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Aktualisiert: 17. Sept. 2023

Mariam Kühsel-Hussaini im Gespräch mit Frank Böckelmann über ihren neuen Roman „57“


Die deutsch-afghanische Schriftstellerin Mariam Kühsel-Hussaini nähert sich dem Nationalsozialismus und dem Versinken Deutschlands in einem Abgrund der Schuldigkeit und Selbsterniedrigung auf unerhörte Weise. Ihr zuletzt vorgelegter Roman „Emil“ spielt im Jahr 1933; ihr neuer, am 15. September 2023 erschienener Roman unter dem Titel „57“ handelt vom Widerstand unbestechlicher Geister gegen die Anmaßungen der Siegermächte, insbesondere gegen das Deutungsdiktat der US-Amerikaner. Hauptfigur in beiden Romanen ist Rudolf Diels, der erste Chef der Gestapo, Gegner Himmlers und Heydrichs, Zeuge in den Nürnberger Prozessen, Autor und Freund des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein. Mariam Kühsel-Hussaini kämpft mit einer Unbefangenheit, zu der kein Autor deutscher Abstammung fähig wäre, furios gegen das Abgleiten der Deutschen „in die totale Unmündigkeit“.





Frank Böckelmann: Ihr neuer Roman mit dem lapidaren Titel „57“ und Ihr letzter, erst im September 2022 erschienener Roman „Emil“ nehmen das Hitlerreich gewissermaßen in die Zange. „Emil“ tummelt sich im Jahr 1933. Ihr neuer Roman treibt durch die Nachkriegsjahre und verhandelt, was denn Nazideutschland, ohne Scheuklappen betrachtet, wesentlich war, komprimiert im Geschick und Aufbegehren der eigenwilligen Persönlichkeit von Rudolf Diels, dem ersten Chef der Gestapo.1933 spannen Sie ihn mit dem jungen rumänischen Philosophen Emil Cioran zusammen, im Nachkriegsdeutschland mit dem Spiegel-Begründer Rudolf Augstein. Ich lese Ihren neuen Roman als einen Aufruf – fast Aufschrei – an die Deutschen, aus dem Schuldgefängnis einer erstickenden Erinnerungspolitik auszubrechen, ohne das Geschehen in den zwölf Jahren der Nazi-Herrschaft auszublenden.

Aber meine erste Frage gilt Ihrer Sprache. Sie schreiben entfesselt, geradezu ekstatisch. Der gesamte Roman steht gleichsam unter Strom, abgesehen von den dokumentarischen Teilen, den Briefstellen, Leserbriefen und Buchauszügen. Die Sätze dampfen, sind aufgeladen mit verwegenen Bildern, Vergleichen und Assoziationen. Diese kraftstrotzende Prosa ist das Hauptmerkmal Ihres Romans. Begegnungen und Gespräche ereignen sich in einer Sphäre chronischer Hochgestimmtheit. Um diese Intensität zu erreichen und zu halten, benötigen Sie keine Aufputschmittel. Verraten Sie mir: Wie ist das möglich?


Kühsel-Hussaini: Sehr willkommen sind mir Ihre Worte jenseits von sich anmaßend

breitmachendem Seichttum, jenseits von Angst, jenseits der verstörenden Zurückhaltung

tausender Stimmen da draußen, die im Wort nicht die Aufgabe der Suche nach der

zerstörten Wahrheit sehen, sondern die bezahlte Einladung zum schriftstellerischen

Schweigen.

Und um Ihre große Frage zu beantworten, wähle ich den Tucholsky von 1929, denn

genau das ist auch unser Augenblick jetzt, selbst wenn wir die Adressaten anders nennen

wollen: „Ja, wir lieben dieses Land. Und nun will euch mal etwas sagen: Es ist ja nicht wahr, daß jene, die sich „national“ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch,dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben ... sie reißen den Mund auf und rufen:„Im Namen Deutschlands ...!" – Es ist nicht wahr: wir sind auch noch da!“

Ich auch, ich bin auch noch da, und ich schreibe so, weil ich nicht anders kann,

weil meine Fingerkuppen die Klaviatur der Buchstaben zwar schlagen, aber sie folgen

dabei lediglich einem Ruf.

Einem inneren, einem höheren.

Und mögen die Gedichte, die sich wie Pervitin-Perlen zwischen die ohnehin schon

unerhörten Kapitel des Romans „57" reihen, eine nukleare Explosion und einen

Systemabsturz nach dem anderen im Kopf des Lesers, des Menschen – für den wir das

alles machen – auslösen, so ist meine einzige Droge fern meiner körpereigenen,

afghanisch aufgeladenen, zentralasiatisch dionysisch-göttlichen Offenbarungen:

der Kampf gegen das Schaukeln in die totale Unmündigkeit, durch längst bräsig verfaulte

Narrative in der Deutschen Geschichte.

Sie hat es verdient, ab 1945 in einem Licht der Besinnung geheilt zu

werden. Kampf gegen Narrative, das ist auch ein Kampf gegen die gezielten

Begrenzungen unseres Geistes, ein Kampf für die Wahrheitssuche der freien Menschen

dieser Welt, ein Kampf gegen Wikipedia, ein Kampf gegen gekaufte Politikwissenschaft,

ein Kampf gegen tote Sprache, ein Kampf gegen Moralismus und Alarmismus.

Ich habe weder etwas übrig für Zerstörer, die vorgeben, Deutschland durch ein

anachronistisch verewigtes Wirtschaftswunder zu retten, und doch nur keifen auf

ihren Plattformen der Weltverhetzung – noch für eine grüne Deutschland-Kastrierung, die

ernsthaft glaubt, der Schwachsinn ihrer Selbstzerstörung würde nicht durchschaut und

entschlüsselt.

Nein, dieses Land braucht Balsam, Trost und Hoffnung und es muss wieder lernen,

Glück zu empfinden, beim Gedanken an sich selbst.

Meine Angespanntheit ist jene der Menschen von 1949, ist jene Entspanntheit von 1957: Jeweils wusste man, wer man war.


Böckelmann: Nehmen wir Rudolf Diels in den Blick, die zentrale Gestalt Ihres Romans. Diels war ersichtlich eine glänzende, elegante Erscheinung – charismatisch, würden wir heute sagen. Er wurde im Jahr 1900 geboren und starb 1957 im Alter von siebenundfünfzig Jahren, als sich aus seiner Jagdwaffe ein Schuss löste. Er machte Karriere im preußischen Innenministerium, übernahm im Alter von 32 Jahren die Leitung der politischen Abteilung der preußischen Polizei, hatte engen Kontakt zu Hermann Göring und war von April 1933 bis April 1934 der erste Chef der Gestapo, bevor ihn Heinrich Himmler verdrängte. Später amtierte er als Regierungspräsident in Köln und Hannover, trat erst 1937 in die NSDAP ein, hatte wohl Berührung mit Verschwörern gegen Hitler, wurde zweimal von der Gestapo verhaftet und trat in den Nürnberger Prozessen als Zeuge auf.

Wofür steht diese Gestalt? Ist sie ein einzigartiger Heros, eine ebenso edelmütige wie ungebärdige Kraftnatur – „der Zyniker mit den abgründig schwarzen Haaren“, „der Draufgänger und Schwängerer“?

Oder repräsentiert sie viel mehr, nämlich das große alte und künftige Deutschland, dessen unausgeschöpftes Potenzial auch nicht vom Nationalsozialismus angetastet werden konnte? Sie zeichnen Rudolf Diels als einen Menschen, der im geistigen Zwiegespräch mit Albrecht Dürer steht, als einen preußisch-pflichtbewussten Akteur, der nicht nur viele Verfolgte und Gefährdete schützte und rettete, sondern sogar in Nazigrößen wie Hermann Göring ehrenhafte Regungen zu wecken vermochte. Und einer wie Diels – so sehen Sie ihn – ist dann auch dazu berufen, im Namen des wahren Deutschland gegen die Selbstherrlichkeit und kulturelle Barbarei der Siegermächte aufzubegehren.


Kühsel-Hussaini: Ja. Rudolf Diels repräsentiert das große, alte und künftige Deutschland und ich hätte es nicht lebendiger, ich hätte es nicht wahrer und wahrhaftiger sagen können.

Genau diese Essenz, die nicht infizierbar, nicht käuflich, nicht bestechlich ist, genau das repräsentiert er. Und darf ich hinzufügen, meine Sicht auf Diels ist keine Laune seines königlichen Charismas, sondern mit den Worten des frühen Spiegel: Ich habe diesen Mann studiert.

Als ich „ihn begann", da waren es Ungereimtheiten à la Gestapo-Chef rettet Menschen. Wie aber geht das, fragte die ahnungslose Stimme der gelernten Narrative in einem, und was folgte, was ich fand und entdeckte, das waren Schätze seiner Menschlichkeit, die gegen die rasierten Geschichtsbilder des verlogen unterlegenen Schwachsinns anglo-amerikanischen Welthungers aufbegehrten.Von da an war ich nicht mehr zu retten, im Guten. Von da an war dieser Mann Schlüssel und Wahrheitsträger.

Glauben Sie mir, ich habe sowohl für „Emil" als auch für „57" gekämpft.

In diesem Land ist seit 1945 die Seele futsch. Gerechtigkeit hat sich in Unterstellung und Hetze verwandelt, Poesie und Geschichtshoheit hingegen gelten als das Böse schlechthin. Warum?

Weil Quellenwissen uns aus historischen Zäsuren befreit. Weil Sprache befreit. Weil beides Freiheit ist. Die hiesigen Menschen aber sollen nicht frei, sie sollen geistig unterdrückt, in aufgeklärter Atmosphäre beschnitten werden.

Rudolf Diels steht in dem Grunde seiner Existenz für die Lust zu leben, zu lieben, zu feiern, zu erkennen, sich aus der Zeit zu befreien ohne die Zeit zu leugnen. Er steht für Anstand ohne Moralismus, für Mitgefühl ohne Begriffe, für Freiheit mitten unter Adenauer.

Sein Widerstand zu allen Zeiten hatte keinen Namen, sein Widerstand war seine Person.

Und das Künftige in seinem Deutschland, wie Sie so richtig herausheben, das ist die Hoffnung: Denn wenn wir wissen, wenn wir die Geschichte selbst erkunden, dann können wir einander erlösen.

Nur so kann der Verkauf enden, der Verkauf Deutschlands. Der Verkauf, den die Siegermächte gesät, den die Deutschen in Hypnose fast vollbracht: Wir sind jetzt EINEN Millimeter vor dem endgültigen Ausgeliefertsein.


Böckelmann: Aus der deutschen Staatsasche steigt 1947 der journalistische Phönix Rudolf Augstein, errichtet sich seinen unerschrockenen Spiegel. Fast blindlings finden Diels und Augstein zueinander. Im Roman erhofft sich Diels, das Nachrichtenmagazin möge der „Träger einer unverfälschten deutschen Innenschau werden“. Denn „die echte Meinung der Menschen“ sei „eine ganz andere als die öffentliche. Die echte Meinung ist eine geheime Macht.“ Nun, heute dient Der Spiegel dem platten, offenkundigen, fortschrittseitlen Zeitgeist. Der junge Rudolf Augstein aber will „niemandem dienen“, sondern erkennt seinen Auftrag darin, Nachrichten aufzubereiten „für die Deutschen, für die deutsche Geschichte, für die Wahrheiten, die nicht Einlass gefunden hatten im Adenauerweltbild“. Genau das ist es, was der beflissene Spiegel von 2023 seinem Gründer übelnimmt: Das Wochenblatt sei unter dem jungen Augstein nicht entnazifiziert, nicht antideutsch genug gewesen. Wer „57“ liest, wird vor die Frage gestellt: Wie spiegelt sich heute das geheime Deutschland?


Kühsel-Hussaini: Der große Hypnotiseur Deutschlands – Konrad Adenauer – der als Saruman im Anzug die Deutschen in ihrem zerbrechlichsten Zustand in eine Masse höriger Kollektivschuld verwandelte, wird vom frühen Spiegel Augsteins unter scharf erlesenen Augen fixiert. Augstein und Diels haben sowohl jeder für sich als auch gemeinsam den Abgrund, der im gekauften Wiederaufbau keimte, gespürt. Nicht nur der heutige Spiegel dürfte davon nichts mehr spüren. Die Menschen spüren nicht mehr. Geschichte aber müssen wir spüren. Augstein und Diels sprachen zu den Menschen des Augenblicks, nicht zu Abonnenten.

Adenauer bekam den Spiegel zu spüren, der mehr und mehr Sog und Reiz, Sensibiliserung und Atem ausbildete, Besinnung und Mitsprache forderte, das geschändete Land durchflutete. Doch Adenauer gewann. Er gewann, was für ihn selbst ein Spiel, für Augstein und Diels aber das Ziel von einem sich selbst zurückgewinnenden, sich selbst vergebenden Deutschland war. Sich selbst zu vergeben aber hätte für Adenauer bedeutet, dass Deutschland seine Selbstbestimmung zurückerlangt hätte und das, wie wir wissen, war die absolute, unerträglich erniedrigende, unvergleichlich niederträchtige Ausschluss-Bedingung des Würgegriffs anglo-amerikanischer Siegermächte – denen es nicht um all die Opfer ging, sondern darum, Germany die Knie zu zertrümmern.

Das geheime Deutschland heute spiegelt sich in der ungebrochenen Sehnsucht und dem geistigen Einsatz für eine freie Menschenklasse. Kollektivismus und Geschichtsverstümmelung müssen endlich aufgegeben werden. Schuld an die Menschenwürde des Schuldigen angepasst sein. Der Überstaat wieder zum Staat aus der Ordnung seiner einzelnen Persönlichkeiten erblühen. Einsamkeit ist der Weg zum Einzelnen, ist der Pfad zu einer gemeinsamen Gesinnung der Freiheit.

Deutschland hat genug gelitten, von den Affekten, die der grobe Versailler Vertrag auslöste, bis hin zu ihrem Massenselbstmord, als sie sich für Hitler entschieden, bis hin zur Stunde null, die hinter den Trümmerkulissen bereits auf Jahrzehnte eingespielt wurde, bis hin zur heutigen politisch-gesellschaftlichen Einstellung durch ans Ruder gelangte Bonzinnen. Deutschland ist nicht verflucht. Ich plädiere dafür, den auswendig gelernten Schuldpegel herunterzudrehen, damit ein neuer Morgen am Horizont erwachen kann und das Erpressen ein Ende hat.


Böckelmann: Sobald die Themen Nationalsozialismus und Judenvernichtung auftauchen, fallen die Deutschen in Gefühls- und Denkstarre: Jetzt nur nichts empfinden oder sagen, was den Eindruck erwecken könnte, man relativiere das absolut Böse! So gewinnt man keine Haltung gegenüber dem Geschehen in jenen Jahren, geschweige denn Erkenntnisse. Ihr größtes Verdienst, Frau Kühsel-Hussaini, ist der Erkenntnishunger und die Unbefangenheit, mit denen Sie die nationalsozialistischen Machthaber, ja selbst die Gestapo, betrachten und zu begreifen versuchen. Dabei kommt Ihnen zugute, dass Sie nicht deutscher Abstammung sind.

Sie haben Ihre Protagonisten Diels und Augstein ja nicht erfunden, sondern alle zugänglichen Lebenszeugnisse und dokumentierten Äußerungen der beiden in den 1940-er und 1950-er Jahren minutiös ausgewertet. Beide setzen sich gegen die Unterstellung einer deutschen Kollektivschuld zur Wehr und geißeln die Anmaßung des Nürnberger Militärtribunals, zugleich Gesetzgeber, Staatsanwalt und Richter zu sein. Was mich aber besonders beeindruckt, ist Augsteins Einsicht, dass der Nationalsozialismus als politisches und geistiges Zeitphänomen noch gar nicht richtig erklärt worden ist und die Amerikaner nur geringes Interesse haben, es zu erklären, ja dass der unerklärte Rest immer wieder nur als Beleg für eine unfassbare Abgründigkeit abgetan wird. Augstein und Diels hingegen nehmen für sich in Anspruch, als teilnehmende Beobachter der Vorgänge in den Jahren 1933 bis 1945 besser als US-Psychologen und US-Publizisten verstehen zu können, was sich um Hitler herum und im gesamten Nazireich abgespielt hat. Und wohlgemerkt, es geht nicht um Rechtfertigen, sondern um den tabuisierten historischen Hintergrund des Massenmords.

Auch vor diesem Hintergrund ist es befreiend, dass eine Autorin wie Sie, die in das Schuldgespinst nicht verstrickt werden kann, das Wort ergreift. Ursprünglich hatte Ihr Roman ja den Untertitel „Enzyklopädie der Schuld".

Den Deutschen immer wieder die deutsche Schuld, Judenvernichtung und Kriegsverbrechen, einzubläuen, ist im Lauf der Jahrzehnte zu einer Art von Besessenheit geworden. Niemand bestreitet diese Schuld, aber unermüdlich wird sie nachgewiesen. Wie die Furien Rassismus und Antisemitismus hat die rituelle Selbstbeschuldigung regressive Züge. Sie ersetzt politische Orientierung, verklärt die Realitätsflucht zur Pflichtübung. Und es scheint keine Rolle zu spielen, dass mit den besiegten Deutschen bereits erbarmungslos abgerechnet worden ist, die Bestrafung somit bereits stattgefunden hat – in einem Ausmaß, das sich jeder vergleichenden Gewichtung entzieht.

Können Sie dieser These etwas abgewinnen?


Kühsel-Hussaini: Genau in dem von Ihnen kraftvoll skizzierten Zustand historischer Primitivität, befinden sich auch einzelne lustig-linke MERVE-Verlags-Subalterne. Dort sollte „57 – Eine Enzyklopädie der Schuld“ ursprünglich erscheinen. Überschwänglich und begeistert und direkt, ja mir sehr sympathisch, hat sich der MERVE-Boss das Manuskript auf mein Angebot hin zu Gemüte geführt und schließlich die Fahnen erstellt. „Hammer!" und „atemberaubend!" waren seine Reaktionen. Er hatte das Erlösende darin verstanden.

Ganz kurz vor Drucklegung schrieb er mir, dass sich „an Nolte eine Palastrevolution entzündet“ habe, der er nicht „gewachsen“ sei. So nach dem Motto: Alles Gute! Shit happens!

Ich lasse Ernst Nolte in „57“ zu Wort kommen, mit dem Resultat, dass seine These vollkommen human, edelmütig und behutsam – sprich, als das, was sie war – Licht findet.

Da aufzugeben meinem Wesen vollkommen fremd ist, habe ich noch in derselben Nacht mir wichtigen Menschen die MERVE-Fahnen geschickt. Bereits sehr bald darauf schickte ich sie fantastic Christian Strasser, der den Text nicht nur umgehend durchtauchte, sondern in ihm den Inbegriff seiner menschlichen und verlegerischen Überzeugungen fand – oder, wie er so hinreißend sagte: „57 ist auch mein Buch.“

In nur zwei Monaten hat es der leidenschaftlich-elegante Strasser in die Welt geholt, in seinem 1933 in Zürich als Reaktion auf die Nazis gegründeten Europa Verlag für verfolgte oder verbotene Bücher.

Ich möchte an dieser Stelle dem MERVE-Verlags-Boss für das ausgezeichnete, im Jahr meiner Geburt 1987 bei MERVE (!) erschienene Buch „Jacob Taubes Ad Carl Schmitt – Gegenstrebige Fügung“ danken, das er mir – während ich „57“ beendete – unaufgefordert als Inspiration und mit „sehr herzlichen“ Grüßen geschickt hat. Ein reizendes Büchlein! Herrlich, wie der „Erzjude“ Jacob Taubes hier die Bestie Ernst Nolte als eine der wahrhaftigsten Ausnahmen unter den Historikern feiert!

Wer weiß, wie lange die Antistil-Geisteszwerge bei MERVE so hochgefährliches Zeug noch in den legendären Regalen belassen.Wenn ihnen die gigantische deutsche SCHULD genommen würde – was bliebe ihnen dann noch als Eigenes?


Böckelmann: Auf die Verhältnisse in der jungen Bundesrepublik Deutschland blicken Diels und Augstein mit Verachtung. Sie sehen eine „fingierte Staatlichkeit“, mit einem Grundgesetz, das die Besatzer „in unser Land transplantiert“ haben, beherrscht von „charakter- und marklosen Gestalten“, die „kein echtes Blut mehr in sich tragen“, vielmehr „einen Cocktail aus politischen Minderwertigkeitskrämpfen“. Und die Beherrschten, Mutlosen, Schuldbeladenen im Land und im Parlament erscheinen Diels und Augstein – und wohl auch Ihnen selbst – wie „blinde, taube, stumme Kinder“, keineswegs weniger geknechtet als unter Hitler, nur auf andere, narkotisierte Weise.

Das wirft die Frage auf, durch welche Belohnungen und Befürchtungen die BRD-Bürger in ihrer großen Mehrheit bei der Stange gehalten worden sind. Von einem selbstbestimmten Deutschsein waren und sind diese Bürger weit entfernt, überwältigt und durchtränkt vom „weltumspannenden Schwachsinn der Amerikaner“. Im Rückblick erscheinen diese keineswegs mehr als Befreier. Das Urteil von Diels und Augstein fällt eindeutig aus: In die Weltkriege haben die Vereinigten Staaten nicht etwa als Vorkämpfer von Humanität und Demokratie eingegriffen, sondern geleitet von dem Interesse, Deutschland und Japan niederzuringen, „die beiden gefährlichsten industriellen Konkurrenten auf dem Weltmarkt“. Und ihre Idee von „Weltgemeinschaft“ ist Treibstoff für „die Weltherrschaft des Dollars“.

Ein souveräner Staat ist die Bundesrepublik Deutschland bis heute nicht geworden. Sie ist ein Nachkriegsland geblieben. Unverfroren gefragt und aus der Zeit von Diels und Augstein auf die Gegenwart projiziert: Haben Sie Hoffnung, dass Deutschland auf einem multipolaren Planeten wieder seiner selbst gewahr wird? Und wenn ja, gemeinsam mit wem?


Kühsel-Hussaini: Das Deutschland der aktuellen Tage steht unter keinen wohlwollenden Sternen mehr, auch sie haben sich abgewandt vor so viel Selbsterniedrigung.

Der – übrigens wörtlich so von Diels in einem Brief formulierte – „weltumspannende Schwachsinn Amerikas“ hat den geistigen und freiheitlichen Kern der westlichen Welt verseucht und den halben Orient auf die Reise geschickt.

Im keifenden Internet-Pseudo-Journalismus ist von vergewaltigenden und den Westen schändenden „Afghanen“ zu lesen. Die großen hidden agendas Amerikas, des weltweit größten Konsumenten von Kindersex und eigentlichen Zerstörers des Westens, bleiben dort ausgeblendet.

Wann legt man den Menschen hierzulande kulturhistorisch endlich ans Herz, dass der Ami, der einem nach 1945 strahlend ein Pastrami-Sandwich in die klirrende Luft der Eiseswinter des besetzten Deutschlands hielt, nicht der Befreier war und dass ein Kulturvolk aller Augen- und Haarfarben wie Afghanistan aus seinem Dornröschenschlaf am Ende der Welt von imperialistischen, anglo-amerikanischen Neandertalern gerissen und zu einem heimatlosen, vogelfreien Geist seiner selbst geworden ist?

Die deutsche Schuld hat Deutschland klein gehalten, und noch kleiner wird es werden, wenn es nicht die letzte Kammer seiner Persönlichkeit betritt: jene goldene Kammer, die keine Angst mehr hat, die Welt jenseits des transatlantischen Tumors zu berühren.


Böckelmann: „Augsteins Mundwinkel waren schon eine Sensation, die besaßen etwas so Unheiliges, etwas so Ansteckendes, Filigranes und bedrohlich Schönes, wie er die Lippen so zusammenpresste beim Schmunzeln!“ (S. 41) So ansteckend inszenieren Sie das Zwiegespräch Ihrer Protagonisten.

Wenn ich meine letzten vier Fragen überlese, bemerke ich, dass ich Gefahr laufe, das Wesentliche Ihres Werks zu verfehlen. Denn diese Fragen sind so formuliert, dass man meinen könnte, ich spräche mit einer Sachbuchautorin. Doch Sie haben einen Roman geschrieben, der mit kühnem, virtuosem Zugriff vermeintliche Wahrheiten zum Taumeln bringt – und doch nicht in den Wind schlägt, sondern sie mit der Zeugenschaft unbestechlicher Geister ergänzt. Die Sprache Ihres Romans intoniert etwa Unerhörtes. Sie rüttelt auf nichtdiskursive Weise an den Deutungsrastern, in die wir Nationalsozialismus, Zweiten Weltkrieg, Judenvernichtung, Vertreibung und Nachkriegsordnung gezwängt haben. Zur zeitgeschichtlichen Erkenntnis, dem Forschungsertrag, kommt diese Sprache nicht einfach hinzu. Vielmehr ermutigt sie uns, stillgelegte Erfahrungsebenen zu betreten und die deutsche Vergangenheit erstmals wieder auf souveräne, eigene, deutsche Weise zu erkunden.

„Das Leprastöhnen des Krieges im Stadtbild füllten jetzt steingläserne Kästen, die einen ansahen. Fremde, eigenartige, kühl elegante Geometrien, die ihre Städte mit dem Versprechen konfrontierten, sie in Ruhe zu lassen, wenn sie sich nicht weigerten, in die Gegenwart einzuwilligen. Die abgeschnittene Zunge der Geschichte bekam einen neuen Gaumen eingebaut und summte zu einem unbeschriebenen Klang.“ (S. 124) So beschreiben Sie die Wahrnehmung des Jazzmusikers Chet Baker, der in den 1950-er Jahren Deutschland auf seine Weise entdeckt.

Sie sind alles andere als eine Amerikahasserin. Solche Episoden im Roman bestätigen das ganz nebenbei. Doch wer sich Ihrer inspirierten Überzeugungskraft und den Zeugnissen Ihrer wiederentdeckten Protagonisten nicht verschließt, wird zu der Einsicht gelangen, dass die Vereinigten Staaten zu keiner Zeit ein Gegenentwurf zu Nazideutschland waren. Ich zitiere eines ihrer moritatenhaften Gedichte, die Sie den 44 Kapiteln Ihres Romans jeweils voranstellen:


Arthur Morse schrieb ein Buch

WHILE SIX MILLION DIED

Fünf Monate hat Roosevelt also verstreichen lassen

Als die krassen

Nazis ihm tausende Juden angeboten

Die sonst zu Toten

Zu werden drohten.

Delano tat nichts

Auch angesichts

Einer Warnung von ‘42 nicht

Von wegen Hitler sei erpicht

Darauf alle Juden in Europa zu vernichten.

Erst ‘44 nach der ganzen Scheiße

Wurde er Roosevelt der Weiße.

Sogar im Weltkampf lachte man ’39 über die amerikanische Kälte

In der die jüdischen Gäste draußen warten mussten

Und nicht wussten

Ob sie noch eingelassen werden in die states

Und auch ’38, als die Synagogen brannten, fragte man Roosevelt

Ob das Gesetz zur Einwanderung nicht gelockert werden sollte?

Er: Das stünde nicht zur Debatte! Er wollte

Sie einfach nicht.

Und schon ’34 glänzte Amerika in seinem Rassenhass auf die dunkle Haut

Außerdem waren an gewissen Universitäten Juden nicht erlaubt.

(S. 110)

Mariam Kühsel-Hussaini: 57. Roman. Europa Verlag: München 2023. 368 S., 25 €



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