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Christoph Ernst: DIE WOKE GESCHLECHTERKLUFT

vor 19 Stunden
11 Min. Lesezeit

Identität ist zum mächtigsten Ordnungsprinzip der westlichen Politik geworden. Das zerstört mehr als nur die Meinungsfreiheit. Anmerkungen zum Kulturkrieg.  


Jan H. Rosenkranz skizzierte kürzlich in Die Welt „die überraschend konservative Generation Z“, die in vielen Ländern politisch auseinanderdrifte. Frauen orientierten sich links, Männer eher rechts. Rosenkranz erklärt das soziologisch: Männer arbeiteten vorwiegend manuell und in technisch-industriellen Berufen. „Rechtspopulistische“ Parteien griffen ihre Sorgen auf. Sie versprächen ihnen Schutz vor Globalisierung und sozialem Niedergang. Frauen dagegen seien öfter in Verwaltung und öffentlichem Dienst tätig. Sie neigten daher dazu, staatliche Eingriffe und Umverteilung zu befürworten. Die Gleichstellungsrhetorik linker Parteien spräche sie weit mehr an.



Opisthotonus in a patient suffering from tetanus, Charles Bell, 1809
Opisthotonus in a patient suffering from tetanus, Charles Bell, 1809

All das stimmt zwar, erzählt aber nur einen Teil der Geschichte. Die aktuellen Schlachten im Geschlechterkrieg gehen entscheidend auf ideologisch verzerrte Selbstwahrnehmung zurück. Viele Frauen sehen Männer nicht mehr als Partner, sondern als Kontrahenten. Sie glauben, was man ihnen über Die Ursprünge der Familie, des Privateigentums und des Staates erzählt hat. Sie verwechseln Friedrich Engels mit Hedwig Dohm und ersetzen Olympe de Gouges mit Simone de Beauvoir. Sie haben sich in die Vorstellung verliebt, das bessere, edlere, stärkere Geschlecht zu sein, das von Natur aus dazu berufen ist, die Spezies vor sich selbst zu retten. Hauptfeinde dieses hehren Ziels sind Männer, das Patriarchat, der Kapitalismus und der Fluch der Mutterschaft.


Verständlich, dass nicht jede Frau davon träumt, die Windeln quengelnder Rotznasen zu wechseln oder die Socken eines übelriechenden Kerls zu stopfen, so wie nicht alle Männer in staubgeschwängerten Bergwerkschächten oder vor Hochöfen schwitzen wollen. Windeln macht in Grenzen Freude, aber kostet weit weniger Schweiß als Stahlkochen. Trotzdem tut beides Not. Daher würde ich da keine moralische Hierarchie errichten. Doch genau das geschieht seit einiger Zeit, und es hat dramatische Folgen.


Stefanie Schmied, Chemikerin beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg, wurde unlängst gefeuert, weil sie sich geweigert hatte, sicherheitsrelevante Instruktionen an gegenderte Sprache anzupassen. Sie war der Ansicht, das würde deren Verständlichkeit beeinträchtigen. Schmied klagte gegen ihre Kündigung. Das Gericht kam zu dem bemerkenswerten Schluss, dass das Amt ihre Entlassung wegen eines Verfahrensfehlers zwar zurücknehmen müsse, aber grundsätzlich „kein Zweifel“ daran bestehe, dass es als Arbeitgeber berechtigt sei, sie zum Gendern zu zwingen.


Sprache ist das wichtigste Werkzeug des Denkens. Es formt unsere Gefühle, unsere Vernunft, Logik, Sinn für Schönheit und Harmonie. Wer uns das wegnimmt, beraubt uns der inneren Heimat. Werden Wörter wie „Mutter“ tabuisiert oder sagt man uns, wir sollten nur noch nach Gehör schreiben, trennt man uns von dem, was vorher war, vor uns kam und dem wir unsere Existenz verdanken. Erkenntnistheoretisch wirkt das ähnlich wie das Streichen von Sütterlin aus den Lehrplänen meines Jahrgangs. Es versperrt den Zugang zur Erinnerung früherer Generationen. Doch erst der Vergleich schafft Gespür für Qualität und Bewusstsein für Wandel. Amnesie verurteilt zu einer Gegenwart ohne Geschichte und Gedächtnis, Vergangenheit und Zukunft.


Bereinigte Sprache soll angeblich anachronistisches Denken beseitigen. Tatsächlich zerstört es die Fähigkeit zu Reflektion. Der Effekt ist nicht „Geschlechtergerechtigkeit“, sondern das Zerstören der tradierten Identität.


All das vollzieht sich unter dem Banner von „Diversity, Equity and Inclusion“ (DEI). Denn Macht, Geld und Status sind ungerecht verteilt. Kapitalistischen Gesellschaften fehlt es an „sozialer Gerechtigkeit“. Sie sind rassistisch und patriarchal, unterdrücken People of Color, Frauen und Minderheiten. DEI ändert das, indem es alle Hierarchien auf den Kopf stellt. Benachteiligung schafft nun Ansprüche. „Weiße Schuld“ verwandelt sich in „Black Power“. Quotierung ersetzt Leistung. Wo einst Meriten zählten, tobt jetzt die Opfer-Olympiade. Im Dschungel subjektiver Befindlichkeiten wird jedes falsche Wort eine Mikroaggression, die dem „Verletzten“ Polypunkte beschert.


Für politisch Erweckte gibt es bloß Opfer und Täter. Opfer sind weiblich, diskriminiert und gut; Täter sind männlich, privilegiert und böse. Der Zufall der Geburt bestimmt, wer in welche Kategorie fällt: Darum gelten Oprah Winfrey und Michelle Obama, die über mehr Macht und Einfluss verfügen als 99,8 Prozent der US-Bevölkerung, als doppelt benachteiligt, während der sommersprossige Irak-Veteran, der in einem Autowrack haust und seine posttraumatische Störung mit Alkohol und Fentanyl bekämpft, „männliches, weißes Privileg“ genießt.


Wokeness verschmilzt Ressentiments und geheuchelte Besorgnis zu einem einzigartigen Amalgam, das jeder Vernunft und Logik trotzt. Bevormundung ist kein Übergriff mehr, sondern politisch notwendige Fürsorge. Sollen die Dinge gerechter, grüner und weiblicher werden, muss der Alltag deutlich weniger weiß, männlich und deutsch sein.


Theoretisch vertragen sich Offenheit, Vielfalt und Toleranz bestens mit Einigkeit, Recht und Freiheit. Praktisch ging es den Hohepriestern betreuter Vielfalt nie darum, verschiedene Lebensweisen zu ermöglichen. Wo landet man, wenn jeder nach seiner Fasson glücklich werden darf? Soziale Gerechtigkeit heißt, dass alle gefälligst gleich multikulturell, polyamourös, transgenderaffin, postkolonial-feministisch und klimaneutral zu sein haben. Wer widerspricht, etwa indem er keine gegenderte Sprache benutzt, blockiert den Pfad ins irdische Himmelreich. Er ist ein Feind des Fortschritts.


Hier kommen Nanny-Staat, Nudging und Cancel Culture ins Spiel. Ohne zarten Zwang und Zensur geht es nicht. Das ist das Janusgesicht von „Diversity, Equity and Inclusion“, und ja, es ist erschreckend oft weiblich.


Nichts auf der Welt dürfte so gerecht verteilt sein wie Dummheit, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Religion und akademischen Qualifikationen. Intriganz, Petzwut und Intoleranz sind keine exklusiv femininen Eigenschaften. Es gibt zahllose engstirnige Männer, die sich klügeren Frauen in den Weg stellen, obwohl sie ihnen nicht mal ansatzweise das Wasser reichen können. Doch wir erleben mindestens genauso häufig, wie denkfaule Quotenfrauen mit emotional armierter Stumpfheit intelligente Debatten abwürgen, indem sie Männern „Sexismus“ und „Mansplaining“ vorwerfen.


Weibliche Selbstgerechtigkeit ist keinen Deut besser als männliche, zudem produziert sie oft schlechtere Ergebnisse. Wie der Historiker A. J. P. Taylor mal feststellte, mag Konformität ein ruhiges Leben bescheren; manchen sichert sie sogar Lehrstühle an Universitäten. Doch aller Wandel verdankt sich Nonkonformisten. Gäbe es keine kreativen Erneuerer, lebten wir noch in Höhlen.


Gleichwertig bedeutet nicht gleich. So wie es zig feminine Fähigkeiten gibt, die normalen Männer abgehen, haben auch Männer Qualitäten, über die bloß wenige Durchschnittsfrauen verfügen. Dass Frauen selten im Bergbau oder auf Ölplattformen anzutreffen sind, ist nicht unbedingt der misogynen Struktur des Patriarchats geschuldet, und die Tatsache, dass fast alle Kulturen Männer zum Sterben in Kriege vorschicken, zielt nicht zwangsläufig darauf ab, Frauen zu benachteiligen.


Neue Erkenntnisse sind oft umstritten. Giordano Bruno wurde verbrannt, weil er Gott universal verstand. Galileo Galilei musste vor der Inquisition das heliozentrische Weltbild widerrufen, um dem Scheiterhaufen zu entgehen. Baruch Spinoza war 23, als die jüdische Gemeinde einen lebenslangen Bannfluch über ihn verhängte, weil er bibelkritisch dachte.


Innovation erfordert den Mut, herrschende Wahrheiten in Frage zu stellen. Skepsis, Wissensdurst und Kritik benötigen ein geistiges Umfeld, das jedem das Recht zugesteht, unabhängig zu denken und abweichende Meinungen zu vertreten. Nur dann kann der Einzelne die Kräfte des Status quo herausfordern und sie möglicherweise widerlegen.

Das ist übrigens auch die ethische Grundlage einer jeden Demokratie, die Voraussetzung, die friedlichen Machtwechsel überhaupt erst ermöglicht. Daran sollte man sich im Zeitalter von „Brandmauern“ ab und an erinnern.


Die Zerstörung des kulturellen Gedächtnisses


Lange bevor das Wort „woke“ Furore machte, war das ideologische Mantra von DEI bereits an Universitäten installiert: Identitätspolitik, Kulturrelativismus und Postkolonialismus haben Ansätze in den 1960ern. Inzwischen haben sie jeden emanzipatorischen Impuls abgelegt. Sie dienen bloß noch dazu, alle Bezüge zum eigenen Erbe zu zerstören.


Die Avantgarde der „Erweckten“ hat systematisch den Diskurs gekapert. Konzentrierte sie sich anfangs darauf, Jünger zu rekrutieren und ihre Feinde zu isolieren, war sie parallel zu Angela Merkels Grenzöffnung bereits mächtig genug, um jeden Widerspruch im Keim zu ersticken. Damals nahm das „große Erwachen“ Formen an. Es kontrollierte den diskursiven Mainstream und hatte das Ohr der Eliten. Erweckte Geister ernannten sich zu Torhütern des Meinungskorridors. Sie diktierten, wer über was reden durfte oder aus der Debatte flog.


Für progressive Zeitgenossen ist Selbstgeißelung ein Muss. Im Fokus ihrer Wut stehen Israel, die USA und alle osteuropäischen Länder, die gegenüber Brüssel noch Widerspruch wagen, weil sie sich zu gut an den Würgegriff des Sowjetimperiums erinnern. In Westeuropa sind die Dinge da längst weiter. Bei uns verklingen derzeit die Echos von Aufklärung und Liberalismus. Der Endkampf gegen Kapitalismus, Rassismus und Imperialismus tobt an Schulen und Instituten, in Medien und Museen.


Klaus Schwab nennt das die „große Transformation“. Längst sind die desaströsen Folgen sichtbar. Subventionierte Massenzuwanderung beerdigt die Sozialsysteme. Der Abriss intakter Kraftwerke und das mutwillige Verteuern von Energie torpedieren Wirtschaft und Wohlstand. Die Industrie flüchtet. Die Mittelschicht verarmt. Simultan sorgt das Senken des Bildungsniveaus und Verdummen der Jugend dafür, dass kommende Generationen kaum noch die Chance haben werden, sich eigenständig aus der Misere zu befreien.


An den Universitäten ist der Drops gelutscht. Laut der Ethnologin Susanne Schröter herrscht dort zumindest in den Geisteswissenschaften längst bleierner Konformismus. Befürworter der Scharia haben sich mit Postmarxisten verbündet und Andersdenkende an den Rand gedrängt. Wer sich als Dozent mit islamischem Imperialismus, muslimischer Sklaverei, Antisemitismus oder den Widersprüchen der postkolonialen Doktrin beschäftigt, wird nicht mehr eingeladen, diskutiert oder erwähnt.


Offiziell fordert die DEI-Ideologie Rücksichtnahme auf Benachteiligte. Tatsächlich träumt sie von einer gleichgeschalteten Welt, die ständig ihre Dogmen wiederkäut. Die Köder auf dem Weg in dieses Paradies glänzen respektabel. Frauenfeindlichkeit tarnt sich als Feminismus, Judenhass als pro-palästinensisches Mitgefühl, Voodoo-Ökonomie ermöglicht Klimarettung. All das kommt garniert mit Gratismut und höherer Tugend, doch es ist bloße Mimikry – die ehrbare Fassade eines nihilistischen Abrisskults, der den Westen als Zivilisation beseitigt und alles dem Erdboden gleichmacht, was noch an Rom, Athen oder Jerusalem erinnert. Die Damnatio memoriae ist umfassend: Sie säubert Texte, reinigt Bibliotheken, entleert Museen und stürzt Denkmäler.


Sobald das Wissen um den Reichtum der eigenen Kultur gelöscht ist, stellen „postkoloniale Experten“ sie als Geißel der Menschheit dar: Das eigentliche Epizentrum des Bösen liegt in Europa. Der alte Kontinent ist bis ins Mark verdorben und korrupt. Er hat die Menschheit so übel gequält, dass alle Europäer dem Rest der Spezies nur noch Abbitte schulden.

So wird jungen Leuten nicht nur die Sprache, sondern ihre Herkunft und ihr Erbe gleich mit vergällt. Eigentlich bleibt ihnen bloß, sich zu geißeln. Am besten konvertieren sie rasch und feiern fortan nur noch Ramadan.


Michael Klonovsky schrieb, dass die „Antirassisten“ sich den schwächsten aller denkbaren Gegner ausgesucht hätten: ihre eigenen Kinder. Betrachtet man das aktuelle Geschehen an unseren Universitäten, fragt man sich, wie viel Restlaufzeit eine Zivilisation hat, die ihr Gedächtnis, ihr Bewusstsein und ihre Zukunft ihren erklärten Erzfeinden anvertraut.

Denn nein, DEI stiftet keine Gerechtigkeit. Es ist ein Rückschritt in Barbarei. In modernen Rechtsstaaten haften wir nur für Taten, für die wir verantwortlich sind. Kontaktschuld, Sippenhaft und Blutfehden sind abgeschafft. Erbsünde ist eine Glaubensfrage. Clan- und Religionskriege gehörten bis vor kurzem der Vergangenheit an. Führen wir sie nun im Namen von „social Justice“ wieder ein, kehren wir geistig in die Epoche vorm Dreißigjährigen Krieg zurück. Wir lassen die Ära von Hexenverfolgungen, Ketzertribunalen und Scheiterhaufen wiederauferstehen.

Kulturell sind wir dort ohnehin längst angelangt.


Die Feminisierungsthese


In ihrem Artikel The Great Feminisation stellt die US-Kolumnistin Helen Andrews einen direkten Zusammenhang zwischen der quotengestützten Förderung von Frauen, weiblichen Präferenzen und „Wokeness“ her. Andrews konzentriert sich auf Geschlechterdynamiken und gesellschaftliche Umbrüche. Im Jahr 2021 veröffentlichte sie „Boomers: The Men and Women Who Promised Freedom and Delivered Disaster“. Ihr Artikel zur großen Feminisierung erschien im Oktober 2025.


Soziologisch vollzieht sich ein grundlegender Wandel. Laut Andrews haben Frauen enorm von Gleichstellungsmaßnahmen profitiert. Sie besetzen ganze Bereiche in Wissenschaft, Forschung und Alltag, die einst männerdominiert waren. Das verändert die Gesellschaft als Ganzes, da sich Frauen als Gruppe deutlich anders verhalten als Männer. Sie legen größeren Wert auf Sicherheit, Kontrolle, Harmonie und Konformität. Das geht einher mit deutlich weniger Toleranz für abweichende Meinungen und intellektuelle Kontroversen, aber auch für den Mut, Risiken einzugehen. Feminisierung tendiert zu „sicherer Mittelmäßigkeit“ und produziert politische Korrektheit. Da sie wenig Wert auf heftige Auseinandersetzungen legt, neigt sie dazu, alle etwas eigensinnigeren, aggressiveren oder exzentrischeren Qualitäten als männlich-toxisch abzutun, obschon das eben oft die Eigenschaften sind, die Gesellschaften brauchen, um Fehlentwicklungen zu korrigieren und sich vor Bedrohungen zu schützen.


Zu keinem Zeitpunkt der Geschichte hätten Frauen so viele Gesellschaftsbereiche dominiert wie heute, schreibt Andrews. Im Bildungswesen, in den Medien und der Justiz begännen sie bereits, Männer zu verdrängen. Durch Fördermaßnahmen und Quoten seien längst ganze Fachbereiche an den Universitäten in weiblicher Hand – nicht nur in Sozialwissenschaften, Literatur und Sprachen, auch in Psychologie, Medizin und der Rechtswissenschaft.


Die Feminisierung habe dramatische Auswirkungen auf die Atmosphäre und den Charakter des akademischen Lebens, reiche aber auch weit darüber hinaus, da sich Frauen als Gruppe erheblich von Männern unterschieden. Sie setzten andere Prioritäten und legten weitaus größeren Wert auf emotionale Sensibilität und die Harmonie innerhalb der Gruppe. Das wirke sich drastisch auf die Debattenkultur aus - den Umgang mit erkenntnistheoretischen Fragen und die Intensität, mit der inhaltliche Kontroversen ausgetragen würden.

Generell legten Frauen mehr Wert auf konsensorientierte Konfliktlösung und Konformität. Sie seien weniger tolerant gegenüber abweichenden Meinungen und neigten dazu, konträre Standpunkte auszugrenzen, weshalb ihre vermeintlich stärker sozial orientierte Perspektive einen fatalen Paradigmenwechsel im Selbstverständnis evidenzbasierter Wissenschaftlichkeit nach sich zögen.


Während immer mehr Bildungseinrichtungen von Frauen geleitet werden, macht sich überall derselbe juden- und christenfeindliche Geist breit. Fragt sich, ob das bloß eine Korrelation ist... Ordinierte Professorinnen wie Naika Foroutan verklären das Vermischen von Aktivismus und Forschung zum neuen akademischen Ideal. Foroutan, deren üppig gefördertes DeZIM-Institut Mythen über Ausländerfeindlichkeit und Migration verbreitet, lehrt an der Humboldt-Universität. Die dortige Präsidentin Julia von Blumenthal zeichnete sich bei den jüngsten pro-palästinensischen Studentenprotesten durch offensive Nachsicht mit den judenfeindlichen Randalierern aus, aber anders als die notorisch anti-israelische Dekanin der Technischen Universität Geraldine Rauch musste sie nach den Exzessen nicht mal ihren Stuhl räumen.


Laut Andrews denken Männer eher auf der Sachebene, sind objektorientiert und agieren autonom innerhalb arbeitsteiliger Hierarchien. Unterschiede und abweichende Eigenarten stören sie nicht. Machtkonflikte lösen sie direkt. Frauen hingegen neigen dazu, sich über soziale Bindungen zu definieren. Das Wohlergehen der Gruppe als Ganzes liegt ihnen am Herzen, da deren Zusammenhalt für die Geburt, Aufzucht und das Überleben der eigenen Nachkommen unerlässlich ist. Aus dem Grund legen sie Wert auf demonstrative Empathie und Rücksicht, äußern Kritik indirekt und bevorzugen den Anschein flacher Hierarchien. Das Wohl der Gruppe ist ihnen wichtiger als der Schutz abweichender Meinungen. Daher neigen sie eher dazu, Andersdenkende als Nörgler und Unruhestifter an den Rand zu drängen.


Soziale Tugenden können wunderbar sein, sofern sie nicht in Bevormundung ausarten. Was uns zivilisatorisch auszeichnet, ist jedoch nicht harmoniefreudige Konfliktaversion, sondern sind Phantasie, Kreativität und Innovation, geboren aus Glaubens- und Gewissensfreiheit und dem daraus resultierenden Respekt für Dissens. Der musste hart erkämpft werden, aber er hat sich als äußerst fruchtbar erwiesen. Wir verdanken ihm zig philosophische, wissenschaftliche und technologische Errungenschaften, die den Westen über 500 Jahre zum erfolgreichsten Modell der Geschichte gemacht haben.


Doch wenn stimmt, was Andrews sagt, ist „Wokeness“ kein flüchtiges Zeitgeistphänomen, das sich früher oder später totläuft – die „große Erweckung“ ist gekommen, um zu bleiben. Sie wird zur neuen Norm. Das wäre nicht nur das Ende der Gleichheit vorm Gesetz, Debattenvielfalt und Meinungsfreiheit, die Folgen für Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur sind genauso desaströs. Damit verabschiedete sich der Westen als Zivilisation.


 „Toxische Weiblichkeit“ ist ähnlich unerfreulich wie männliche. Aber es gibt eben auch echte Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Die sind nicht per se verwerflich. Man darf sie genauso wertfrei zur Kenntnis nehmen wie Kulturkonflikte oder individuelle Vorlieben. Es gibt keinen Grund, sie a priori moralisch aufzuladen. Wer systemische Ungerechtigkeit beklagt und strikte Quoten fordert, darf sein Augenmerk gern auf Bereiche wie den Sanitärsektor oder die Tierkadaverentsorgung lenken. Denn da sind Frauen wirklich unterrepräsentiert.


„Equity“ zwingt die Geschlechter in einen Kampf, der alle zu Verlierern macht. Bringt man männliche und weibliche Stärken in Einklang, gewinnen beide. Der klügere Weg ist mitunter nicht Wettbewerb, sondern Ergänzung. Gleiche Rechte befreien die individuellen Potenziale, die forcierte Gleichheit erstickt. Moralismus ist das Gegenteil von Moral, und Ideologie der Todfeind von Vernunft.


Darum beschert die Dekonstruktion des Patriarchats durch DEI-inspirierte Feministinnen den Frauen selbst bestenfalls kurzfristig Triumphe. Letztlich bleibt es ein Pyrrhussieg und läuft auf ein phänomenales Eigentor hinaus. Denn langfristig hat solch eine Barbie-Utopie keinerlei Überlebenschance. Sie zerstört bloß die Zivilisation, die sie ermöglicht hat, und am Ende scheitern alle, wobei die Frauen den höchsten Preis zahlen, besonders die klugen und freiheitsliebenden.


Schließlich gibt es in Europa und seiner Nachbarschaft genügend hungrige, junge Männer, die noch nicht darauf konditioniert sind, sich für ihre „toxische Maskulinität“ zu schämen. Die pfeifen auf die gewaltsam gewaltfreien Regeln, die ihnen politisch erweckte Damen so zu diktieren suchen, und brennen bloß darauf, deren verweichlichten Kens endlich aus dem Barbie-Land zu vertreiben und ihren verwöhnten Luxusweibchen zu zeigen, aus welchem Holz sie selbst geschnitzt sind.


(Nein, der Ausgang der Wahlen in Berlin stimmt mich nicht sonderlich hoffnungsfroh. Aber ich baue darauf, dass er auch einige Frauen hierzulande erschreckt hat, weil sie zur Kenntnis genommen haben, was sich vor drei Jahren im Süden Israels abgespielt hat, und sie die Bilder der geschändeten jungen Deutschen erinnern, die als leblose Trophäe auf der Ladefläche eines Pickups liegend von einer johlenden Menge in Gaza bespuckt wurde. Denn das lud eben die Leute, die nun für den Sieg der angeblich feministischen, linken Partei in ihrer Hauptstadt gesorgt haben, damals dazu ein, fahnenschwenkend auf den Straßen zu tanzen, wild hupende Autokorsos zu bilden und Naschwerk an kleine Kinder auszuteilen.)


Über den Autor: Christoph Ernst, geb. 1958, studierte in Hamburg und New York Geschichte, arbeitete als Kulturmanager, Journalist und Dozent. Nach längerem Berlinabstecher lebt er heute wieder in Norddeutschland. Er schreibt Sachbuchtexte, Kurzgeschichten, Kriminalromane, Theaterstücke und Hörspiele. Letzte Veröffentlichung: Das Migrationsparadies. Die Lust an der Selbstaufgabe. Gerhard Hess Verlag: 2026   

 


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