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Thomas Hartung: RIESIG STATT FETT

Eine neue Sensibilitätsindustrie bewertet Figuren rassistisch, macht aus fetten „riesige“ Menschen oder cancelt frauenlose Theaterstücke. Auf dem Altar „Wohlfühlkollektiv“ wird die Literatur geopfert.




Ein klassisches Diktum Karl Valentins lautet: „Jedes Ding hat drei Seiten: eine positive, eine negative und eine komische“. Nimmt man zum diesjährigen Faschingsfest als positiv die Potenzierung des Faschingsdienstags durch den darauf fallenden UNESCO-Welttag der Muttersprache, der die heimischen Traditionen verstärken mochte, liefert die komische Seite die Antidiskriminierungsstelle Heilbronn: Sie mahnte den Bäcker Rolf Herrmann ab, weil seine gefüllten Berliner neben Chinesen und weißen Cowboys auch „Darstellungen schwarzer und indigener Menschen“ zeigten, und forderte ihn auf, das Gebäck umzuarbeiten. Die Begründung, damit die Faschingszeit „für alle zu einem unterhaltsamen und diskriminierungsfreien Erlebnis zu machen“, trieft vor Ideologie und hat im Handwerk nichts zu suchen, so der kulturpolitische AfD-Fraktionssprecher Baden-Württembergs Dr. Rainer Balzer MdL.


Das Perfide: Die altehrwürdige Heilbronner Bäckerei wurde von einem vorbeilaufenden Passanten in Blockwartmanier denunziert. „Stellen dieser Art sind nicht nur unnütz, sie tragen auch zur Einschüchterung der Bürger bei. Diese Einrichtungen zur Förderung des Denunziantentums sind sofort abzuschaffen“, empört sich die sozialpolitische AfD-Fraktionssprecherin Baden-Württembergs Carola Wolle MdL. Herrmann habe völlig Recht mit seiner Ansicht, dass wir keinen Fasching mehr benötigen, wenn so etwas Schule macht: „Wir brauchen keine Faschingspolizei, die völlig unsinnige Probleme verfolgt, um von den echten Problemen wie Innere Sicherheit, Energiekrise oder Migration abzulenken“, so Balzer. „Seine Weigerung, diese Artikel ‚diskriminierungssensibel‘ abzuändern, unterstütze ich voll und ganz. Und im Gegensatz zu Ravensburger Winnetou-Posse wünsche ich ihm, dass er standhaft bleibt.“ Der Bäcker blieb standhaft. Andere nicht – womit die negative Seite des Tages ins Spiel kommt: Als Umfaller erwies sich der britische Puffin-Verlag, der zum Bertelsmann-Konzern gehört.

Dort erscheinen die Werke des erfolgreichsten Kinderbuchautors aller Zeiten: Roald Dahls († 1990). „James und der Riesenpfirsich“, „Der fantastische Mr. Fox“ und vor allem „Charlie und die Schokoladenfabrik“ sind längst Klassiker. Doch „beseelt von zweifelhaftem Weltverbesserertum“, so T-Online-Chef Florian Harms, kündigte die Bertelsmann-Verlagstochter an, Dahls Bücher „umzuschreiben“. Dafür wurden eigens „sensible Leser“ eingestellt, die die Texte „prüfen“ und „modernisieren“ sollen, damit diese „auch heute noch von allen geschätzt werden können“. Schon Hunderte Änderungen am Originaltext hätten sie vorgenommen und neue – nicht von Dahl stammende – Passagen hinzugefügt.


So darf der fette Augustus Glupsch in „Charlie und die Schokoladenfabrik“ nun nicht mehr „fett“ sein, sondern muss „riesig“ genannt werden, weil beleibte – sorry, natürlich „mehrgewichtige“ – Leser dies sonst als verletzend empfinden könnten. Das ist kein Witz. Die „kleinen Männer“ namens „Oompa Loompa“ in der Schokoladenfabrik müssen künftig „kleine Leute“ sein – denn die Menschheit besteht ja bekanntermaßen zur Hälfte aus Frauen. Das ist ebenfalls kein Witz. Aber auch das Wort „weiblich“ wird aus Dahls Werken herausgestrichen: Mittlerweile gibt es ja drei, vier oder noch mehr Geschlechter. Um auch wirklich alle anstößigen Passagen auszuradieren, hat sich der Verlag von einer „Organisation für Inklusion, Diversität und Barrierefreiheit“ beraten lassen, die sich auf „Inklusion und Zugänglichkeit in der Kinderliteratur“ spezialisiert hat.


Eine besonders kuriose Änderung betrifft die Beispiele, mit denen sich die hochbegabte Matilda im gleichnamigen Roman (1988) mittels der Literatur davonträumt. In der früheren Fassung hieß es: „Sie fuhr mit Joseph Conrad auf Segelschiffen aus alten Zeiten. Sie reiste mit Ernest Hemingway nach Afrika und mit Rudyard Kipling nach Indien.“ Womöglich sollen hier Bezüge zum Kolonialismus vermieden werden. In der Überarbeitung steht laut Telegraph: „Sie besuchte Landgüter des 19. Jahrhunderts mit Jane Austen. Sie reiste mit Ernest Hemingway nach Afrika und mit John Steinbeck nach Kalifornien.“ Salman Rushdie schmetterte den Verlagsleuten prompt entgegen, sie sollten sich schämen, und kritisierte die „zensorische Sensibilitätspolizei“.


„Wenn wir anfangen, vermeintliche Kränkungen zu korrigieren, anstatt den Lesern zu erlauben, Bücher so zu rezipieren und darauf zu reagieren, wie sie geschrieben wurden, riskieren wir, die Arbeit großer Autoren zu verzerren und die bedeutende Linse, die die Literatur auf die Gesellschaft wirft, zu trüben“, twitterte Suzanne Nossel, Geschäftsführerin von PEN America. Laura Hackett, stellvertretende Literaturchefin der Sunday Times, reagierte auf die Nachricht persönlich verstimmt. „Die Herausgeber von Puffin sollten sich schämen für die verpfuschte Operation, die sie an einigen der besten Kinderbücher Großbritanniens vorgenommen haben“, schimpfte auch sie und kündigte an, ihre alten Originalexemplare von Dahls Geschichten sorgfältig zu verstauen, „damit meine Kinder sie eines Tages in ihrer vollen, bösen, bunten Pracht genießen können.“


Shitstorm-Abschirmdienst


In den vergangenen Jahren haben Buchverlage „dem Zeitgeist gern mal den Rotstift in die Hand gedrückt“, blickt Tobias Becker im Spiegel zurück. In Astrid Lindgrens Pippi-Langstrumpf- Büchern ist Pippis Vater auf Deutsch nun „Südseekönig“. In Otfried Preußlers „Kleiner Hexe“ wurde eine Faschingsszene überarbeitet, in der sich Kinder als Türken verkleidet hatten. Aber so weitreichende Eingriffe wie im Fall Dahl gab es wohl noch nie. „Die Sprachverhunzung im Namen einer falsch verstandenen Gleichberechtigung ist ein Angriff auf unsere Kultur“, empört sich Harms. Diese Angriffe nun schreiten gerade auf dem Feld der Literatur, aber auch der Publizistik in erschreckendem Maße voran: Unter dem Schlagwort „Sensitive Reading“ entsteht gerade eine ganze Kulturindustrie, die ihre als „Achtsamkeit“ und „Empathie“ getarnte, kollektivierend-gleichmacherische Wohlfühl-Ideologie durchsetzen will.


Höhepunkt in der Publizistik war zweifelsohne das Zeit-Porträt „Wie sensibel muss ein Buch sein?“, in dem Timo Posselt Ende Januar die „Arbeit“ des „Sensitivity-Readers“ Marius Schaefers beleuchtete – einem 27jährigen Studienabbrecher der Germanistik, der in Indien geboren wurde, selbst acht Romane veröffentlichte, allein letztes Jahr 20 Romanmanuskripte von insgesamt knapp 6000 Seiten für renommierte Kunden wie HarperCollins, Oetinger und Ravensburger lektorierte und davon nach eigenen Angaben gut leben kann. Dem Text nun war die Bemerkung vorangestellt: „Um zu zeigen, wie seine Arbeit funktioniert, haben wir eine andere Sensitivity-Readerin gebeten, unser Porträt von ihm zu prüfen.“ Und die wiederum ist eigentlich Studentin der Politikwissenschaft und wurde vorgestellt als „‚Schwarze Frau, die transracial adoptiert wurde‘“. Alles klar?


„Meine Arbeit beginnt oft mit einem unguten Gefühl“, lässt sich der schwarze Transmann zitieren und erklärt in seinem „Leistungspaket“, sensibel „für Rassismus, Transfeindlichkeit, Neurodiversität, Hochsensibilität und Queerness“ zu sein, also auf Diskriminierungen nach Hautfarbe, Geschlecht, psychischer Gesundheit und sexueller Orientierung zu achten. Seine Einwände hätten „Autorität, weil er sie meist ethisch begründet“, heißt es im Text, und er sei eigentlich ein „Shitstorm-Abschirmdienst“, damit Neuerscheinungen nicht auf unerwünschte Art Furore machen. Denn die Autoren bräuchten ihn, wenn sie sich Figuren ausdenken, deren Lebenswirklichkeiten sie nicht aus eigener Erfahrung kennen: „Schaefers setzt sich seine Identitäten also wie Brillen auf“, befindet Posselt, der seine an den MAD gemahnende Metapher wohl kaum zufällig gewählt hatte.

Mit seiner schwarzen Identität etwa reagiert er auf Vergleiche von schwarzer Haut mit etwas Essbarem: Schokolade, Kakao, Kaffee. „Das ist eine Fetischisierung“, behauptet er. Sperrigkeit und Zensur nimmt er dabei in Kauf mit der Begründung: „Mit seiner Kunst will man doch niemandem wehtun.“ Und Posselt widerspricht selbst: „Doch, möchte man erwidern. Es gibt schon Kunst, die das in Kauf nimmt, vielleicht sogar: in Kauf nehmen muss. Aber für Schaefers soll Kunst vernünftig sein, niemanden ausschließen. Er bürdet ihr damit einen gesellschaftlichen Zweck auf.“ Und genau das ist das Problem, wie aus den Anmerkungen der sensitiven Kontrollleserin hervorgeht: Allein dem simplen Satz „Sensitivity-Reader können Bibliothekarin sein, Logopäde oder Sozialarbeiterin“ mangele es an „gendersensibler Sprache“. Das ist kein Witz. Becker äußerte den Verdacht, „dass aus einem Abenteuerspielplatz ein Bällebad werden sollte“.


Posselt schreibt zu dem Berufsbild: „Sie haben Gender Studies studiert oder Jura oder gar nichts. Viele von ihnen schreiben selbst. Alte weiße Männer sind keine darunter. Die meisten weichen irgendwie von der Norm ab.“ Damit gelangen wir in eine Situation, in der „die woke Ideologie persönliche Sensibilität mit der Logik des Ausnahmezustands“ verbindet und daraus „ein aggressives Auftreten gegen die von ihr identifizierten Feinde“ abgeleitet wird, wie Bernd Stegemann im Cicero meinte. So würde jeder unter Rassismusverdacht gestellt, der als Hellhäutiger nicht an seiner eigenen vermeintlichen Privilegiertheit zweifelt. Dass Menschen mit Migrationshintergrund, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, ständig so tun, als hätte die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit ihnen etwas Böses angetan und sie benachteiligt, gleicht zunehmend einer Opfer-Olympiade.


Nur ein Negerkuss höchstens


Die Zeit hatte übrigens 20 Verlage gefragt, ob sie Sensitivity-Reader beauftragen, zehn haben geantwortet. Nur drei davon vertrauen einzig auf ihre eigenen Lektoren, so C.H. Beck: Manuskripte selbst auf Klischees und Vorurteile zu prüfen sei „Teil dessen, was wir als literarische Qualität betrachten“. „Wenn Bedarf für externe Sensitivity-Reader aufkommen würde, würden wir darauf reagieren. Bisher ist das nicht der Fall.“ Bei Suhrkamp hält man es ähnlich. Besonders Kinder- und Jugendbuchverlage setzen Sensitivity-Reader ein. Sie seien „ein wichtiges Werkzeug im Lektoratsprozess“, heißt es bei Bastei Lübbe; Ullstein lässt Übersetzungen mit Sensitivity-Readern prüfen. Der Carlsen Verlag ließ die deutsche Fassung der amerikanischen Liebesgeschichte „Elf Schritte bis zum Happy End“ daraufhin prüfen, ob Frisuren, Speisen und ihre Zubereitung korrekt bezeichnet werden. Beim Jugendbuch „Shortbread und Shiva“ habe eine Sensitivity-Leserin indischer Abstammung vor allem auf die Beschreibung indischer Bräuche geachtet.


Doch auch die Dramatik geht auf Nummer sicher. Das Berliner Ensemble hatte letztes Jahr die Beratungsagentur „The impact company“ engagiert, um eine Aufführung von Carlo Goldonis Komödie „Der Diener zweier Herren“ von 1746 „rassismuskritisch“ zu bewerten. Danach sollte entlang mehrerer Indikatoren wie Sprachen und Ausdrucksweisen der Figuren, Darstellung einzelner Charaktere und dem geographischen beziehungsweise historischen Kontext untersucht werden, „ob und inwieweit Unterdrückungssysteme reproduziert werden“. Das ist ebenso moralistisch wie masochistisch, empörte sich Balzer und forderte die Theater Baden-Württembergs auf, sich klar gegen solche „Bewertungen“ ihrer Inszenierungen durch externe Berater zu positionieren. Darauf wartet er allerdings bis heute.

Es wäre nicht nur geschichtsvergessen, sondern völlig absurd, Theaterstücke der Vergangenheit aus heutiger Sicht „rassismuskritisch“ zu beurteilen und sie eventuell zu verändern oder gar nicht mehr zu spielen, so Balzer: „Jeder Mensch, der des kritischen Denkens mächtig ist, kann und wird sich seinen eigenen Reim auf das machen, was der Autor mit seinem Stück vor langer Zeit gemeint hat. Es ist eine Unverschämtheit, das Werk eines Künstlers einfach umzugestalten, so dass es dem entspricht, was woke Ideologen jetzt haben möchten.“ Der heutige Theaterbesucher wird im Grunde behandelt wie ein kleines Kind, das unbedingt die „richtigen“ Lehren aus der Aufführung mit nach Hause nehmen soll. Das ist Gesinnungsdiktatur pur.


Das Ballett ist ebenfalls nicht mehr vor derlei Verschlimmbesserungen gefeit. Während Tschaikowskis „Nussknacker“ etwa in Stuttgart und Baden-Baden im Dezember 2021 noch mehrfach auf dem Spielplan stand, hat ihn das Berliner Staatsballett abgesetzt. Bei zwei Kindern habe es im zweiten Akt „Blackfacing“ gegeben oder zeige der chinesische Tanz „Stereotypen mit kleinen Trippelschrittchen“, hieß es von der kommissarischen Staatsballett-Chefin Christiane Theobald. Auch der orientalische Tanz mit Haremsdamen und einem Solisten mit brauner Körperschminke seien „Dinge, die man so heute nicht mehr unbesprochen auf die Bühne stellen kann“. Das ist der Gipfel der Cancel Culture. Hier wird eine vermeintlich erhabene Moralität zu erzwingen versucht, die keinerlei Diskriminierung gegen Minoritäten duldet – einerlei, ob das die Minoritäten selbst als diskriminierend empfinden oder nicht. Welcher Chinese hat in Berlin protestiert?


Dabei ist Theobalds Arroganz ein Grund für den allgemeinen Niedergang von Kultur, denn das Publikum „interessiert sich möglicherweise gar nicht so sehr dafür“, muss sie in der BZ eingestehen: Aber dennoch sei es „im Sinne einer kulturhistorischen Auseinandersetzung mit dem Werk sehr wichtig“. Was ist „es“, und vor allem, für wen ist es „wichtig“, fragt Balzer. „Soll Kindern und Jugendlichen wie Erwachsenen das musisch-ästhetische Erlebnis vergällt und stattdessen Gesinnungserziehung betrieben werden? Ist in dieser absurden Zeit überhaupt noch ein unbefangener Kulturgenuss möglich, ja erwünscht – oder wird inzwischen alles unter ideologischen General- und damit Rechtfertigungsverdacht gestellt?“ Unsere Bühnen würden im Gegenteil gut daran tun, sich von dieser Berliner Praxis zu distanzieren und werkgetreue Aufführungen zu inszenieren: Der Rettung des Nußknackerprinzen folgt nun mal ein fantastisches Fest, bei dem verschiedenste Tänzer aus aller Herren Länder spektakuläre Auftritte haben. Man kann es gar nicht oft genug anprangern: die Historie, auch die Musikgeschichte, ist kein Steinbruch für Wurfgeschosse, mit denen woke Gutmenschen ihre Gegenwartsinteressen verteidigen.


Und selbst in der Popmusik nimmt man es mit „Werktreue“ nicht mehr genau. Florian Silbereisen strich bei Jürgen Drews‘ ARD-„Schlagerabschied“ das Wort „Indianer“ aus Klaus Lages Kulthit „1000 und 1 Nacht“ (1984). Dessen Autor Diether Dehm hat im Januar prompt Strafanzeige gestellt. Und erst letztes Wochenende gedachte der 44-jährige Deutsch-Italiener Giovanni Zarrella im ZDF Schlager-Gott Udo Jürgens und sang ihm zu Ehren gemeinsam mit dessen Weggefährten Roland Kaiser und Popstar Namika ein Hit-Medley. Doch dabei wurde der Kulthit „Aber bitte mit Sahne“ in abgeänderter Form dargeboten: „Sie pusten und prusten, fast geht nichts mehr rein. Nur ein Mohrenkopf höchstens, denn Ordnung muss sein“, lauten die Originaltextzeilen – und Zarrella ersetzte das vorgeblich diskriminierende Wort „Mohrenkopf“ durch „Schokokuss“.


Zensibilitätsleser


Eine spezielle Erfahrung mit der Sensibilitätsleserei schilderte jüngst der Autor Sören Sieg in einem FAZ-E-Paper und in der Weltwoche. „Oh, wie schön ist Afrika...“ lautet der Titel seines im letzten Sommer erschienenen Buchs. Der Goldmann-Verlag, Teil der Penguin Random House Verlagsgruppe, die wiederum zum Bertelsmann-Konzern gehört, hatte Sieg eine Sensibilitätsleserin verordnet, die „mit heiligem Eifer zu Werke ging“, ergötzte sich Christoph Lövenich auf achgut und kreierte den Neologismus „Zensibilitätsleser“. „Meine Couchsurfing-Abenteuer in sechs Ländern bei 18 Hosts“ lautet der Untertitel des Werks, ursprünglich war „Couchsurfing auf dem bunten Kontinent“ geplant. „Sensitivity reading ist […] kein Lektorat“, informiert Sieg, „sondern eine politische Erziehungsmaßnahme, deren Radikalität alle verstehen müssen, die vom und fürs Schreiben leben.“

Wie bei Dahl stießen Attribute wie „dick“ und „klein“ auf Missfallen, aber auch „hübsch“ und „schlank“. Inhaltlich kritisierte die postkoloniale Sensibilitätsleserin, Sieg betone die „Rückständigkeit“ Afrikas, und sie fand unter den Originalzitaten von Menschen, denen Sieg auf dem Kontinent begegnet war, auch angeblich „feindliche Stimmen gegen Muslime“. Die Bücher eines von Sieg angeführten Autors würden, wie sie nach einer Amazon-Recherche kritisch anmerkte, von Menschen gekauft, die ebenfalls Bücher von Thilo Sarrazin erwerben. Sieg, der auch als Musiker tätig ist, hat übrigens diverse Afrikanische Suiten komponiert, auf Reisen mit Afrikanern musiziert und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Kontinent.


Die Kenntnisse der Sensibilitätsleserin dürften demgegenüber bescheiden ausfallen. Nicht jedoch ihr Tonfall: „Sie wissen schon, dass Sie die Körper von Frauen nicht zu kommentieren haben“, „diese beleidigende Beobachtung […] können Sie besser für sich behalten“. „Sie wirken wiederholt wie jemand, der eigene Privilegien nicht reflektiert hat. Damit Sie sich be­wusst entscheiden können, wie Sie sich selbst zeigen wollen, finden Sie solche Stellen im Text markiert“, heißt es. Das ist kein Witz. Sie wollte auch Zitate von afrikanischen Gesprächspartnern Siegs verfälschen, denn: „schließlich bietet Ihr Buch eine Perspektive an und nicht die Wahrheit.“ „Das wäre ja auch die Höhe, wenn ein Sachbuchautor nach Wahrheit strebte. Über die verfügt doch die Sensitivity-Expertin“, ergötzt sich Andreas Platthaus in der FAZ. Immerhin: Nur ein Bruchteil der von ihr vorgeschlagenen Änderungen musste am Ende wirklich umgesetzt werden.


International machte im Januar das vergebliche „Warten auf Godot“ im nordniederländischen Groningen Schlagzeilen: Das Stück kommt gar nicht, es wurde nämlich gecancelt. Die Theatergruppe, die das Werk von Nobelpreisträger Samuel Beckett aufführen wollte, erhielt vom Kulturellen Studentenzentrum der örtlichen Reichsuniversität eine Absage. Der Anlass: Zum Casting waren nur Männer eingeladen – und „es gehe nicht an, dass Gruppen von Menschen ausgeschlossen würden“, so eine Sprecherin bei dpa. Dass in „Warten auf Godot“ nur Männer vorkommen, mag für die Theatergruppe eine Rolle gespielt haben, vor allem aber, dass Autor Beckett testamentarisch verfügte, dass nur Männer Rollen in seinem Stück spielen dürfen.


Der Regisseur der englischsprachigen Groningen University Theatre Society, Oisín Moyne – ein Ire wie Beckett –, fühlt sich nach der Absage „wie im falschen Film“. Umgekehrt Unverständnis für dessen Haltung zeigt Schauspielerin Elsie de Brauw in nporadio1. Es passe „nicht mehr in die Zeit, [das Stück] ausschließlich von Männern spielen zu lassen“. Sie selbst wirkt in Rotterdam in einer Inszenierung von „Warten auf Godot“ mit, was dem Rechteverwerter wohl bisher nicht aufgefallen ist. „Ich bin zufällig eine Frau, aber ich spiele einfach jemanden.“ Und das, obwohl Beckett möglicherweise gerade wegen eines in den Niederlanden verlorenen Rechtsstreits kurz vor seinem Tod genau diese Verfügung traf.


Nur darstellen, was „meins“ ist


Ein weiteres Paradebeispiel dieses ambivalenten Prozesses zwischen „kultureller Aneignung durch die Mehrheit“ und „kultureller Anmaßung durch die Minderheit“ ist der Roman „American Dirt“ der US-amerikanischen Schriftstellerin Jeanine Cummins. Darin erzählt Cummins – ein Viertel Puerto-Ricanerin, ansonsten weiße Amerikanerin – die Geschichte von Lydia, die einen Buchladen in Acapulco besitzt. Nachdem ein mexikanisches Drogenkartell ihren Mann sowie den Großteil ihrer Familie erschießt, flieht sie mit ihrem achtjährigen Sohn nach Norden, um über die Grenze in die Vereinigten Staaten zu gelangen. Jeder, der das Buch läse, so Oprah Winfrey in ihrem Book Club, könne genau nachvollziehen, was es heiße, Migrant auf dem Weg in die Freiheit zu sein. Der Verlag verdoppelte daraufhin die Startauflage auf 500.000 Exemplare; eine Produktionsfirma sicherte sich die Filmrechte.


Auch Latina-Celebritys wie Gina Rodriguez und Salma Hayek stellten begeistert Posts von sich und dem Buch ins Netz. Im Nachwort des Buches hatte Cummins erklärt, sie wolle lateinamerikanische Einwanderer würdevoll darstellen. Als das Buch erschien, kam alles sehr schnell ganz anders. Schon in den Tagen davor hatten lateinamerikanische Literaturkritiker und Autoren unter #dignidadliteraria, auf Blogs und in Rezensionen der Autorin vorgeworfen, sie würde mit dem Buch das Verbot der kulturellen Aneignung dreist überschreiten, indem sie Mexiko und den Kampf dortiger Migranten stereotyp, verletzend und beleidigend darstelle. Ferner werden dem Verlag und der Buchindustrie insgesamt vorgeworfen, weißen Autoren für die Darstellung mexikanischer Stoffe den Vorzug zu geben, das Buch für ein weißes Publikum zu vermarkten, lateinamerikanische Autoren, die wohl am besten erzählen könnten, was es heiße, migrantisch und prekär zu sein, links liegen zu lassen. Der Verlag sagte die geplante landesweite Lesetour ab.


„Ob Theater und Film, Musik, Mode oder Showgeschäft, es gilt: Ich darf nur darstellen, was ‚meins‘ ist. Stelle ich hingegen etwas dar, was nicht meinen gelebten Erfahrungen im Hinblick auf Ethnie, Geschlecht, Sexualität, Sprache entspricht, repräsentiere ich es zwangsläufig falsch, denn ich kann ja nicht wissen, wie es sich anfühlt, zu sein, was ich nicht bin“, so Sara Pines in der Zeit. Verkürzt formuliert: Eine weibliche Autorin darf zwar ohne Probleme die Erzählperspektive eines Mannes einnehmen. Einem Mann wird aber abgeraten, aus der Perspektive einer Frau zu erzählen. Heterosexuelle Autoren sollen überdies keine anderen sexuellen Identitäten darstellen, weiße Autoren keine ethnischen Minderheiten. Eine schwarze Arielle in der Neuverfilmung des Disney-Klassikers dagegen geht in Ordnung.


Mittlerweile gibt es zahllose Beispiele für den Erfolg dieser Idee. So legte Scarlett Johansson 2018 eine Transgender-Filmrolle nieder nach Protesten (sie sei ja nicht trans, könne also nicht ...). In Portland schlossen 2017 zwei weiße Frauen ihren Burrito-Imbiss nach Boykottaufrufen (dies sei doch gar keine echte, von echten Mexikanern bereitete Küche). In der Modewelt ist es längst verpönt, für Ornamente oder Dekorationen Anleihen bei indigenen Mustern zu machen. „Was bedeutet das aber für die Wahrnehmung von Musik, Kunst, Literatur? Kann ich noch tollpatschig zu Rap tanzen, oder verhöhne ich damit die Sklaverei? Steht es mir zu, eine Rezension zu ‚American Dirt‘ zu verfassen, auch wenn ich keine Latina, gar Mexikanerin bin?“, fragt Pines.


Aneignungsdebatte wiederum angeeignet


Die Praxis gilt im deutschen Literaturbetrieb als – noch? – kontroverses Randphänomen: „Sensitivity-Reading spaltet die Buchbranche“, behauptete prophylaktisch aber schon mal der BR. Die IG Belletristik und Sachbuch hat Ende Januar bei ihrer Jahrestagung in München um eine Position zu Sensitivity Reading und kultureller Aneignung gestritten. In ihrem Impulsvortrag betonte die SZ-Literaturredakteurin Marie Schmidt die „gesteigerte Aufmerksamkeit für soziale Unterschiede“, die mit den neuen Lektoratsangeboten verbunden sei. Sensitivity Reader, die Texte „auf verletzende oder diskriminierende Ausdrucksweise“ prüfen, wollten „nichts verbieten, sondern bieten ein Gesprächsangebot an“. Allerdings werde durch dadurch „Autorschaft in Frage gestellt“, Autoren seien nicht mehr Herr im Haus der eigenen Sprache, sie könnten unbewusst Fehler gemacht haben. Sich das einzugestehen, sei nicht einfach, doch „subtile Unterschiede müssen zur Kenntnis genommen werden und dafür könnte Hilfe nötig sein, wenn man wie wir in einem vorwiegend weißen, akademisch geprägten Betrieb arbeiten“, behauptete Schmidt.


Und so erklärte die Sensitivity Readerin Victoria Linnea: „Anstatt lediglich die groben Fehler zu vermeiden, kann man sich von den gleichen wiederholenden Geschichten mit den immer gleichen stereotypen Narrativen lösen und Werke mit neuen Ideen und Sichtweisen schaffen.“ Prompt fragt Sabine van Endert im Börsenblatt: „Reicht nicht auch Einfühlungsvermögen und Recherche, oder muss man die Lebenswelt, über die gesprochen wird, teilen“, und muss gestehen: „Die Versachlichung des Themas gelang in der anschließenden Diskussion nur bedingt. Die Lektorate der Verlage bräuchten keine Unterstützung bei sensiblen Themen, Sensitivity Reading und Triggerwarnungen seien nur Werbemaßnahmen der Verlage, korrekte Literatur brauche keiner, so die Wortmeldungen.“ „Dürfen wir noch die Friedenspfeife rauchen?“, fragte also Jens Balzer („Ethik der Appropriation“) im zweiten Impulsvortrag und meinte, in Deutschland sei „die Aneignungsdebatte wiederum angeeignet“.

Unter dem Titel „Das Ende von Kunst und Kultur?“ hatte der HR schon vor einem Jahr eine Kontroverse zu Pro und Kontra der „empfindsamen Lektoren“ versucht – sinnigerweise mit Beispielen wie „der russische Bösewicht“ oder „die exotische Schönheit“, die Vorurteile bestärkten und diskriminierend wirkten. Der schwarze (!) Redakteur Davide Di Dio fragte als Pro-Vertreter ernsthaft „Wie soll ich eine Geschichte über Rassismus erzählen, wenn ich davon selber nicht betroffen bin? Oder wie kann ich als Hörender wissen, wie sich meine gehörlose Romanfigur wirklich fühlt?“ Ohne Sensitivity Reding seien die Geschichten „im Zweifel … dann halt falsch und unauthentisch erzählt und möglicherweise auch noch beleidigend“. Aber, und das ist das Totschlagsargument aller Empfindsamen, sei doch das Schöne an Sprache und Geschichten, „dass sie uns als Menschen eigentlich verbinden sollten“.


Also soll nicht nur jeder Autor zwangssensibilisiert werden, sondern auch Leser denselben Text mit denselben Emotionen unter derselben Perspektive rezipieren – was ein weiterer Schritt in Richtung Zwangsvereinheitlichung des Menschen wäre? „Dann haben wir irgendwann nur noch entweder verbotene Bücher oder solche, an denen sich wirklich niemand mehr reiben kann. Für mich wäre das ein kultureller Albtraum“, nimmt Dagmar Fulle die Gegenposition im HR ein. Auch Starkolumnist Harald Martenstein hegt ähnliche Befürchtungen mit Blick auf die Plattform „sensitivity-reading.de“, wo Autoren Themen wie Rassismus, Muslimfeindlichkeit oder Behindertenfeindlichkeit suchen und eine betroffene Person auswählen können, die sie gegen Honorar bei ihren Texten berät. Martenstein bezeichnete die Plattform als „Literaturprüfstelle“: Sensitivity Reading würden die Vielfalt nicht fördern, sondern vielmehr einschränken, da Autoren dadurch nicht mehr frei schreiben könnten.


Die fünf ehrenamtlichen Plattformbetreiber sehen das natürlich ganz anders. „Menschen wie ich werden beispielsweise oft sehr devot oder sexualisiert dargestellt“, beklagt Linnea als „asiatisch gelesener Mensch“ im fluter. Das sei entwürdigend und rassistisch. Auch das Wort „Schl***auge“ empfindet sie „und die meisten asiatisch gelesenen Menschen schmerzhaft“. Ein weit verbreitetes Klischee sei auch, „dass wir alle Nerds seien, meist Musiker*innen oder Mathematiker*innen. Abgesehen davon, dass das natürlich nicht stimmt, wirft man uns damit auch alle in einen Topf.“ Alexandra Koch nerven Begriffe wie „Behindertensessel“, „Behindertenurlaub“ oder gar eine Wortwahl wie jemand „sei an den Rollstuhl ‚gefesselt‘. Dadurch wird suggeriert, Menschen im Rollstuhl seien bemitleidenswert und hilflos.“ In vielen Romanen beobachte sie eine sprachliche Trennung der Menschen mit Behinderung von den „Gesunden“.


Und ihr Kollege Tristan Lánstad beklagt, „dass dicke Menschen überhaupt nicht vorkommen. Oder nur in kleinen Rollen: die gemütliche Wirtin, die Knödel serviert, oder der dümmliche Witzbold.“ Wir hätten in der deutschen Gesellschaft insgesamt ein negatives Bild von dicken Menschen: „unästhetisch, faul, disziplinlos, gemütlich oder unhygienisch. Das hat auch damit zu tun, dass wir Gesundheit und die Vorstellungen, die wir davon haben, so sehr glorifizieren.“ Das ist kein Witz. Als „unlektoriertes“ Beispiel führt er Terry Pratchetts Roman „Einfach göttlich“ an. Der Protagonist Brutha werde so beschrieben: „prankenartige Hände, ein tonnenförmiger Leib und baumstammdicke Beine, die in Spreizfüßen enden“. Er verliert bei einer Reise durch die Wüste einen Großteil seines Gewichts und wird gleichzeitig der Prophet des Gottes Om: „Ganz so, als ob er das als dicker Mensch nie erreicht hätte.“


Moral essen Freiheit auf


Doch schon vor drei Jahren, auf der Jubiläumstagung des Deutschen Literaturfonds in Leipzig, wurde über Political Correctness und Literatur gestritten. Sibylle Lewitscharoff konnte der „Enge des Autobiografischen“ vieler zeitgenössischer Romane nichts abgewinnen. Als Moderator Thomas Böhm begann, aus der Selbstdarstellung von sensivity-reading.de zu zitieren, kam zwar zuerst Heiterkeit auf dem Podium und im Publikum auf. So sollen Autoren „triggernde Inhalte“ vorher benennen, damit die Prüfer*innen „das Projekt vorsorglich ablehnen können“. Rike zum Beispiel, die sich unter anderem auf das Thema „Fatshaming“ spezialisiert hat, lehnt „Erotica, Horror oder Thriller“ komplett ab: Dicke Vampire, die Sex haben, tun ihr offenbar zu sehr weh.


Doch dann echauffierten sich junge Studentinnen im Publikum, baten darum, man möge nicht lachen und das Ganze ernsthaft behandeln und bemängelten das einseitig besetzte Podium: „Das ist schwer auszuhalten. Es sitzt niemand vorne, der betroffen ist!“, so eine angehende Literatin. „Moral essen Freiheit auf“, kommentierte Jan Wiele in der FAZ und wunderte sich: „Man spürt für Momente wieder die ‚Trau keinem über dreißig‘-Attitüde der Achtundsechziger – mit dem Unterschied, dass diesmal die Älteren für mehr Freiheit sind.“ Ijoma Mangold verwies in der Zeit auf die „Generation Snowflake“, die keine Ambivalenzen mehr aushält. Vielleicht auch mit Blick darauf befand jüngst Becker, Literatur könne „ein Fitnessstudio für die Seele sein: der Raum, in dem man sich an Abgründe herantastet, unangenehme und ambivalente Gefühle kennenlernt“.

Das bekräftigte im BR Hanser-Lektor Georg M. Oswald: „Literatur handelt ganz wesentlich von menschlichen Grenzerfahrungen in jeder Hinsicht, und zwar von Spiritualität bis zu Gewalt, von Krieg und Frieden, Liebe und Hass. Selbstverständlich kann das auch belastend, anstrengend und schwierig, auch wunderschön sein, deshalb macht man es ja. Also wenn man 100-prozentig sicher sein will, dass man niemanden verletzt mit dem, was man publiziert, dann sollte man besser nicht publizieren.“ Allerdings gesteht er auch: „Ich finde die Intention zu überprüfen, ob mein Text vielleicht jemanden verletzen könnte, den man gar nicht verletzen will, absolut ehrenwert und richtig. Nur ob die Methode, dafür ganz viele sprachliche Regelungen zu erfinden, die dann berücksichtigt werden müssen, die richtige ist, habe ich meine Zweifel.“


Auch die jüngst 80 Jahre gewordene Elke Heidenreich hatte sich bei Lanz zu dem Problem ein „Sackhüpfen im Minenfeld der politischen Korrektheit – mit verbundenen Augen“ geleistet, wie sich Felix Krautkrämer in der Jungen Freiheit belustigte. „Jeder will unbedingt in jedem Satz mit genannt und beachtet sein“, erregte sich Heidenreich. „Eine einbeinige chinesische Taubstumme mit Migrationshintergrund – ich weiß es nicht, also was kommt noch alles? –, die gerade zum Protestantismus konvertiert ist, fühlt sich dann nicht angesprochen, wenn ich irgendwie über Protestanten rede.“ Wenn aber die Mehrheit bereits dafür angegriffen wird, dass sie keiner Minderheit angehört, und wenn diverse Minderheiten Sonderrechte gegenüber der Mehrheit bekommen, ist das ein Armutszeugnis für eine Demokratie. Solche Sonderrechte führen in eine jakobinische Tugenddiktatur.


Sensibilisierende Beipackzettel


Statt sprachliche Regelungen umzusetzen können Verlage aber auch gewissermaßen sensibilisierende Beipackzettel ausstellen. „Auf Seite 313 beleidigt Stephen Doyle einen Schwarzen rassistisch“, heißt es im Impressum des Romans „Der Abstinent“ des Engländers Ian McGuire (dtv 2022), der im Manchester des Jahres 1867 spielt. Und Jasmina Kuhnkes Roman „Schwarzes Herz“ (Rowohlt 2021) empfängt den Leser gleich mit einer vehementen Inhaltswarnung. Dieses Buch enthalte explizite Darstellungen körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt, es gebe diskriminierende Sprache und rassistische Beschimpfungen, chronische Krankheiten kämen ebenso vor wie der Konsum von Alkohol und Drogen. Und wörtlich: „Bitte achten Sie beim Lesen auf sich, da diese Inhalte belastend und retraumatisierend sein können.“ Fehlt nur noch „Bitte bleiben Sie gesund.“


Hanserblau-Programmleiterin Ulrike von Stenglin bekannte in einer Diskussionsrunde, in den von ihr verantworteten Werken auf „verletzende Sprache weitgehend verzichten“ und einen Klassiker wie Mark Twains „Huckleberry Finn“ lieber nicht publizieren zu wollen. Ihr Autor Alem Grabovac hat sich in seinem Roman „Das achte Kind“ (Hanserblau 2021) aus Authentizitätsgründen sprachlicher Begradigung verweigert. Und so druckte der Verlag einen seltsam distanzierenden Warnhinweis: „Der Text enthält diskriminierendes Vokabular im Kontext der handelnden Figuren, spiegelt jedoch nicht die Meinung des Autors oder des Verlags wider“, heißt es im Impressum dieses Romans, der laut Verlag eine „aufrüttelnde Geschichte über Herkunft und Zugehörigkeit“ erzählt.


„Was für jeden halbwegs erfahrenen Literaturfreund selbstverständlich sein sollte – Figurenrede oder die Erzählerstimme ist nicht mit der Stimme des Autors gleichzusetzen –, wird hier also ausdrücklich betont – vermutlich, um befürchteten Shitstorms zuvorzukommen“, ärgert sich Andreas Wirthensohn in der Wiener Zeitung und antizipierte damit Posselts martialische Metapher. Dass selbst die Lyrik in der Lage ist, die Psyche über Gebühr zu belasten, deutet der Haymon-Verlag im Impressum einer seiner Neuerscheinungen an: „Auch Romane oder Lyrik können triggern. Wir weisen deshalb an dieser Stelle auf Trigger im vorliegenden Buch hin: Yousif T. Ahmeds Gedichtband konfrontiert dich mit Fluchterfahrung, (sexueller) Gewalt, Rassismus und den Auswirkungen von psychischen Erkrankungen.“ Bei solcherart „betreutem Lesen“ kippe „der aufklärerische Grundimpuls von Literatur … ins Eindimensionale“, klagte Mara Delius im Börsenblatt.


Und James Bond geht es nun gleich doppelt an den Kragen: Der Verlag Ian Fleming Publications habe Spezialisten engagiert, die sich den Texten annehmen und entsprechende Passagen identifizieren sollen, zitieren die Stuttgarter Nachrichten den Sunday Telegraph. So seien einige Bezeichnungen für Ethnien und Minderheiten in den Büchern heutzutage schlichtweg nicht mehr tragbar. Sicherlich dürfte die Sexismus-Debatte, der sich auch die frühen Teile der Filmreihe gegenübersehen, ebenfalls mit hineinspielen. Laut Telegraph sollen die Bond-Bücher zusätzlich mit einem Disclaimer versehen werden, in dem es heißt: „Dieses Buch wurde zu einer Zeit geschrieben, in der Begriffe und Einstellungen an der Tagesordnung waren, die von modernen Lesern als verletzend empfunden werden könnten. Einige Anpassungen wurden in diese Edition vorgenommen. Zugleich hielt man sich so nah wie möglich an den Originaltext und die Epoche, in der sich die Handlung zuträgt.“


Unfreiwillig widersprüchliche Botschaften


„Die Knacknuss bleibt, wie klischeefrei und authentisch Literatur angesichts komplexer Lebenswelten sein soll. Die einen fordern: Sie muss es sein! Andere fragen: Kann sie das überhaupt?“, so Mirja Gabathuler im SRF. So gehe es den Sensitivity Readern vor allem darum, Texte „für ein modernes Publikum akzeptabler zu machen“, behauptet der Spiegel. Laut Selbstbeschreibung wollen sie „Autor:innen auf ihre gesellschaftliche Verantwortung aufmerksam machen. Sie können dazu beitragen, Vorurteile abzubauen, indem sie keine diskriminierenden Klischees bedienen.“ Martenstein übersetzt das für sich: „Die Idee ist, dass Betroffene prüfen, ob ihre Gruppe in einem Roman so beschrieben wird, wie sie selbst es sich wünscht.“


„Bedrückend an diesem Kampf der Identitäten – seien sie ethnischer, geschlechtlicher, religiöser, milieubezogener oder jedweder anderen Art – ist nicht nur die (Selbst-)Viktimisierung ganzer Bevölkerungsschichten, sondern die Unversöhnlichkeit, in der er geführt wird“, ärgert sich Cicero-Chef Alexander Marguier. „Eine Gesellschaft aber, die gefühlte Wahrheiten zum Maßstab ihrer Verfasstheit erhebt, wird schneller erodieren, als der Weg zum nächsten Standesamt weit ist, um sein Geschlecht ändern zu lassen.“ Ein „Klima militanter Intoleranz“ macht Eva Menasse aus. Es ist genau diese subjektive Verklärung individuellen Empfindens, die alles Fremde innerhalb der eigenen (!) Gesellschaft zum Feind erklärt und damit eben nicht eint, sondern spaltet.


Wie solche Denkmuster, die eigentlich nichts anderes als Selbstbezichtigungs- und/oder Selbstverdrängungsmuster sind, in den kreativen Prozess eingreifen, beweist die Fantasyautorin Swantje Niemann auf ihrer Homepage in der Reflexion ihrer „Drúdir“-Trilogie. „Das gesamte„Drúdiversum“ ist ein Versuch, alte Fantasytropes, wie sie von Tolkien und Dungeons & Dragons popularisiert wurden, zu modernisieren und Themen wie Industrialisierung, Rechtsextremismus, Kolonialismus etc. hineinzutragen“. Sie ist sich, rückblickend betrachtet, nicht sicher, ob das eine gute Idee war, „da diese Tropes einer zutiefst rassistischen Zeit entstammen … und meine Version wahrscheinlich eher noch dazu beiträgt, Aufmerksamkeit auf ihren historischen Ballast zu lenken.“ Auch das ist kein Witz. Entsprechend sorgt sie sich um ihre Darstellung von Trollen, wenn deren „Nacktheit nicht tabuisiert ist und sie Schmucknarben tragen“, wegen „möglicher Assoziationen mit kolonialen Ideen von ‚Wilden‘“. Das ist ebenfalls kein Witz.


Ihr Credo: „Schriftsteller*innen werden daran gemessen, wie gut ihre Bücher ausdrücken, was sie sagen wollen, und Sensitivity-Reading verhindert unfreiwillig widersprüchliche Botschaften.“

„Soll ein Buch seinen Zweck erreichen, so muss es eine Seele haben, nämlich die Seele des Verfassers“, meinte einst Karl May. Die von Schreiberlingen wie Niemann sucht man heute vergebens. Und prompt werden auch die einstiger Autoren im Nachhinein gemeuchelt. Das betrifft neben Dahl etwa auch Alexandre Dumas: In einer britischen Neuverfilmung der „Drei Musketiere“ wird aus dem Gascogner D’Artagnan ein – Schwarzer. Diese Besetzung zeigt, „dass sich niemand der Verantwortlichen mit dem Dumas-Stoff beschäftigt hat“, zürnt Marco Gallina auf Tichys Einblick. „Die Musketiere gehören nämlich in ihrer Zeit einer eigenen marginalisierten Gruppe an. Es handelt sich vornehmlich um Okzitanier. Die Vorlage von Athos kommt aus dem französischen Baskenland, Porthos und Aramis aus dem Béarn. Dass die vier sich anfreunden ist auch ihrer gemeinsamen Herkunft aus Südwestfrankreich geschuldet. Identität spielt also eine bedeutende Rolle.“ Die Inszenierung gibt keinen Marginalisierten eine Stimme, sondern marginalisiert Dumas. Hinzu kommt, dass Dumas als Enkel haitianischer Sklaven selbst schwarz war: „Die Macher wollen weltoffen erscheinen, demolieren aber in Wirklichkeit das künstlerische Werk eines Mannes, der deutlich besser wusste, was Rassismus, schwarze Herkunft und europäisches Erbe bedeutet.“


Gegenteil eines gutgemeinten Benimm-Ratgebers


Dass Literatur gegen gesellschaftliche Normen und Moralvorstellungen verstößt und sich von nichts und niemandem einschränken lässt, galt lange Zeit als ihr Markenzeichen, konstatiert Rainer Moritz in der NZZ. Literatur fördere nicht per se das Gute, Schöne und Wahre; „sie stellt infrage, wie Gesellschaften das Gute, Schöne und Wahre deklarieren und ideologisch umdeuten.“ Denn wenn Literatur ihren Namen verdient, „ist sie das Gegenteil von einem gutgemeinten Benimm-Ratgeber.“ Dass dieses Basiswissen über Literatur inzwischen unterminiert wird, wo es mit allen Mittel zu verteidigen wäre, nämlich in Buchverlagen und Medien, ist für ihn „beklemmend, ja erschütternd“: „Die Totengräber lächeln uns an; sie meinen es ja nur gut“.


Zu welch seltsamen Verrenkungen es in solchen Fällen kommt, zeigt der Roman „Der Ausflug“ von Spiegel-Autor Dirk Kurbjuweit. Es geht darin um Fremdenfeindlichkeit irgendwo im tiefsten Brandenburg. Vier Freunde aus Berlin – einer davon schwarz – wollen dort gemeinsam ein paar Tage paddeln gehen. Doch gleich am ersten Abend droht die Situation zu eskalieren, denn die Einheimischen erweisen sich als recht roher Haufen. „Seit wann können N... paddeln?“, fragt einer von ihnen. Hier zeige sich eins der Paradoxa dieser wohlmeinenden Vermeidungsstrategien, meint Wirthensohn: „Gerade durch die Auslassung wird die Aufmerksamkeit umso stärker auf das Wort gelenkt“. Denn als Leser wissen wir nicht, ob sich die Figur „auf die Zunge beißt oder ob wir aus Sensibilitätsgründen vor dem Anblick des Schimpfworts ‚Neger‘ geschützt werden sollen“.

Von hier ist es nicht mehr weit bis zur Interpretation, dass „unbereinigte“ Texte, die noch nicht oder besser nicht mehr dem linken Zeitgeist entsprechen, „rechts“ sein, ja als „als Warnzeichen einer rechtsextremen Gesinnung gesehen werden sollen“, wie Gil Barkei in der Jungen Freiheit berichtet. Denn auf einer Liste des britischen Terrorabwehrprogramms „Prevent“ der Behörde für Forschung, Information und Kommunikation fanden sich im Februar unter anderem die kompletten Werke von Shakespeare, mittelalterliche Sagen wie „Beowulf“ und „Canterbury Tales“ und britische Autoren wie Tolkien, Orwell, Huxley und Burke. In dem auf Leselisten aus dem Netz basierenden Dokument werden die Klassiker als „Schlüsselwerke“ von „weißen Nationalisten“ bezeichnet. Andrew Davies, Drehbuchautor der britischen Fernsehserien „House of Cards“ aus den 90er Jahren, nannte die Liste „einen Witz“: „Sie enthält mehr oder weniger den gesamten klassischen Kanon der Literatur und einige der besten britischen Fernsehprogramme, die je gemacht wurden.“


Hinter diesen Sensivity-Tendenzen steht nicht mehr der alte Glaube an die Sprengkraft von Literatur, sondern die Vorstellung von einer moralisch tadellosen, gewalt- und schmerzfreien Literatur; eine Weltsicht, die sich nur noch in eigenen „geschützten Räumen“ bewegen möchte und allerorten Diskriminierung, Rassismus und Sexismus am Werk sieht. Vielleicht liefert Becketts Vorgehen die Lösung: Jeder Autor beharrt testamentarisch darauf, dass – auch nach seinem Tod – seine Werke nur in Originalfassung oder gar nicht zu veröffentlichen sind. Und dass Übersetzungen sich so nah wie möglich an diese Fassung zu halten haben. „Dem Himmel sei Dank, dass Kafka nicht klarstellen musste, welches Regime genau er in ‚Der Prozess‘ beschreibt“, flüchtet sich Martenstein in Sarkasmus. „Heute müsste er vielleicht im Vorwort beteuern, dass nicht die Grünen gemeint sind“.




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Über den Autor: Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in

Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg. Hier können Sie TUMULT abonnieren. Für Einzelbestellungen klicken Sie bitte hier.

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