top of page

Cemil Kerimoglu: EUROPA BRAUCHT EINE MORALISCHE AUFRÜSTUNG

  • vor 12 Minuten
  • 12 Min. Lesezeit

In ganz Europa ist die trügerische Stille der Nachwendezeit zerbrochen. Die europäischen Eliten wurden unsanft aus ihrer Selbstgefälligkeit gerissen, was zu einem plötzlichen und drastischen rhetorischen Kurswechsel in den westlichen Hauptstädten führte. Politiker, Militärchefs und Entscheidungsträger haben endlich die unmittelbare Bedrohung eines direkten Konflikts mit Russland erkannt und versuchen nun hektisch, ihre Bevölkerungen auf einen Krieg vorzubereiten, der nicht länger undenkbar scheint.


Doch die Vorbereitung auf die zivilisatorische Konfrontation mit Russland, die uns bevorsteht – und die in der Ukraine faktisch bereits tobt – erfordert mehr als nur Waffen, Industrie und Budgets. Europa braucht auch eine moralische Aufrüstung. Sie ist vielmehr die Grundvoraussetzung für den Erfolg ebenjener physischen Aufrüstung, die Europas Führungselite endlich als notwendig und unvermeidbar anerkannt hat. Europäer haben sich jahrzehntelang im eigenen Schuldgefühl gesuhlt, und diese Schuld ist zu einem strategischen Risiko geworden. Es ist an der Zeit zu erkennen, wie massiv diese historische Last von den Feinden des Westens gegen ihn instrumentalisiert wird. Und es ist an der Zeit, dass Europa diese Schuld ablegt.



Abmarsch: Russische Kriegsgefangene in Galizien, 1916
Abmarsch: Russische Kriegsgefangene in Galizien, 1916

 

Russland nutzt den europäischen Schuldkomplex in seiner Rhetorik gnadenlos aus. Die Kreml-Propaganda stützt sich auf die Erzählung, der Westen sei durch seine Kolonialgeschichte für immer befleckt und daher moralisch nicht berechtigt, seine Interessen zu verteidigen. Jede entschlossene Reaktion auf russische Aggression wird in einen vermeintlichen Akt westlichen Expansionismus verdreht. Sowohl die Sowjetunion als auch Putins Russland versuchen seit langem, selbst den schwächsten westlichen Widerstand als Beweis für ein koloniales Projekt darzustellen, das gegen sie gerichtet ist. Heute geht Russland sogar so weit, die westliche Unterstützung für die Ukraine als einen Kolonialkrieg gegen Russland selbst zu brandmarken!

 

Gleichzeitig inszeniert Russland seinen eigenen Einmarsch in die Ukraine zynisch als antikolonialen Befreiungskampf. Diese Botschaft zielt darauf ab, das westliche Selbstvertrauen zu lähmen. Eine Gesellschaft, die in Selbstvorwürfen gefangen ist, zögert. Russland weiß das und nutzt es aus. Je mehr sich Europa in Selbstgeißelung übt, desto leichter wird es für die Russen, die westliche Entschlossenheit zu untergraben.

 

Ein Teil dieser Strategie besteht darin, die Gespenster der europäischen – und vor allem der deutschen – Nazi-Vergangenheit heraufzubeschwören. Indem jede Form von ukrainischem Nationalismus als „Nazismus“ abgestempelt wird, spielt Russland gezielt mit westlichen Neurosen. Die Taktik funktioniert, weil sie auf einen wunden Punkt trifft. Wann immer sich Europa entschieden gegen russische Übergriffe und Feindseligkeiten stellt, behaupten russische Offizielle und Propagandisten, der alte Geist der Nazis erwache zu neuem Leben. Selbst in den letzten Monaten, als Europa seine Unterstützung für die Ukraine aufgrund der Instabilität in Washington verstärkte, verglichen russische Stimmen die Haltung Europas mit dem Nazismus. Russlands Absicht ist es, Europa durch Scham in moralische Verwirrung zu stürzen, damit die Russen sich selbst als die Seite der Gerechten inszenieren können.

 

Deshalb beschwören Putin und russische Kommentatoren neuerdings – auch um Kapital aus der derzeitigen russlandfreundlichen US-Administration zu schlagen – die sowjetisch-amerikanische Allianz des Zweiten Weltkriegs. Sie wollen sich im Glanz des Kampfes gegen Hitler sonnen und ihren Überfall auf die Ukraine als eine Fortsetzung ebenjenes Kampfes darstellen. Das Ziel ist es, Europa ein schlechtes Gewissen einzureden, weil es die Ukraine unterstützt und sich der russischen Aggression widersetzt – so, als sei dies ein Verrat an den Lehren der eigenen Geschichte.

 

Die gleiche Taktik findet sich in der Rhetorik jener Teile der deutschen Linken wieder, die Russland nahestehen. Sie verweisen auf die deutsche Vergangenheit, um das Land für seine Unterstützung der Ukraine zu maßregeln. Die Botschaft ist immer dieselbe: Weil Deutschland einst schreckliche Verbrechen begangen hat, müsse es nun schweigen und angesichts russischer Brutalität zurückweichen. Russland und seine Fürsprecher wissen genau, welche emotionalen Knöpfe sie drücken müssen. Europa hat viele davon. Doch wenn diese Mechanismen erst einmal neutralisiert sind, verpufft Russlands Hebelwirkung.

 

Vergangene Verbrechen einzugestehen, ist ehrenhaft. Ebenso, sich für sie zu entschuldigen. Europas Bereitschaft zur Sühne zeugt von seiner Menschlichkeit. Doch diese Tugend wird zur Gefahr, wenn sie von feindseligen Akteuren missbraucht wird, die selbst keinerlei Scham kennen. Europa darf nicht zulassen, dass seine Feinde sein Gewissen als Waffe gegen es selbst richten. Europäer mögen sich entscheiden, ihrer Geschichte zu gedenken und aus ihr zu lernen, aber sie dürfen nicht zulassen, dass Außenstehende diese Geschichte nutzen, um sie zu manipulieren. Nur Europäer haben das Recht, über die Verfehlungen ihrer Vorfahren zu urteilen. Niemand sonst kann diese Autorität für sich beanspruchen.

 

Aus diesem Grund braucht Europa eine moralische Neubewertung des Narrativs über den Zweiten Weltkrieg. Dies ist vor allem in Deutschland notwendig, dessen Führung bei jeder künftigen Mobilisierung für europäische Kriegsanstrengungen entscheidend sein wird. Diese Neubewertung bedeutet nicht, Nazi-Verbrechen zu leugnen oder in Revisionismus zu verfallen. Es bedeutet vielmehr, von der totalen Selbstverdammnis zu einer faireren, differenzierteren Geschichtsbetrachtung überzugehen.

 

Unterschiedliche Handlungen Nazi-Deutschlands trugen unterschiedliches moralisches Gewicht. So waren beispielsweise die Verfolgung und Ermordung von Juden und Polen Verbrechen, die Verurteilung verdienen – wenn auch ohne Schuldkomplex und moralische Selbstgeißelung. Doch der Überfall auf die Sowjetunion ist eine andere Sache. Deutschland und der Rest Europas sollten gegenüber Russland keine Schuldgefühle für diesen Feldzug hegen. Die Sowjetunion war damals die größte Bedrohung für die europäische Zivilisation, genau wie ihr Nachfolgestaat es heute ist. Dieser Bedrohung entgegenzutreten, war kein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es war das Anerkennen der Realität. Die Sowjetunion musste angegriffen und vernichtet werden. Die Tragödie bestand darin, dass die einzige europäische Großmacht, die diese Gefahr damals klar erkannte und bereit war zu handeln, ein Regime war, das sich moralisch bereits isoliert und viele andere Europäer – seine natürlichen Verbündeten – verprellt hatte. Und so konnte es nicht genügend von ihnen überzeugen, sich seiner gerechten Sache anzuschließen. Im Grunde wurde eine gerechte Sache von einem ungerechten Staat verfolgt.


Darüber hinaus ist Russlands Behauptung, einen edlen „antikolonialen“ Kampf gegen den Westen zu führen, nicht nur manipulativ – sie ist geradezu lächerlich verlogen. Denn wenn es in diesem Krieg ein Kolonialreich gibt, dann ist es Russland selbst.


Niemand bestreitet, dass die koloniale Bilanz der europäischen Mächte gemischt ist und auch Ungerechtigkeiten enthält. Doch der Westen hat keinen Grund, sich auf jene Weise zu schämen, wie es seine Feinde, allen voran Russland, verlangen. Die meisten ehemaligen europäischen Kolonien profitierten – trotz berechtigter Beschwerden – auf greifbare Weise von der europäischen Präsenz. Straßen, Eisenbahnen, Schulen, Krankenhäuser, moderne Verwaltungssysteme und Rechtsordnungen wurden aufgebaut. Krankheiten wurden behandelt. Die Lebenserwartung stieg. Man muss nur auf den Bevölkerungsboom im postkolonialen Afrika blicken, der durch medizinischen Fortschritt und humanitäre Hilfe des Westens angetrieben wurde, um zu sehen, wie vorteilhaft dieses Erbe war.


Gab es Missstände? Zweifellos. Doch in der Endabrechnung ging es den europäischen Kolonien besser als vor dem Kontakt mit Europa. Afrika zum Beispiel war keine blühende Zivilisation, die durch den Kolonialismus unterbrochen wurde – es war ein zutiefst unterentwickelter Ort, noch bevor es zum Kontakt mit Europäern kam. Die europäische Kolonialisierung brachte oft erst die Ansätze moderner Infrastruktur, öffentlicher Gesundheit und Verwaltung. Die Vorstellung, die heutigen Herausforderungen des Kontinents seien schlicht die Schuld des Kolonialismus, ist sowohl historisch falsch als auch politisch opportun für die Feinde des Westens.


Der russische Kolonialismus hingegen brachte keinen dieser Vorteile. Wo immer Russland herrschte, verschlechterte sich die Lage. Das ist keine bloße Meinung, sondern eine historische Tatsache. Die Völker, die einst unter russischer oder sowjetischer Vorherrschaft lebten – Polen, Balten, Ukrainer, Finnen und andere – strömten nach ihrer Unabhängigkeit nicht etwa nach Russland. Sie bauten ihre eigene Zukunft in ihren neu gewonnenen, unabhängigen Ländern auf – und sie bauten sie besser. Tatsächlich waren es die Russen, die in diese Länder migrierten, begierig darauf, lieber unter ihren ehemaligen Untertanen zu leben als in dem verarmten Reich, das sie zurückgelassen hatten. Anders als Afrika vor dem europäischen Kolonialismus waren Polen, das Baltikum, die Ukraine (Ruthenien) und Finnland bereits entwickelt und wohlhabend, bevor sie von Moskau-Russland unterjocht wurden. Die russische Herrschaft warf sie in ihrer Entwicklung zurück; die Europäer hingegen hoben die von ihnen regierten Kolonien oft auf eine höhere Stufe.


Dieser Umstand sagt eigentlich schon alles. Als die baltischen Staaten ihre Unabhängigkeit wiedererlangten, waren es nicht die Esten oder Letten, die scharenweise nach Russland übersiedelten. Es waren die russischen Siedler und ihre Nachkommen, die sich entschieden zu bleiben. Sie zogen das Leben unter ihren ehemaligen Untertanen dem Leben in ihrer angestammten Heimat vor, der sie sich eigentlich verbunden fühlten.


Dieses Muster wiederholt sich in allen ehemaligen Besitzungen Russlands. Die Ukraine beispielsweise war schon immer entwickelter und kulturell kultivierter als das moskowitisch-russische Kernland. Im 17. Jahrhundert waren es ukrainische Gelehrte, Theologen und Schriftsteller, die Bildung und kulturelle Verfeinerung nach Moskau brachten. Kiew war ein Leuchtturm der Zivilisation, während Moskau (sein Eroberer) ein zivilisatorisches Hinterland war. Selbst während der Sowjetzeit blieb die Ukraine reicher und produktiver als weite Teile Russlands.


Jewgeni Prigoschin gab vor seiner kurzen Rebellion offen zu, dass ein Motiv für den russischen Überfall auf die Ukraine schlichtweg Plünderung war. Moskau begehrte die reicheren Ländereien und die Industrie der Ukraine, genau wie in der Vergangenheit. Das ist nichts Neues. Was in die Geschichte als der Russische Bürgerkrieg einging, war im Wesentlichen der Versuch des verarmten nordöstlichen Moskauer Reichs, die Kontrolle über die wohlhabenderen und entwickelteren ukrainischen Gebiete zu erlangen.


Noch heute wird der Kontrast zwischen russischem und europäischem Kolonialismus an der Migrationsrichtung sichtbar. Sie erzählt die wahre Geschichte. Ukrainer, Balten und Polen sind geblieben und haben aufgebaut. Russen hingegen verlassen ihre Heimat in Richtung genau jener Orte, die sie zuvor kolonisiert hatten, oder ziehen weiter nach Westen. Doch das ist das genaue Gegenteil dessen, was wir bei ehemaligen europäischen Kolonien sehen. Afrikaner, Südasiaten und andere suchen weiterhin ihre Zukunft in Europa. Ungeachtet ihrer historischen Beschwerden entscheiden sie sich dafür, unter ihren ehemaligen Kolonialherren zu leben. Denn anders als im Falle Russlands sind die von Europäern aufgebauten Gesellschaften wohlhabend, fortschrittlich und bieten Chancen sowie Würde.


Das ist der entscheidende Unterschied. Der russische Kolonialismus war extraktiv, repressiv und rückständig. Er zog die beherrschten Völker nach unten. Der westliche Kolonialismus, auch wenn er von Ausbeutung geprägt war, brachte oft Fortschritt. Dies soll nichts schönfärben. Aber wir müssen einen klaren Blick auf die Geschichte bewahren – besonders dann, wenn ausgerechnet jenes Land, das auf eine jahrhundertelange Geschichte brutaler Expansion zurückblickt, es wagt, andere über koloniale Schuld zu belehren.


Die Heuchelei dieser sogenannten antikolonialen Bewegung reicht noch tiefer. In der Praxis funktionierte sie selten als konsistentes moralisches Prinzip. Stattdessen diente sie oft als ideologische Waffe – eine, die selektiv und fast ausschließlich gegen den Westen geführt wird.


Auf dem Höhepunkt der Entkolonialisierung in den 1960er Jahren, als afrikanische Nationen ihre Unabhängigkeit erlangten, waren viele der lautstärksten antikolonialen Aktivisten zugleich leidenschaftliche Anhänger der Sowjetunion – des damals brutalsten Kolonialreichs überhaupt. Sie verurteilten den britischen und französischen Imperialismus mit Inbrunst, schwiegen jedoch zur sowjetischen Besatzung Osteuropas, des Baltikums, Zentralasiens und des Kaukasus. Das gleiche Muster setzt sich heute fort. Viele von denen, die gegen den Westen wegen seiner kolonialen Vergangenheit wettern – und ihm vorwerfen, heute einen Neokolonialismus zu betreiben – gehören zu den glühendsten Verteidigern von Russlands gegenwärtigem Einmarsch in die Ukraine. Einem Krieg, der nichts weniger ist als ein Kolonialkrieg, geführt mit Terror, Plünderungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.


Der Grund dafür ist leicht zu erkennen. Seit Russland mit der bolschewistischen Revolution seine künstliche europäische Fassade abgelegt hat, fungiert es als Vorhut des antiwestlichen Ressentiments der Dritten Welt. Deshalb wird es im Globalen Süden und in antikolonialistischen Kreisen innerhalb des Westens bewundert – trotz seiner kolonialen Verbrechen, die oft noch brutaler waren als die europäischen. Im Grunde geht es der antikolonialen Bewegung weniger um die Verteidigung der Unterdrückten als vielmehr um den Angriff auf die westliche Zivilisation. Im Kern war sie oft nicht antikolonial, sondern antiwestlich – und manchmal ganz offen anti-weiß.


Diese Doppelmoral ist erschütternd. Über die Jahrhunderte hinweg hat Russland mehr nicht-weiße Völker getötet, deportiert und unterjocht als die meisten westlichen Imperien zusammen. Ganze Turk-, Ural- und Kaukasusvölker lebten jahrhundertelang unter brutaler russischer Herrschaft – beraubt ihrer Ressourcen, ihrer Sprachen und ihrer Identitäten. Noch heute sind weite Teile der Russischen Föderation Heimat indigener nicht-russischer Völker, die weiterhin kultureller Russifizierung und wirtschaftlicher Ausbeutung unterworfen sind. Von den sibirischen Jakuten bis zu den Baschkiren und Tschetschenen: Moskaus Griff bleibt eisern.


Doch westliche antikoloniale Aktivisten, die behaupten, für Gerechtigkeit einzutreten, erwähnen diese Völker kaum. Sie bleiben fixiert auf „Islamophobie“ in Europa, blenden aber die russischen Kriege in Tschetschenien völlig aus – zwei völkermörderische Feldzüge, die Städte dem Erdboden gleichmachten, Zehntausende töteten und bis heute einen Schatten auf die Region werfen. Selbst die Türkei, die führende Turkmacht und selbsternannter Vorkämpfer des Panturkismus, scheint mehr daran interessiert zu sein, Europa und die USA zu maßregeln, als Russlands jahrhundertelange Unterdrückung der Turkvölker zu konfrontieren.


Nirgendwo ist diese moralische Inkonsistenz offensichtlicher als im Umgang mit Siedlerbevölkerungen. Als Algerien die Unabhängigkeit von Frankreich erkämpfte, wurden Millionen französischer Siedler vertrieben – oft gewaltsam. Als Indien sich von der britischen Herrschaft befreite, stellten nur wenige den Abzug der Briten infrage. In beiden Fällen akzeptierte die Welt, dass die Kolonisatoren keinen rechtmäßigen Anspruch auf Verbleib hatten.


Doch als die baltischen Staaten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ihre Unabhängigkeit wiedererlangten, forderte niemand die Ausweisung der russischen Siedler. Diese Siedler wurden nach dem Zweiten Weltkrieg gezielt von der russischen Besatzungsmacht ins Land geholt, um die einheimische Bevölkerung zu ersetzen, von der große Teile ermordet oder nach Sibirien deportiert worden waren. Insbesondere in Lettland und Estland war diese demografische Verschiebung kein Zufall. Es war eine bewusste Politik der ethnischen Überfremdung, implementiert durch die Sowjetunion.


Zudem waren diese russischen Siedler keine unschuldigen Zuschauer. Viele waren mitschuldig – direkt oder indirekt – an der brutalen russischen Besatzung dieser Länder. Doch als Lettland oder Estland nach der Unabhängigkeit versuchten, die Kontrolle über ihre eigene Sprache, Kultur und Staatsbürgerschaftspolitik zurückzugewinnen, wurden sie durch die im Westen vorherrschende Stimmung moralisch ausgebremst. Sie wurden nicht für ihre Zurückhaltung gelobt. Stattdessen wurden sie von manchen westlichen Kreisen dafür getadelt, die „Menschenrechte“ der Russen zu verletzen. Hätten sie sich entschieden, diese russischen Siedler (und deren Nachkommen) auszuweisen, wäre dies im Westen verpönt gewesen. Russland schlug aus dieser Stimmung Kapital, spielte sich als Beschützer „unterdrückter russischer Minderheiten“ auf und stellte die baltischen Völker – die eigentlichen Opfer der Besatzung – als Täter dar.


Währenddessen weinte niemand den Franzosen eine Träne nach, die getötet oder aus Algerien vertrieben wurden. Niemand forderte, dass Indien den Briten, die sie regiert hatten, politische Rechte einräumen müsse. Diese kolonialen Beseitigungen wurden akzeptiert, ja sogar gerechtfertigt. Doch im Falle Russlands änderten sich die Regeln.


Hier zeigte die antikoloniale Bewegung ihr wahres Gesicht. Die Franzosen in Algerien wurden als Besatzer gebrandmarkt, die das Land verlassen mussten. Die Russen in Lettland hingegen wurden als Opfer inszeniert, deren Anwesenheit geachtet und bewahrt werden müsse. Ganz gleich, dass die baltischen Völker moralisch weit stärkere Gründe hatten, ihre Kolonisatoren auszuweisen. Ganz gleich, dass sie eine Zurückhaltung an den Tag legten, die weit über das hinausging, was den Franzosen in Algerien zuteilwurde. In den Augen der Linken lagen die baltischen Völker falsch – denn in diesem Fall waren die Kolonisierten Europäer, die Kolonisatoren (sprich: die Russen) jedoch nicht. Und deshalb konnten Russen in dieser verdrehten moralischen Logik keine Kolonialisten sein.


Die russische Propaganda hat eine groteske Täter-Opfer-Umkehr perfektioniert: Sie stellt ihre Opfer als Täter dar. Sie hat gelernt, westliche Konzepte wie „Menschenrechte“ und „Minderheitenrechte“ zu manipulieren, um ihr eigenes koloniales Erbe zu schützen. In diesem verzerrten Narrativ werden die Nachkommen russischer Siedler – die von den russischen Besatzern ins Land geholt wurden, um einheimische Völker zu ersetzen, die brutalisiert, massakriert oder deportiert worden waren – als unschuldige Opfer gemalt. Die Nationen hingegen, die sie zu unterjochen halfen, werden als „faschistisch“ gebrandmarkt, nur weil sie ihre Identität und Unabhängigkeit zurückgewinnen wollen.


Schlimmer noch: Große Teile des westlichen Establishments haben diese Verdrehung akzeptiert. Denn in diesem Fall waren die Kolonisatoren keine Westler – sie waren Russen und damit in den Augen der antiwestlichen Linken über jeden Zweifel erhaben. Französische Siedler in Algerien oder britische Beamte in Indien wurden verteufelt und oft gewaltsam vertrieben, mit der stillschweigenden oder offenen Billigung der globalen antikolonialen Bewegung. Aber russische Siedler in Lettland oder Estland? Ihnen begegnet man mit Sympathie. Der Westen trauert um sie, nicht um die einheimischen Völker, die sie verdrängt haben.


Diese Doppelmoral ist auch heute lebendig, und sie reicht tief in das Innere Russlands selbst hinein. Die sogenannten „autonomen Republiken“ innerhalb der Russischen Föderation, wie Baschkortostan, Tatarstan oder Jakutien, sind kein echter Ausdruck von Selbstbestimmung. Es sind besetzte Gebiete, angestammte Heimatländer nicht-russischer Völker, die seit Jahrhunderten unter dem Stiefel Moskaus leben. Und doch: Wenn Stimmen aus diesen Republiken von Unabhängigkeit sprechen, werden sie mit Warnungen konfrontiert – auch von sogenannten russischen Liberalen – die sich um das Schicksal der dort lebenden ethnischen Russen sorgen. Die Sorge gilt einmal mehr nicht den Kolonisierten, sondern den Kolonisatoren.


Das ist nichts weniger als eine moralische Umkehrung. Die Schuldlast wird erneut vom Täter auf die Opfer verlagert. Den Baschkiren, Tataren und Jakuten wird gesagt, sie müssten zuerst an die Menschenrechte derer denken, deren bloße Anwesenheit das Erbe der Eroberung ist. Als die Franzosen aus Algerien vertrieben wurden, äußerten nur wenige im Westen solche Bedenken. Als Indien unabhängig wurde, forderte niemand Garantien für die Briten, die es regiert hatten. Aber nun sollen die Nachkommen der moskowitischen Siedler in Nordasien um jeden Preis geschützt werden – während ihre Gastgeber ohne Stimme bleiben.


Das ist die moralische Falle, aus der Europa entkommen muss. Wenn es in dieser historischen Konfrontation mit Russland bestehen will, muss es die Last der selbstauferlegten Schuld abwerfen. Europa schuldet niemandem eine Entschuldigung. Es muss sich nicht erklären. Seine Zivilisation ist die größte Triebkraft für Fortschritt in der Menschheitsgeschichte gewesen. Die Welt ist ein besserer Ort, weil es Europäer gibt. Selbst Russland wurde in seiner kurzen und partiellen Annäherung an europäische Werte für einen Moment weniger grausam. Der Rest der Welt, ob er es zugibt oder nicht, hat massiv von der europäischen Zivilisation profitiert.


Das Blatt muss sich nun wenden. Es ist nicht Europa, das sich schämen sollte. Es ist Russland, das das Schamgefühl haben muss. Nicht Europa muss sich entschuldigen. Russland ist es, das eine Entschuldigung schuldet – den Völkern Osteuropas, Zentralasiens und des Kaukasus, seinen eigenen kolonisierten Republiken und vor allem: der Ukraine.

 


Über den Autor: Dr. Cemil Kerimoglu, geboren 1984 in Aserbaidschan, wuchs in der Türkei auf und studierte dort Molekularbiologie und Genetik. Für seine Promotion kam er nach Deutschland, wo er im Bereich der Neurowissenschaften promovierte. Anschließend war er mehrere Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Bioinformatiker in der akademischen Forschung tätig. Heute arbeitet er in der Industrie als Data Scientist. Seine wissenschaftlichen Publikationen sind unter anderem hier zu finden.


Parallel dazu beschäftigt er sich intensiv mit europäischer Geschichte, insbesondere mit der Geschichte Osteuropas und Russlands. Als russischsprachiger Kenner Russlands und des gesamten postsowjetischen Raums publiziert er seit einigen Jahren regelmäßig Essays zu Russland, Ukraine und Osteuropa auf Substack.



Hier können Sie TUMULT abonnieren.                                    

Für Einzelbestellungen klicken Sie bitte hier.


Besuchen Sie das Dresdner TUMULT FORUM - für Termine und Neuigkeiten genügt eine Nachricht mit Ihrem Namen und dem Betreff TERMINE an TUMULTArena@magenta.de   



bottom of page