Frank Lisson: WAS ES MIT CORONA AUF SICH HAT

Frank Lisson rezensiert Rudolf Brandners Corona-Essay zur 'Pathologie der Freiheit', erschienen in der aktuellen Compact-Ausgabe.



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Für eine tatsächlich fundierte, tiefgründige Ursachenforschung und Sachanalyse der Hintergründe jener vor allem medial ausgelösten Pandemie ist es freilich noch zu früh. Derzeit stehen wir dem Rätselhaften des Ereignisses ähnlich hilflos gegenüber wie die Menschen zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges, als noch niemand hätte sagen können, worum es dabei überhaupt ging und was genau der Anlass dieses, rasch eigendynamisch fortwirkenden Geschehens war. Vielleicht muss auch die sogenannte Corona-Krise erst historisiert werden, damit es möglich wird, hinter die Kulissen zu blicken und Abläufe oder Machenschaften aufzudecken, die uns heute noch verborgen bleiben, da uns der Abstand zu den Dingen fehlt. Deshalb verwundert es nicht, dass bei der Rezeption des längst unerträglich gewordenen, ja absurden Corona-Dauer-Theaters die Frage nach der tieferen Bedeutung dessen, was hier eigentlich passiert, bislang kaum gestellt wurde. Man fragte nach dem Wie, auch nach dem Warum, ließ dabei aber die wohl wichtigste Frage, die nach dem Was, weitgehend außer Acht.


Nun hat der Freiburger Philosoph Rudolf Brandner in einer Sammlung von Aufsätzen unter dem Titel »Pathologie der Freiheit« den Versuch unternommen, ein wenig Licht in die von sämtlichen Staatsmedien teils bewusst herbeigeführte Verdunkelung der so schwer durchschaubaren Inszenierung zu bringen. Dadurch erhält die Zeitschrift COMPACT, wo die Texte erschienen sind, gewiss eine Aufwertung, neigt doch der Herausgeber in offenbar bewährter Trash-Manier nicht selten zu maßlosen Übertreibungen und zu mehr als bloß schiefen Vergleichen, was der seriösen Kritik an dem zu beleuchtenden Gegenstand und deren Glaubwürdigkeit freilich nicht immer zugutekommt.


Zwar handelt es sich naturgemäß auch bei Brandners facettenreichen Versuch über weite Strecken mehr um eine Bestandsaufnahme als um eine tiefschürfend-erhellende, »evidenzbasierte« Hintergrundanalyse dessen, was hier eigentlich gerade mit uns passiert, da eine solche zum gegenwärtigen Zeitpunkt ja auch noch gar nicht möglich ist. Nichtsdestoweniger ist es sehr zu begrüßen, dass Brandner eben nicht bloß polemisiert oder sich in kruden Spekulationen verrennt, sondern denkend, also rational das Phänomen zu erfassen sich bemüht. Er sieht in den Geschehnissen, im »orientierungslosen Umgang« der Staaten mit der »viralen Infektionskrankheit« vor allem ein »geschichtliches Offenbarungsereignis«, worin »sich die ganze Verfassung einer Gesellschaft offenlegt« und dadurch gewissermaßen »das Virus als Krankheit moderner Gesellschaften« erkennbar wird. Darum die globale Hysterie. »In einer demokratischen und der Rationalität verpflichteten Gesellschaft würde man erwarten, dass diese Kontroverse in alle Ruhe und Gelassenheit in den öffentlichen Medien ausgetragen wird.«


Stattdessen aber verbreiteten die Regierungen Panik und nutzten diese Panik, um die Menschen beinahe ungehindert einschüchtern und manipulieren zu können. »Bürger, die die Wiederherstellung ihrer Grundrechte einfordern, werden zu solchen erklärt, die die verfassungsmäßige Ordnung umstürzen wollen.« Das Demonstrationsrecht werde durch perfide Auflagen quasi außer Kraft gesetzt. Doch alle, die genügend Macht und Einfluss hätten, sich zu widersetzen, schweigen. Aus diesem Grund wirft Brandner der Politik und deren wissenschaftlichen Helfershelfern »intellektuelle Unredlichkeit« vor, da sie der staatlich propagierten Moral mehr Raum gewährten als der neutralen Wissenschaft. Statt irrationaler, inkonsequent durchgeführter Maßnahmen, die oft bloßen Symbolwert haben, fordert Brandner eine »ordnungspolitische Rationalität als Garant des Allgemeinwohls.« Dies beinhalte jedoch nicht die Pflicht des Staates, seine Bürger vor jeder Form von Fährnissen zu bewahren, sie also überall in ihrem Umgang mit sich selber zu bevormunden. »Sowenig es Sache des Staates ist, den Einzelnen vor Unfällen zu schützen, sowenig vor Krankheiten und Infektionen.«


Hier berührt Brandner allerdings einen heiklen Punkt, insofern er das Recht auf Eigengefährdung über das Recht auf Schutz der Gesamtheit stellt, wobei jedoch vonseiten der Staaten eine Verantwortungsverschiebung in die Anonymität stattfinde. Die Hauptschwierigkeit bestehe deshalb darin, dass die Regierenden dem Menschen das »elementare Freiheitsrecht auf eigenverantwortliche Selbstgefährdung« absprechen, während sie ihrerseits ebenfalls keine Verantwortung mehr zu übernehmen bereit seien, sondern »die Verantwortung auf umfassende Kollektive und anonyme Institutionen wie die EU, die WHO, die UN oder beliebige Forschungsinstitute« verlagerten, wodurch jene »Verantwortungsdiffusion« entstehe, die ein generelles »Demokratiedefizit« sei. Darum hält sich der Autor lange bei dem verfassungsrechtlichen Problem auf, wie wirksam in der Praxis das sogenannte Widerstandsrecht sein könne und wann ein Zustand überhaupt dazu legitimiere, es einzufordern. Doch freilich erkennt auch Brandner die Paradoxie jenes sonderbaren Artikels. Denn natürlich kann nicht »der Staat als gesetzgebende und rechtsetzende Gewalt, sondern nur der Bürger selbst sich das Widerstandsrecht verleihen: Es beruht ganz auf der ethischen Selbstermächtigung des Einzelnen.« Außerdem könne ein solches Widerstandsrecht nur über Passivität, also über Verweigerung geltend gemacht werden. Dazu müsse der Verweigerer aber auf breite Solidarität in der Gesellschaft zählen dürfen. »Die Durchsetzungskraft des Widerstandes hängt also immer davon ab, wie viele ihn praktizieren.«


Zum Schluss konstatiert Brandner, dass die übertriebene »Hysterie der Todesangst« beim Auftreten eines doch relativ harmlosen Virus wie dem der Covid-Variante nur deshalb überhaupt entstehen konnte, weil der heutige Mensch keine höheren Ziele oder Erwartungen mehr in sich trage, sondern nur noch über das bloße Leben verfüge, er also mehr in der Dauer als in der Intensität des Lebens existiere. Folglich scheue man jedes Risiko und verlange nach der totalen Sicherheit, die es natürlich nicht geben könne, sondern nur den totalen Staat. Zu dessen Aufbau biete ein solche, zur Pandemie hochgeschaukelte Infektionskrankheit nun die Gelegenheit. Man habe die Menschen auch deshalb durch Panikmache »zum Narren gehalten«, weil eine Menge unredlicher Interessen damit verbunden seien, zuletzt sogar das der Immunisierung, die ja ebenfalls mehr als umstritten ist. »Das Blendwerk ›Impfung‹ soll nun das Platzen der selbst erzeugten Blase verhindern und den Ausstieg erleichtern – zumindest bis zu den Wahlen«.


Tatsächlich dürfte in den von Brandner aufgezeigten Aspekten nach dem eigentlichen »Mehrwert« oder praktischen Sinn der ganzen Inszenierung zu suchen sein. Eines Spektakels, das uns Weltgeschichte erleben lässt und dessen Hintergründe sich auch deshalb noch nicht ausreichend erhellen lassen, weil sie vielleicht selber gerade erst im Entstehen sind. Dagegen ließe sich aber eines wohl jetzt schon sagen: Durch das Unverhältnismäßige der staatlichen Maßnahmen sowie durch die unerträgliche Redundanz der Nachrichten wird jeder einzelne auf die Charakter- und Geduldsprobe gestellt! Wer die Corona-Schikanen – Ausdruck und Ablenkungsmanöver politischer Inkompetenz bisher nie gekannten Ausmaßes – ohne weiteres gutheißt, signalisiert damit seine absolute Loyalität zum Regime und dürfte folglich auch alle späteren und noch zu erwartenden Staatschikanen decken und durchsetzen. Mittels dieser Charakterprobe findet eine Selektion, eine weitere »Säuberung« im öffentlichen Raum statt, die innerhalb der Institutionen nur noch Linientreue und Opportunisten und Stumpfsinnige übriglässt und alle Kritiker oder Skeptiker in die staatlich ausgegrenzte Nische drängt. Allerdings ist die daraus folgende Verschärfung der Spaltung unserer Gesellschaft als unbedingt notwendig hinzunehmen, damit dem »gesunden Menschenverstands« die Chance bewahrt bleibe, sich der Willkür und Gleichschaltung durch die herrschenden Funktionseliten entziehen zu können. Denn das Fundament eines jeden Rechtstaates ist und bleibt die Kritikfähigkeit seiner Bürger.


Wem also das Rätselhafte des Corona-Phänomens und dessen staatspolitische Benutzung genügend Sorge bereitet und wen die erlebten Absurditäten dazu veranlassen sollten, selber einmal gründlich danach zu fragen, was hier eigentlich gerade passiert, der findet in der Essay-Sammlung »Pathologie der Freiheit« einige Anregungen dazu. Denn zur notwendigen Aufklärung dieses folgenreichen und rational so schwer zu durchdringenden Ereignisses hat Rudolf Brandner einen wertvollen Beitrag geleistet.




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