Friedrich Pohlmann: REZENSION VON STEFFEN MELTZER (Hg.): 'Die hysterische Republik'

Rezension von: Steffen Meltzer (Hg.), Die hysterische Republik, Ehrenverlag Potsdam, 2021, 245 S.


Der Band versammelt Aufsätze zu den Niedergangs- und Auflösungsprozessen unserer liberaldemokratischen Ordnung und ihrer noch nicht recht präzisierbaren Transformation in ein neuartig-autoritäres Herrschaftsgebilde. Dabei kommen zum größten Teil Autoren zu Wort, die in ihrer Berufspraxis alltäglich „hautnah“ mit diversen Symptomen dieser Prozesse konfrontiert sind. Alle Beiträge künden von ihrer qua Profession bewirkten Distanz zu den bei uns dominanten Ideologemen politischer Korrektheit, und sie machen zugleich die belastende Bürde zu verarbeitender kognitiver Dissonanzen deutlich, die diese Distanz impliziert. Daß der permanente Druck kognitiver Dissonanzen insbesondere bei Berufsgruppen wie der Polizei verheerende Konsequenzen haben kann, beleuchtet der Herausgeber, der selbst höherer Polizeibeamter war, kenntnisreich.


Die Texte sind in fünf Kapiteln jeweils um ein größeres Themenfeld gruppiert. Im ersten geht es vor allem um neuartige Beherrschungstechniken unseres nachbürgerlichen Versorgungsstaates („Nanny-Staates“), der mittels „Nudging“ seine Kind-Bürger zu manipulieren trachtet, sich aber im Corona-Regime tendenziell zum Despoten, zum „Hygienestaat“ mit totalitären Zügen verwandelt hat (der Beitrag Oliver Noelkens). Daß das sanfte Regiment des „Nudging“ und das brutal-willkürliche „Coronas“ funktionieren können, hat freilich sozialpsychologische Prägungsprozesse zur Voraussetzung, die im Zuge der jahrzehntelangen Umformung einer bürgerlichen liberaldemokratischen Ordnung in eine postbürgerliche „bunte“ Massendemokratie wirkten. Diese Prägungen thematisiert Wolfgang Geist: Verlust von Eigenverantwortung; Infantilisierung; parasitäres Anspruchsdenken an den Versorgungsstaat, die „große nährende Mutter“; mentale und physische Brutalisierungen im Zuge schrumpfenden Wohlstandes … Die Verwandlung des „Nanny“- zum „Corona-Staat“ wurde durch zweierlei ermöglicht: durch eine mit primitivsten Freund-Feindbildern arbeitende systematische Angst- und Panikerzeugung „von oben“ (Steffen Meltzer) und durch die Indienstnahme von Wissenschaft und Medien zu „gemieteten“ Propagandaapparaturen. Über systemische Ursachen für ihre leichte Korrumpierbarkeit klärt ein Aufsatz Wolfgang Freitags auf.


Die Texte des zweiten Kapitels („Tabuthemen“) reflektieren Folgen der Herrschaft der politischen Korrektheit. Wolfgang Meins analysiert am Beispiel eines großangelegten, ausschließlich ideologiegeleiteten „Gutachtens“ der als nationale Akademie der Wissenschaften 2008 gegründeten Leopoldina zur „Traumatisierung von Flüchtlingen“ Zerfallsprozesse wissenschaftlicher Institutionen, während Steffen Melzer Techniken des Verschweigens und Umdeutens migrantischer und linksextremistischer Gewalt und ihre verheerenden Konsequenzen für die innere Sicherheit unter die Lupe nimmt.


In den folgenden Kapiteln werden – außer einem theoretischen Klärungsversuch der durch „Corona“ hochaktuellen Phänomene von Konformismus und Denunziation (Ulrich Schödlbauer) – vor allem die alt-neuen Probleme der unter der Herrschaft des linksextremen „Buntismus“ ideologisch und finanziell weitgehend im Stich gelassenen Polizei aufgelistet, während in den Schlußüberlegungen aus der Zusammenschau aller zuvor thematisierten Niedergangsprozesse ein düsteres Zukunftsszenario als wahrscheinlich - das eines total kollabierenden gesellschaftlichen Systems – ausgemalt wird.


Insgesamt: Eine verdienstvolle Aufsatzsammlung mit kleinen Schwächen. So scheinen manche Beiträge zum Corona-Komplex aus einer Zeit zu stammen, als das diesbezügliche dichte Lügennetz noch nicht recht durchschaubar war, und auch das Phänomen der in den letzten beiden Jahren beobachtbaren systematischen Brutalisierung polizeilichen Handelns gegen friedliche Demonstranten – ein zentraler Indikator für die autoritäre Systemtransformation – wird zu wenig reflektiert. Das Buch ist aber gerade auch für Sozialwissenschaftler, denen freilich manchmal der Versuch zu einer theoretischen Verdichtung des Beschriebenen etwas zu kurz gekommen erscheinen mag, wegen seiner „berufspraktischen“ Grundperspektive auf die mannigfaltigen Verfallssymptome sehr lehrreich.




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