Thomas Hartung: MYTHEN IM STECHSCHRITT
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Mittelerde unter Gesinnungsverdacht: Wie das Feuilleton Tolkien zur „neurechten“ Zone erklärt – und warum Fantasy größer ist als jeder Kulturkampf.
Wenn die FAZ ihre Leser mit der Schlagzeile „Faszination für Fantasy als Fanatismus“ empfängt und J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“ zum „Idealbuch neurechter Deutung“ erklärt, ist der Prozess im Grunde schon eröffnet. Der Duisburger Literaturwissenschaftler Markus Steinmayr legt den Fall wie eine Beweisführung an: Georgia Meloni benennt ein Festival nach Atreju, identitäre Aktivisten posieren mit Gondor-Flaggen, konservative Autoren wie David Engels bekennen sich offen zu Tolkien – also müsse Mittelerde selbst politisch verseucht sein. Aus Begeisterung wird Verdachtsmoment, aus Lektüre Gesinnungsakt.

Auffällig ist weniger, was Steinmayr zitiert, als vielmehr, was er verschweigt. Er belegt mit Eifer, dass Rechte Tolkien lesen – eine Binsenweisheit –, aber er unterschlägt, dass dies nur ein Ausschnitt einer geradezu explodierenden weltweiten Tolkien-Rezeption ist. Wer heute über Fantasy schreibt, ohne diesen Resonanzraum auch nur zu erwähnen, betreibt keine Analyse, sondern Zonenverbot.
Die evangelische Theologin Ulrike Treusch hat die Sache kühler betrachtet. Fantasy, schreibt sie in der evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen EZW, sei ein Genre, in dem „metaphysische Kräfte oder Wesen“ real wirksam sind – aber ausdrücklich im Modus der Fiktion.
Der Leser weiß, dass Mittelerde nicht existiert, und nutzt die erfundene Welt, um Fragen nach Gut und Böse, Schuld, Versuchung und Erlösung durchzuspielen. Die Lektüre sei gerade deshalb attraktiv, weil sie Realitätsüberschreitung und Sinnsuche erlaube, ohne den Leser weltanschaulich zu verpflichten.
Der Mythos, so ließe sich mit Frank Weinreich sagen, tritt hier nicht als Dogma auf, sondern als „Mythos mit Augenzwinkern“: ernst genug, um zu berühren, leicht genug, um angeboten statt verordnet zu werden. Diese Offenheit ist das Gegenteil von Fanatismus. Sie erklärt, warum Tolkien zur wohl einflussreichsten Figur der modernen Fantasy geworden ist und vielfach als „Vater des Genres“ bezeichnet wird.
Anthropologische Konstanten als Gesinnungsindizien
Gerade diese Offenheit ignoriert die neurechtsfixierte Perspektive des FAZ-Artikels. Aus der Möglichkeit einer politischen Lektüre wird eine Wesensaussage: Weil Rechte in Tolkiens Motiven von Heimat, Opfer und Königtum eigene Sehnsüchte wiedererkennen, müsse der Stoff selbst auf eine autoritäre Matrix hinauslaufen. Anthropologische Konstanten – die Erfahrung von Treue, Verrat, Opfermut – werden zu Indizien im Gesinnungsprozess.
Ein Blick auf die jüngste Tolkien-Rezeption entlarvt diesen Kurzschluss. Da ist zunächst das, was Steinmayr besonders irritiert: konservative Autoren, die Tolkien als spirituelle und kulturelle Ressource entdecken. Engels’ Band „Aurë entuluva! – Der Tag soll wieder kommen“ versammelt Beiträge christlicher und rechtsintellektueller Autoren, die Tolkien explizit als Wegweiser zu Gott, Familie und Abendland verstehen. Man kann diese Aneignung sympathisch oder überzogen finden; sie ist jedenfalls offen, argumentativ und literarisch – kein Geheimbund, sondern eine Lesart, die sich der Debatte stellt.
Entsprechend hält Engels den FAZ-Text auf Facebook für eine „ausgezeichnete Werbung” für sein Buch: „Der Autor bemüht sich zwar redlich, in möglichst jedem Satz mindestens einmal den Begriff neurechts zu nutzen und natürlich jegliche transzendente und christliche Komponente auszuklammern (sogar die Gottseibeiunse Sellner und Höcke werden als Kronzeugen bemüht), letztlich bewirkt der Text aber das genaue Gegenteil der intendierten Diffamierung.”
Ähnliches gilt für Italien, wo Teile der Rechten seit Jahren mit Tolkien-Symbolik arbeiten. Die Partei Fratelli d’Italia nutzt Motive aus „Herr der Ringe“ und „Die unendliche Geschichte“, Melonis „Atreju“-Festival ist inzwischen fester Bestandteil des politischen Kalenders. Wissenschaftliche Beobachter halten fest: Tolkien wird hier zum Identifikationssymbol, ohne dass sich daraus eine faschistische Ideologie des Autors ableiten ließe – „Tolkien war kein Faschist, aber…“. Genau diese Unterscheidung zwischen Werk und Rezeption verwischt Steinmayr, wenn er die politische Nutzung des Stoffs zur Eigenschaft des Stoffs selbst erklärt.
Doch die rechte Begeisterung ist nur ein Segment. Auf der anderen Seite des Spektrums veranstaltet die britische Tolkien Society ein Online-Seminar „Tolkien and Diversity“, dessen Beiträge inzwischen als Sammelband vorliegen. Man möchte über Schwarze Elben, queere Lesarten und indigene Tolkien-Rezeption sprechen; die Tagung zieht über 1600 Teilnehmer aus mehr als 50 Ländern an. Hier wird Tolkien als Spielfeld progressiver Identitätspolitik entdeckt – nicht minder normativ, aber politisch entgegengesetzt.
Vom Laberformat bis zur Briefexegese
In der Popkultur wiederum tobt seit 2022 der Streit um Amazons Serie „The Rings of Power“. Ihre diversere Besetzung – schwarze Zwergenprinzessin, nichtweiße Elben – löst sowohl rassistische Anwürfe als auch kulturkämpferische Gegenkampagnen aus; Teile der Kritik werden als „Review Bombing“ abgewehrt, andere bemängeln schlicht Drehbuch und Figurenzeichnung. Ob man die Serie nun ästhetisch gelungen findet oder nicht: Sie zeigt, dass Tolkien längst im Zentrum eines globalen Deutungsstreits steht, in dem Rechte und Linke, Traditionalisten und Diversitätsaktivisten gleichermaßen um Bilder, Rollen und Symbole ringen.
Parallel dazu appropriieren ganz andere Akteure Mittelerde: Die Ukraine setzt im Krieg gegen Russland auf Tolkien-Metaphorik – Russland als „Mordor” russische Soldaten als „Orcs“; Memes, Artikel und sogar offizielle Kommunikationskanäle greifen darauf zurück. Niemand würde ernsthaft behaupten, Tolkien sei damit zum Lehrbuch von ukrainischem Nationalismus geworden; man erkennt, dass hier ein weithin bekannter Symbolhaushalt genutzt wird, um moralische Intuitionen zu mobilisieren.
Schließlich gibt es die breite, unaufgeregte Fanbasis: Die „Tolkien Tage“ der Deutschen Tolkien Gesellschaft in Geldern-Pont sind mit inzwischen rund 14.000 Besuchern an vier Tagen das größte Mittelerde-Treffen Europas – mit Vorträgen, Konzerten, Familienprogramm, Cosplay von Frodo bis Galadriel und ganzen Zeltlagern, in denen Elben, Rohirrim und Orks miteinander grillen. Dazu kommen wissenschaftliche Formate wie das Jahrbuch „Hither Shore”, das jedes Jahr die Beiträge eines Tolkien-Seminars und weitere Fachaufsätze zur Fantasy-Forschung bündelt.
Auf der Spielebene führt das offizielle Pen-and-Paper-Rollenspiel „The One Ring” Gruppen von Studierenden, IT-lern oder Pfarrern auf Abenteuer zwischen Auenland und Düsterwald, während im Online-Rollenspiel „The Lord of the Rings” Online Hunderttausende Spieler seit Jahren gemeinsam durch ein erstaunlich texttreues Mittelerde ziehen – bis hin zu Projekten, die Frodos Weg nach Mordor in Echtzeit nachlaufen.
Parallel dazu diskutieren deutschsprachige Podcasts wie der locker-assoziative „TolkCast“, der Kurzformat-Kanal „Tolkien in 5 Minuten“ oder der neue Podcast „Tolkiens Briefe“ über Philologie, Verfilmungen, Theologie und Fan-Theorien – vom Laberformat mit Pizza bis zur akribischen Briefexegese. Diese Landschaft aus Festivals, Forschung, Rollenspielen und Podcasts ist heterogen, ästhetisch und politisch divers – und damit gerade das Gegenteil eines monolithischen „neurechten“ Resonanzraums.
Königtum ist nicht protofaschistisch
Steinmayrs Vorwurf, Fantasy sei das „Idealbuch neurechter Deutung“, verfehlt daher gleich mehrfach das Ziel. Erstens verwechselt er Möglichkeit mit Notwendigkeit: Natürlich lassen sich in Tolkiens Welt Themen wie Volk, Heimat, Opfer, Königtum politisch aufladen. Aber aus der Tatsache, dass bestimmte Milieus dies tun, folgt nicht, dass das Werk selbst ideologisch determiniert wäre – so wenig, wie Schiller zum Terrorpaten wird, weil sich eine Gruppe auf seine “Räuber” beruft.
Zweitens arbeitet der Text mit einem doppelten Standard. Dass linke Bewegungen die „Tribute von Panem“ als Kapitalismuskritik feiern, dass feministische und queere Lesarten von „Game of Thrones“ und „Harry Potter“ ganze Regale füllen, wird im liberalen Feuilleton als kreative Aneignung begrüßt. Wenn dagegen konservative oder rechtsoppositionelle Akteure Tolkien oder Michael Ende zitieren, mutiert derselbe Vorgang zum Sicherheitsrisiko. Das Problem ist offenbar nicht die Politisierung, sondern die falsche politische Richtung.
Drittens pathologisiert der Artikel Haltungen, die zunächst einmal schlicht menschlich sind. Tolkien erzählt von der Liebe zur eigenen Landschaft, vom Misstrauen gegenüber enthemmter Technik, von der Versuchung der Macht, vom Mut kleiner Leute. Dass konservative Leser hierin Motive erkennen, die der spätmoderne Diskurs gern verdrängt, ist keine Überraschung. Es ist auch kein Beweis für „Fanatismus“, sondern Ausdruck einer legitimen kulturkritischen Sensibilität.
Die eigentliche Irritation des FAZ-Feuilletons scheint weniger Mittelerde zu betreffen als das, was dahinter aufscheint: die Ahnung, dass es objektive Maßstäbe von Gut und Böse geben könnte; dass Treue, Opferbereitschaft, sogar Königtum erzählbar bleiben, ohne sofort als protofaschistisch entlarvt zu werden. In dieser Perspektive ist schon die Sehnsucht nach Ordnung suspekt – nicht weil sie Gewalt ausübt, sondern weil sie dem spätmodernen Ideal der grenzenlosen Selbstentfaltung widerspricht.
Resonanzraum statt Rekrutierungsinstrument
Aus konservativer Warte geht es daher nicht darum, Tolkien zum Kampfbuch der eigenen Szene zu stilisieren. Im Gegenteil: Eine ernstzunehmende konservative Perspektive wird gerade den mythischen und religiösen Gehalt dieses Werks gegen jede engführende Vereinnahmung verteidigen – gegen identitäre wie gegen woke Zugriffe.
Sie wird mit Treusch betonen, dass Fantasy dem Bedürfnis nach „Realitätsüberschreitung und Metaphysik“ entgegenkommt, aber dem Leser die Art der Deutung überlässt. Sie wird daran erinnern, dass Tolkien selbst den Eskapismus verteidigte: Wer in einem Gefängnis sitzt, schrieb er sinngemäß, habe das Recht, über Flucht nachzudenken. Und sie wird darauf bestehen, dass das Bedürfnis nach größeren Erzählungen – nach Geschichten, in denen nicht alles ironisch gebrochen ist – nicht per se Verdachtsmoment, sondern vielleicht sogar zivilisatorische Ressource ist.
Gegenüber Steinmayrs Versuch, Fantasy als „Fanatismus“ zu framen, steht damit eine einfache Gegenbehauptung: Mythische Literatur ist kein Rekrutierungsinstrument, sondern Resonanzraum. Sie bietet Bilder und Plots, in denen sich sehr unterschiedliche Leser wiederfinden können – liberale, konservative, linke, fromme, agnostische. Wer diesen Raum prophylaktisch zur „neurechten Zone“ erklärt, will nicht verstehen, sondern sperren. Er ersetzt Literaturkritik durch Gesinnungskontrolle.
Vielleicht liegt darin der tiefere Grund für die gegenwärtige Unruhe im Feuilleton: Mittelerde entzieht sich dem pädagogischen Zugriff. Hobbits lassen sich nicht in Haltungsslogans übersetzen, und der Ring zerstört auch die beste Regierungskoalition. In einer Republik, die ihre Bürger immer häufiger als zu erziehende Klientel betrachtet, ist das eine subversive Botschaft: Die großen Geschichten gehören den Lesern – nicht den Deutungswächtern.
Mittelerde, Narnia, Phantásien: Diese Orte sind keine Parteizentralen. Sie sind Prüfstände für unsere eigenen Wünsche nach Gerechtigkeit, Ordnung, Freiheit. Wer sie nur noch unter Sicherheitsaspekten liest, beweist damit vor allem eines – sein Misstrauen gegenüber der Mündigkeit der Leser.
Über den Autor: Thomas Hartung, geb. 1962 in Erfurt; promovierte nach seinem Lehramtsstudium in Magdeburg 1992 zur deutschen Gegenwartsliteratur und war danach als Radio- und Fernseh-Journalist in Sachsen-Anhalt und Sachsen sowie als freiberuflicher Dozent für Medienproduktion und Medienwissenschaft an vielen Hochschulen Deutschlands tätig; der bekennende „Erzliberalkonservative“ trat als Student in die LDPD ein und 1990 aus der FDP aus: von „misslungener Einheit“ nicht nur mit Blick auf die Parteienfusion spricht er bis heute; Hartung war im April 2013 Mitbegründer der AfD Sachsen und wurde zweimal zum Landesvize gewählt. Seit März 2020 ist er Pressesprecher der AfD-Fraktion Baden-Württemberg.
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