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Dirk Brockschmidt: VIEL MATERIAL, WENIG ZUSAMMENHANG. EINE LEBLOS-LITERARISCHE BIOGRAPHIE ÜBER RAINER MARIA RILKE

  • vor 42 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit

Nicht jedes Gedenkjahr ist ein Denkjahr. Das abgeschlossene Rilke-Jahr 2025 und das noch junge Erinnerungsjahr 2026 haben vor allem eines hervorgebracht: publizistischen Eifer. Kaum ein Feuilleton, kaum ein Verlag fühlt sich nicht berufen, Rainer Maria Rilkes Werk erneut zu ordnen, auszulegen oder gleich ganz neu zu kontextualisieren. Irgendwo dazwischen liegt nun Sandra Richters vom Feuilleton größtenteils gelobtes Buch „Rilke oder Das offene Leben“. Es erhebt den Anspruch, den Dichter durch Biographeme (nicht-fiktive, aber umso genauer beschriebene Details aus dem Leben) fassbar zu machen. Richter zeigt Rilke demnach als verletzten, flüchtenden, schreibenden Menschen, voll Abgründigem, dabei zwischen Phasen der Einsamkeit und Begegnung wechselnd. Mit diesem Ansatz stößt die Autorin rasch an die Grenzen der Verständlichkeit.





Einzelne Rezensenten haben bereits bemerkt, dass das Werk auf Teile der Lebensgeschichte fixiert ist, und man muss mit Nachdruck feststellen, dass diese Kritik den Kern des Problems trifft. Die Schwierigkeit liegt in den Biographemen, denn diese Bruchstücke sind das Resultat eines akribischen Zerlegens des Lebens Rainer Maria Rilkes in kleinste Einheiten. Ein Prozess, der beim Leser Nähe entstehen lassen will, dabei aber den Blick auf das Wesentliche – die Mensch- und Dichterwerdung – verstellt.


Sammelwut statt Begeisterung


Sandra Richters Funktion im Deutschen Literaturarchiv in Marbach – dem sie, wie Eingeweihte berichten, in Digitalisierungswut vorsteht – ermöglicht das Sichten, Sortieren, Ordnen und vermittelt den Eindruck von Genauigkeit, liefert im Kern aber keine Deutung. Die Ansätze sind da, aber leider nicht lebendig verbunden. »Man lebt sein ganzes Leben nur mit sich selbst, aber man stirbt nicht, weil etwas bleibt«, ist ein gängiger Rückschluss aus Rilkes Werk. Richter zeigt die Bruchstücke seines Lebens, verbindet sie aber nicht. Sie dokumentiert und legt dem Leser Bausteine ins Buch, die er ohne Anleitung zusammensetzen soll, in der Hoffnung, dass sich daraus ein Gesamtbild entwickelt. Eine vertane Chance: Der Faszinierte, hier die von Rilke faszinierte Richter, muss andere begeistern und nicht seine eigene kleinteilige Faszination dokumentieren.


Richters Sammelwut, die wohl zeigen soll, was im Deutschen Literaturarchiv, in dem natürlich Rilkes Nachlass liegt, alles erschlossen wurde, führt in die Belanglosigkeit. Wer zum Beispiel wissen will, welche Briefe Rilke schrieb, greift auf die gut dokumentierten Briefwechsel zurück. Gravierender als die einzelnen Belanglosigkeiten – wann betrat Rilke welches Zimmer? – ist der Hang der Autorin, Rilke schlagzeilenartig zu inszenieren. Seine Persönlichkeit in Kapiteln mit Überschriften wie „Das Mädchen René“ oder „Muttersöhnchen“ zu beschreiben, wirkt effekthaschend oder wie das Aufstellen einer psychologischen These: An allem hat die Mutter Schuld. Das soll Tiefe erzeugen, ist jedoch bloß ein zeittypisches Deutungsverfahren und vernachlässigt, dass Rilkes Ambivalenzen und seine komplexen Freundschaften nicht nur auf das weibliche Geschlecht beschränkt waren. Hier ist zum Beispiel das Verhältnis zum französischen Bildhauer Auguste Rodin hervorzuheben, dem Rilke als Privatsekretär zuarbeitete und der ihn tief beeindruckte. Im Vergleich zu Sandra Richters Rilke-Buch bietet diesbezüglich die – stellenweise zu Recht harsch kritisierte – Biographie von Gunnar Decker „Rilke. Der ferne Magier“ einen ergiebigeren Zugang. 


Mussolini durchaus sympathisch

 

1926: Historisch bemerkenswert ist, dass Rilke den Aufstieg Mussolinis mit Sympathie beobachtete und überhaupt Italien – nach Manfred Kochs vorzuziehender Biographie „Rilke. Leben und Werk“ – als ein europäisches Land charakterisierte, das „aufsteigt und gedeiht“ und dessen Weg „Mittel der Verjüngung und der inneren Wiedergeburt“ sei – und damit vorbildhaft für den deutschen Nationalismus. Diese Einschätzung erwähnt Richter nur am Rande, obwohl es sich um einen für jede Biographie unübersehbaren Bezugspunkt handelt. Schließlich schrieb Rilke in einem seiner berühmtesten Gedichte: „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, / die sich über die Dinge ziehn“. Auch politische Phasen sind Lebensringe und damit Teil einer Biographie, die den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Sie auszulassen, vermutlich, um Irritationen zu vermeiden, mag vor allem der Verkäuflichkeit des Titels dienen, verengt aber den Blick. Das ist besonders schade, weil es sich für das Thema „Rilke und der Faschismus“ geradezu anbietet, mit einem Biographem zu arbeiten. Dass Richter dies nicht tut, spricht für sich. Stattdessen nimmt an anderer Stelle der Autor Hans-Peter Kunisch mit „Das Flimmern der Raubtierfelle. Rilke und der Faschismus“ eine derartige Deutung vor, und das gleich auf 300 Seiten.


Wer Rainer Maria Rilke heutzutage ernsthaft verstehen will, greift auf die klassische Biographie von Manfred Koch zurück und ergänzt sie, je nach Interessengebiet, mit zusätzlichen Veröffentlichungen. Um Rilke lebendig zu halten, braucht es keine Splitter-Sammlung. Es braucht das Werk des Dichters, seine Lebensdaten und dann die Bereitschaft des Biographen, Zusammenhänge herzustellen und sie in eine lebendige Sprache zu kleiden. Eine Biographie, die das verweigert, mag archivarisch korrekt sein. Literarisch ist sie leblos.


Sandra Richter: Rainer Maria Rilke oder Das offene Leben. Eine Biographie. Insel Verlag: Berlin 2025


Über den Autor: Dirk Brockschmidt, geboren 1995, ist Publizist und Student. Er betreibt den Instagram-Account @das_klassische_buch

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