Peter J. Brenner: DEUTSCHLAND - EIN LAND DER UNTERTANEN? — Zum neuen Buch von Josef Kraus

Aktualisiert: Aug 27


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Josef Kraus: Der deutsche Untertan - vom Denken entwöhnt



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Der französische Romancier Gustave Flaubert hat in der Mitte des 19. Jahrhunderts in seinem „Dictionnaire des idées reçues“, einem „Wörterbuch der Gemeinplätze“, ein Kompendium weitverbreiteter Dummheiten zusammengestellt. So kann man Josef Kraus‘ neues Buch über den „Deutschen Untertanen“ auch lesen: als ein Lexikon des verbreiteten Unsinns. Eine Gesellschaft, der ein solcher Spiegel vorgehalten wird, müsste eigentlich vor sich selbst erschrecken.


Es ist ein großes Verdienst des Autors, sich der undankbaren Aufgabe unterzogen zu haben, den Irrungen und Wirrungen des Zeitgeistes bis in den letzten Winkel nachzuspüren, sie zu ordnen und zu verdichten und in gut lesbarer Form aufzubereiten. Wer mit der geballten Wucht des in der Bundesrepublik dieser Tage grassierenden Unsinns konfrontiert wird, braucht keine Kommentare und Analysen mehr – der Unsinn spricht für sich und gegen sich selbst. Das wenigstens sollte man meinen. Man sollte meinen, dass niemand dieses Buch lesen kann, ohne dass ihm die Schuppen von den Augen fallen. So ist es aber nicht.


Seit ziemlich genau einem Jahrzehnt steht die Frage im Raum, warum es in Deutschland so weit kommen konnte, wie es 2021 gekommen ist. In rasanter Aufeinanderfolge haben sich in dieser Dekade politische Fehlentscheidungen von epochaler Bedeutung gehäuft. Es begann mit der Energiewende 2011, es folgte die Währungskrise per Euro-Rettung 2013, die Flüchtlingskrise 2015, die Klima‑ und Deindustrialisierungs­politik und schließlich seit 2020 die Corona-Krise. Dass Politiker seriell und kollektiv falsche Entscheidungen treffen, ist nichts Neues. Barbara Tuchman hat die Mechanismen in den 1980er Jahren in ihrem berühmten Buch über die „Torheit der Regierenden“ – „The March of Folly: From Troy to Vietnam“ – beschrieben. Mühelos könnte man Tuchmans Buch weitere Kapitel hinzufügen, bis hin zum aktuellen Afghanistan-Desaster, das für jeden Leser von Tuchmans Buch vorhersehbar war.


Um in Deutschland zu bleiben: Zu den spektakulären politischen Fehlentscheidungen der vergangenen Dekade kommen die schleichenden Prozesse: die Preisgabe der nationalen Währungssouveränität und der parlamentarischen Budgethoheit, eine bespiellose Schuldenpolitik mit zunehmender Inflation, der Verlust der Verteidigungsfähigkeit, der Zerfall des Bildungswesens, die Entkernung des Rechtstaates bis hin zum Bundes­verfassungsgericht, die Transformation der Legislative zu einer Abstimmungsapparatur mit 88-Prozent-Mehrheiten.



Ein Panorama des Niedergangs


Das ist die Ausgangslage für Josef Kraus‘ Buch. Geordnet nach politischen Themenfeldern entfaltet er ein breites Kompendium nicht nur der politischen Fehlentwicklungen, sondern vor allem der Mechanismen, die diese Fehlent­wicklungen hervorgebracht haben. Sie erst haben dazu geführt, dass diese Entwicklungen nicht nur als alternativlos hingenommen, sondern auch noch von den Geschädigten selbst umjubelt wurden. Die Multikulturalisten, Globalisten, Islamophilen und Antirassisten kommen zu Wort, ebenso die Gender- und Cancel-Culture-Aktivisten, die Propagandisten der Political Correctness; und schließlich werden im vierten Teil auch die Institutionen genannt, in denen sie ihr Unterkommen und ihre wirkungsmächtigen Unterstützer finden: die Kirchen, die Universitäten, die Medien und das von der amtierenden Bundeskanzlerin geschaffene politische „Autokratie-System“.


Dem „Arsenal des Gefügigmachens“ ist der dritte Teil des Buchs gewidmet. Neben eher peripheren Phänomenen wie dem „Nudging“ und dem „Neuro-Linguistischen Programmieren“ NLP verweist Kraus auf die alles umfassende Manipulation der Sprache nicht nur im Genderdeutsch. Als zurzeit wirksamstes Mittel erweist sich die „Phobokratie“, die Herrschaft der Angst, die sich – auch darauf geht Kraus kurz ein – in der Corona-Politik zu bislang unerreichten Höhen aufgeschwungen hat. (129-133)


So ergibt sich ein Panorama des Niedergangs. Thilo Sarrazin hatte seinem ersten Erfolgsbuch über das sich abschaffende Deutschland ein fiktionales Schlusskapitel angehängt: „Deutschland in 100 Jahren“. Ein Jahrzehnt später sind diese 100 Jahre vorbei. Diese Zukunft hat schon begonnen. Kraus behandelt das ganze weite Feld der Migration, der Asylzuwanderung, der Islamisierung Deutschlands und Europas allerdings nur unter den Stichwörtern „Islamismus“ und „Multikulturalismus“. (144-158)


Viele der mit den jüngsten Migrationswellen zusammenhängenden Fehlentwicklungen haben in der Tat mit dem Islam zu tun – viele, aber nicht alle. Die Asyl- und Migrationsthematik wird mit dem Aspekt „Islamismus“ und „Multikulturalismus“ nur in einer ihrer Facetten erfasst. Durch die Masseneinwanderung stoßen, mit Claude Lévi-Strauss zu reden, „heiße“ und „kalte“ Gesellschaften aufeinander; auf engstem Raum und in kürzesten Zeitspannen werden Mentalitätsunterschiede miteinander konfrontiert, deren Abstände nach Jahrhunderten zu rechnen sind. Das wird bei Kraus nur flüchtig angedeutet. (82) In einem Abschnitt „Dystopische Ausblicke“ verweist er aber doch knapp auf die düsteren Zukunftsvisionen der Literaten; auf die Romane Jean Raspails und Michel Houellebecqs, der die Unterwerfung, die „Soumission“ (59), beschrieben hat, die am Ende zur Selbstpreisgabe westlicher Kultur und freiheitlicher Lebensformen führen wird.



Unterwerfungsbereitschaft


Es steht nicht zum Besten mit der Bundesrepublik Deutschland. Man wird noch lange darüber rätseln, wie es dazu kommen konnte. Dass epochale Dummheiten im Regierungshandeln nicht neu sind, weiß jeder Historiker, sofern er nicht Mitglied im „Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands“ ist. Erklärungsbedürftig ist aber, wie es möglich sein kann, dass in einer modernen Demokratie, in der regelmäßig freie, gleiche und geheime Wahlen stattfinden, in der es ein uneingeschränktes Recht auf freie Meinungsäußerung gibt, in der Bildung und Wissenschaft einen noch nie erreichten Höchststand erreicht haben und in der die Bevölkerung durch traditionelle wie digitale Medien umfassend informiert, fast schon überinformiert ist – wie also in einem solchen Land eine selbstzerstörerische Politik immer noch breite, teilweise überwältigend große Zustimmung finden kann.


Die Merkel-Republik trägt Züge jener „formierten Gesellschaft“, die sich der Bundeskanzler Ludwig Erhard – von dem eine führende deutsche Politikerin glaubte, er sei ein Sozialdemokrat gewesen – in einer vielbeachteten Parteitagsrede 1965 zusammenphantasiert hat. Erhard wünschte sich die Überwindung einer durch Parteien, Verbände, Interessengruppen fragmentierten Gesellschaft zugunsten des Zusammenhalts in einer neuen Gemeinschaft, die aber nicht mehr „Volksgemeinschaft“ heißen durfte. Die Idee hat viel Spott auf sich gezogen und verschwand sang- und klanglos aus der politischen Diskussion. Aber ein halbes Jahrhundert später ist seine Wahlkampfvision doch noch wahr genworden.


Mit seinem Buchtitel deutet Kraus einen Erklärungsansatz an: Es sei der deutsche Untertanengeist, der willig dem folge, was die Obrigkeit ihm vorschreibe. Die Deutschen seien also, so lautet der Ausgangsbefund mit Blick auf Heinrich Manns „Untertan“ und Kants Aufklärungspostulat, obrigkeitshörig, gefolgschaftsbereit und autoritätsgläubig. Im ersten Teil, der dem „Braven Deutschen“ gewidmet ist, entfaltet Kraus ein kleines Panorama des Selbsthasses und der Unterwerfungsbereitschaft der Deutschen in Geschichte und Gegenwart. Mit diesen Befunden kommt er in die Nähe der „Autoritären Persönlichkeit“, wie sie in den 1940er Jahren von Erich Fromm, Theodor W. Adorno und anderen im amerikanischen Exil entworfen wurde. Die Autoren der „Kritischen Theorie“ wollten empirisch erfassen, wie eine Persönlichkeitsstruktur aussehen müsse, die den Faschismus hervorgebracht habe. Sie identifizierten Charaktermerkmale wie Autoritätsgläubigkeit, Destruktivität, Vorurteilsverhaftung. Das wird man ohne weiteres auch den heutigen Protagonisten der Selbstzerstörung zuschreiben können. Selbst der „Ethnozentrismus“ und der „Rassismus“, den die Analytiker der „autoritären Persönlichkeit“ als wesentliche Merkmale zugeschrieben haben, kehrt auf vertrackte Weise in der aktuellen „Identitätspolitik“ wieder.


Aber man wird Kraus‘ Buchtitel eher als eine Metapher lesen, entlehnt aus Heinrich Manns einschlägigem Roman, denn als einen historischen Befund. Es geht Josef Kraus weniger um historische Entwicklungen oder gar einen phylogenetischen germanischen Defekt, sondern um das Deutschland hier und jetzt. Dieses Deutschland bietet nun in der Tat hinreichende Belege dafür, dass sich die Deutschen, nicht anders als Diederich Heßling in Heinrich Manns Roman, gemütlich und zu beiderseitigem Vorteil mit ihrer Obrigkeit arrangiert haben und keinerlei Anstalten machen, dem selbst­zerstörerischen Treiben ihrer politischen Führung ein Ende zu bereiten.


Aber das reicht nicht. Gewiss ist die Lust an der Unterwerfung, die Bereitschaft, ohne Wenn und Aber politischen Führern oder einem anonymen Zeitgeist zu folgen, eine wichtige Voraussetzung dieser Politik. Aber den Kern der heutigen Verhältnisse trifft das nicht genau. Erklärungsbedürftig sind vielmehr jene kollektiven Prozesse der Selbstverdummung, die dazu führen, dass man die Maßnahmen, die gegen einen selbst gerichtet sind, nicht nur mit freudiger Unterwerfung oder blinder Pflichterfüllung hinnimmt, sondern auch der festen Überzeugung ist, man habe sie selbst hervorgebracht und es sei zum Besten aller, nicht nur der in Deutschland schon länger oder erst seit kurzem hier Lebenden, sondern auch für den Rest der Welt, wenn nicht gar für die Zukunft des Planeten.


Für ein Verständnis der von Kraus im überreichen Maße zusammengetragenen Phänomene reichen die traditionellen Erklärungsansätze der Philosophen, Anthropologen, Soziologen, Psychologen nicht aus. Gleich zu Anfang zitiert Kraus Étienne de La Boëtie, den Verfasser des um 1550 entstandenen „Discours de la servitude volontaire“, über „Die freiwillige Knechtschaft des Menschen“, mit dessen Einsicht, „die Tyrannei beruhe nicht auf Gewalt, sondern auf Unterwerfung“. (16) Nun zeigt dieses Boëtie-Zitat, dass die Unterwerfungs­bereitschaft weder neu noch eine spezifisch deutsche Eigenschaft ist. Für die aktuellen Verhältnisse bieten weder Boëtie noch Kant noch Heinrich Mann noch Theodor W. Adorno griffige Erklärungsansätze. Aber wissen würde man schon gerne, woher dieser lemminghafte Drang zur Selbstzerstörung kommt, den Kraus‘ Buch so lebhaft dokumentiert.

Wahrscheinlich kommt einiges zusammen. Gewiss sind die alten sozialen und anthropologischen Mechanismen im Zusammenspiel von Herrschaftstechnik und Unterwerfungsbereitschaft weiterhin wirksam, wie sie von Kennern des Menschengeschlechts schon seit der Antike beschrieben worden sind. Und gewiss darf man annehmen, dass Schulen und Universitäten, wie seit eh und je, ihren Beitrag zum Konformitätsdruck leisten. Neu hinzugekommen ist die Macht der Medien, die sich mit der Regierung und ihren zivilgesellschaftlichen Handlangern verbündet haben.


Am wirkungsmächtigen aber ist wahrscheinlich der Wohlfahrtstaat mit seinen umfassenden paternalistischen Angeboten, welche großen Teilen der Bevölkerung den Kontakt mit der rauhen Lebenswirklichkeit ersparen – und zu diesen großen Teilen der Bevölkerung gehören nicht nur die ursprünglichen Adressaten des Sozialstaats aus Deutschland und anderen Weltregionen, sondern auch die akademisch gebildeten Betreuungs-, Verteilungs- und Interpretationsfunktionäre im uferlos sich ausdehnenden Bildungs-, Politik- und Sozialsystem, in den staatlich direkt oder indirekt alimentierten Medien und den Organisationen der Zivilgesellschaft. In diesen wirklichkeitsentwöhnten Kreisen – Christopher Lasch sprach einst von den „blinden Eliten“ – erhält die Illusion stets neue Nahrung, es könne immer so weiter gehen, obwohl die Zeichen an der Wand schon überdeutlich zu sehen sind.


Dieser harmonische Dreiklang aus schulischer Indoktrination, medialer Manipulation und wohlfahrtstaatlicher Sedierung verdichtet sich zu jenem hegemonialen Diskurs, den Kraus in seinem Buch beschreibt. An einer Stelle bezieht er sich auf Michel Foucaults berühmte Antrittsvorlesung am Collège de France „L‘ordre de discours“ von 1970. (228f.) Das ist in der Tat einer der einflussreichsten Schlüsseltexte des poststrukturalistischen Denkens. Aber Kraus tut Foucault Unrecht, wenn er ihn hier als Stichwortgeber manipulativer Diskursstrategien verdächtigt. Politisch hat Foucault irrlichternde Positionen bezogen, nicht anders als sein französischer Vorläufer­Intellektueller Jean-Paul Sartre. Aber, und das ist der große Erkenntnis­gewinn, den Foucaults Diskurstheorie eben doch bietet: die „Ordnung des Diskurses“ ist nicht präskriptiv, sondern deskriptiv gemeint. Foucault gibt keine Anweisungen, wie man Diskurse manipulieren kann, sondern er beschreibt im Gegenteil, dass Diskurse nicht manipulierbar sind. Vielmehr entfalten sie ihre eigenen Dynamiken, der alle, die Beherrschten ebenso wie die, die sich für die Herr­scher halten, unterworfen sind. Ob das nun nicht wiederum ein gar zu pessi­mistisches politisches Konstrukt ist, kann dahin gestellt bleiben. Aber jedenfalls ist diese Diskurstheorie ein probates, wenn auch ziemlich unscharfes, Instrument, um Entwicklungen und Zustände verständlich zu machen, die sonst unverstanden bleiben müssen.



Was kommt danach?


Josef Kraus entlässt seine Leser aus seinem 300-Seiten-Buch nicht ohne einen Hoffnungsstrahl. Das Rettende, das bekanntlich jeder Gefahr innewohnt, wenn man den Dichtern glauben will, sieht er in der Wiederbelebung der „Bildungsnation“ Deutschland. (299) Eine Erneuerung des klassischen Bildungsauftrages an den Schulen und Universitäten werde, so hofft Kraus, den Weg zurück bahnen zu Wohlstand und Sicherheit, Vernunft und Augenmaß. Das möchte man gerne glauben, aber darauf hoffen sollte man nicht. Über drei Jahrhunderte hinweg war „Bildung“ in den abendländischen Gesellschaften das zentrale Medium der Emanzipation des einzelnen, des sozialen Aufstiegs, des Fortschritts und des Wohlstands und nicht zuletzt auch des Widerstands gegen absolute Herrschaftsansprüche der Regierenden.


Aber das ist vorbei. Kraus‘ Hoffnung auf eine Korrekturleistung des Bildungswesens stützt sich auf die Erinnerung an eine ferne Vergangenheit. Das Bildungswesen ist, wie kaum eine andere Einrichtung in der deutschen Gesellschaft, zum Handlanger des Zeitgeistes geworden. Kraus weiß es selbst am besten; er hat mehrere Bücher darüber geschrieben. Es ist kein Zufall, dass in den letzten rund zehn Merkeljahren die früher hoch kontrovers ausgefochtenen Auseinandersetzungen über die Schulen und Universitäten zum Erliegen gekommen sind, erstickt von einem Konformitätsdruck, der seinen Hauptsitz gerade in diesem Bildungswesen selbst hat.


Auch diejenigen unter den Lehrerverbänden, die früher einmal klare Vorstellungen von einem leistungsfähigen und leistungsbereiten Bildungswesen gehabt haben, sind längst Teil eines politischen Systems geworden, das jede Abweichung bestenfalls mit Missachtung, schlimmstenfalls mit sozialer Ächtung sanktioniert. Josef Kraus war 30 Jahre lang Präsident des Deutschen Lehrerverbandes DL. Kaum ist er es nicht mehr, distanziert sich einer der Mitgliedsverbände des DL, der Lehrerverband VDL Hessen, vom ehemaligen Präsidenten im holprigen Deutsch, aber mit klarer Haltung, weil der ein Buch gelesen und empfohlen hat, das man nicht lesen und empfehlen darf.


Aber Kraus‘ Bildungsoptimismus erscheint nicht nur deshalb unrealistisch. weil es im Bildungssystem keine Akteure mehr gibt, die diesen Optimismus rechtfertigen würden. Entscheidend ist etwas anderes. Das deutsche Bildungswesen wurde nicht nur, wie Kraus‘ ceterum censeo lautet, von oben, durch die Langzeitfolgen der 68er Bildungspolitik zerstört. Es erodiert mit zunehmender Geschwindigkeit auch von unten her. Die von der Zuwanderung entfesselten demographischen Dynamiken, die gerade erst in den Grundschulen angekommen sind, lassen sich nur beherrschen, indem man sie verschweigt und so tut, als wäre alles in Ordnung. Die enthemmten Kampagnen, die gegen Thilo Sarrazins knochentrockene statistische Analysen der absehbaren demographischen Entwicklungen geführt wurden, sind Ausdruck dieses demographischen Tabus. Kraus geht nur flüchtig darauf ein. (90f)


Nicht anders verhält es sich mit der Geschichte. Gewiss hat Kraus recht mit seinem Hinweis auf die belehrende Kraft historischen Wissens. Aber ein historisches Bewusstsein in diesem Sinne gibt es nicht mehr. An den Universitäten hat sich die Geschichtswissenschaft selbst zur Agendawissenschaft erklärt, endgültig besiegelt mit der Resolution des Historikertages von 2019. (308) Im öffentlichen Raum hat die „Erinnerungskultur“ das von den Wissenschaften bereitgestellte historische Wissen nicht mehr ergänzt, was legitim und notwendig wäre, sondern schlicht verdrängt und ersetzt.

Kraus‘ Buch dokumentiert den Zustand eines Landes nach 16 Jahren und vier Merkel-Legislaturperioden, so wie er sich in den Medien und öffentlichen Äußerungen darstellt. Wer zwei Jahrzehnte zurückblickt, auf die Jahrtausendwende, in die Endphase der Bonner Republik, wird feststellen, dass kein Stein mehr auf dem anderen geblieben ist. Politisch, kulturell, intellektuell, sozial, ökonomisch stellt sich die Bundesrepublik als eine Trümmerlandschaft dar. Das hängt gewiss mit globalen Entwicklungen zusammen. In vielen Ländern der westlichen Welt, im besonders hohen Maße in den westlichen EU-Ländern, aber selbst auch in der Schweiz lassen sich ähnliche Entwicklungen feststellen.


Die niederschmetternde Wucht der von Kraus dargestellten Belegsammlung könnte zum schwärzesten Pessimismus verführen. Aber die von Kraus beschriebenen Entwicklungen sind durchgehend Inszenierungen von Minderheiten – Minderheiten gewiss, die an den Schalthebeln der politischen und medialen Macht sitzen, aber doch Minder­heiten, die sich in Milieus eingebunkert haben, zu denen die Wirklichkeit keinen Zutritt hat.


Kraus zitiert die schon oft bemühte Allensbacher Umfrage vom Mai 2019, nach der rund drei Viertel der Deutschen der Ansicht sind, sie könnten ihre Meinung zu „heiklen Themen“ in der Öffentlichkeit nicht frei äußern. (235) Aber wenn sie es täten, wären sie die Mehrheit, und zwar eine überwältigende Mehrheit, und würden damit der Diskursherrschaft einer Minderheit ein Ende bereiten. Aber so etwas macht „Der deutsche Untertan“ eben doch nicht. Deshalb wird es wohl so bleiben, wie es immer schon war. Die, die es nötig haben, werden das Buch nicht lesen, und falls sie es doch lesen, werden sie nicht merken, dass sie gemeint sind.


Kraus‘ Buch geht wenige Tage nach seinem Erscheinen bereits in die dritte Auflage, es wird also einige zehntausend Leser finden. Aber was heißt das schon bei einer Wohnbevölkerung von 82 Millionen Menschen, schon länger hier Wohnenden, die nicht lesen wollen, und neu Hinzugekommenen, die nicht lesen können.




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Der Germanist und TUMULT-Stammautor Peter J. Brenner (*1953) ist Verfasser vielgelesener Standardwerke seines Fachs und war bis 2009 Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität zu Köln.




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