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Thomas Hartung: SCHULSTREIK ALS JUVENILE PROTESTFORM

  • vor 11 Minuten
  • 14 Min. Lesezeit

Haben Klimastreik und Wehrpflichtprotest etwas miteinander zu tun? Ja: beide finden im Namen des Überlebens statt. Anmerkungen zur ideologischen Krise des Pflichtbegriffs in unserem Land.


Es gehört zu den Ironien der spätmodernen Bundesrepublik, dass der Staat seine Jugend zugleich zur „wichtigsten Ressource der Zukunft“ erklärt und sie im selben Atemzug ermutigt, seinen eigenen Institutionen den Rücken zu kehren. Man soll das Klima retten, indem man nicht in den Unterricht geht; man soll Europa und „unsere Werte“ militärisch verteidigen, nachdem man eine ganze Generation zur Konfliktvermeidung, zur Wehrlosigkeit und zur Abhängigkeit von staatlicher Fürsorge erzogen hat.





In der logischen Fortsetzung dieser Entwicklung liegt bereits bereit, was sich heute schemenhaft abzeichnet: die moralisch belohnte Schulpflichtverletzung für eine abstrakte Größe namens Klima, und – am anderen Ende – die Schulpflichtverletzung gegen eine sehr konkrete Pflicht namens Wehrdienst. Hier die Abwesenheit im Namen eines abstrakten, allgegenwärtigen Zukunftsbegriffs, dort die Abwesenheit im Namen der Weigerung, dem Staat für die Zukunft das eigene Leben als konkret beendbare Ressource zur Verfügung zu stellen.


Zwischen diesen beiden Polen – moralisch aufgeladenem Ungehorsam einerseits und wiederentdeckter Pflichtrhetorik andererseits – steht der jugendliche Körper: der Schüler, der junge Mann, die junge Frau, als Projektionsfläche wechselnder Kampagnen und gleichermaßen wechselnder Zumutungen. Das Phänomen des Schulschwänzens als Protestform ist vor diesem Hintergrund kein pädagogischer Zufall, kein bloßes Nebenprodukt einer lebhaften Gesellschaft, sondern ein Symptom für eine tiefere Verschiebung.


Es verweist auf die Auflösung des klassischen Pflichtbegriffs, auf den Übergang von einer Ordnung, in der Pflichten vorgelagert sind und Rechte aus ihnen hervorgehen, hin zu einer Ordnung, in der Pflichten fluid, verhandelbar, moralisch situativ begründet werden. Die Schulpflichtverletzung für das Klima und die Schulpflichtverletzung gegen die Wehrpflicht sind zwei Seiten derselben Medaille: In beiden Fällen entscheidet die subjektiv als höher geltende Moral über Geltung oder Suspension des Gesetzes.


Ein konservativer Blick muss hier sowohl historisch als auch anthropologisch ansetzen: Was bedeutet Jugend in einer Gesellschaft, die sich zu Tode pädagogisiert hat? Was bedeutet Protest, wenn er nicht mehr gegen den Staat geführt, sondern durch ihn kanalisiert und geadelt wird? Und was bedeutet Pflicht in einem Gemeinwesen, das seine eigene Dauerhaftigkeit nicht mehr zu denken wagt?


Protest als Bühne


Jugend ist nicht einfach ein biologischer Übergang zwischen Kindheit und Erwachsensein, sondern eine kulturell definierte Zone der Schwebe. Die moderne Psychologie beschreibt sie, etwa bei Erik H. Erikson, als Moratorium: als eine Zeit erprobter Rollen, der Suche, des tastenden Austestens von Grenzen. Der Jugendliche will ernst genommen werden, ohne schon die volle Last des Erwachsenseins zu tragen; er ist empfänglich für Sinnangebote, zugleich enorm verletzlich.


Die Schule ist der institutionelle Raum, in dem dieser Suchbewegung die Form verordnet wird. Sie ist nicht nur Ort der Wissensvermittlung, sondern die zentrale Fabrik staatlicher Loyalität: Hier werden Sprachspiele und Deutungsmuster geformt, hier werden Selbstbilder kodiert, hier vermittelt sich, was „normal“ ist, und damit auch, was als Abweichung gilt. Wer Schulpflicht sagt, sagt nicht nur Deutsch, Mathe und Physik, er sagt Nation, Geschichte, Geschlechterrollen, Autorität, Zukunftsbilder.


Im Spannungsfeld von Jugend und Schule gewinnt der Protest seine besondere Intensität. Ein Streik in der Fabrik trifft Produktionsketten, ein Schulstreik trifft den Kern der staatlichen Sozialisation. Schulschwänzen ist daher nie harmlos. Es ist entweder Ausdruck von Verwahrlosung, eines sich auflösenden Erziehungsrahmens, oder es ist eine gezielte Attacke auf den Anspruch des Staates, diesen Rahmen überhaupt zu definieren. In seiner gegenwärtigen Gestalt ist es ein paradoxes Gemisch aus beidem: ein institutionell geduldeter, ja ermunterter Regelbruch, der mit moralischer Aufladung versehen wird, und gerade so den Ernst des Regelbruchs verliert, ohne seine destruktive Botschaft einzubüßen.


Pathos der Letzten


Die Klimabewegung, wie sie in der Formel „Fridays for Future“ geronnen ist, hat diese Struktur perfektioniert. Sie hat die Schule zugleich zur Bühne ihres Protests und zum Faustpfand gegen die Gesellschaft gemacht. Der Clou besteht darin, den staatlich gewährten Schonraum der Jugend mit einem maximalen moralischen Anspruch zu verbinden: Man schwänzt nicht, weil einen Deutsch langweilt oder man sich vor Mathe drückt (das vielleicht auch), sondern weil man nach eigenem Verständnis „für das Überleben des Planeten“ kämpft. Die Schüler treten nicht als Regelbrecher, sondern als kleine Propheten des Weltendes auf, ausgestattet mit dem Pathos der Letzten.


Damit wird ein doppelter Effekt erzielt. Zum einen wird der einzelne Schüler entlastet. Er riskiert kaum etwas: Schulversäumnisse werden geduldet, ja (zwangs)organisiert und/oder ins Curriculum eingewoben, Klassenarbeiten verschoben; pädagogische Autoritäten zeigen Verständnis, manche nehmen sogar selbst an den Demonstrationen teil. Der Protest ist billig zu haben, seine Kosten werden sozialisiert. Zum anderen wird die Emotion zur zentralen politischen Kategorie aufgewertet. Nicht die Kenntnis komplexer physikalisch-meteorologischer Fragen legitimiert den Protest, sondern die subjektive Betroffenheit. Wer glaubhaft Angst vor der Zukunft empfindet, gewinnt Deutungshoheit über das Ganze.


Entscheidend ist der Charakter des Ziels: „Das Klima“ ist eine abstrakte moralische Kategorie, eine unsichtbare, globale Größe, die sich im Alltag des Jugendlichen nur in Diagrammen, Prognosen und erhitzten Debatten zeigt. Damit diese abstrakte Instanz überhaupt als rettungsbedürftiges Gegenüber erfahrbar bleibt, müssen ununterbrochen dirigistische Eingriffe versprochen und vorbereitet werden: Verbote, Subventionen, Steuern, Umstellungen von Mobilität, Konsum, Wohnen, Heizen. Die Schulpflichtverletzung für das Klima ist gewissermaßen die symbolische Vorwegnahme dieses Interventionsregimes: Man zeigt am eigenen Körper, dass die bestehende Ordnung – hier der Stundenplan – zugunsten einer abstrakten Zukunftskonstruktion suspendiert werden kann und soll.


Für den Staat ist dieses Arrangement bequem. Er demonstriert Beteiligungskultur, ohne seinen Kern preiszugeben. Die Schulpflicht bleibt rechtlich bestehen, wird aber im Vollzug zur Verhandlungsmasse. Wer demonstriert, darf den Unterricht schwänzen; wer es aus anderen Gründen tut, gilt als Problemfall. Damit wird ein pädagogischer Zynismus institutionalisiert. Der Lehrer, der am Donnerstag eine Verspätung sanktioniert, begleitet am Freitag den Klimastreik und erhält dafür womöglich noch eine Urkunde für besondere Demokratiepädagogik. Jugendliche lernen so einen gefährlichen Dreisatz: Ordnung ist relativ, Pflicht ist relativ, Moral aber ist absolut – vorausgesetzt, sie entspricht der veröffentlichten Meinung.


Entkernte Loyalität


In diese Lage hinein platzen nun Debatten über eine Wiederbelebung der Wehrpflicht oder über neue Modelle einer allgemeinen Dienstpflicht. Plötzlich entdeckt der Staat jene Generation, die er jahrelang zur Konfliktvermeidung, zur emotionalen Selbstbespiegelung und zur Klimasensibilität angeleitet hat, als potenzielle Schutztruppe für „unsere Demokratie“ und „unser Europa“. Die Sprache verschiebt sich: Wo gestern noch „Frieden schaffen ohne Waffen“ hieß, wo „Keine Bundeswehr an Schulen“ als moralischer Imperativ galt, spricht man nun von „Zeitenwende“, von „Verteidigungsbereitschaft“ und „Resilienz“.


Derselbe jugendliche Körper, der sich ohne Risiko dem Unterricht entzieht, um für eine abstrakte ökologische Zukunft zu demonstrieren, wird sich morgen dem Werber im Klassenzimmer oder dem Musterungstermin entziehen, um eine sehr konkrete Zumutung abzuwehren – die Möglichkeit, den eigenen Leib, das eigene Leben in den Dienst eines Staates zu stellen, der sich selbst nicht mehr klar definieren kann. Klimaprotest ist die moralisch überhöhte Abwesenheit für eine abstrakte Zukunft, Wehrpflichtprotest wäre die moralisierte Abwesenheit gegen einen konkret eingeforderten Einsatz im Hier und Jetzt.


Damit gerät das Verhältnis der Jugend zum Staat in eine eigentümliche Schieflage. Auf der einen Seite wird ihr vermittelt, dass staatliche Normen – Schulpflicht, Leistungsanforderungen, traditionelle Vorstellungen von Disziplin – jederzeit aus „guten Gründen“ suspendiert werden können, wenn das richtige Thema aufgerufen wird. Auf der anderen Seite soll sie nun bereit sein, ihr Leben für dieselben Institutionen zu riskieren, die sich eben noch als flexibel, fluid, ohne festen geistigen Kern präsentiert haben. Eine Generation, die daran gewöhnt wurde, Pflichten unter dem Vorbehalt eigener Zustimmung zu verstehen, soll auf einmal einen Dienst antreten, der seiner Natur nach gerade nicht von Zustimmung, sondern von Loyalität lebt.


So entsteht eine neue, indirekte Form der Wehrdienstverweigerung, die weniger mit Pazifismus zu tun hat als mit innerer Leere. Wer nie gelernt hat, dass Pflicht etwas mit Opfer, Dauer und Ernst zu tun hat, dem erscheint auch die militärische Pflicht als eine weitere Option im Menü der Lebensentwürfe, austauschbar mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr, einem Klima-Camp, einem Praktikum bei einer NGO oder einem Auslandsjahr in Neuseeland. Die schulisch eingeübte Haltung gegenüber Pflichten – sie gelten, solange sie sich mit den eigenen Gefühlen vertragen – wird nahtlos auf die Frage übertragen, ob und wofür man bereit ist, sich verwunden oder töten zu lassen.


Autorität mittels Deutungshoheit


Das Schulschwänzen als Protest gegen „die Alten“ und ihr angeblich verantwortungsloses Verhalten kehrt hier als Schulterzucken zurück: Wofür soll man sich einsetzen, für einen Staat, der seine eigene Identität nicht kennt, der seine Grenzen nicht schützt, der seine Traditionen problematisiert und seinen Bürgern misstraut? Eine Pädagogik, die Jugendliche als verletzliche, zu beschützende Wesen behandelt und ihnen zugleich moralische Überverantwortung für globale Probleme zuschreibt, produziert keine Helden, sondern Konsumenten von Sinnangeboten.


Um diese Lage zu verstehen, lohnt die historische Rückblende auf frühere Formen juvenilen Protests, besonders dort, wo er sich gegen Schule, Wehrpflicht und staatliche Autorität richtete. Die deutsche Jugendbewegung vor 1914, etwa der Wandervogel, verstand sich zunächst nicht als politische Protestbewegung, sondern als kulturkritische Flucht aus der Verstaatlichung des Lebens. Man wandte sich gegen die Verstädterung, gegen den Drill der wilhelminischen Schule, gegen den Ton der bürgerlichen Elternhäuser und suchte in Natur, Gemeinschaft und Lied eine andere Form des Daseins. Lagerfeuer, Fahrten, nächtliche Wege wurden zu Gegenformen zur bürokratisch-militärischen Enge.


Bemerkenswert ist, dass diese Jugendbewegung zwar gegen die Art und Weise protestierte, in der der Staat Pflichten verkörperte, aber den Begriff der Pflicht selbst nicht verwarf. Viele ihrer Protagonisten meldeten sich im August 1914 freiwillig zum Dienst und starben im Schlamm der Fronten. Der Protest war nicht Ausdruck völliger Entbindung von Bindungen, sondern der Versuch, die eigenen Bindungen anders zu leben. Das Verhältnis von Rebellion und Loyalität war spannungsvoll, aber nicht aufgekündigt.


Die Protestbewegungen der späten 1960er Jahre, die man unter dem Label der „68er“ zusammenfasst, verlagerten das Zentrum juvenilen Aufbegehrens an Universitäten und zunehmend auch an Schulen. Sit-ins, Hörsaalbesetzungen, Schülerkomitees gegen den Vietnamkrieg, gegen „faschistische Lehrer“, gegen Notstandsgesetze, machten Bildungsinstitutionen zu Schauplätzen einer großen moralisch-politischen Auseinandersetzung. Der Unterricht wurde bewusst unterbrochen, die Vorlesungen bewusst gestört, um dem Staat eine Kursänderung abzutrotzen. Schulstreiks, wie man sie damals nannte, waren bewusst eingesetzte Waffen der politischen Kommunikation.


Gleichzeitig führte diese Bewegung zu einer weitreichenden Durchpolitisierung der Schule selbst. Viele, die einst Schulordnungen zerrissen hatten, entwarfen später die Rahmenpläne für „Politische Bildung“ und „Demokratieerziehung“. Ihre Erben sitzen bis heute in Lehrerzimmern und Behörden und entscheiden darüber, welcher Protest legitim, welcher verdächtig, welcher pathologisch ist. Die Ambivalenz dieser Entwicklung springt ins Auge: Der einstige Protest gegen autoritäre Institutionen mündete in eine neue Form weicher Autorität, die nicht mehr mit dem Rohrstock, sondern mit der Deutungshoheit arbeitet.


Simulation von Dissidenz


In den 1980er Jahren betrat mit Punk, Hausbesetzerszene und autonomen Gruppen eine jugendliche Verweigerung die Bühne, die sich selbst radikal antiinstitutionell verstand. Schulverweigerung bedeutete hier nicht politisch-pädagogisch abgefederten Protest, sondern realen Ausstieg aus der Verwertungskette: „No Future“ war zugleich Parole und Programm. Der Staat reagierte in dieser Phase noch weitgehend klassisch, mit Polizeieinsätzen, Räumungen, strafrechtlicher Verfolgung. Moralische Aufwertung von Regelverstößen blieb Ausnahme; Integration geschah später über strukturelle Angebote wie Gesamtschulen, alternative Bildungsprojekte und eine generelle Liberalisierung der Unterrichtskultur, nicht über unmittelbare Anerkennung der Regelbrüche als moralisch hochstehende Taten.


International zeigen sich ähnliche Muster, aber in weit dramatischerer Form. Schulstreiks afroamerikanischer Schüler in den USA der 1960er Jahre, die Walkouts gegen rassistische Diskriminierung, Proteste von Schülern und Studenten in Hongkong oder im Iran der Gegenwart, sind Protestformen, bei denen reale Risiken im Raum stehen. Wer dort die Schule verlässt, riskiert Repression, Ausschluss, Gefängnis. Der Protest ist Mutprobe, nicht Wochenendprogramm; seine Pathosformel ist die Bereitschaft, die eigene Zukunft aufs Spiel zu setzen, nicht der Anspruch, bei möglichst geringen Kosten moralisches Kapital zu erwerben. Gerade vor diesem Hintergrund wirkt der westeuropäische Klimastreikbetrieb wie eine Simulation von Dissidenz in sicherer Umgebung: Man probt die große Geste, ohne mit den ernsthaften Konsequenzen von Opposition konfrontiert zu werden.


Zwischen Gewissensnot und Lifestyle


Ein ähnliches Spannungsverhältnis zeigt sich in der Geschichte der Wehrdienstverweigerung. Wehrpflicht steht in der politischen Tradition für die Einsicht, dass Bürgerrechte eine Gegenleistung kennen: die Bereitschaft, das Gemeinwesen notfalls mit dem eigenen Leben zu verteidigen. Sie ist das andere Gesicht des Wahlrechts. Bürger ist, wer nicht nur Ansprüche stellt, sondern auch Pflichten übernimmt, im Extremfall die Pflicht zum bewaffneten Schutz des Ganzen.


Die Wehrdienstverweigerung stellt diese Logik nicht einfach auf den Kopf, sondern modifiziert sie, indem sie an eine höhere Norm appelliert. Religiöse Pazifisten, etwa Mennoniten, Quäker, Jehovas Zeugen, verweigerten den Dienst mit der Waffe, weil sie glaubten, vor Gott keine Gewalt ausüben zu dürfen. Sie nahmen schwere Nachteile in Kauf – Gefängnis, Ächtung, Emigration –, und gerade darin verriet sich der Ernst ihrer Verpflichtung.


Nach 1945 zog die Bundesrepublik aus den Erfahrungen des totalen Krieges und der Diktatur die Lehre, dass Gewissensfreiheit nicht nur im Bereich der Meinungsäußerung, sondern auch gegenüber staatlichen Pflichten Raum beanspruchen kann. Die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung wurde im Grundgesetz verankert, die Frage, ob jemand guten Gewissens töten könne, wurde von Prüfungskommissionen behandelt. Das war kein bequemes Verfahren, sondern häufig nervenaufreibend. Wer verweigerte, musste sich rechtfertigen, sich in einem institutionalisierten Gewissensverhör zeigen.


In den 1970er und 1980er Jahren verschob sich das Bild. Im Umfeld der Friedensbewegung, der Anti-NATO-Proteste, der moralisch hochgerüsteten Angst vor der atomaren Vernichtung wurde die Wehrdienstverweigerung Teil eines breiten politisch-moralischen Milieus. Der Zivildienst gewann an Attraktivität und wurde teilweise zu dem, was man später als „besseren Deal“ empfand: weniger Kasernendisziplin, mehr praktische Sozialarbeit, häufig in freundlicheren Umgebungen mit größerem persönlichem Spielraum. Neben den aufrichtigen Pazifisten traten diejenigen, die schlicht den angenehmsten Weg durch die Pflichtlandschaft suchten.


In der DDR wiederum war offene juvenile Rebellion lebensgefährlich, und gerade deshalb gewann das Verhältnis von Jugend, Schule und Wehrpflicht eine eigene Schärfe. Die Wehrpflicht war dort ein Zwangsinstrument des Staates, zugleich aber ein Raum, in dem subversive Formen der Verweigerung entstanden. Der Bausoldat, der Dienst ohne Waffe leistete, war eine halb-offizielle Figur der Wehrdienstverweigerung. Kirchliche Jugendarbeit, Blues-Messen, Friedensgebete wurden zu Nischen, in denen sich eine andere Loyalität ausbildete. Protest äußerte sich hier häufig als innere Distanz, als ironische Unterwanderung, als „inneres Schulschwänzen“: äußerliche Anwesenheit in der Institution bei gleichzeitiger Verweigerung der inneren Zustimmung.


Mit der faktischen Aussetzung der Wehrpflicht schließlich verwandelte sich die Frage der Verweigerung in eine gesamtdeutsche Strukturfrage. Der Staat selbst verzichtete auf den Anspruch, alle tauglichen jungen Männer – und potentiell auch Frauen – in die Pflicht zu nehmen. Bürgersein wurde von der unmittelbaren Pflicht zur Verteidigung entkoppelt. Die Pflicht, dem Gemeinwesen im Ernstfall körperlich zur Verfügung zu stehen, verschwand aus der Biographie der meisten. Aus der Gewissensentscheidung wurde eine Option, aus der Pflicht eine Karrierefrage.


Die aktuelle Debatte über Wiedereinführung von Wehr- oder Dienstpflicht versucht diesen Zustand zu korrigieren, ohne den verloren gegangenen Ernst wiederzugewinnen. Der Dienst am Gemeinwesen wird in ein buntes, vermeintlich attraktives Menü aus Bundeswehr, Pflege, Kulturprojekten, Klima- und Sozialdiensten übersetzt. Pflicht verwandelt sich in Wahlkurs. Für eine Jugend, die an moralisch belohnte Schulstreiks gewöhnt ist, erscheint eine solche Dienstpflicht weniger als ernste Herausforderung, denn als weiterer Baustein der persönlichen Selbstoptimierung: ein Zertifikat für den Lebenslauf, ein Baustein im Portfolio der eigenen „Engagementgeschichte“. Die Schulpflichtverletzung für das Klima und die Schulpflichtverletzung gegen Einberufungs- und Musterungstermine gehören in dieselbe Logik: Pflichten gelten nur, solange sie nicht dem eigenen Projekt „Zukunft“ in die Quere kommen.


Folgen der Streikkultur


Aus pädagogischer Sicht ist der institutionell geduldete Schulstreik gleichwohl eine Katastrophe. Er signalisiert Schülern, dass Regeln nur dann gelten, wenn sie sich mit den dominierenden moralischen Erzählungen vertragen. Der Lehrer verliert seine Rolle als Vertreter einer neutralen Ordnung und wird zum Coach politischer Haltungen. Autorität erodiert. Wer gelernt hat, dass Schulpflicht im Namen der „richtigen“ Sache suspendiert werden darf, wird schwer akzeptieren, dass andere Pflichten – etwa gegenüber Eltern, Arbeitgebern oder dem Staat im Wehrdienst – einen unbedingten Anspruch haben.


Die Zerstörung des Pflichtbegriffs beginnt nicht im Verteidigungsministerium, sondern im Klassenzimmer. Schulpflicht ist im Kern kein Verwaltungsakt, sondern die institutionelle Form der Einsicht, dass Bildung eine zu ernste Angelegenheit ist, um dem bloßen Belieben Einzelner überlassen zu werden. Wenn sie zur Verhandlungsmasse wird, verliert sie ihren Charakter als Pflicht, und mit ihm ihren inneren Zusammenhang mit anderen Pflichten. Die Pädagogik, die sich als Befreiungsprojekt versteht und Regeln nur noch als flexible Arrangements begreift, sägt an dem Ast, auf dem jede ernsthafte Form der Gemeinwesenbindung sitzt.


Sozialwissenschaftlich ist das juvenile Schulschwänzen für Klima und andere modische Anliegen zudem eine Klassenfrage. Es setzt Ressourcen voraus, die keineswegs allen Jugendlichen zugänglich sind. Die Bildungsbürgerkinder können den Unterrichtsausfall verkraften, weil sie ihn nicht wirklich zu spüren bekommen. Versäumte Inhalte werden zu Hause nachgeholt, Nachhilfe kann bezahlt, ein verlorenes Schuljahr abgefedert werden. Die Eltern sind gut vernetzt, können auf Schulleitungen einwirken, notfalls mit dem Anwalt drohen. Für diese Milieus erhöht der Protest das kulturelle Kapital: Er signalisiert Bewusstsein, Engagement, globale Verantwortung, kurz: die richtige Haltung.


Für die unteren Schichten und viele Einwanderermilieus hingegen sind verpasste Unterrichtsstunden ein reales Risiko. Wer mit der Unterrichtssprache kämpft, wer instabile Familienverhältnisse hat, wer in prekären Verhältnissen lebt, kann sich keine symbolischen Bildungslücken leisten. Hier wirkt das Schulschwänzen oft nicht als moralische Bewährung, sondern als Verstärker von Bildungsdefiziten. Entsprechend bleibt ein Teil dieser Jugendlichen fern – oder er protestiert weniger aus Überzeugung gegen CO₂ als aus allgemeiner Distanz zur Institution Schule. Der Schulstreik wird so zum Distinktionsmittel der Wohlstandsjugend: Man zeigt, dass man es sich leisten kann, die Institution zeitweise zu verachten, ohne ihren Nutzen zu verlieren.


Ähnliches droht in einer sozial asymmetrisch implementierten Dienstpflicht. Wer gut situiert ist, findet Wege in angenehme Projekte, bürokratisch saubere Dienste mit wenig körperlicher Härte und hohem symbolischen Ertrag. Wer unten steht, landet eher bei schweren, schlecht angesehenen Tätigkeiten oder gleich beim Militär. Der Anspruch formaler Gleichheit überdeckt faktische Ungleichheit der Lasten. Der Pflichtbegriff, der einst ein Element republikanischer Egalität war – jeder Bürger schuldet seinem Gemeinwesen etwas –, gerät zum Transportmittel neuer Klassendifferenzen.


Die Krise des Pflichtbegriffs


Der gemeinsame Nenner all dieser Beobachtungen ist die Krise des Pflichtbegriffs selbst. In der klassischen politischen Philosophie – von Aristoteles über die römische res publica bis zu konservativen Denkern der Moderne – gelten Pflichten nicht als willkürlich auferlegte Last, sondern als Ausdruck einer vorgängigen Ordnung: der Ordnung von Familie, Beruf, Vaterland, Religion. Wer sich verpflichtet weiß, weiß auch, wozu: zu etwas, das größer ist als er selbst, aber ihn trägt.

Der spätmoderne Staat hat diese Ordnung weitgehend aufgegeben. Er kennt Pflichten, aber sie sind funktional, nicht substantiell. Sie wechseln mit der politischen Wetterlage: einmal Pflicht zur Solidarität mit Geflüchteten, dann Pflicht zur Kontaktvermeidung während einer Pandemie, einmal Pflicht zur sprachlichen Rücksichtnahme im Sinne gegenderter Formen, dann Pflicht zur digitalen Selbstauskunft. Pflichten werden als Instrumente von Politik und Verwaltung erlebt, nicht als Ausdruck eines dauerhaften gemeinsamen Lebens.


In einem solchen Rahmen erscheint das Schulschwänzen als Protest weniger als Skandal denn als Symptom. Es zeigt, dass eine Generation heranwächst, die verinnerlicht hat, Pflichten nur noch in dem Maß zu respektieren, in dem sie ihnen subjektiven Sinn zuweisen kann. Wer gerne demonstriert und das Gefühl hat, dabei auf der „richtigen Seite der Geschichte“ zu stehen, lässt sich auf eine moralisch belohnte Regelverletzung ein. Wer den Sinn nicht sieht, entzieht sich still. Eine Wehrpflicht, die in eine solche Mentalität hineingerufen wird, hat es schwer. Sie wird als Fremdkörper erlebt, als archaisches Relikt aus einer Epoche, in der Pflichten noch ohne Rückfrage galten. Die beiden typischen Gestalten künftiger Jugendproteste – Schulpflichtverletzung für das Klima, Schulpflichtverletzung gegen die Wehrpflicht – verdichten diese Krise: Das Gesetz gilt nur, solange der Einzelne nicht glaubt, in seiner „Zukunft“ geschädigt zu werden, sei es durch CO₂-Emissionen, sei es durch den möglichen Tod im Gefecht.


Strenge Form, offener Inhalt


Eine konservative Antwort auf diese Lage müsste zweierlei leisten. Sie müsste erstens den Begriff der Pflicht wieder auf stabile Güter hin ausrichten: auf Familie, Volk, Rechtsordnung, kulturelle Tradition. Pflicht wäre dann nicht mehr bloß modulierbare Funktion staatlicher Kampagnen, sondern Ausdruck einer lebendigen, historisch gewachsenen und identitätsstiftenden Ordnung, in der es sich zu leben lohnt. Wer von Wehrpflicht spricht, ohne vom Vaterland zu sprechen, bleibt in der Pose stecken.


Und sie müsste zweitens der Jugend alternative Räume für Ernst, Bewährung und Initiation bieten. Wenn der Staat seine Jugend vor allem als Material für moralische Großinszenierungen behandelt, entsteht eine Leerstelle. Konservative Milieus könnten diese füllen, indem sie echte, harte, aber sinnvolle Gemeinschaftsformen anbieten: Dienste, Projekte, Gemeinschaften, in denen Verlässlichkeit, Opferbereitschaft und Bindung mehr zählen als symbolischer Protest. Eine Jugendfeuerwehr, die etwas taugt, eine Reserve, die wirklich übt, Verbände, die von ihren Mitgliedern mehr erwarten als Likes und Teilnahme an Demonstrationen, wären Gegenmodelle zur kampagnengesteuerten Streikkultur.


Schulschwänzen als juvenile Protestform ist am Ende weniger wegen der Inhalte interessant, für die geschwänzt wird – Klima, Antirassismus, Gender –, als wegen des Mentalitätswandels, den es anzeigt. Die Jugend probt an der Schulpflicht jene Haltung ein, die sie später der Wehrpflicht und anderen Ansprüchen des Staates entgegenhalten wird: die fragende, skeptische, manchmal zynische Nachfrage „Wofür eigentlich?“. Diese Frage ist legitim, aber sie lässt sich nicht mit wechselnden Slogans beantworten. Man muss sagen können, was dieses Land ist, wer zu ihm gehört, welche Traditionen es trägt, welche Zukunft es überhaupt noch will.


Eine konservative Antwort wäre streng in der Form und offen im Inhalt. Streng in der Form heißt: Schulpflicht gilt, ohne Ausnahme für modische Protestformen, weil der Staat seine Institutionen nicht dem wechselnden Druck von Kampagnen opfert. Offen im Inhalt heißt: Politische Bildung wird nicht als Indoktrination betrieben, sondern als ernsthafte Auseinandersetzung mit Konflikten, auch da, wo sie gegen den Mainstream gerichtet sind. Jugendliche sollen ihre Fragen, ihre Wut, ihren Protest artikulieren, aber sie tun es innerhalb der Institution, nicht in deren demonstrativer Suspendierung. Wer protestiert, bewährt sich in der argumentativen Auseinandersetzung, nicht in der Abwesenheit.

Überträgt man dieses Prinzip auf die Wehrpflicht- und Dienstpflichtdebatte, dann wird sichtbar, wie dünn das Eis ist, auf dem der gegenwärtige Staat steht. Will er mehr als eine bürokratische Reißverschlusslösung zur Stopfung von Personallücken, muss er wieder von Pflicht im starken Sinn sprechen: von Opfer, Gemeinsinn, Ernst, auch von Gefahr. Dazu gehört, dass er der Jugend nicht länger das Doppelspiel zumutet, sie einerseits als schutzbedürftige Klientel zu behandeln, andererseits als universal verantwortliche Weltretterelite.


Erst wenn der Staat bereit ist, sich selbst wieder zu definieren – seine Grenzen, seine Geschichte, sein Eigenes –, wird die Frage, ob man für ihn Schule schwänzt oder für ihn Dienst leistet, wieder in einem ernsten Horizont gestellt. Dann könnte auch juvenile Rebellion das werden, was sie im besten Fall war: ein Aufbegehren gegen Unrecht und Lüge, das den Ernst der Ordnung nicht zerstört, sondern an höheren Maßstäben misst; nicht ein mediengerechter Unterrichtsausfall im Dienst der neuesten Moral, sondern eine Prüfung des Gewissens vor dem Tribunal der Wirklichkeit.


Über den Autor: Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg.


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Beitragsbild von FridaysForFuture Deutschland, CC BY 2.0 via Wikimedia Commons

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