Christian J. Grothaus: WANDERUNGEN IM GE-STELL: Im Spiegelkabinett der BioMedien


Architektur: von der Königin der Kunst zum binärkodierten Bild innerhalb von Rechenmaschinen. An einer ehemaligenZunft lässt sich der Siegeszug der Kybernetik trefflich nachzeichnen und zugehörig die bedingungslose Kapitulation vor dem Sachzwang des Ge-Stells. Diese Kolumne wird Spaziergänge auf den Schlachtfeldern der Moderne dokumentieren. Sie wird kriegsgeschichtliche Beispiele referieren, Operationspläne, taktische Skizzen, Munitionsreste und Waffensysteme sichten, Trümmer betrachten oder auch versprengte Stoßtrupps zu Wort kommen lassen.



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Seit Anfang der 1930er Jahre schrieb Martin Heidegger rund 40 Jahre lang die „Schwarzen Hefte“ fort. In diesen tagebuchartigen Aufzeichnungen, Gedanken, Gedichten und Reflexionen taucht gegen Ende der 1960er Jahre der lapidare Satz auf: „Das »biological engineering«, die biochemische Physik – die bislang extremste Ausformung des Ge-Stelles.“ (Heidegger, S. 274) Die noch bis 18. August laufende Schau „BioMedien“ des „Zentrum für Kunst und Medien“ (ZKM) in Karlsruhe bestätigt dies eindrücklich.


Die Begriffe Herstellen, Bestellen oder Zustellen beziehen sich nicht nur auf die Alltagserfahrung unserer Konsumwelt. Vielmehr beschreiben sie Musterabläufe einer technisch-informativen Zurichtung. Auch das Vorstellen reiht sich in diese Begriffskette ein. Es hilft, den notwendigen Vorlauf zum Gemachten zu bezeichnen. Auch Biomedien nehmen sich von rechnerunterstützt entfalteten Vorstellungen nicht aus.


Das ZKM schreibt in diesem Zusammenhang ganz unverblümt: „Mediensysteme simulieren jenseits von Bewegung eine Vielzahl von Aspekten des Lebens, von Intelligenzen bis hin zu Empathie von lebenden Organismen. Es sind diese Medien, die lebensähnliche Verhaltensweisen aufweisen, die hier als BioMedien oder biomimetische Medien bezeichnet werden.“ (ZKM 1) Die Simulation erscheint beim ZKM ganz beiläufig, dabei ist sie der springende Punkt.


Ziehen wir das „Departement for Biological Engineering“ der renommierten US-Hochschule „MIT“ zu Rate. Es beschreibt sein Selbstverständnis in diesem Kontext ganz ähnlich: „[..] Molekulare und zelluläre Komponenten, Eigenschaften und Mechanismen können nun in Form von quantitativen Messungen, integrativen Modellen und systematischen Manipulationen untersucht werden, was das leistungsfähige technische Paradigma »messen, modellieren, manipulieren und herstellen« ermöglicht.“ (MIT)


Ob nun künstlerische oder harte Forschung, der simulierende Modus ist als selbstverständlich bestimmt. Machen wir uns klar, dass der Begriff Simulation von simulatio abstammt und ursprünglich Heuchelei oder Verstellung bedeutet. Die Verstellung ist folglich die Verkehrsform der rechnergestützten Vorstellung. Im soeben zitierten Modus »messen, modellieren, manipulieren, herstellen« kann die Simulation allumfassend werden und das Ge-Stell seine Gewalt auf die Spitze treiben.


Das ZKM will aus der Not der Genealogie von Vorstellung, Verstellung und Simulation offenbar eine Tugend machen. Man stört sich nicht an der Zurichtung, mindestens aber der Kanalisierung des Denkens und will „[…] Beziehungen zu künstlichen Agents als gegenseitige Abhängigkeiten und Verschränkungen“ annehmen. Methoden wie auch Ideologien (sic!) müsse man erforschen, um – ja, um was? Nun wird’s apokalyptisch, denn wegen der „[…] tiefgreifenden ökologischen Krise, des Massenaussterbens und der von Menschen verursachten Klimakatastrophe […]“ sei es nötig, eine „sympoietische Gemeinschaft der Zukunft“ (ZKM 1) zusammen mit künstlichen Wesen anzustreben.


Ja, wir haben richtig verstanden: die Grundlage der BioMedien bildet sich messend, modellierend, manipulierend und herstellend aus. All dies geschieht vorgestellt mithilfe rechnergestützter Technologien. Solchen, die wiederum aufgrund vorgestelltem wie vorlaufendem Messen, Modellieren, Manipulieren und Herstellen gemacht worden sind. Ein Spiegelkabinett stets vorgelaufen seiender Simulationen im Geiste der Verstellung soll also unser Lebensraum werden, um die Erde vor dem Untergang zu retten.


Kaum deutlicher bestätigt sich Heideggers Diagnose der „Umstellung des Menschen in den bestellten Besteller […]“ und kaum deutlicher erscheint ebenso „Das Verenden des Menschen in der Endlosigkeit des Ge-Stelles“. (s.u., S. 291)




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Martin Heidegger: Vorläufiges I–IV (Schwarze Hefte 1963–1970); in: Gesamtausgabe Bd. 102; hrsg. v. Peter Trawny; Frankfurt/M.: Klostermann; 2022.


Massachusetts Institute of Technology (MIT): Departement of Biological Engineering; v. Autoren ins Deutsche übersetzt; URL: https://be.mit.edu/about [Zugriff 20.01.2022]


„Zentrum für Kunst und Medien“ (ZKM) 1: Ausstellung „BioMedien. Das Zeitalter der Medien mit lebensähnlichem Verhalten“; 18. Dezember 2021 bis 28. August 2022; URL: https://zkm.de/de/ausstellung/2021/12/biomedien [Zugriff 20.01.2022]


„Zentrum für Kunst und Medien“ (ZKM) 2: Digital Opening BioMedia v. 18. Dezember 2021; URL: https://www.youtube.com/watch?v=snnEmwRO8dU&t=1217s [Zugriff 20.01.2022]




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Über den Autor:


Dr. phil. Christian J. Grothaus ist Autor und Kulturwissenschaftler. Bislang publizierte er für: Arch+, AIT, AZ/Architekturzeitung, bauwelt, Deutsche Bauzeitschrift, der architekt, Berliner Gazette, CHEManager, digital business, Faust-Kultur, green building, Mensch&Büro, Tabularasa, Technik am Bau, Laborpraxis, Pharma&Food, Pharmind, transcript-Verlag, Virtual Reality Magazin, Welt-Online, Wissenschaftliche Buchgesellschaft.




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