Günter Scholdt: DAS WÄRE JA GELACHT! – Ein Insider schwadroniert

Ob Mathias Döpfner oder Matthias Helferich: Immer mehr Gedankenverbrecher versuchen sich mit dem frechen Verweis auf doppelte Böden und uneigentliches Sprechen aus der Bredouille zu ziehen. In einem fiktiven Dialog wirft Literaturwissenschaftler und TUMULT-Autor Günter Scholdt die Frage auf, wie in dieser Sache Abhilfe zu schaffen wäre.



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- Glauben Sie mir, Herr ... (wie war doch gleich Ihr Name?)…

- Beutelmeier.

- Richtig. Glauben Sie mir: Zur antipopulistischen Meinungskontrolle brauchen wir eine verbindliche Klärungsstelle in Sachen Ironie und Satire. Auch für die Justiz. Gibt es doch nach wie vor Gedankenverbrecher, die sich dreist hinter solchen Rede- oder Kunstformen verschanzen.

- Tatsächlich?

- Jüngst hat sich sogar Mathias Döpfner, immerhin Vorstandsvorsitzender des Springer-Konzerns, erfrecht, Skandalöses zu schreiben: Seinen entlassenen BILD-Chefredakteur nannte er den einzigen im Lande, der noch mutig gegen den „neuen DDR-Obrigkeitsstaat“ aufbegehre. Fast alle anderen seien zu „Propaganda-Assistenten“ geschrumpft.

- Donnerwetter. Nun ja, der Mann leitet schließlich den Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger. Da weiß er vielleicht besser Bescheid als unsereiner. Ein bisschen freier könnten die Qualitätsmedien ja wohl manchmal sein.

- Wie bitte? Egal ob es zutrifft, sowas sagt man einfach nicht. Eigentlich müsste jetzt sogar Haldenwang loslegen. Unsere Eggheads in Köln haben kürzlich erst in nächtelangem Grübeln gegen Querdenker einen neuen Extremismus-Tatbestand ersonnen: „Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates“. Aber wer wird schon Springer ans Bein pinkeln. Dazu raten vermutlich selbst unsere politischen Auftraggeber nicht.

- Das wäre höchst riskant.

- Eben. Doch es nervt mich greulich, wie dieser Döpfner‘sche Schlawiner sich verteidigt hat! „IRONIE“ soll das gewesen sein. Woran merkt man das? Und er hätte sich auch nur in einer „privaten“ Mail geäußert. Weiß er nicht, dass es in Sachen Meinung in unserem Land nichts Privates mehr gibt. Bei populismusverdächtigen Aussagen ohnehin nicht.

- Verfassungsschützer dürfen wohl keine Ironie kennen?

- Wär ja noch schöner. Wo es um höchste demokratische Werte geht, endet jeder Spaß. Höchstens wenn einer seine Ironie in den Dienst des Staates stellte. Konstruktive Ironie wird natürlich toleriert. Da hat z.B. mal die ZDF-Lady Nicole Dieckmann zum Jahreswechsel statt des üblichen „Prost Neujahr!“ ein „Nazis raus!“ getwittert. Das nenne ich originell und aufbauend. Auch die Fangfrage einer Bloggerin („Was ist denn für Sie ein Nazi?“) beantwortete sie schlagfertig: „Jede/r, der nicht die Grünen wählt.“ Den üblichen rechten Hass-Sturm im Netz konterte sie souverän mit der Aussage, alle Vernünftigen hätten ihre Replik als „Ironie“ durchschauen müssen. Das ist okay.

- Und was gilt bei Satire oder Ähnlichem?

- Auch da tummeln sich Fischige, die sich unserer Meinungskontrolle entziehen möchten. Nannte sich doch neulich ein AfD-Abgeordneter aus NRW – Helferich heißt der Kerl und bezeichnenderweise auch Matthias, allerdings mit zwei „t“ – das „freundliche Gesicht des ns“ oder den „demokratischen Freisler“. Auch dieser Aal berief sich auf einen privaten Scherz und die Ausrede, es handle sich bloß um „Persiflage“ auf Linksklischees über seine Partei. Niemals! Alle AfD’ler verehren Freisler oder hegen finstere Pläne, um umstandslos wieder den Nationalsozialismus einzuführen. Keine „Satire“, basta!

- Aber es gibt doch auch wertvolle, demokratische Satire. Böhmernann und so.

- Das ist natürlich was anderes. Wenn die Richtung stimmt und es gegen klimaschädliche Omas geht, bin ich dabei. Oder wenn der honorige Philipp Ruch vom „Zentrum für Politische Schönheit“ für Dortmund ein Theaterplakat fertigt: „Tötet Roger Köppel!“ Das passt. Genauso ein bisschen Polemik vom Nachbargarten Björn Höckes aus. Das ist Satire als schützenswerte Kunstform. Und die löbliche thüringische Justiz bestätigt das. Oder nehmen wir Falk Richters Theaterstück „Fear“, gegen den die humorlosen Hedwig von Beverfoerde und Beatrix von Storch albernerweise geklagt haben. Man hatte sie im Stück als Zombies dargestellt, denen man in den Kopf schießen müsse und – wie spaßig! – ihre Wohnadressen veröffentlicht. Aber es gibt noch Richter in Berlin mit Verständnis für Kunst. Und solche Satire macht in Deutschland frei.

- Wie beruhigend.

- Fragte mich übrigens neulich so ein Spinner, wohl ein rechter Provokateur, ob die Gerichte auch so entschieden hätten, wenn statt Köppel, Höcke oder von Storch etwa Greta oder Annalena mit ausgestochenen Augen auf der Bühne dargestellt würden. So eine Frechheit. Habe mir sicherheitshalber mal gleich seine Adresse und die Bankkonten notiert.

- Und wie soll das praktisch laufen? Kriegt man genügend Fachleute für Ihr geistiges Clearing?

- Kein Problem. Wie viele talentlose, angeblich eine Geisteswissenschaft Studierende suchen einen gutdotierten Job! Und was müssen sie bei uns tun? Zwei, drei Gattungsbegriffe pauken, ein paar Urteile zitieren, und schon kann’s losgehen. Die Ausschreibung richtig hinkriegen – mit all dem „m./w./d.“ – ist viel schwerer als deren ganze Arbeit.

- Aber manche Entscheidungsfragen sind ganz schön subtil.

- Wieso?

- Man müsste z.B. differenzieren zwischen „freiwilliger“ und „unfreiwilliger Ironie“. Es gibt Sarkasmus, schwarzer Humor, Realsatire oder …

- Ogottogott, Sie Bedenkenträger. Glauben Sie Facebook oder die andern tun das? Dazu reichen denen Algorithmen. Aber werden wir mal konkret. Sie nennen mir Beispiele, und ich antworte blitzartig, in welches Töpfchen wir die Aussagen stecken! Also los!

- Nun, vielleicht … Eine Regierung zieht alle Register, um ihre Untertanen zur Impfung zu pressen, und spricht dann von hoher „Impfbereitschaft“. Ist das Ironie?

- Natürlich nicht.

- Herr Spahn lehnt es ab, Geimpfte zu testen. Sonst wäre seine Pandemie nie zu Ende. Freiwilliger oder unfreiwilliger Humor?

- Herr Spahn sagt’s, wie’s ist.

- Wenn eine „Stern“- und NDR-Redakteurin nach der Landtagswahl twitterte: „In Thüringen würde ich ab morgen bedenkenlos jedem fünften Menschen, der mir begegnet, einfach eine reinhauen.“ Ist das „Hassrede“ oder „Satire“?

- Nichts von beidem, sondern schlicht Engagement einer mündigen Bürgerin.

- Wenn ein Weimarer Familienrichter, der in Sachen Maskentragen nach Regierungsmeinung falsch geurteilt hat, dies durch Hausdurchsuchung büßen muss, war das vielleicht eine „Parodie“ auf den Rechtsstaat und die Gewaltenteilung?

- Jetzt kommen Sie auch noch mit neuen Begriffen! Was heißt da „Parodie“? Die Regierung hat recht.

- Als unsere Parlamentarier im Schnellverfahren ihr Infektionsschutzgesetz novellierten und dabei x-mal von „ermächtigen“ sprachen, war das geschichtsbezogene „Selbstironie“? Oder wenn jemand mit dem Schild um den Hals, auf dem „Grundgesetz“ steht, durch Berlin spaziert und dafür der Polizei seine Personalien abgeben muss, ist das „Realsatire“?

- Jetzt reicht’s mir aber. Das ist ja direkt subversiv. Also Sie kriegen den Job auf keinen Fall, sollten Sie sich bewerben.

- Entschuldigen Sie, ich wollte doch nur möglichst wirklichkeitsnah fragen.

- Mann, seien Sie doch nicht so begriffsstutzig. Bei uns geht es nicht um Haarspaltereien. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Und die Kandidaten brauchen bestenfalls Durchschnittsverstand. Die Kenntnis einer Handvoll Bauernregeln genügt. Die kann man in zwei Tagen erbüffeln.

- Und welche wären das?

- Regel 1: Wenn zwei das Gleiche sagen, ist das nicht das Gleiche: Ein Plakat etwa zur Bundestagswahl mit der Aufschrift „Nazis töten!“ kann hängen …

- Gemeint sind ja wohl AfD’ler. Echte Nazis gibt’s ja kaum noch.

- Meinetwegen, wenn Sie so feinsinnig unterscheiden wollen. Kurz: das Plakat darf natürlich hängenbleiben. Bei uns herrscht schließlich Meinungsfreiheit. Eines mit dem Text „Hängt die Grünen!“ ist jedoch Volksverhetzung. Selbst wenn man, wie seinerzeit Mehmet Scholl, die Sache einschränkt: „…solange es noch Bäume gibt“.

- Aha, und Regel 2?

- Wie oben bereits erläutert: Privatsphäre in Deutschland war mal! Das ist keine Entschuldigung.

- Und Regel 3?

- Sie können einem Löcher in den Bauch fragen. Ich merk schon, sie sind keine politische Natur. Sie haben’s nicht im Blut. Den wirklich Fähigen kümmern keine Details. Sie halten lieber mal kurz den Daumen hoch und prüfen, wie der politische Wind weht. Dann liegt man immer richtig.





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Über den Autor:


Der Historiker Prof. Dr. Günter Scholdt war bis zum Ruhestand 2011 Leiter des Saarbrücker Literaturarchivs Saar-Lor-Lux-Elsass. Veröffentlichungen u.a.: Autoren über Hitler (1993); Die große Autorenschlacht. Weimars Literaten sreiten über den Ersten Weltkrieg (2015); Literarische Musterung (2017); Anatomie einer Denunzianten-Republik (2018).




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