Bettina Gruber: STORY MACHINE — Was Corona und die Klimadebatte gemeinsam haben - und was sie trennt

Aktualisiert: Mai 1

Anders als der Klimawandel lässt sich das Coronavirus nur schwerlich als Stützelement in eine der verkürzten, moraltriefenden Erbauungsgeschichten einbauen, von denen der gründominierte Journalismus zehrt. Einen Ausfluss dieses Scheiterns sieht Bettina Gruber in der Personalisierung des Konflikts: Wenn sich schon aus dem Virus keine Story machen lässt, dann doch immerhin aus einem fingierten Titanenkampf der beteiligten Wissenschaftler.



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In der Frühjahrsausgabe von TUMULT habe ich einen Artikel unter dem Titel „Die Wissenschaft und ihr Double“ veröffentlicht, der von der Debatte um FridaysForFuture inspiriert war. Der Charakter dieser Bewegung als Phänomen an der Schnittstelle von Politik, Wissenschaft und Medien bildete allerdings nur den Auslöser meiner Überlegungen; die Klimawandeldiskussion interessierte mich als Unterfall einer allgemeineren und grundlegenden Problematik, nämlich der Frage, wie (und ob überhaupt) wissenschaftliche Ergebnisse in die Gesellschaft hinein kommuniziert werden können. Mit Corona hat diese Frage nochmals an Dringlichkeit gewonnen. (Die Grundproblematik ist natürlich genausowenig prinzipiell lösbar wie zuvor.)

Corona spaltet die Gesellschaft wie zuletzt nur die versäumte Grenzschließung 2015 – das ist mittlerweile vielfach festgestellt worden. Es schafft aber auch unwahrscheinliche Allianzen, selbst wenn deren Halbwertszeit minimal sein dürfte: Letzten Samstag demonstrierte zur Verblüffung des Tagesspiegels „eine Front von ganz links bis ganz rechts“ gegen die Corona-Verordnungen. Es entsteht der Eindruck einer „Querfront“, auf der Ken-FM und das linke, kapitalismuskritische Kollektiv „Haus Bartleby“ an einem Strang zu ziehen scheinen.

Das ist faszinierend, weil es zeigt, dass, wie flüchtig auch immer, sogar der Links-Rechts-Gegensatz durch andere Oppositionen ersetzt werden kann, sobald der Eindruck einer existentiellen Gefahrenlage entsteht. Tatsächlich zeigt die Beobachtung der sozialen Medien, dass sich Befürworter und Gegner etwa des Shutdown nicht nach der alten Choreographie anordnen.

Die Geister scheiden sich hier an einem speziellen Typus der politischen Entscheidung, nämlich an einem, der behauptet, an wissenschaftlichen Ergebnissen, ja, an der Wissenschaft schlechthin, orientiert zu sein. Der letzte Anspruch scheitert, momentan für alle Beobachter grell beleuchtet, daran, dass es die Wissenschaft nicht gibt, oder besser, dass es sie zwar als soziales System gibt, aber nicht als Corpus von Erkenntnissen, über die in dem Fach, das sie jeweils betreffen, etwas wie Einigkeit besteht. Die Medien erwecken mehrheitlich den Eindruck, der Begriff „Wissenschaftlichkeit“ bezeichne keine einzuhaltenden Vorgangsweisen, sondern markiere eine Art Monopol auf faktische Wahrheit. „Wissenschaft“ wiederum wäre dann die Summe dieser Wahrheiten, die man in die Tasche stecken und davontragen könnte.

An der Wissenschaft orientiert zu sein (wie die Klimabewegung endlos für sich reklamierte, bevorzugt in Gestalt von Sechzehnjährigen, salbungsvollen ParentsforFuture und Studienabbrecherinnen der Theologie, die die Nation über das Speichern von Strom belehrten), ist also schon einmal grundsätzlich unmöglich. Wir wohnen dem Scheitern dieser Idee in Echtzeit bei: Experten, gleichermaßen qualifiziert, widersprechen einander unausgesetzt. Die Orientierung des Politikerhandelns ist immer Orientierung an einer bestimmten wissenschaftlichen Position, und damit eine Entscheidung für eine Teilmenge wissenschaftlicher Aussagen, nicht mehr. (Dies würde sogar dann gelten, wenn diese Aussagen tatsächlich Konsens der gesamten scientific community wären, denn dieser Konsens ist, selbst da, wo es ihn möglicherweise gibt, bloß punktuell, da Forschungsergebnisse sehr rasch überholt werden und Paradigmen bekanntlich wechseln.)

Wie steht es aber um den bescheideneren Anspruch, an wissenschaftlichen Ergebnissen orientiert zu handeln? Das ist sicher durchaus möglich, aber auch hier stellen sich Probleme. Es muss nun, da man sich nicht mehr hinter einer fiktiven Einheit der Wissenschaft verstecken kann, eingestanden werden, dass man sich für bestimmte Ergebnisse und nicht für andere entschieden hat. Das Virus ist auf dem Rückzug (oder auch nicht), Herdenimmunität ist der Weg zur Eindämmung (oder auch nicht), der Lockdown wirkt (oder auch nicht).

Damit stellt sich unweigerlich die Frage, nach welchen Kriterien man als Politiker seine Wahl getroffen hat: eine Entscheidung unter Unsicherheit, die, egal wie sie ausfällt, fast zwangsläufig Kritik provoziert. Die Antworten darauf folgen ja nicht der Logik der Wissenschaft, sondern der politischer Konkurrenz: Die Anhänger von Sebastian Kurz etwa preisen das souveräne Krisenmanagement, linke österreichische Journalisten sehen die Machtergreifung dräuen. Das kann sich, wie oben beschrieben, auch schon mal umgekehrt gestalten, aber auch das ist kein Zeichen, dass die Forschungsergebnisse, auf die sich alle unausgesetzt berufen, beim Zustandekommen dieser Meinungen tatsächlich eine Rolle spielen.

Das ist aus unterschiedlichen Gründen unwahrscheinlich. Zunächst einmal sind in einem Wissenschaftssystem mit einem enormen Spezialisierungsgrad Studien oft schon für weniger spezialisierte Fachkollegen nicht mehr vollständig nachzuvollziehen, von den vermutlich 99-kommaetwas-Prozent Nicht-Virologen in der Bevölkerung ganz abgesehen. Didaktische Vermittlung in die Öffentlichkeit dürfte daher realistisch gesprochen kaum sehr aussichtsreich sein. Das BMBF-Bund twitterte hoffnungsvoll: „Wissenschaftskommunikation ist wesentlich. Gerade in diesen Zeiten. Und: Wissenschaftskommunikation sollte integraler Bestandteil wissenschaftlichen Arbeitens sein. Deshalb ist sie auch integraler Bestandteil der BMBF-Förderung.“ Der erste Kommentar darunter lautet: „Könnt ihr auch mal was gegen Klimaleugner*innen machen?“ Der Austausch spricht für sich. Wissenschaftskommunikation in allen Ehren, aber das zugrundeliegende Problem wird uns in jedem Fall erhalten bleiben.

Forschungsergebnisse spielen aber aus noch einem Grund politisch nicht die Rolle, die man erwarten würde. Die Wissenschaftsbloggerin Mai Thi Nguyen-Kim, die sich ausführlich mit den Widersprüchen der zu Corona vorgetragenen Positionen befasst hat, weist knapp und treffend auf eine Unterscheidung in der Zielorientierung von Wissenschaft und Politik hin: Erstere frage „what?“, zweitere dagegen wolle dringlich wissen „so what?“. Während Wissenschaft Sachfragen stellt, unterliegt die Politik Handlungszwängen und muss deshalb wissen, was aus den Ergebnissen zu folgern sei. Das sind grundsätzlich unterschiedliche Erfordernisse. Politische Schlußfolgerungen sind so nicht unmittelbar von den Inhalten abhängig, oder, zugespitzt formuliert, 'What' und 'so What' haben nichts miteinander zu tun.“

Zu diesem immer schon vorhandenen „Graben“ zwischen den Protagonisten Wissenschaft und Politik trägt ein dritter Mitspieler entscheidend bei, nämlich die Medien. Weit davon entfernt, für Vermittlung zu sorgen (sieht man von einigen ernsthaften Wissenschaftsjournalisten ab), geben sie einem immer schon schwierigen Verhältnis den Gnadenstoß. Das hat mit der Notwendigkeit des Journalismus zu tun, die Welt in Erzählform wiederzugeben. (Einer der Gründe für den medialen Erfolg des Klimawandels außer dem üblichen moralischen Masochismus ist sicher die Möglichkeit, diesen und den Kampf gegen ihn als Narrativ ablaufen zu lassen.) Politisierte Medien suchen bei einer zur unfehlbaren monolithischen Wahrheitsinstanz hochstilisierten Wissenschaft nach Bestätigung für ihre großen Erzählungen von der Welt. An Corona scheitert das nunmehr spektakulär.

Naturwissenschaft ist im Normalfall nicht narrativierbar – die Ergebnisse der MINT-Fächer lassen sich nicht in eine Erzählung überführen (allenfalls die Begleitumstände, etwa als Geschichte des heroischen Ringens um eine Entdeckung usw.). Das Virus nun lässt sich (anders als der Klimawandel) nicht einmal als Stützelement in eine der verkürzten, moraltriefenden Erbauungsgeschichten einbauen, die unserem gründominierten Journalismus so teuer sind. Offenbar ist das auch schon anderweitig aufgefallen: Virologe Hendrick Streeck kommuniziert laut Mai Thi Nguyen-Kim durch eine professionelle Medienagentur mit dem Namen – Story Machine.

Ein Ausfluss dieses Scheiterns ist die Personalisierung des Konflikts. Wenn sich schon aus dem Virus keine Story machen lässt, dann doch aus einem fingierten Titanenkampf der beteiligten Wissenschaftler. Professor Drostens enervierter Kommentar, er sehe sich als Comic-Figur repräsentiert, trifft die Sachlage sehr genau. Aus den genannten Gründen ist sowohl die Angst vor als auch der Wunsch nach einer Expertenherrschaft weitgehend unbegründet. Es herrscht immer der Vermittler, und das sind die Medien, die längst von der vierten Gewalt zur ersten geworden sind und von denen, im Gegensatz zu den zerstrittensten Experten, auch nicht geringste Hilfe zu erwarten ist.



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Über die Autorin:


BETTINA GRUBER, Dr. phil. habil., venia legendi für Neuere Deutsche Philologie sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Vertretungs- und Gastprofessuren in Deutschland, Österreich und den USA. Ernennung zur außerplanmäßigen Professorin an der Ruhr-Universität Bochum 2005. 2015 bis 2017 im Rahmen des BMBF-Projektes FARBAKS an der TU-Dresden. Letzte Buchveröffentlichung: Bettina Gruber / Rolf Parr (Hg.): Linker Kitsch. Bekenntnisse – Ikonen−Gesamtkunstwerke. Paderborn 2015.




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