Eva Rex: RETTET DEN GESUNDEN MENSCHENVERSTAND (I)

Aktualisiert: 24. Jan 2020

Wenn heute Hannah Arendt im Mehrheitsdiskurs bemüht wird, dann selten anders denn als Fürsprecherin der Diskriminierten, als feministisches role model oder gar als Pionierin für post-koloniale Studien. Dass man von neoreaktionärer Seite zumeist noch immer mit der politischen Publizistin fremdelt, hält die Dresdner Romanautorin Eva Rex für fahrlässig.



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Analysen, Zustandsbeschreibungen und Lagesondierungen der gegenwärtigen westlichen Gesellschaften finden wir in der aktuellen Publizistik zuhauf. Sie erleben aufgrund der allerorten zu verzeichnenden gesellschaftlichen Verwerfungen eine außerordentliche Hochkonjunktur. Gern beruft man sich dabei auf von der Historie nobilitierte Theoretiker, deren zutreffende Prognosen uns so manche Aha-Momente bereiten. Man denke nur an Oswald Spengler, Arnold Gehlen, Edmund Burke und Alexis de Tocqueville. Eine Stimme im Chor vorangegangener Propheten allerdings wird allzuoft vergessen, oder sagen wir: geflissentlich ignoriert - vielleicht weil die Autorität ihrer Sprecherin gemeinhin für etwas anderes verwendet wird als für kulturkonservative Ideologiekritik: Hannah Arendt.


Zwar begegnet sie uns regelmäßig in den Feuilletons, wenn es darum geht, "Demokratie zu retten" und "autoritäre Strukturen" zu entlarven - so wurden ihre Schriften in den USA nach der Wahl von Donald Trump pflichteifrig gegen den "Rechtspopulismus" in Stellung gebracht. In der deutschen Presse taucht sie wahlweise auf als: intellektuelle Rebellin, verfolgte Jüdin, die den Staat Israel kritisierte, ‎Fürsprecherin aller Flüchtlinge und Diskriminierten, feministisches Vorbild für Frauen, die sich in einer Männerdomäne zu behaupten versuchen, Vordenkerin für "Partizipation" und "Pluralität", ja sogar als Pionierin für post-koloniale Studien ... So nimmt es nicht Wunder, dass auf konservativer und rechter Seite bei Nennung ihres Namens eher gefremdelt wird. Sehr zu Unrecht.


Hannah Arendt, die Zeit ihres Lebens die Conditio humana beschwor und nach Bedingungen für das Zustandekommen der res publica forschte, hat in ihren Werken allgemeine, allen modernen Gesellschaftssystemen zugrundeliegende Wirkungsmomente herausgearbeitet, deren Deckungsgleichheit mit jenen Triebkräften, die heutzutage die öffentliche Meinung bestimmen, so überwältigend ist, dass ihre Aussagen auf uns geradezu beklemmend wirken. Befreien wir Hannah Arendt von mainstreamlinker Vereinnahmung und einseitiger Ausrichtung. Es lohnt sich bei ihr nachzuschlagen.


Doch zunächst halten wir einen Moment inne. Werfen wir einen Blick auf die uns umgebende Wirklichkeit und stellen uns einige Fragen, die geradezu in der Luft zu liegen scheinen:


Warum werden wir den Eindruck nicht los, dass immer größere Teile unserer Mitmenschen in einer Parallelwelt leben? Wie kommt es, dass die meisten Mitglieder der westlichen Gesellschaften so merkwürdig apathisch und desinteressiert an ihrem eigenen Geschick agieren und ihrer eigenen Verdrängung (als Volk, als Nation, als Kultur) entgegensehen, ja diese sogar beklatschen? Woher kommt die Verblendung und Leichtgläubigkeit gegenüber den Gaukeleien der etablierten Medien, oft entgegen besseren Wissens? Warum sind moderne Menschen trotz ausdifferenzierter "Individualisierung" und "Aufgeklärtheit" so empfänglich für ideologische Großkonzepte wie Gleichstellung, Multikulturalismus und den Kampf gegen den Klimawandel und lassen sich entgegen ihren eigenen Interessen für deren Etablierung mobilisieren? Warum begegnen uns gerade in Gestalt von Intellektuellen und Künstlern die fanatischsten Befürworter dieser neuen Ideologien, statt dass die geistige Elite, wie es ihrer Aufgabe entspräche, diese kritisch und distanziert hinterfragt?


Wie kann es sein, dass Menschen, die in ihrem Alltag erleben, dass Vielfalt und Einwanderung alles andere als eine Bereicherung sind, mit großer Beharrlichkeit das Gegenteil behaupten? Warum verlassen sich Zeitgenossen, auch wenn sie täglich von neuen Messerattacken erfahren, ausgerechnet auf jene Statistiken und Studien, die "belegen", dass Gewalt im Allgemeinen und migrantische Gewalt im Besonderen rückläufig sei? Wie erklärt sich der paradoxe Glaubensgrundsatz, dass islamistische Anschläge nichts mit dem Islam zu tun haben? Wie ist es zu verstehen, dass Menschen, die sich ganz selbstverständlich als Männer und Frauen begreifen, das neue Dogma von der Konstruiertheit der Geschlechter hinnehmen?


Wie kommt es, dass so viele sich nicht mehr auf ihre eigene Wahrnehmung verlassen und auch nicht den Mut haben, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, sondern darauf, was vermeintliche "Autoritäten" ihnen vorbeten? Warum lassen sie sich weismachen, dass Hinwendung zu den denkbar Enferntesten Nächstenliebe sei, aber die Sorge um das Wohl der Nächsten purer Hass? Warum lassen sie sich immer häufiger die absurdesten Lügen auftischen und glauben mit verzweifelter Inbrunst an sie? Kurz gesagt: Wie kommt es, dass bestimmte verrückte Ideen massenhaft Plausibilität gewinnen, ohne dass ihnen unbeschadet widersprochen werden kann?


In dem Buch "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" werden wir fündig. Im dritten Teil (dem Herzstück!) dieser, bereits 1951 erschienen, monumentalen 1000-Seiten-Abhandlung, untersucht Hannah Arendt die gemeinsamen politischen Merkmale moderner totalitaristischer Systeme, für die sie, dem damaligen (vorläufigen) Stand der Dinge zufolge, zwei Beispiele nennt: den Nationalsozialismus und den Stalinismus. Zur großen Überraschung der Gelehrtenwelt (und auch zu deren Unmut), klassifizierte sie all die anderen modernen Diktaturen und Militärherrschaften, die zur gleichen Zeit in Europa in Erscheinung getreten waren, wie beispielsweise den italienischen Faschismus, audrücklich nicht als totales System, denn dafür bräuchte es ihr zufolge ganz bestimmte Elemente, die gewöhnliche Diktaturen nicht aufwiesen. Im Gegensatz zur herkömmlichen Tyrannis beruhe die totale Herrschaftsform nämlich nicht auf dem Prinzip der einschüchternden Gewaltausübung, sondern auf einer den Menschen mobilisierenden Ideologie.


Nach Arendt kann sich jede beliebige Ideologie zu einem totalitären System auswachsen. Als Voraussetzung für die Ausbildung eines solchen Systems nennt sie die Durchdringung aller Lebensbereiche mit eben jener Ideologie und deren Anspruch auf allumfassende Geltung. Die politische Durchsetzung wird durch eine Massenbewegung (und nicht durch einen Staatsstreich) in Gang gesetzt und läuft auf freiwillige Unterwerfung hinaus. Ziel aller Anstrengungen ist die Verwirklichung der Fiktion als angebliches Gesetz der Geschichte. Dabei geht es weniger um Unterdrückung und Vernichtung, auch nicht um Machterhalt einer despotischen Clique (das wäre die klassische Tyrannei), als vielmehr um die Entschlossenheit, einen neuen Menschen zu erschaffen, dem allein die Zukunft gehört. Die Exekution dieser geschichtlich vorgezeichneten Entwicklung ist Grundlage der sich unablässig erneuernden Bewegung, die ein immer reineres und vollkommeneres Ideal hervorbringen soll. Es handelt sich um ein eschatologisches - obgleich jede Transzendenz entbehrendes - Fortschreiten hin auf eine nie zu erreichende Utopie.


Kernelement in Arendts Ausführungen ist die veränderte Wirklichkeitswahrnehmung des modernen Massenmenschen:


"Die Mentalität moderner Massen vor ihrer Erfassung in totalitären Organisationen (...) beruht darauf, dass (sie) an die Realität der sichtbaren Welt nicht glauben, sich auf eigene, kontrollierbare Erfahrungen nie verlassen, ihren fünf Sinnen mißtrauen und darum eine Einbildungskraft entwickeln, die durch jegliches in Bewegung gesetzt werden kann, was scheinbar universelle Bedeutung hat und in sich konsequent ist. Massen werden so wenig durch Tatsachen überzeugt, dass selbst erlogene Tatsachen keinen Eindruck auf sie machen. Auf sie wirkt nur die Konsequenz und Stimmigkeit frei erfundener Systeme, die sie mit einzuschließen versprechen." (1)

Liest man diese Zeilen, wird einem etwas flau zumute, erinnern sie doch sehr an heutige Phänomene wie kognitive Dissonanz, Realitätsverlust, Wunschdenken, das Verwechseln von Utopie mit Wirklichkeit, das Ausüben und Erdulden von Gaslighting-Praktiken, alle möglichen Formen von Wirklichkeitsverdrehungen, -umdeutungen sowie -verweigerungen, das Heißlaufen der "Wahrheitsapparate" und alle übrigen Maßnahmen, die den Menschen vor der unermesslichen Gefahr eigener Erkenntnis schützen sollen.


Natürlich ist es eine fragwürdige Angelegenheit, wenn man Analysen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Geltung hatten, unserer Zeit überstülpt. Das Scheitern der Weimarer Republik, die Wirren der nachrevolutionären russischen Gesellschaft lassen sich nicht ohne weiteres auf unsere Gegenwart übertragen. Die Welt damals war eine andere, es galten andere historische und soziale Zusammenhänge. Dass Geschichte sich nicht wiederhohlt, und auch nicht die ihr zugrunde liegenden Parameter, ist eine Binsenweisheit. Und doch scheint es nicht zu verwegen, abseits der spezifischen Kausalitäten, die für die Ausbildung des Nationalsozialismus und des Stalinismus verantwortlich waren, auf jene übergeordneten, die Wahrnehmung und das Bewußtsein bestimmenden Merkmale einzugehen, die Hannah Arendt auch für künftige Formen totaler Herrschaft kennzeichnend hielt. Welche sind das?


Grundlage und Voraussetzung der totalitär strukturierten Herrschaft ist eine atomisierte Gesellschaft, die die moderne Massengesellschaft bildet. Sie besteht aus einem unzusammenhängenden Gefüge, das nach der Zerschlagung der Klassen- und Ständegesellschaft entstanden und weder nach Klasseninteressen noch sonstigen Interessen organisiert ist. Kennzeichnend für den modernen Massenmenschen ist, dass er in einem sozialen Vakuum lebt - er hat keine Bindungen, ist nicht einmal in eine feste familiäre Struktur eingebunden. Kontaktlosigkeit und der Verlust gemeinsamer Werte (Tugenden, Moral, Normen, Sitten und Eigentümlichkeiten) führen zur Isolation des Individuums. Dieses findet keinen gemeinsamen Nenner mit dem Rest der Gesellschaft - Entfremdungserfahrung ist die Folge, welcher mit weiterer Ausdifferenzierung, Individualisierung und Rationalisierung der privaten Angelegenheiten begegnet wird.


Aus dieser spezifischen Orientierungs- und Bindungslosigkeit ergibt sich ein dem modernen Massenmenschen "eigentümlicher Mangel an Urteilskraft". Dieser wiederum führt dazu, dass der Einzelne sich in seiner Meinungsbildung über alle eigene Erfahrung hinwegsetzt, Wahrheit nicht mehr von Fiktion unterscheiden kann und sich alles Mögliche vormachen lässt, so dass geschickt angelegte Propaganda leichtes Spiel hat, im großen Maßstab Fälschungen als Tatsachen zu etablieren. Es kommt zu einem eklatanten Wirklichkeitsverlust und einer Abkehr vom "gesunden Menschenverstand", der die Funktion eines verlässlichen Kompasses verliert.


Vor diesem Hintergrund wirkt sich die dem modernen Großstadtmenschen innewohnende Mischung aus "Leichtgläubigkeit und Zynismus" verheerend aus, da die Massen angesichts der Undurchschaubarkeit einer überkomplex gewordenden Welt Gefahr laufen, Irrealitäten für wahr zu nehmen, wenn diese als objektiv-wissenschaftliche Erkenntnis ausgegeben werden. Der moderne Mensch, für den nichts neu ist, der schon alles kennt, ist jederzeit bereit, sich belügen zu lassen, wenn es nur sein Bedürfnis nach Zerstreuung und blasiertem Sich-Überlegen-Fühlen stillt. Die Inkaufnahme von bewußt herbeigeführter Täuschung, der Verzicht auf eigenes Urteilen, die Vernachlässigung der eigenen Wahrnehmung ist das, was Arendt "die Revolte der Massen gegen den Wirklichkeitssinn des gesunden Menschenverstandes" nennt. Diese Revolte ist nicht gleichbedeutend mit Dummheit. Im Gegenteil. Vermeintliche Aufgeklärtheit und dünkelhaftes Besserwissen sind vor allem in Großstadtmilieus mit hohem Bildungsstandard zu beobachten, wo moderne Mythenbildung einen besonderen Resonanzraum erfährt:



"Das Beisammensein von Leichtgläubigkeit und Zynismus war charakteristisch für die Mobmentalität, bevor es eine alltägliche Erscheinung moderner Massen wurde. In beiden Fällen entstand diese Mischung dort, wo Menschen in einer ständig wechselnden und immer unverständlicher werdenden Welt sich darauf eingerichtet hatten, jederzeit jegliches und gar nichts zu glauben, überzeugt, dass schlechterdings alles möglich sei und nichts wahr. Das Beisammensein von Leichtgläubigkei