Bettina Gruber: WO BLEIBT DIE FARBIGE RETTER-IKONE? Diskurs-Lego, Fesselballons und Theater.

Als Nachtrag zu ihrem letzten Artikel formuliert Bettina Gruber einige Anmerkungen aus gegebenem Anlass, nämlich Greta Thunbergs jüngster Rede in New York. Deren Theatralität erscheint unserer Autorin als papieren, der imaginierte Standpunkt der 16-Jährigen Revolutionärin oder Bauchrednerpuppe? als olympisch und vulgo postdemokratisch.



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Die „Inflation“, die weltretterische Aufblähung des Selbst, die ich darin beobachtete, hat sich bei dieser Gelegenheit nochmals in voller Pracht entfaltet. Thunbergs kurze histrionische Darbietung und die Reaktionen darauf sind ebenso absurd wie absolut folgerichtig, wenn man die Entwicklung betrachtet, welche die Rede über das Klima (eine ausgewucherte Unterart des „der-Westen ist an allem schuld“—Diskurses) genommen hat.


Das Einzige, was man als inkonsequent monieren könnte, ist dass eine weiße und keine „farbige“ Retterfigur in Erscheinung getreten ist. Wir brauchen dringend noch eine Greta mit Minderheitenstatus, Frau alleine reicht heute nicht mehr. Allerdings hat auch das seine Folgerichtigkeit: Die Obsession mit dem Klimawandel scheint nämlich eine ausgesprochen europäische Angelegenheit zu sein, nicht einmal im Heimatland aller polit-korrekten Hysterie zieht sie bislang so richtig, von sog. „Drittländern“ ganz zu schweigen. Auf Twitter wurde vermerkt, von der türkischen Presse werde Thunberg gänzlich ignoriert, von den Chinesen als Beispiel für den Niedergang des Westens gehandelt. Das glaube ich gern.


Nichtsdestoweniger wage ich die Prophezeiung, dass, nachdem Greta als Symbolfigur verbrannt sein wird (worauf bereits einiges hindeutet), eine genauso junge oder jüngere, vermutlich schwarze und möglichst authentisch betroffene junge Frau ihren Auftritt bekommen wird. Auch ein, sagen wir, achtjähriges indisches Trans-Kind wäre als nächste Playmobil-Figur im Klimaspiel denkbar, aber daran glaube ich nicht. Das zieht dann doch nur bei einer eingeschränkteren Klientel. Vermutlich sind jedenfalls Klagen darüber, dass mit Greta Thunberg ausgerechnet eine Weiße sich zur Sprecherin des Weltgeistes macht, nur eine Frage der Zeit. Interessenten, die das Rassismus-Atout spielen, werden sich bei Gelegenheit finden.


Falls das in jemandes Ohren zynisch klingen sollte: So ist es keineswegs gedacht. Die zur Retter-Ikone aufgebauten Figuren tragen daran die geringste Verantwortung, als Kinder oder Heranwachsende schon überhaupt. Aber was ich „Diskurs-Lego“ nennen möchte, funktioniert genau nach solcher Logik. Mit der Persönlichkeit der zur öffentlichen Figur Erkorenen hat das nur sehr bedingt zu tun, sehr viel aber mit der Eigendynamik von Diskursen und Symbolen, die jederzeit von handfesten Interessen in Dienst genommen werden kann.


Zurück zu Gretas Auftritt, der jede Grenze des Anstands zugunsten einer durch Angst als echt verbürgten Authentizität gesprengt hat. Weil diese Angst anscheinend echt ist, so die Logik, sind ihre Aussagen wahr. Dies folgt dem Kult, den der Westen seit über zweihundert Jahren der Vorstellung vom authentischen Selbst weiht. (Der Klassiker dazu ist immer noch Lionel Trillings Sincerity and Authenticity, deutsch unter dem Titel Das Ende der Aufrichtigkeit bei Ullstein erschienen.) Das Sich-Daneben-Benehmen in öffentlichen Zusammenhängen bildet geradezu das Gütesiegel auf jedes beliebige Anliegen. Je unhöflicher, anmaßender und hysterischer das Auftreten, desto aufrichtiger und daher, so die Vermutung, desto bedeutsamer (und dringlicher!) das Anliegen.


Thunberg hat heute die Probe aufs Exempel geliefert. Nachdem sie bereits dem US-Senat entgegengeschleudert hatte, sie wolle von ihm keinen Applaus, und in Hinblick auf den Präsidenten einer der mächtigsten Nationen der Erde erklärt hatte, sie wollte ihre Zeit nicht mit Donald Trump verschwenden, nahm sie sich die Vereinten Nationen zur Brust − und ging von der demonstrativen Verachtung zu Drohungen über. „Wir werden euch das nicht durchgehen lassen. … Es wird Veränderungen geben, ob ihr wollt oder nicht.“


Das „ihr“, an das sie sich wandte, beinhaltete wohlgemerkt Regierungschefs wie Merkel und Macron, zugleich aber die älteren Generationen wohl weltweit, während das „wir“ sich auf ihre eigene Generation und wohl speziell auf ihre Mitstreiter bezieht. Die Literaturwissenschaft kennt für die Position des allwissenden Erzählers den Ausdruck des „olympic view point“, des absolut privilegierten Blicks von oben auf die Dinge. An dieser Stelle hat das inflationierte Ego schon abgehoben und schwebt wie ein Fesselballon über dem Publikum. Olympischer als in Gretas Kurzansprache geht’s nicht.


Das Ihr-Wir-Verhältnis kehrt herkömmliche Autoritätsverhältnisse radikal um. Die Heranwachsende nimmt gegenüber ihren Zuhörern, einer internationalen Machtelite, die Rolle einer Lehrerin ein, die sich durch böses Fehlverhalten einer Klasse zu disziplinarischen Maßnahmen veranlasst sieht. Es inszeniert sich eine ex-Kathedra sprechende Autoritätsperson mit globalem Wahrheitsanspruch. Gretas Klasse sind die Großen dieser Welt.


Zugleich drängt sich aber ein anderer Vergleich auf, nämlich der mit einem Theater. Der Teenager verfügt über ein Publikum, das seine Aussagen bedingungslos beklatscht. Der einstudierte Gestus des „Wie können Sie es wagen“ gemahnt stark an eine Schülerin, die einen Shakespeare-Monolog einstudiert hat („Friends, Romans, country-men…“ – nur dass es bei Greta eine solche republikanisch-gleichberechtigte Anrede nicht gibt), die Emotion eine seltsame Mischung aus Echtheit und papierner Theatralität. Ballons sind schlecht zu steuern, wenn der Wind geht.


Ein wenig erinnert das an die Anekdote, der zufolge der französische Adel Beaumarchais‘ Der tolle Tag, die Vorlage von Mozarts Figaros Hochzeit mit seinen Spitzen gegen die Aristokratie begeistert beklatscht haben soll. Das war 1784, fünf Jahre sollten noch hingehen bis zur Französischen Revolution. Hier liegen die Dinge allerdings anders: Da die in New York versammelten Funktionseliten ihre Macht durch Klima-Maßnahmen aller Arten zu festigen gedenken, steht nicht eine Revolution von unten, sondern eine Repressionswelle von oben bevor. Die zur Galionsfigur der Jugend aufgebaute Klimaaktivistin ist keine Revolutionärin, sondern die Bauchrednerpuppe der global ausgreifenden Macht, die weggeworfen wird, wenn sie nicht mehr brauchbar ist. Zurück dürfte ein fürs Leben beschädigter junger Mensch bleiben.




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Über die Autorin:


BETTINA GRUBER, Dr. phil. habil., venia legendi für Neuere Deutsche Philologie sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Vertretungs- und Gastprofessuren in Deutschland, Österreich und den USA. Ernennung zur außerplanmäßigen Professorin an der Ruhr-Universität Bochum 2005. 2015 bis 2017 im Rahmen des BMBF-Projektes FARBAKS an der TU-Dresden. Letzte Buchveröffentlichung: Bettina Gruber / Rolf Parr (Hg.): Linker Kitsch. Bekenntnisse – Ikonen−Gesamtkunstwerke. Paderborn 2015.



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