Schülerschaft“ zur Light-Version greifen. Das Entscheidende ist dabei nicht der Einzelfall, sondern die Richtung: Die Institution, die für Hochschulreife stehen soll, strukturiert ihren Unterricht zunehmend nach der Untergrenze, nicht nach der Obergrenze der Leistungsfähigkeit.
Goethe in leichter Sprache – Entkernung des Gymnasiums
Erfahrene Pädagogen warnen genau davor. Die frühere Berliner Referatsleiterin Christiane Sauerbaum-Thieme spricht vom „Gespenst Literatur in einfacher Sprache“ im Deutschunterricht und warnt vor einer „Tendenz zur Auszugskunde“. Andere, wie der Referendarausbilder Robert Radecke-Rauh, weisen darauf hin, dass man in der Musik auch nicht auf die Idee käme, Mozart für Gymnasiasten in Dreiklang-Übungen aufzulösen. Wer den Schülern nur das gibt, was sie mühelos verstehen, verhindert genau das, was Bildung ausmacht: das Ringen mit dem zunächst Fremden.
In diesem Setting verliert das Abitur zwangsläufig an Tiefenschärfe. Die Noten spiegeln nicht mehr einen bundesweit vergleichbaren Anspruch, sondern das Zusammenspiel aus politischer Steuerung, elternfreundlicher Bewertung und abgesenkten Curricula.
Dass PISA 2022 die schwächsten deutschen Leistungen seit Beginn der Erhebungen attestiert, während der Anteil der Einser-Abiturnoten stetig steigt, ist kein Zufall, sondern Konsequenz. Wenn schulische Zertifikate aber keine zuverlässige Auskunft mehr über Fähigkeiten geben, schadet das am Ende vor allem denen, für die Bildung der wichtigste Aufstiegsweg wäre: begabten Kindern aus bildungsfernen Haushalten.
Wer ihnen statt strenger Maßstäbe nur milde Noten und „lebensnahe“ Rap-Analysen bietet, raubt ihnen die Chance, sich vom Milieu zu lösen. „Sido statt Schiller“ ist für sie kein Angebot, sondern eine Falle.
Bildung ist keine Demokratie
Hier setzt der vielleicht wichtigste Gedanke an, den jede konservative Bildungskritik aufnehmen sollte: Bildung ist keine Demokratie. Politisch gilt der Grundsatz „one man, one vote“. Geistig gilt er nicht. Nicht jede Äußerung ist gleich gültig, nicht jeder Text gleich tief, nicht jedes Werk gleich bildend – und eben nicht jeder Schüler gleich intelligent.
Eine freie Gesellschaft braucht eine „Aristokratie des Geistes“ – eine Hierarchie nicht der Geburt, sondern der nachgewiesenen Urteilsfähigkeit. Wer Schiller, Kleist oder Lessing liest, mit ihnen ringt, ihre Form und ihren Gedankenbau versteht, erarbeitet sich einen Rang, der nicht per Mehrheitsbeschluss widerlegt werden kann.
Diese Hierarchie ist offen: Jeder kann eintreten. Aber sie ist nicht egalitär. Sie verlangt Zeit, Anstrengung, Kritikfähigkeit. Genau deshalb ist sie das Gegenteil jener faulen Pädagogik, die alles, was Jugendliche ohnehin konsumieren, zum „gleichwertigen Lerngegenstand“ adelt. Was folgt daraus praktisch? Das Gymnasium muss wieder selektiv sein – nicht im sozialen, sondern im intellektuellen Sinn. Wer das Abitur anstrebt, muss bereit sein, sich diesem Anspruch zu stellen. Ein ehrliches „Nein, das ist nichts für mich“ ist besser als ein „Ja“, das in eine Hochglanz-Illusion führt. Abitur ist kein Menschenrecht.
Dann: Der Kanon gehört verteidigt, nicht pädagogisiert. Schiller, Goethe, Lessing sind keine „Materialdepots“, die man bei Bedarf gegen Rapper oder Netflix-Dokus austauscht. Sie sind die tragenden Balken eines kulturellen Hauses. Man kann neue Räume anbauen, aber man reißt nicht die Statik ein. Wer „Faust“, „Nathan“ oder „Kabale und Liebe“ nur in vereinfachten Fassungen kennt, hat das Werk nicht gelesen. Didaktisierte Auszüge können Einstiegshilfe sein, aber sie dürfen nicht an die Stelle der Begegnung mit der originalen Sprache treten.
Noten müssen wieder etwas bedeuten. Eine Eins ist ein herausragendes Ergebnis, keine Standardausgabe. Wer Ernst mit dem Abitur machen will, muss den Mut haben, auch schlechte Noten zu vergeben – und sie nicht als politisches oder moralisches Versagen zu betrachten. Eine Fünf darf nicht als pädagogischer Unfall gelten, sondern als ehrliche Rückmeldung. Wer an Hochschulen oder im Beruf scheitert, weil ihn die Schule in falscher Sicherheit gewiegt hat, ist nicht „geschützt“, sondern betrogen worden.
Und Integration heißt: hinauf zum Schwierigeren. Migrantenkinder verdienen nicht weniger, sondern mehr Anspruch. Wer ihnen Schiller oder die schriftliche Division vorenthält, weil beides „zu schwer“ sei, behandelt sie wie geistig Minderbemittelte. Der wahre Respekt besteht darin, ihnen zuzutrauen, genau dieselben Höhen zu erklimmen wie jedem anderen.
Der Streit um „Einfach klassisch“, um „Sido statt Schiller“ und nun um das schriftliche Dividieren in Niedersachsen ist deshalb kein Randgefecht. Er berührt den Kern, wie dieses Land sich seine Zukunft denkt. Vertraut es auf eine Bürgergesellschaft, die sich über gemeinsame Maßstäbe, geistige Anstrengung und also anspruchsvolle Texte und Verfahren formt? Oder gibt es sich mit einer Pädagogik zufrieden, die jede intellektuelle Hürde als Diskriminierung diffamiert und den Kanon zu einem Supermarktregal der Befindlichkeiten degradiert?
Die konservative Antwort kann nur lauten: nicht „Schiller raus“ und „Division weg“, sondern „Schiller richtig“ und „Rechnen gründlich“. Langsam lesen, laut lesen, im Kontext lesen; sauber rechnen, schriftlich wie im Kopf – mit guten Lehrern, die selbst brennen. Und dazu ein Abitur, das wieder meint, was es verspricht: Reife – nicht nur in Jahren, sondern im Denken.
Über den Autor: Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg.
Hier können Sie TUMULT abonnieren.
Für Einzelbestellungen klicken Sie bitte hier.
Besuchen Sie das Dresdner TUMULT FORUM - für Termine und Neuigkeiten genügt eine Nachricht mit Ihrem Namen und dem Betreff TERMINE an TUMULTArena@magenta.de


