Thomas Hartung: "ARMAGEDDON UMS RICHTIGE DEUTSCH"

Einen „Sprachkampf“ ums Deutsche erkennt der Linguist Hennig Lobin. Doch Sprachpolitik ist nur ein Aspekt von „Identitätspolitik“, die jetzt auch Linke, ja die ganze Gesellschaft neu zu spalten droht.



*



„Sprachschlachten“, „Schlachtfeld Geschlechtergerechtes Deutsch“, „Parlament als Aufmarschgebiet“, „Frontbesichtigung“, „Kampfverband Verein Deutsche Sprache“ (VDS) – all das sind Kapitelüberschriften des Mitte März im Dudenverlag erschienen Buchs „Sprachkampf“. Sein Autor: Hennig Lobin, Mannheimer Linguistik-Professor, Direktor des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache und Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung, der den Sprachwandel beobachtet, staatliche Stellen auf dieser Basis gegebenenfalls zu neuen Regeln anregt und nächstes Jahr klären will, wie der Genderstern zu bewerten ist – als typographisches Zeichen wie Paragraph oder Prozent, empfiehlt Lobin.


Seine Begründung für das martialische Vokabular gab er in den Stuttgarter Nachrichten: Eine „Neue Rechte“, zu der auch die AfD gehört, missbrauche die deutsche Sprache für ihre Zwecke und versuche mit ihrem Kampf etwa gegen „politische Korrektheit“ oder geschlechtergerechte Sprache gezielt, das gemäßigte Bürgertum und kulturaffine Schichten zu gewinnen. Sie stütze sich vor allem auf den Begriff einer „kulturellen Identität“ und nutze ihren Einsatz zum vermeintlichen Schutz der deutschen Sprache als „Scharnierthema“ für allgemeinpolitische Anliegen: „Der Begriff der Identität ist ein hervorragender Anker für rechte Werte. Insbesondere in einer Zeit, in der Begriffe wie Volk, Nation, Heimat als belastet erscheinen“, ergänzt er im Spiegel.


Den Akteuren gehe es nicht lediglich um die Sprache als solche, sondern um das, was durch sie ausgedrückt werde. So verberge sich hinter der AfD-Forderung, Deutsch als Landessprache im Grundgesetz zu verankern, die Vorstellung kultureller Dominanz, und die Ablehnung einer „Gendersprache“ stehe für eine traditionelle Vorstellung von Familie und Gesellschaft allgemein. Dass selbst Sprachwissenschaftlerinnen und der Rat für deutsche Rechtschreibung die Abschaffung des Generischen Maskulinums im neuen „Duden“ kritisierten, ficht Lobin nicht an. Der Held ist und bleibt aber eine Person, die sich durch heldenhaftes Verhalten auszeichnet, egal ob Mann oder Frau, insistiert VDS-Chef Walter Krämer. Das beliebte Standardargument, Frauen wären hier nur mitgemeint, wird auch durch 1000-maliges Wiederholen nicht richtiger.


Sprache meint nie etwas, Menschen meinen, weiß Krämer: „Und wenn Menschen meinen, der Held wäre ein Mann, dann muss man eben diese Meinung ändern - einfach indem mehr Frauen Helden sind.“ Viele Kinder in Deutschland meinen übrigens, der Bundeskanzler wäre immer eine Frau - kein Wunder nach 16 Jahren. Weder Kant noch Goethe sahen auch nur die geringste Notwendigkeit zu gendern, befand auch Peter Winnemüller in der Tagespost. Weder dem einen noch dem anderen könne man vorwerfen, dümmer als heutige Eliten gewesen zu sein: „Dass heute das generische Maskulinum ernsthaft mit natürlicher Männlichkeit gleichgesetzt wird, ist nichts anderes als ein Sprach- und Bildungsdesaster. Wortunfälle wie ‚Steuer-Innen-Zahler‘ und ähnlicher Unsinn sind die Folge.“



„Duden, nimm den Stahlhelm ab“


„Sprache ist identitätsstiftend. Das hat Tradition in Deutschland, weil es lange keinen Nationalstaat gab. Sprache war ein Ersatz dafür. Dass das so positiv konnotiert ist, nutzt heute aber auch die AfD“, motzt dagegen Lobin und muss doch zugeben: „Sprache ist die Grundlage des Gemeinwesens in unserem Land. Dazu bedarf es einer gewissen Homogenität.“ Der von der Neuen Rechten geschürte Sprachkampf sei in Wahrheit der eigentliche Angriff auf die deutsche Sprache, resümiert er. Hier wird die Realität in ihr Gegenteil verkehrt, ärgert sich der baden-württembergische AfD-Fraktionschef Bernd Gögel MdL und verurteilt den Versuch, „die Republik auf ein Armageddon ums richtige Deutsch einzuschwören“: In dem Buch „finden sich mehr Kriegsmetaphern als in allen Reden der AfD-Fraktion der vergangenen Legislatur zusammen“. Auch der diffamierte VDS fordert prompt: „Duden, nimm den Stahlhelm ab“.


Sprache ist soziales Handeln, schafft Wirklichkeiten. Sprachliche Konstrukte wie die Gendersprache dagegen sind „keine Sprache, sondern eine demonstrativ vorgetragene Haltung: Seht her, ich bin besonders gendersensibel und ihr nicht! Sprache ist Kulturgut, ein vorstaatliches Erbe, das wir hüten sollten“, erklärt Birgit Kelle im Münchner Kirchenradio. Die Mehrheit der Zuschauer lehne das Gendersternchen ab, das sie neuerdings mitspricht, muss auch ZDF-Moderatorin Petra Gerster im Redaktionsnetzwerk RND zugeben. Sie habe nicht nur viele wütende Nachrichten bekommen, ein Zuschauer habe ihr sogar ihre Bücher zurückgeschickt, weil er diese „nicht mehr im Regal stehen haben wollte“.


Die ARD-Volontärin Julia Ruhs befürchtet eine Spaltung der Gesellschaft in eine „gendernde Wohlfühlelite und normale Menschen“. Die Gendersprache sei künstlich geschaffen und fern vom natürlichen Sprachgefühl, kritisiert sie das oft gehörte Argument, Gender sei natürliche Entwicklung der Sprache. „Wenn ausgerechnet Medienschaffende an einer Spaltung der Gesellschaft durch Sprache arbeiten, dann ist das ein Dicker Hund“, bilanziert Winnemöller. „Wer mangels Bildung wirklich denkt, grammatikalisches und natürliches Geschlecht in jedem Falle gleichsetzen zu wollen, macht den Mond zu einem Macho und diskriminiert das Mädchen als Sache.“


Selbst SPD-Urgestein Wolfgang Thierse, einer der wenigen Politiker, der den „Appell für freie Debattenräume“ unterschrieben hat, sieht inzwischen eine Spaltung der Sprache, und er hält sie für gefährlich. „Auf der einen Seite die gendergerechte, minderheitensensible Sprache immer strenger werdender Observanz. Auf der anderen Seite das dumme Volk, das weiter so redet wie bisher“, schrieb er in dem Gastbeitrag „Wie viel Identität verträgt die Gesellschaft“ für die FAZ. Ein Volk, das nur noch Bahnhof versteht und die neuen Codes zu Recht als kulturelles Attentat begreift, muss man ergänzen. Er erkennt sofort selbst die tiefere Dimension des Problems: „Ich halte die Verlagerung ins Identitätspolitische für problematisch, zum Beispiel finde ich es wichtiger als Sprachänderung, dass wir am Gender-Pay-Gap arbeiten.“ Die durchaus militanten Verfechter von Gendersprache würden das anders sehen – die Änderung der Sprache als Voraussetzung der Änderung sozialer Verhältnisse.


Denn hinter dem Gendersternchen, so NZZ-Chef Eric Gujer, lauere etwas anderes, viel Fundamentaleres: „Sprache ist ein Herrschaftsmittel. Wer bestimmt, was gesagt oder geschrieben werden darf und in welcher Form, hat Macht über die Gesellschaft.“ Thierse, ein früherer DDR-Bürgerrechtler und als solcher selbst einmal Angehöriger einer ganz gewiss bedrängten Minderheit, beharrt hier auf zweierlei. Für ihn ist erstens der Zusammenhalt einer Nation wichtiger als die Befindlichkeit einzelner gesellschaftlicher Gruppen und Minoritäten. Zweitens sollen in einer Diskussion Qualität und Vernunft eines Arguments den Ausschlag geben, nicht Geschlecht, Hautfarbe oder Religion.


Um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen, plädiert Thierse für einen positiven Heimat- und Nationenbegriff: „Heimat, Patriotismus, Nationalkultur und Kulturnation, das sind Begriffe und Realitäten, die wir nicht den Rechten überlassen dürfen.“ Zu leugnen, dass das Bedürfnis nach einer Nation als kultureller Beheimatung groß sei, halte er für „elitäre, arrogante Dummheit“. Ein „verärgerter schwuler Genosse“ beschuldigte ihn per Mail „faschistoider Dreckscheiße".


Der traditionelle Linke Thierse verteidigt hier die Errungenschaften der Moderne, des Liberalismus und des Individualismus gegen eine Haltung, die sich für noch linker und progressiver hält nach dem Motto: Nach der Frauen- muss eine Migrantenquote kommen. Die Critical Race Theory könne etwa dazu dienen, schreibt der Rechtswissenschaftler Cengiz Barskanmaz auf der Online-Plattform Verfassungsblog, „eine rassebewusste Perspektive für das deutsche Recht fruchtbar“ zu machen. Wie bitte?


Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird die Forderung nach einer Gesinnungsquote laut werden. In Wirklichkeit aber ist diese Haltung antimodern und ziemlich reaktionär. Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken nahm Thierses Text zum Anlass, sich – ohne ihn beim Namen zu nennen – von ihrem Parteifreund zu distanzieren und ihn für sein „rückwärtsgewandtes Bild“ abzukanzeln – woraufhin ihr der linke Grande seinen Parteiaustritt anbot. Das ist kein Witz.



Sein oder Wollen


Die „Kultur“ definiert Herder zufolge jedes Volk, indem sie es mit seiner individuellen Identität und mit einem eigenen Geist ausstattet. In den siebziger Jahren entstand in den USA ein besonderer Politikstil, der in einer historisch neuen Weise mit Argumentationen und Gruppenbildungen auf Identitätsbildung zielte und sofort zwei Perspektiven zur Folge hatte: eine dominante, die Identität für sich reklamiert, und ein bis mehrere marginalisierte, die Identität für sich erst einfordern. Diese Forderung war und ist verbunden mit Kategorien wie Sprache und Geschlecht, aber auch Klasse, Rasse, Herkunft oder sexuelle Orientierung.

Es geht also um Politik, die auf bestimmten Gruppenzugehörigkeiten aufbaut, diese bejaht und erhebt. Jeder Verweis auf Tradition, Brauchtum, Kultur, Religion, jeder Hinweis auf das „Abendland“, ja auf „Leitkultur“ geht von der Identität einer Gruppe aus: „Mia san mia“, der bayerische Leitspruch, ist Identitätspolitik im besten, die Klage über ein „weißes, heterosexuelles und patriarchal geprägtes ‚Traditions-Wir‘“ (Anna Seibt im DLF) im schlechtesten Sinne. Wer aber zu sehr auf Kennzeichen poche, erreiche das Gegenteil, warnte der Soziologe Armin Nassehi im DLF. Nicht der Mensch steht im Vordergrund, sondern seine Merkmale. Insofern ist „Identitätspolitik“ entweder ein beharrendes Sein, das man gegen andere verteidigen (Exklusion), oder ein perspektivisches Wollen, das man für sich erkämpfen will (Inklusion).


Das erste, eher homogene gilt heute als rechts, das zweite, eher heterogene als links. Das erste kann mit einer ethnisch, kulturell, religiös-weltanschaulich pluralen Gesellschaft wenig anfangen, leugnet oder bekämpft sie, ja will sie rückabwickeln; das zweite beharrt darauf, dass diese Gesellschaft bereits existiert, aber strukturell-systemisch diskriminiert werde, also unsichtbar sei und sowohl sichtbar gemacht als auch immer mitgemeint und mitgenannt werden müsse. „Wir leben davon, dass ihr euch schämt“, bringt das Bernd Stegemann in Die Öffentlichkeit und ihre Feinde (2021) auf den Punkt. „Geht man in Deutschland vor die Tür und denkt nicht, überall Nazis, denkt man nicht gründlich genug. Es ist vielleicht das Einzige, das unser Land eint: Überall Nazis“, nimmt bspw. Sophie Passmann in Komplett Gänsehaut (S. 100) die Realität wahr.


Eine Melange aus Anerkennungs- und Verteilungskämpfen, in der Sarah Wagenknecht (Linke) einen Gegensatz zwischen „kultureller Zugehörigkeit“ und „verteilungspolitischen Gerechtigkeitsthemen“ mutmaßt - die, die Erstere thematisieren, würden das Land spalten; jene, die Letztere thematisieren, dagegen den gesellschaftlichen Zusammenhalt suchen. Aber sollte eine Politik, die das Gemeinwohl im Blick hat, nicht auf die Fähigkeit bauen, das Eigene in Bezug auf das Gemeinsame zu denken und zu praktizieren, und nicht die je eigene Befindlichkeit in den Mittelpunkt stellen?


Das Thema Identitätspolitik trieb seinerzeit schon SPD-Chef Sigmar Gabriel um. Ein ums andere Mal ermahnte er seine Genossen, aus der Addition von Minderheiten entstehe noch keine Mehrheit. Was inzwischen passiert, wenn „alte weiße Männer“, die überdies noch deutsch sprechen, an ihrem Weiß-, Mann- und Deutschsein festhalten und trotzdem dieser pluralen Gesellschaft das Wort reden, war in Thierses Fall erkennbar. Er ist längst nicht der einzige. Ein weiteres prominentes SPD-Opfer war Gesine Schwan, die als Vorsitzende der Grundwertekommission zu einer virtuellen Podiumsdiskussion zum Thema „Kultur schafft Demokratie“ die FAZ- Feuilletonchefin Sandra Kegel eingeladen hatte. Die hatte kurz zuvor eine Glosse veröffentlicht, in der sie in leicht spöttischem Ton über die inneren Widersprüche von #actout geschrieben hatte, einer Gruppe von 185 schwulen, lesbischen und queeren Schauspielern, die sich über Diskriminierungen in ihrer Branche beklagen. Im Netz gab es sofort einen Sturm der Entrüstung, und Schwan wurde offenkundig bedrängt, Kegel wieder auszuladen, was sie ablehnte.


Schließlich wurde als Kompromiss vereinbart, dass sich an der Veranstaltung auch queere Aktivisten beteiligen dürfen – von denen dann einige die Gelegenheit nutzten, Kegel „rechtsradikalen Sprech“ vorzuwerfen und sie auf eine Stufe mit Thilo Sarrazin zu stellen, der wegen angeblich rassistischer Bücher aus der SPD geworfen worden war. Es war der Verleger Helge Malchow, der noch in der Runde fassungslos anmerkte, der Ton erinnere ihn an „stalinistische Schauprozesse“. Ein paar Tage später entschuldigten sich Esken und ihr Stellvertreter Kevin Kühnert für die Veranstaltung – allerdings nicht bei Kegel, sondern bei jenen Aktivisten, die die Journalistin zum Teil niedergemacht hatten.


Denn auch die trifft es inzwischen verstärkt. Der TV-Sender Sky, der über viele Jahre hinweg gut mit Jörg Dahlmann zusammen gearbeitet hatte, setzt den Sportkommentator ab sofort nicht mehr ein, weil er sich „mehrfach unsensibel und unpassend verhalten“ habe, sagte ein Sprecher. Dahlmann hatte bspw. Japan als „Land der Sushis“ bezeichnet. Der 62-Jährige fühlt sich durch die sofortige Trennung in eine rassistische Ecke gedrängt. „Ich wehre mich aber mit Händen und Füßen gegen diese absurden Vorwürfe“, betonte Dahlmann auf Instagram. „Ich hasse Rassismus! Weltoffenheit und Diversität sind mir wichtige Anliegen.“

Moderator Matthias Matuschik hatte auf Bayern 3 davon gesprochen, dass die koreanische Boyband BTS mit dem Coronavirus vergleichbar sei und es „hoffentlich bald eine Impfung gibt“: die Band hatte einen Coldplay-Soong gecovert, was Matuschik nicht gefiel. Prompt wurde ihm „asiatischer Rassismus“ unterstellt. Es dauerte nicht lange, bis der Sender um Verzeihung bat: „Wenn Aussagen von vielen Menschen als beleidigend und rassistisch empfunden werden, dann waren sie es auch.“


Das brachte Jochen Bittner in der Zeit auf die Palme: „300 Jahre Aufklärung – und allein die Empfindungen vieler zorniger Menschen gelten als Wahrheitsbeweis? Haben im Mittelalter eine Menge Hexen also doch zu Recht gebrannt?“ Es sei eine „Form von ‚Social Justice‘, in der nicht individuelle Umstände das Urteil bestimmen, sondern allein die Perspektive des realen oder vermeintlichen Opfers.“ Selbst Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo erntete böse Kommentare zu einem Text, in dem er „einschüchternde“ Wortmeldungen und Empörungen derjenigen beklagte, die „mit Blick auf die größer werdende Diversität von Gesellschaften mehr Respekt, Teilhabe und Fürsorge“ einfordern. Einen „nach rückwärts gerichteten Narzissmus der kleinsten Differenzen“ erkennt Götz Eisenberg in der Jungen Welt.



„Unentrinnbarkeit kollektiver Identitäten“


Die Protagonisten der neuen Identitätspolitik schließen an uralte Traditionen kollektiver Politik an, und das weltweit: Jüngst wurden Hebammen in England angewiesen, auf der Entbindungsstation nicht mehr von „Muttermilch“ zu sprechen, weil sich Transmenschen dadurch diskriminiert fühlen könnten. Stattdessen solle es jetzt „Menschenmilch“ heißen. „Wo Worte ihre Bedeutung verlieren, verlieren Menschen ihre Freiheit“, wusste Konfuzius schon vor 2.500 Jahren. Der meistdiskutierte Vorgang war allerdings der Verzicht der preisgekrönten Schriftstellerin Marieke Lucas Rijneveld nach Protesten einer schwarzen Aktivistin, das Gedicht „The Hill We Climb“ der US-Poetin Amanda Gorman, das sie bei der Amtseinführung Joe Bidens deklamierte, ins Niederländische zu übertragen. Ihr Vergehen nach Ansicht der Kritiker: Sie hat eine helle Hautfarbe und ist damit privilegiert. Gorman hat eine dunkle Hautfarbe. Sie ist folglich benachteiligt und damit das Opfer einer kulturellen Aneignung.


In diesem Schwarz-Weiß-Denken spielt auch keine Rolle, dass die Niederländerin (29) und die Amerikanerin (22) fast gleichaltrig sind. Das entspricht ständischer Logik: Weiße übersetzen keine Werke von Schwarzen. „Abkunft und Gene sind in dieser Vorstellungswelt unerbittliche Platzanweiser, die jedem seinen Ort zuteilen: lebenslang“, urteilt Gujer. Von der „Unentrinnbarkeit kollektiver Identitäten“ sprach auch Schwan. Verteidigt wird dann jemand, nicht weil er richtig gehandelt hat, sondern weil er einer „von uns“ ist. Gruppendenken stellt fast automatisch die Zugehörigkeit über die Vernunft.


Auch Victor Obiols, der unter anderem Shakespeare ins Katalanische übersetzte, wurde der Auftrag für Gormans Inaugurationsgedicht wieder entzogen. Der katalanische Verlag habe ihm mitgeteilt, dass sein „Profil“ nicht passe, sagte er AFP. Stattdessen suche man nun, so Obiols, „nach jemandem mit einem anderen Profil, einer jungen Aktivistin, im besten Fall schwarz.“ Da muss man tatsächlich dem linksaktivistischen Publizisten Deniz Yücel beipflichten, der den Vorgang so kommentiert: „Konsequent wäre es aber, wenn die so um ihre Wokeness besorgten Verlage künftig auch ihre Kundschaft reglementieren würden: Kaufen und lesen dürfen nur Leute, deren ‚Profil‘ zum ‚Profil‘ der Autoren passt. Mit Aufklebern mit dem Hinweis: Nur für People of Color. … Noch konsequenter: Wenn ‚weiße Verlage‘ aus Profilgründen auf die Veröffentlichung schwarzer Autoren verzichten würden.“


Vielleicht hat der weiße und deutsche Verlag Hoffmann und Campe, in dem das Gedicht Ende März erscheinen wird, in vorauseilendem Gehorsam gehandelt und eine mindestens ungewöhnliche Übersetzerkonstellation für den schmalen Band beauftragt: Uda Strätling, Hadija Haruna-Oelke und Kübra Gümüşay. Unter den drei Frauen ist allein Uda Strätling als literarische Übersetzerin bekannt. Hadija Haruna-Oelker stellt der Verlag vor als Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin, die sich mit Migrations- und Rassismusforschung beschäftigt und Workshops zu diversitätssensiblem Sprachgebrauch gibt, Kübra Gümüşay als Autorin, Rednerin und Politikwissenschaftlerin, deren Buch „Sprache und Sein“ eines der „einflussreichsten Werke unserer Zeit“ sei.


Offenbar traut der Verlag einer erfahrenen Übersetzerin aus dem zeitgenössischen Amerikanisch eine angemessene Übertragung des Gedichts nicht richtig zu – oder befürchtet einen Shitstorm wie in den Niederlanden? „Wirkt es verkaufsfördernd, wenn die Übersetzung der hipsterigen Gorman auch die Namen von deutschen Woke-Hipstern trägt“, belustigt sich Mara Delius in der Welt und zitiert ein Verlagsstatement: „Den Wunsch der Autorin, auf bestimmte Parameter zu achten, haben wir sehr gern berücksichtigt. Das aus drei gleichberechtigten Expertinnen bestehende interdisziplinäre und intersektional denkende Team war die Idee des Hoffmann und Campe Verlags.“


Doch damit wäre Literatur, regt sich Delius nun auf, „reduziert auf den Prozess des Erfahrungsaustauschs einzelner Identitätsstämme, die sich durch ihre Erfahrungen und Betroffenheiten darüber voneinander unterscheiden und zwischen denen nur dann ein Austausch stattfindet, wenn man sich zufälligerweise für den anderen interessiert oder über ihn empören will – nicht etwa, weil man irgendwie davon ausgehen könnte, durch seinen Intellekt, seine Einfühlungsfähigkeiten oder sein Interpretationsvermögen Zugang zu haben zu etwas, das einem unendlich viel mehr verspricht als ausschließlich Erfahrungen. Früher nannte man das Prinzip Hermeneutik und glaubte an dessen emanzipatorische Wirkung.“ Auch Hanser-Verlagschef Jo Lendle mahnte in der Zeit: „Identitätsfragen zur zwingenden Bedingung zu machen wäre ein Missverständnis von Kunst. … . Wenn Literatur ihre wesentliche Kraft abgesprochen wird – das Hineinschlüpfen ins Andere –, ist sie verloren. Das wäre Verrat am Prinzip Literatur.“


Jörg Sundermeier vom kleinen und zuletzt gefeierten „Verbrecher“-Verlag dagegen findet es ebenfalls in der Zeit ein „ernst zu nehmendes Problem“, warum eine weiße Person dieses Gedicht übersetzen müsse, „wenn dadurch nichtweiße Übersetzerinnen unberücksichtigt blieben?“ Prompt fragt René Pfister ketzerisch im Spiegel: „Und gehört dann nicht ‚Effi Briest‘ aus den Buchläden verbannt, weil sich ein Apothekersohn angemaßt hatte, sich in das eheliche Unglück einer pommerschen Landadligen hineinzuversetzen?“ Wer das für ein lächerliches Gedankenspiel hält, sollte sich den Fall der weißen Schriftstellerin Jeanine Cummins ins Gedächtnis rufen, die sich in den USA kürzlich den Vorwurf der „kulturellen Aneignung“ anhören musste, weil sie in ihrem Roman das Schicksal einer Frau schildert, die aus Lateinamerika in die USA flüchtet.



„bewaffnet gegen sich selber“


Über die Gereiztheit auf dem Feld der Identitätspolitik hat sich schon Friedrich Nietzsche unter der Überschrift „Selbstbeherrschung“ in der Fröhlichen Wissenschaft ergötzt: „Er darf sich keinem Instinkte, keinem freien Flügelschlag mehr anvertrauen, sondern steht beständig mit abwehrender Gebärde da, bewaffnet gegen sich selber, scharfen und misstrauischen Auges, der ewige Wächter seiner Burg, zu der er sich gemacht hat. Ja, er kann groß damit sein! Aber wie unausstehlich ist er nun für andere geworden, wie schwer für sich selber, wie verarmt und abgeschnitten von den schönsten Zufälligkeiten der Seele!“ Die Kurzfassung dieser Passage hat Adorno so formuliert: „Was bloß identisch ist mit sich, ist ohne Glück.“ Gujer wies augenzwinkernd darauf hin, dass westdeutsche Journalisten dann auch nicht mehr über Ostdeutsche schreiben dürften, würde man denselben Maßstab der kulturellen Aneignung anlegen, der Rijneveld verbietet, ein Gedicht von Gorman zu übersetzen.


Überhaupt wäre der Begriff „Deutsche“ diskriminierend, weil Ostdeutsche darin nur „mitgemeint“ sind. Was hier im Kleinen aufscheint, weist im Großen auf Samuel Huntingtons bis heute von vielen vertretene oder zumindest benutzte Theorie, dass nun das Zeitalter der Identitätspolitik, der Konflikte der Weltkulturen (clash of civilizations) angebrochen sei. Das 21. Jahrhundert wird nach dieser Sicht zur Arena von Kulturkämpfen werden, bis hin zum keineswegs unwahrscheinlichen Kulminationspunkt eines großen Weltkriegs als Entscheidungsschlacht zwischen kulturellen Herrschaftsansprüchen, denen ihrem Wesen nach die Chance zur Verständigung auf immer verwehrt sei. Die Welt wird zur Beute eines in allen Kulturen die Macht ergreifenden Fundamentalismus, dem mächtigsten Paradigma der neuen Identitätspolitik: „Die Kulturen können sich in dieser Sicht einander umso weniger verstehen und verständigen, je mehr sie sich in ihrer Unterschiedlichkeit erkennen, frei von allen Überresten ideologischer Schminke und dem Schutz geografischer Distanz“, erkannte Thomas Meyer in den Frankfurter Heften.


Der neue Klassenkampf, so der linksliberale US-Autor Michael Lind, geht einher mit offener Verachtung eines Teils der Demokraten für alles, was ihrer Meinung nach rückständig und damit rechts und autoritär ist. Diese Grundhaltung brachte Hillary Clinton auf den Punkt, als sie sich über die „Abgehängten“ mokierte, die „rassistisch, sexistisch, homophob und ausländerfeindlich“ seien – und gegen Trump die Präsidentenwahl verlor. „Man muss längst nicht mehr die politische Seite wechseln, um die inquisitorischen Praktiken der kulturellen Linken als selbstgerechte Inszenierung zu erleben“, wird Gregor Dotzauer im Tagesspiegel sehr deutlich.


So wurde die Chefin des queeren Berliner Buchladens „shesaid“, Emilia von Senger, von Aktivisten mit Migrationshintergrund traktiert, weil das Geld, mit dem sie wirkt, aus ihrer Familie mit einem Wehrmachts-General stammt – der in Distanz zum Nationalsozialismus stand. Die zwei selbsternannten Künstlerinnen beschließen in ihrem selbstgerechten Furor auf Instagram gleich noch, von den Deutschen, die seit Generationen hier leben, nur als „Menschen mit Nazihintergrund“ zu sprechen. Da aus der NS-Geschichte „große Verantwortung für alle Deutschen“ erwachse, würde eine „Selbstbezeichnung wie ‚Menschen mit Nazihintergrund‘ bei der Aufarbeitung helfen“, assistiert Jule Hoffmann in der Zeit. „Nazi-Enkel:innen haben die Verantwortung, sich selbst zu enterben“, fordert gar Mateja Meded in der Berliner Zeitung. Auch das ist kein Witz.


Die akademischen Eliten, vor allem ihre jüngeren Vertreter, fielen durch besondere Rigorosität im Urteil auf: „Der neue Klassenkampf ist eigentlich ein Kulturkampf und obendrein ein Generationenkonflikt“, so Gujer mit Rekurs auf Huntington. Die „Abgehängten“, wie Hillary Clinton ihre einstigen Wähler feinfühlig nannte, können oft nichts anderes aufbieten als ihr Ressentiment. Sie pöbeln dann in den sozialen Netzwerken, was ihnen als weiterer Beweis ihrer Primitivität ausgelegt wird. Oder sie verstummen, ziehen sich zurück und gehen vielleicht überhaupt nicht mehr wählen.


Für die Demokratie ist das schlimm: „Wenn große Gruppen der Gesellschaft den Glauben an die Demokratie aufgeben, verliert diese ihre Legitimität“, so Gujer. „Identitätspolitik ist ein ätzendes Gift. Es zieht alle in Mitleidenschaft, die damit hantieren“, lautet prompt sein Fazit. Selbst Thierse deutet wenigstens an, dass sich rechter „Hass“ und linke „Cancel Culture“ irgendwo treffen, und bestätigt damit implizit die Hufeisentheorie des Chemnitzer Politikwissenschaftlers Eckhard Jesse. „Eine neue Ideologie breitet sich in Deutschland aus: Sie teilt die Gesellschaft künstlich in feindliche Lager ein. Dieser Irrsinn muss gestoppt werden“, bilanziert Bittner diesen modifizierten Machiavellismus - doch sagt er nicht, wie er noch zu stoppen ist und von wem. Harald Martenstein empfahl im Zeit-Magazin Mitte März schon mal: „Ich glaube, wir sollten alle ein bisschen unsensibler werden.“ Liest sich so ein dienlicher Anfang?



*



Über den Autor:

Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg.





Hier können Sie TUMULT abonnieren.

Für Einzelbestellungen klicken Sie bitte hier.


DAS PROJEKT TUMULT

VIERTELJAHRESSCHRIFT

WERKREIHE

RECHTLICHES

  • TUMULT auf Twitter
  • TUMULT auf Facebook

Freunde der Vierteljahresschrift TUMULT e. V. c/o Frank Böckelmann, Nürnberger Str. 32, 01187 Dresden