Christoph Ernst: GOOD NIGHT AND GOOD LUCK

Was lässt einen Autor von Kriminalromanen in Deutschland 2019 zum politischen Kommentator werden? Im Fall des Hamburger Schriftstellers Christoph Ernst, der für uns die mediale Aufbereitung des schon heute mythischen Matussek-Geburtstags einordnet, sind es Widerspruchsgeist und Leidensdruck, ist es ein Unbehagen angesichts neuer Sozialhygieniker, denen er statt eines Blicks in den Spiegel die Lektüre von Klemperers 'LTI' nahelegt.



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"Der Raum war so finster wie die Zukunft eines ehrlichen Politikers."


Dashiell Hammett




Normalerweise schreibe ich Kriminalromane. Politik ist nicht mein Spielplatz. Wo das wahre Grauen tobt, hört der fiktive Spaß auf. Doch wir leben in bunten Zeiten. Obwohl ich nicht ganz phantasielos bin, sprengt die Realität laufend den Rahmen meines Vorstellungsvermögens.


Erich Kästner sagt 1931 im „Fabian“, der Globus habe Krätze. John Ken­nedy Toole nann­te 1963 sein Meisterwerk „A Confederacy of Dunces“, und gerade höre ich die Ta­gebücher von Astrid Lindgren aus der Zeit zwischen 1939 bis 1945. Die tragen den Titel: „Die Menschheit hat den Verstand verloren“.


Dagegen anzuschreiben ist etwa so sinnvoll wie in der Nase zu bohren, aber man kann nicht immer nur in der Nase bohren. Gelegentlich darf man sich auch fragen in welche Abgründe eben die politische Korrektheit führt, die man früher mal selber bemüht hat, um etwa „die Sprache des Dritten Reichs“ aus dem Alltagsgebrauch zu entfernen.


Victor Klemperers „LTI“ erschien 1947. Das haben die meisten nie gelesen, die heute im Windschatten vermeintlich höherer Moral politische Säuberungen vornehmen. Sonst würde einigen von ihnen vielleicht sogar dämmern, dass sie sich ähnlich barbarisch benehmen. Sie schaffen laufend neue Feindbilder, Tabus und Schamzonen, die ihnen gestatten andere an den Pranger zu zerren. Puritanismus ist seit jeher das ehrenwerte Gewand von Neid, Missgunst und Lustfeindlichkeit. Kombiniert mit hemmungsloser Denunziationswut wirkt er tödlich. Er vergiftet die Atmosphäre und erstickt die liberale Demokratie.


„Die latente Androhung von Shitstorms oder Karrierenachteilen“ narkotisiere den Debattenraum, schrieb Milosz Matuschek unlängst. Das führe zu „einer Omertà der Intellektuellen“. Die fräße sich durch Universitäten, Kulturbetrieb und Redaktionen bis in die Politik. Freie Rede ist die Lunge der Demokratie. Ihr Sauerstoff. Ohne den Austausch verschiedenster Perspektiven geht sie zugrunde.


In Debatten muss grundsätzlich alles erlaubt sein, unabhängig davon, wer es äußert, solange es dem Erkenntnisgewinn dient. Seit der Antike gelten dabei dieselben Regeln: Man orientiert sich an Logik und verifizierbarer Realität. Moral spielt nicht die erste Geige.


In seinem „Liberalen Dekalog“ sagt Bertrand Russell, man dürfe sich der eigenen Sache nie zu sicher sein. Auch wenn die Fakten einem nicht schmeckten, müsse man sich an die Wahrheit halten. Wer andere Überzeugungen unterdrücke, den versklavten sie. Besser man freue sich über intelligenten Widerspruch.


All das stellt politische Korrektheit auf den Kopf. Wo die Wahrheit a priori feststeht, erübrigen sich Debatten. Die höhere Moral gibt vor, was sag- und denkbar ist. Parallel zur Deutungshoheit über die Wand- und Deckenhöhe des enger werdenden Meinungstunnels teilt die politische korrekte Front die Welt in gute und böse Kollektive: Hier Klimaretter, Migranten oder Lesben – dort alte, weiße Männer, Dieselfahrer oder Merkelkritiker. Um bei den Bösen einsortiert zu werden, reicht schon der Kontakt zu jemand, der sich nicht ans Reinheitsgebot hält. Die Nazis nannten das „Sippenhaft“. In den USA der McCarthy-Ära hieß es „guilty by association“.


Als ich klein war, sang Franz Josef Degenhardt „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“. Degenhardt griff den gesellschaftlichen Mief an. Er appellierte dafür die Fenster aufzumachen, den Kopf zu lüften und auch mal mit Leuten zu reden, die anders tickten als der Rest.  


50 Jahre später ist die Atmosphäre mindestens genauso klaustrophob. Die Enge stiften selbsternannte Sozialhygieniker, von denen nicht wenige gut dotierte Meinungsmacher sind. Die erklären andere für unberührbar und geben angebliche Regelverletzer zum Abschuss frei, und die allermeisten von denen, deren Eltern früher „Väterchen Franz“ in der Schallplattensammlung stehen hatten, sich für liberale Kosmopoliten halten, ihren Kaffee grundsätzlich als „Latte“ trinken, laufend Vielfalt, Toleranz, Humanität und Zivilcourage beschwören, gehorchen ihnen so blind wie fraglos.


Vor einer Weile bekam ich mal über Bande die Warnung zugespielt: Dem stellvertretenden Chef einer Zeitschrift, bei der ich einen Artikel veröffentlichen wolle, werde Nähe zur AfD nachgesagt. Nicht der gedruckte Inhalt zählte, sondern das vermeintlich kontaminierte Umfeld eines der Redakteure.

Die Frau, die diese Bedenken gegenüber einem Bekannten äußerte, der sie an mich weiter trug, verlegte übrigens bei Suhrkamp, also eben dem Verlag, der es für nötig hält sich öffentlich von seinen Autoren zu distanzieren, sobald sie die Regierung kritisieren: Nachdem Uwe Tellkamp in einer Diskussion über Meinungsfreiheit die einseitige Berichterstat­tung über Migration moniert und bemerkt hatte, nur ein Bruch­teil der Zu­wanderer sei­ per­sönlich verfolgt, twitterte der Verlag umgehend: „Aus gegebenem Anlass: Die Haltung, die in Äußerungen von Autoren des Hauses zum Ausdruck kommt, ist nicht mit der des Verlags zu verwechseln.“


Kein Ver­lag braucht die Auf­fassungen seiner Autoren zu tei­len, aber er hat die Pflicht, ihre Meinungsfreiheit zu verteidi­gen, selbst wenn sie Kritik an der Kanzlerin üben. Suhrkamp tut das Gegenteil. Damit rückt der Verlag jeden Text, der bei ihm er­scheint, in den Verdacht, regierungs­konformer Kitsch zu sein.


Erika Mann bekam mehrmals hautnah mit, wie sich diese Art Feigheit auswirkt. Sie floh vor den Nazis aus Deutschland und landete schließlich in den USA, wo sie die Kommunistenverfolgungen des republikanischen Senators Joseph McCarthy miterlebte. Dort habe man es anders gemacht als bei den Nazis, berichtete sie. Kaum einer sei eingesperrt worden. Man habe auch nichts verboten. Die Leute wären einfach abgewürgt worden, und zwar umfassend. Ihre Verbindung zu „früheren und aktiven Mitgliedern der kommunistischen Partei“ sei einem virtuellen Todesurteil gleichgekommen. Beruflich und sozial. Obenhin sei alles weitergelaufen wie vorher. Doch wer auf der Liste landete, fand sich von einem Tag auf den anderen unter einer Glasglocke wieder, aus der es kein Entrinnen gab. Unsichtbare Mächte pumpten ihm die Luft ab, bis er zu ersticken glaubte oder sich freiwillig einen Strick nahm: Er verlor den Job, blieb ohne Aufträge, konnte nirgendwo mehr ausstellen, auftreten oder veröffentlichen. Freunde und Bekannte wandten sich ab. Kinder wurden geschnitten und kamen heulend aus der Schule. Ehen gingen in die Brüche. Falls sich das Umfeld nicht rasch genug von ihm lossagte, bekam es auch Besuch vom FBI. Ernst dreinblickenden Herren in grauen Anzügen sorgten dafür, dass die gesamte Nachbarschaft erfuhr: Da wohnte einer unter ihnen, der zu rotverseuchten Atheisten hielt.


Unlängst distanzierte sich der der SPIEGEL-Redakteur Jan Fleischhauer von seinem Uralt-Kollegen Matthias Matussek. Er hatte das Verbrechen begangen zu Matusseks Geburtstagsfeier zu gehen, ohne vorher zu klären, wer noch eingeladen war.


Einige von Matusseks Gästen kritisieren die Zuwanderungspolitik der Regierung. Einer von ihnen zählt sogar zu den sogenannten „Identitären“ und ist wegen Körperverletzung vorbestraft, weil er sich bei einem Streit mit sogenannten „Antifas“ handfest gewehrt hat.


Davon bekam der mit GEZ-Gebühren finanzierte Entertainer Jan Böhmermann Wind, dessen bisher wichtigster Beitrag zur Meinungsfreiheit darin besteht, den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan in einem „Schmähgedicht“ als Ziegenficker zu portraitieren, der gern Kinderpornos sieht, kleine Mädchen schlägt und Fellatio mit Schafen praktiziert.


Böhmermann fühlte sich bemüßigt, umgehend an die Redaktion des SPIEGELS zu twittern: Ob sie „vorab Kenntnis von der Zusammenkunft“ gehabt habe und inwieweit „das private Erscheinen eines SPIEGEL-Redakteurs bei der beschriebenen ‚Geburtstagsfeier’ mit den journalistischen, ethischen und professionelles Standards des SPIEGEL vereinbar“ sei? Er wollte wissen, ob es in der Vergangenheit andere 'Privatveranstaltungen' mit ähnlicher Gästeliste gegeben habe, an denen Redakteurinnen oder Redakteure teilgenommen hätten oder ob „zukünftig welche geplant“ seien. Dass der „SPIEGEL-Mitarbeiter Jan Fleischhauer wiederholt (…)Teilnehmer derartiger Zirkusveranstaltungen war und auch weiterhin sein wird“ setze er „ganz frei, unabhängig und unberührt von der Haltung der Chefredaktion“ voraus.


Ich habe im Leben an vielen Festivitäten teilgenommen. Noch nie bin auf die Idee gekommen zuvor die Gästeliste abzufragen, um am Buffet auch ja die richtigen Leute zu treffen. Für Ziegenfickerdichter mag das zur Karriereplanung gehören. Ich lasse mich überraschen. Wird es unangenehm, besitze ich notfalls zwei Füße und gehe.


Im Übrigen mag es viele gute Gründe geben den SPIEGEL wegen seines Niveaus zu kritisieren. Mir fallen da spontan Claas Relotius und Margarete Stokowski ein. Besucht jemand in seiner Freizeit alte Kollegen, geht das keinen etwas an, zuallerletzt irgendwelche mit Zwangsabgaben alimentierte Clowns, die Talentfreiheit durch offiziöse Gesinnung wettmachen.


Die Gestapo ist seit 74 Jahren abgeschafft und so rege die Stasi bis heute sein mag: Offiziell waren bis zum 31. März 1990 die allermeisten hauptamtlichen Mitarbeiter entlassen.


Statt Böhmermann zu ignorieren oder in die Schranken zu weisen, würdigte das einstige „Sturmgeschütz der Demokratie“ ihn einer Antwort. Reinhold Beckmann, der frühere Fernsehmoderator, der auch bei Matusseks Geburtstag zugegen gewesen war, winselte anschließend öffentlich, ihm sei nicht klar gewesen, in welcher Gesellschaft er feiern würde. Er habe sich „verlaufen“, aber nach langem Überlegen beschlossen seinen „Gitarrenkoffer zu nehmen“ und dem Jubilar „ein vergiftetes Geschenk mitzubringen“. Bevor ich vergiftete Geschenke mitbringe, bleibe ich gleich zu Hause.


Auch Jan Fleischhauer gab den Beckmann und machte sich klein. Er bescheinigte seinem „langjährigen Freund“ Matussek, ein politischer Wirrkopf zu sein, den er nie ernst genommen habe.

Es gibt keinen halben Verrat. Verrat ist immer eine ganzheitliche Veranstaltung. Das, was man einem Freund als Freund sagen darf und mitunter sagen muss, äußert man nicht öffentlich, jedenfalls nicht, wenn er oder man selbst unter Beschuss gerät.


Nota bene: Es handelte sich nicht um eine Staatsverschwörung, sondern um eine popelige Geburtstagsparty. Zu der kann Matussek einladen, wen er will.


Fleischhauer und Beckmann dürfen sich verlaufen. Wer sich nie verläuft, vermag falsche von richtigen Wegen garantiert nicht zu unterscheiden. Grundsätzlich haben alle Beteiligten das Recht auf Privatsphäre. Sie schulden selbsternannten Polit-Tugendbolden keine Rechenschaft, neben wem sie in ihrer Freizeit zufällig Cornichons kauen.


Böhmermann verkleidet seine Neigungen als Empörung, doch nicht jeder, der sich gern durch die Unterwäsche von Fremden wühlt, ist gleich ein Edward Snowden. Wenn Böhmermann die Nazi-Keule schwingt, macht ihn das noch lange nicht zu Beate Klarsfeld. Im Gegenteil: Wer ständig Rehpinscher zu Wölfen erklärt, hilft nur dabei, die Öffentlichkeit gemeingefährlich zu verblöden. Denn es gibt wahre Wölfe. Die lauern darauf, dass man sie mit niedlichen Rehpinschern verwechselt.


Geistig Unterbelichtete nehmen die Böhmermänner ernst. Die nach eigenem Bekunden stramm „antideutsche“ Musikformation „Egotronic“ etwa ließ gleich zwei als Lieder getarnte Mordaufrufe gegen Matussek los. Geschützt durch Kunstfreiheit mutiert dessen Kritik an der Kanzlerin so zum todeswürdigen Verbrechen.


Ende Oktober 1947 musste Bertold Brecht vor dem „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ aussagen. Er spielte erfolgreich den Trottel, um der Verhaftung zu entgehen. Ein paar Stunden später kehrte er den Vereinigten Staaten für immer den Rücken.


Bei uns kommt der Staatsschutz noch nicht einmal pro Woche zum Verhör. Aber Auftritts- und Publikationsverbote gibt es längst. Befeuert von Gesinnungsschnüfflern, die Staatsknete kassieren und den Lynchmob losschicken. Für die ist jeder verdächtig, der sich in die Nähe von Leuten begibt, die mal mit der „Antifa“ aneinander geraten sind. Hand aufs Herz: Was heißt das für Claus Peymann und das Berliner Ensemble?


Immerhin bot Peymann 2005 Christian Klar einen Praktikumsplatz an. Klar war wegen neunfachen Mordes verurteilt und hatte sich nie von der RAF gelöst. Peymann geriet nicht bloß zufällig in die Nähe eines mörderischen Linksextremisten, er suchte dessen Nähe ganz gezielt. Das fand damals niemand anstößig. Ich übrigens auch nicht. Im Lichte von Böhmermanns Logik allerdings dürfte Peymann bloß noch mit elektronischer Fußfessel herumlaufen.


Kann eine Demokratie nicht mehr frei atmen, erstickt sie. Unsere Demokratie leidet an schwerer Lungenentzündung. Der Virus heißt nicht Matussek. Es ist auch nicht Fleischhauer. Es sind politische Strukturen, die Lügen, Feigheit und Denunziation belohnen. Diese Intoleranz gefährdet die Gesellschaft mindestens so sehr wie die Attacken der völkischen unter den Demokratiehassern.

Erinnern wir uns: Es gibt ein Leben außerhalb der Glasglocke.


1930 war das Jahr, in dem die Nazis erstmals erdrutschartige Stimmgewinne bei einer Reichstagswahl hatten. 1963 stellte John F. Kennedy die Weichen auf Krieg in Vietnam, was zwei Jahre später die Sozialprogramme der „Great Society“ begrub. Astrid Lindgren sah zwi­schen 1939 und 1945 ohnmächtig von einer bedrohten Insel des Friedens aus zu, wie die Welt um sie herum in einem Ozean aus Barbarei, Brutalität und Zerstörung er­säuft wurde.


Davon sind wir weit entfernt. Fragt sich, wie weit. Möglicherweise trügt der schöne Schein und die Dinge sehen besser aus, als sie sind. Ähnlich wie bei den Regierungsfliegern, die laufend wegen technischer Defekte am Boden bleiben. Unsere Gesellschaft ist tief gespalte­n und polarisiert.

Das gemahnt in mancher Hinsicht an Weimar, aber nun kommen die apokalyptischen Reiter von allen Seiten, und niemand tritt der unheiligen Allianz aus postmodern desorientierten Linken, radikalen Religiösen und neoliberalen Eliten entgegen, die auf Kosten der Demokratie grenzenlose Zuwanderung vorantreiben.


Ich nehme das als Kultur- und Klassenkampf von oben wahr.





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Über den Autor:


CHRISTOPH ERNST (*1958) studierte Geschichtswissenschaften in Hamburg und New York, bevor er als Kulturmanager, Journalist und Dozent tätig wurde. Seit 1998 veröffentlichte er mehrere Kriminalromane und widmet sich als bildender Künstler der Acrylmalerei.



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