Safeta Obhodjas: GOETHES HAND AN EINER BOSNISCHEN MEDAILLE

Im 17. Jahrhundert verlernten alle Bosnier, ganz gleich ob christlich oder islamisch, ihre kyrillische Schrift aus dem Mittelalter, und ihre Lieder konnten sie hundert Jahre und noch länger allein durch Singen und Rezitieren bewahren. Eines davon bleibt dem Vergessen unabänderlich entrissen, weil es über Umwege an den Türhüter der literarischen Unsterblichkeit gelangte: an Goethe.



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Aus dem Gedächtnis der Geschichte

Die nach einer gemeinsamen bosnischen Identität Suchenden verklären das Mittelalter in Bosnien und Herzegowina. Wenn man an den späteren Verlauf der Geschichte auf dem Balkan denkt, kann man ihnen fast recht geben. Zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert war das kleine Land voll Gebirgen und Flüssen meist unabhängig. Zwischendurch mussten seine Fürsten und Könige das Patronat stärkerer Nachbarn, zum Beispiel Venedigs, akzeptieren, aber man gewährte ihnen eine gewisse Souveränität. Die Machthaber Bosniens handelten wie die anderen auch im Europa jener Zeit. An Feinden mangelte es nicht, und sie spielten gerne Kriegsherren. Dennoch war das Land wirtschaftlich entwickelt und die höheren Schichten der Gesellschaft geistig aufgeweckt. Sowohl zahlreiche Dokumente in den Archiven als auch viele kyrillische Inschriften auf den Grabmälern belegen, dass die Frauen dieses Zeitalters keinesfalls unterdrückt waren. Im Gedächtnis der Geschichte findet man die Namen mehrerer Königinnen, die ebenbürtig an der Seite ihrer Männer standen. Der Mythos der letzten Königin Bosniens, Katarina Kosača Kotromanić, lebt immer noch, weil diese gebildete Katholikin viel Gutes in ihrem Land hinterlassen hat. Unter anderem ließ sie Klöster erbauen und gründete Schulen. Reisende Händler und Künstler aus Dubrovnik und Venedig waren bei ihr stets willkommen.

Die letzte Königin Bosniens musste Mitte des 15. Jahrhunderts wegen des Einmarsches der Osmanen ihre Heimat verlassen. Sie starb 1478 als Flüchtling in Rom.

Damit waren die goldenen Zeiten in Bosnien vorbei, für eine Ewigkeit.


Andere Herrscher – andere Gesetze

„Tamni vilajet - Landstrich der Finsternis“ - Diese Bezeichnung erhielt Bosnien und Herzegowina während der jahrhundertelangen Herrschaft der Osmanen. Die Türken brachten den Islam mit ins Land, der die Frauen aus der Öffentlichkeit verbannte und ihnen eine vollständige Körperverhüllung aufdrängte. Erst zwei Jahrhunderte nach der letzten Königin Katarina, vermutlich Mitte des 17. Jahrhunderts, dichtete der Volksmund das erste Lied über eine Frau, eine Muslimin, die nicht einmal ihren persönlichen Namen trug. Die Ballade besang das tragische Schicksal der edlen Gattin des türkischen Helden Hassan Aga. Gemäß den muslimischen Bräuchen dieser Zeit und auch viele Jahre später in Bosnien wurde ihr Name von dem Namen des Ehemannes, Hassan Aga, abgeleitet; die Ehefrau hieß dann Hassanaginica.


In sieben Ehejahren zeugen Hassan Aga und Hassanaginica fünf gemeinsame Kinder. Unmittelbar nach der Geburt des letzten Sohnes wird der Kämpfer in einem Gefecht an der Grenze zu Venedig vom Säbel eines christlichen Feindes schwer verletzt. Mit dem Tod ringend liegt er wochenlang unter seinem Zelt in den Bergen und wartet auf einen Besuch seiner Gattin. Vergeblich, weil die sich dem Diktat der Sitte beugt, die einer Frau die Freiheit untersagen, alleine auszugehen und die Kinder im Haus ohne Aufsicht zu lassen. Diese Tradition ist ihrem Mann in diesem Punkt egal, er will, dass sie ihm gegenüber ihre Liebe und Treue beweist. Sie tut das nicht und dafür will er sie bestrafen. Sobald es ihm besser geht, verstößt Hassan Aga seine Frau und jagt sie aus dem gemeinsamen Haus. Die Kinder, alle fünf, bleiben bei ihm. In derselben Woche zwingt der mächtige Bruder der Verstoßenen diese, einen angesehen Kadi zu heiraten. Durch die neue Verheiratung sollte sie die Familie von der Schande der Scheidung reinwaschen. Auf dem Weg zu dem neuen Mann sieht die Mutter ihre Kinder; Hassan ruft ihr zu, sie sei eine sittenlose Frau, die nicht einmal Mitleid mit ihren Kindern habe. Gebrochenen Herzens stirbt die Mutter vor den Augen ihrer Kinder, die nun Waisen sind.


Ein Wissenschaftler in Bosnien will wissen, dass die Ballade von authen­tischen Personen handle und zwar von Hassanaga Arapović und seiner Frau Fatima, die in Imotska Krajina in einer Burg gelebt hatten. In bosnischer Sprache bedeutet „Arap“ „Araber“; der Name Arapović lässt vermuten, dass Hassan Aga nicht bosnischer, sondern arabischer Abstammung war.


Im 17. Jahrhundert verlernten alle Bosnier, egal ob christlich oder islamisch, ihre kyrillische Schrift aus dem Mittelalter, und die Ballade über Hassans Frau konnte man hundert Jahre und noch länger nur durch Singen und Rezitieren weiter verbreiten und an die nächste Generation überliefern. Als die Osmanen die Herrscher in Bosnien waren, mehrere jahrhundertelang, gab es keine Schule auf Bosnisch; die offizielle Sprache war Türkisch, geschrieben mit der arabischen Schrift, was die Bosnier nicht beherrschen konnten. Die erste schriftliche Aufzeichnung der mündlichen Überlieferung stammt aus dem Jahr 1774, aber nicht von bosnischer Hand.


Während der türkischen Herrschaft war die Bevölkerung in Bosnien gemischt: muslimisch, christlich – katholisch oder orthodox, in den Städten lebten auch viele aus Spanien geflüchtete Juden. In den ländlichen Gebieten tummelten sich zahlreiche Minderheiten, unter anderem kleinere Völkerschaften, die eine romanische Sprache benutzen, sogenannte Morlaken oder Maurowalachen, mit einer eigenen Religion.

Die Grenze zwischen Dalmatien, das damals zu Venedig gehörte, und dem Reich der Osmanen, praktisch die Grenze zwischen dem Orient und dem Okzident, war streng bewacht und stets umkämpft. Normale Bürger konnten und durften sie nicht überqueren. Dennoch gelang es der Ballade, diese Barriere zu überwinden, vermutlich im Gedächtnis von Gefangenen.


Unterwegs nach Europa

Der italienische Ethnologe und Geograph Alberto Fortis bereiste 1773 die dalmatinische Küste. Der Gesang der vielen Gefangenen und Sklaven aus Bosnien, die in den Häfen Dalmatiens schufteten, weckte seine Neugier, und er besuchte sie immer wieder, um ihren Liedern zu lauschen. Fortis konnte verstehen, was sie sangen, weil ihm ihre slawische Sprache vertraut war; weshalb, das sagt die Legende nicht. Fortis fühlte sich von der Ballade über Hassans Frau angetan und zeichnete den Text gleich auf, den er nach der Rückkehr in die Heimat ins Italienische übersetzte. Als ihn der Deutsche Victor Clemens, ein Freund Goethes, besuchte, zeigte der Ethnologe stolz dem Gast seine Aufzeichnungen aus Dalmatien. Auch der Deutsche erachtete die bosnische Ballade für wertvoll und nahm die italienische Übersetzung nach Weimar mit. Er wollte damit seinem Freund Goethe eine Freude bereiten, der gerne über Frauen dichtete, deren Opferrolle sie bis in den gewaltsamen Tod führte.


Bei der groben Übertragung des Liedes ins Deutsche von Clemens legte Goethe noch seine dichterische Hand an, verpasste dem Ganzen einen klangvollen Titel: Klaggesang von der edlen Frau des Asan Aga und publizierte die Ballade 1775 in der Anthologie Stimmen der Völker, allerdings als Volksdichtung der Morlaken, wie sie von dem italienischen Ethnographen bezeichnet worden war. Diese falsche Einordnung des italienischen Volkskundlers kann man nachvollziehen. Wegen ihrer romanischen Sprache standen ihm die Morlaken in Bosnien näher als die christlichen oder islamischen Slawen. Aber es bleibt rätselhaft, warum Goethe so eine Schummelei durchgehen ließ. Er hatte sich mit slawischen und orientalischen Literaturen befasst, deshalb musste er deutlich erkannt haben, dass Asan Aga ein türkischer oder arabischer Name war.


In Bosnien gibt es heute keine Spuren mehr von den Morlaken; ihre Ethnie wurde mit der Zeit von Slawen assimiliert. Aber die drei anderen Völker oder Religionen können sich nicht darüber einigen, wer von ihnen mehr Recht hat, dieses Volkslied als sein Kulturerbe zu verbuchen. Kroaten und Serben bestehen darauf, dass die Vorfahren von Hassan Aga, wenn auch nicht er selbst, Christen waren, bevor sie zum Islam übertraten. Natürlich wollen Muslime in Bosnien von einer Nähe Hassans zum Christentum nichts wissen; Hauptsache, er hat auf der türkischen Seite gekämpft und starb als Muslim. Muslimische Literaturwissenschaftler ignorieren auch seinen Nachnamen Arapović und behaupten, dies sei ein Zufall und weise nicht auf eine arabische Abstammung hin.

Irgendwann müssen sich die Völker des ehemaligen Jugoslawiens in Richtung Europa bewegen. Für sie wird dies ein mühsamer Weg werden, weil ein Lied als Zankapfel doch harmlos ist, im Vergleich zu den anderen offenen Rechnungen aus der Geschichte. Sie müssen die von den Vorfahren ererbten Feindschaften unterwegs begraben, wenn sie nicht das Schicksal der Morlaken erleiden wollen.



Brave Frauen sterben früher


Hassans Frau in einer Kette ewigen Sterbens auf den Bühnen

Für einfach gestrickte Wissenschaftler, Dramatiker, Drehbuchautoren ist diese Ballade ein Glücksfall: Sie nahmen jeden Vers unter ihre analytische Lupe und beleuchteten alle Umstände, die zur Tragödie von Hassans Gattin führten. Besonders einfallsreich fällt die Auslegung der Zeile Schamhaft säumt sein Weib, zu ihm zu kommen aus. Ja, warum durfte Hassans Frau nicht ihren verwundeten Mann im Soldatenlager besuchen? Einige Autoren, die sich mit dem Thema befassen, geben zu, dass es nach tradierten Gesetzen einer Muslimin verboten war, das eigene Haus ohne männliche Begleitung aus der Familie zu verlassen; ohne Erlaubnis ihres Mannes durfte sie nicht einmal vor die Tür gehen. Im selben Atemzug aber werfen diese Autoren der Frau ihre strikte Unterwerfung unter diese Gesetze vor: Die Frau hätte sich diesen Gesetzen entziehen müssen, sie hätte wissen müssen, dass ihr Gatte sie in dieser Lebenskrise braucht. Einige Autoren wollen Hassans Frau Fatima nicht als eine Muslimin sehen, sondern als Slawin; bei Slawen gebe es eine Regel, die Frauen verbietet, einen kranken und verwundeten Männerkörper zu sehen, sei es auch der des eigenen Mannes. Fatima hätte ihren Gatten nicht schwach erleben dürfen … Wie auch immer …

Diese Einschätzungen sind nichts im Vergleich zu Vermessenheiten von Intendanten: Vermessenheiten, die Fatima im künstlerischen Bereich über sich ergehen lassen musste.

Eine Inszenierung dieser Ballade durfte jahrelang bei keinem der Theaterfestivals, manchmal waren es drei auf einmal, fehlen, egal ob in Bosnien, Kroatien, Serbien, Mazedonien. Die Dramatiker und Regisseure, lauter Männer, überboten sich darin, diese Figur einer armen Frau auf die Bühne zu bringen. Niemand von diesen Künstlern, egal ob sie Serben, Kroaten, Muslime waren oder einer Minderheit angehörten, kam auf die Idee, diese Frau einmal zu retten, sie nicht sterben zu lassen; nein, Hassanaginica musste in jedem dieser Dramen, in jeder Inszenierung sterben, weil sie nicht genug Liebe und Kraft hatte, ihre Scham zu überwinden und ihren armen Gatten irgendwo in den Gebirgen in einem Soldatenbiwak zu besuchen. – Dieses immer gleiche Schicksal widerfuhr Hassans Frau in Filmen, Opern, Balletten: Die Kette des Sterbens riss nie ab, bis heute nicht.


All das wäre weniger bitter, wenn gleichzeitig andere Theaterstücke auf die Bühne kämen, in denen sich das Leben der modernen Frauen auf dem Balkan widerspiegelte. Vergeblich klagten junge, begabte Schau­spielerinnen, dass es nur wenige positive, kraftvolle weibliche Rollen gibt, sowohl im Theater als auch in Film- und Fernsehproduktionen.

Josip Dogel, in meiner Zeit in Bosnien Intendant des Volkstheaters in Sarajevo, hat mich einmal zu einem Gespräch eingeladen, um mir persönlich zu erklären, warum er mein Theaterstück, in dem ich unsere Gegenwart thematisierte und das ich mit mehreren Frauenfiguren bestückt hatte, ablehnen müsse. Ich vermutete, dass diese Ablehnung etwas mit Zensur zu tun hatte, weil ich in dem Stück betont hatte, wie schwierig es für eine Frau sei, ihre Begabungen zu verwirklichen. Ihr Vorankommen hing immer von anderen ab, vor allem von Männern, und eine meiner Figuren im Stück witzelte: Wie kann eine Frau ihre Karriere schneller voranbringen, über jemandem oder unter jemandem?


Ich war gespannt, ob Genosse Dogel mir den Kopf im Sinne der staatlichen Zensur wäscht. Ich täuschte mich; seine Gründe waren viel simpler: In der laufenden Saison habe das Theater vor, noch einmal Hassans Frau zu inszenieren; das Volkstheater aus Belgrad würde dasselbe Drama, das von einem dortigen berühmten Dramatiker stammte, auf seiner Bühne aufführen. Damit sei die Quote für weibliche Rollen ausgeschöpft. Es tue ihm so leid, weil die Schauspielerinnen so gerne meine Figuren gespielt hätten.


Am nächsten Tag las ich das Interview einer Schauspielerin, die drei Mal in drei verschiedenen Inszenierungen Hassans Gattin gespielt hatte: „Ich bin sattsam satt von dem immer gleichen Sterben auf der Bühne. Gibt es auch mal Schriftsteller in unserem Land, die Mut und Begabung haben, ein Theaterstück über eine Frau unserer Zeit auf die Beine zu stellen? Ich will gerne eine Studentin spielen, die während der Studentenproteste von den Polizisten verprügelt und vergewaltigt wurde. Ebenso bin ich bereit, eine Frau darzustellen, die zwischen Beruf und Familie zerrissen wird, oder eine Politikerin, die von ihren Genossen mundtot gemacht wird, wenn sie die Probleme der Frauen in diesem Land anspricht, gerne auch eine Mutter, die mit aller Kraft versucht, ihren Sohn aus der Drogenhölle zu retten, eine Arbeiterin, die monatelang keinen Lohn bekommt, aber ihre Kinder ernähren muss ...“


Ich fühlte mich angesprochen; es kam mir der Gedanke, dieser Schauspielerin mein Theaterstück zu senden, jenes Stück, das ihr Intendant abgelehnt hatte, um ihr zu beweisen, dass darin genau die Thematik behandelt wurde, die sie sich vorstellte.

Während ich noch abwog, ob ich ihr das Stück senden soll oder nicht, hatte sie bereits die Frauenrollen-Quote erfüllt, indem sie Hassans Frau spielte - und es befanden sich bereits die nationalistischen Mythen und Epen im Vormarsch und eroberten die Bühnen. Nur die Theaterrolle „Hassans Frau“ starb nie endgültig.




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Über die Autorin:


Safeta Obhodjas (* 1951) ist eine bosnische Schriftstellerin Sie lebt seit 1992 in Deutschland und ist mit Werken in bosnischer und deutscher Sprache hervorgetreten, die sich mit der Problematik von Frauen zwischen Kulturen befassen. Weitere Beiträge aus ihrer Feder finden sich etwa in unseren Druckausgaben vom Frühjahr 2018 oder 2019.




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