Bettina Gruber: FREIE BAHN DEN WELTRETTERN

Aktualisiert: 18. Sept 2019

Der übliche und eigentliche Gegenstand ihrer Kolumne dienst Bettina Gruber diesmal als Hinleitung zum Klima-Diskurs. Dieser ist nicht nur ein probates Einfallstor für Sozialisten aller Schattierungen, sondern beleuchtet unfreiwillig auch das Problem des politischen und massenmedialen Umgangs mit ungesichertem Wissen. Dabei profitiert er von einem neuem Typus kindlicher Selbstermächtigung, der sich in "I want you to panic" Greta Thunberg nur personifiziert.



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Gehandelt wird in westlichen Gesellschaften (sofern es sich nicht um Routinen handelt) vor dem Hintergrund einer ganz bestimmten und sehr anspruchsvollen Auffassung vom Selbst und seiner Rechte und Möglichkeiten. In „Kinder an der Genderfront“ habe ich über Radikalindividualisierung und Sexualität geschrieben, aber hier geht es mir um einen anderen Effekt dieses facettenreichen Individualisierungsparadigmas: nicht um spezielle Sexualität als „Ausdruck“ und „Recht“ eines geheimnisvoll-unergründlichen Selbst, sondern um die aus diesem Paradigma entstandene Hybris und „Inflation“ all dieser parallelgeschalteten einzigartigen Selbste. Das zeitgemäße Subjekt darf sich nicht nur durch radikale Selbstreferenz bestimmen (was ich als „tautologisches Privileg“ bezeichnet habe), es steht auch im Wahn, im Weltmaßstab Gutes bewirken zu können und daher zu müssen.


„Inflation“ dabei im Wortsinn verstanden als „Aufblasung“, „Aufblähung“ trifft das Selbstverständnis, das der aktuelle Liberalismus den Einzelnen nahelegt, ganz gut. In die Sprache von Psychologie und Psychoanalyse fand der Begriff Eingang durch Carl Gustav Jung, der unter „Inflation“ eine Überschwemmung mit unbewussten Inhalten verstand und darin eine mögliche Vorstufe der Psychose erblickte. Ob diese Beschreibung realitätshaltig ist, überlasse ich gerne den Experten (die darüber ihrer Expertennatur entsprechend uneins sein werden). Hier soll uns nur die wunderbar passende Metapher beschäftigen:


Inflationiert, mit der heißen Luft uneinlösbarer Versprechungen aufgepumpt, sind all die Selbste, die meinen, höchstpersönlich die Welt retten zu müssen. I-want-you-to-panick-Greta mit ihren Verlautbarungen ist da nur das krasseste Beispiel, die Schaumkrone auf einer daherdonnernden, sich über uns ergießenden Woge von Weltrettern. Die Wahrheit zeigen Fridays for Future, Parents for Future, Scientists for Future, Lectures for Future und Doctors for Future (letzteres unter der Ägide des umtriebigen Fernseharztes Eckart von Hirschhausen, der offenbar im Schnellverfahren vom Spezialisten für „Glück“ zum Spezialisten für „Klima“ mutiert ist): nämlich dass es eine Masse von Thunbergs gibt, die keineswegs nur aus Jugendlichen und Kindern besteht, wie es auf der Straße den Anschein haben mag. Im Gegenteil sind es die Vorstellungen der Elterngeneration, die die Jugendlichen wie Bauchrednerpuppen wiedergeben, was den Charakter einer generationellen Folie à deux erklärt. Wer ein Video von Gretas Rede in Davos gesehen hat, weiß wovon ich rede.


Mit schlafwandlerischer Sicherheit werden Behauptungen von erdgeschichtlicher Tragweite aufgestellt, die dann ganz zufällig in die Forderung: „Wir müssen fast alle Aspekte unserer Gesellschaften verändern“ münden. Ganz ebenso hören sich manche Demonstranten gegen die IAA in Frankfurt am Main an, die hinter einem Banner mit „Burn Capitalism“ herlaufen.


Die zentralen Stichworte lauten „verstaatlichen“ und „enteignen“. Originalität sieht anders aus, auch die planetarische Expansion der Veränderungsansprüche ist eine Neuauflage des totalen Universalismus. Gewechselt haben bloß die Begründung und das emotionale Klima, nämlich von der morgenrötebeschienenen sozialistischen Hoffnung zum perpetuierten Angstzustand, gerne für alle.

Die alte Linke, bislang verfranst in einen Flickenteppich von Minderheiteninteressen, kehrt, wie es scheint, auf dem Umweg über die Klimapolitik zurück und sieht endlich ihre Chance auf die Etablierung eines gnadenlosen Etatismus ohne Schlupflöcher, Rückzugsgebiete und Schonfristen gekommen. Treffend schrieb neulich jemand, dass das Proletariat als Stellvertretersubjekt der „Menschheit“ nie ganz überzeugen konnte. Trotz der eifrig geschwenkten Weihrauchfässer des Universellen habe es immer verräterisch nach Partikularinteressen gerochen.


Demgegenüber ist der Klimawandel ein Geschenk des Himmels: real oder nicht, anthropogen oder sonnenaktivitätsbedingt, Eiszeit oder Gluthitze, Dürre oder Flut, er bildet den perfekten Hebel, um Zwangsmaßnahmen aller Arten durchzusetzen. Schließlich ist für das Überleben der Welt kein Opfer zu groß und keine Maßnahme zu teuer. Er ist das Machtmittel schlechthin und wir sollten uns künftig darauf einstellen, dass jede Wetterlage ein Symptom der Krise und einen Vorwand für neue Einschränkungen darstellt. Dankenswert deutlich machte diese totalitären Begehrlichkeiten Slavoj Zizek, dem aus Begeisterung über diese historische Gelegenheit die postmoderne Maske bedenklich ins Rutschen geriet.


Aber ist es denn nicht richtig, gegen eine globale Bedrohung anzukämpfen? Wird hier etwa kein vorbildlicher zivilgesellschaftlicher Einsatz erbracht? Was hat der Einsatz der Aktivisten in einer Massenbewegung mit den Selbstbildern zu tun, die unsere Gesellschaft den Individuen als mögliche suggeriert? Und wenn der Klimawandel real und menschengemacht sein sollte, ist es dann nicht wirklich angezeigt, sich „zu engagieren“?


Das Problem ist, dass das (sehr europäische) Bild vom Aktivisten-Selbst und seine Möglichkeiten grotesk auseinanderklaffen, sobald es um die Komplexität schon der eigenen Gesellschaft, geschweige denn der Welt geht. Ein Riss bricht auf in Hinblick auf die Möglichkeit, zu verstehen, was da genau be- und worum gekämpft werden soll. Heldenhafter Einsatz wird gegen identifizierbare Gegner erbracht. Die Köpfe der Hydra bleiben zählbar, selbst wenn sie nachwachsen. Der Klimaaktivist dagegen kämpft auf entgrenztem Schauplatz gegen ein sich proteisch wandelndes Bündel von Hypothesen. Aus dem latenten Bewusstsein davon rührt die Lautstärke, mit der ein angeblicher Konsens „der“ Wissenschaft beschworen wird, und das unappetitliche Lechzen nach der Jagd auf Ketzer. Die Aggressivität verweist weniger auf den Weltuntergang als auf die Angst, dass das Ziel abhandenkommen und damit die eigene grandiose Bedeutung kollabieren könnte. Droht die Apokalypse dann doch nicht, entweicht die heiße Luft zischend aus den Ego-Ballons der vielen kleinen Thunbergs und Neubauers.


Es macht einen Unterschied, ob tangible oder hypothetische Ungeheuer bekämpft werden. Im ersten Fall ist man ein Held, im zweiten könnte man eines Tages einmal mit der Erkenntnis aufwachen, seine ureigenen Interessen und die seiner Umgebung bekämpft zu haben. Und es macht einen himmelweiten Unterschied, ob man an der Lösung konkreter Detailprobleme arbeitet oder die Welt retten will. Im ersten Fall handelt es sich um eine handfeste, begrenzte Aufgabe, die definiert, bewältigt und abgeschlossen werden kann. Im zweiten wird man über die Imagination nie hinauskommen. Man wird nicht enden, weil man nicht beginnen kann und man wird „die Welt“ nicht „retten“, weil unklar bleibt, was Substantiv und Verb in diesem Kontext überhaupt bedeuten.


Vorteile hat das nur für Ideologen, weil der Weltrettungsdiskurs auf diese Weise auf Dauer gestellt ist, zuverlässig neue Opfergruppen auswirft und erlaubt, immer neue offene Rechnungen zu präsentieren. Das verbindet ihn mit den Minderheitenleierkastenmelodien, für die das ausreichend analysiert worden ist. Der ehrlichen Herausforderung der kleinen Aufgabe steht das narzisstische Schattenboxen des inflationierten Maximalforderers gegenüber.


Nochmals: Das Problem ist nicht der Wille, sich für ein übergeordnetes Ziel einzubringen, im Gegenteil. Auch einen Generationskonflikt daraus zu konstruieren, ist falsch (vom beiden Seiten). Das Problem ist, dass Ziele dieser Art zwangsläufig phantasmagorisch sind. Sie weichen in ewigem Flimmern zurück wie die Fee namens Morgana. Die Welt wird nie gerettet sein ebenso wenig wie die klassenlose Gesellschaft je erreicht – das garantiert für die Dauer bzw. das immer wiederholte Wiederaufflammen solcher Ansinnen. Hier liegt, obwohl ich die beliebte Qualifizierung dieser Bewegungen als religiös ablehne, ein echtes strukturelles Äquivalent zur Religion. Die Problematik, und, wenn man so will, die Unmoral der Klimaretterei, ergibt sich aus dem Verhältnis des Ich zum Wissen und zur Komplexität der umgebenden Welt. Wer hier mit Globallösungen hantiert, handelt entweder in megalomaner Selbstüberschätzung oder, interessegeleitet, in mauvaise foi.


Wir brauchen, so absurd das in Zeiten der Globalisierung vielleicht klingt, eine radikale Reichweitenbeschränkung, eine Provinzialisierung des Aktionismus und eine Deflationierung des aktivistischen Selbst. Wir brauchen dies als Antidot gegen den Wahn des universellen Ausgreifens auf Strukturen, Dinge und Regionen, deren Nebenwirkungen der Ausgreifende niemals überblicken kann. Beipackzettel für Klimamaßnahmen sind noch nicht erfunden. Sie wären sicherlich länger als Leporellos Register und weit weniger unterhaltsam.







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Über die Autorin:


BETTINA GRUBER, Dr. phil. habil., venia legendi für Neuere Deutsche Philologie sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Vertretungs- und Gastprofessuren in Deutschland, Österreich und den USA. Ernennung zur außerplanmäßigen Professorin an der Ruhr-Universität Bochum 2005. 2015 bis 2017 im Rahmen des BMBF-Projektes FARBAKS an der TU-Dresden. Letzte Buchveröffentlichung: Bettina Gruber / Rolf Parr (Hg.): Linker Kitsch. Bekenntnisse – Ikonen−Gesamtkunstwerke. Paderborn 2015.



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